Syphilis-Meldungen 2011 angestiegen

Die Zahl der Meldungen von Syphilis-Erkrankungen ist 2011 gestiegen. Zuvor hatten die Zahlen zwischen 2004 und 2008 stagniert, 2009 und 2010 waren die Zahlen gesunken. Dies berichtet das Robert-Koch-Institut (RKI) in der aktuellen Ausgabe des Epidemiologischen Bulletins.

Der Anstieg gehe „in erster Linie auf MSM in Großstädten zurück“, so das RKI.

Epidemiologisches Bulletin 24/2012 (pdf)
RKI 18.06.2012: Erneuter Anstieg der Syphilis-Meldungen in 2011

Schweiz: gratis Syphilis-Test für Schwule

Die Syphilisfälle in der Schweiz nehmen seit einigen Jahren wieder stark zu. Besonders betroffen davon sind Männer, die Sex mit Männern haben. Deshalb startet die Aids-Hilfe Schweiz eine Gratis-Syphilis-Testaktion im Oktober.

Die Syphilis ist wieder auf dem Vormarsch. 975 neue Infektionen wurden dem Bundesamt für Gesundheit letztes Jahr gemeldet. Die Hälfte davon wurde bei Männern, die Sex mit Männern haben, diagnostiziert. Eine Syphilis ist heute mit Antibiotika zwar leicht behandelbar. Doch harmlos ist sie nicht. So erhöht eine Infektion mit Syphilis das Risiko einer HIV-Infektion um das fünf- bis zehnfache. Deshalb führt die Aids-Hilfe Schweiz in grösseren Schweizer Städten im Oktober Testwochen für schwule Männer durch.

Die Syphilis wird beim ungeschützten Sex leicht übertragen. Die Benutzung eines Kondoms verringert das Risiko einer Ansteckung. Doch die Safer Sex-Regeln schützen nicht vollständig gegen Syphilis: So kann der Erreger beispielsweise beim Oralsex übertragen werden. Da eine Syphilis zu Beginn kaum Beschwerden verursacht, wird eine Ansteckung oft spät entdeckt. Erste Symptome wie schmerzlose Geschwüre an den Eintrittsorten des Erregers verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Betroffene geben daher die Syphilis unwissentlich weiter und gehen erst spät zum Arzt.

Die Kampagne der Aids-Hilfe Schweiz setzt hier an. Sie will die besonders stark betroffene Gruppe der schwulen Männer auf die Infektion und ihre Gefahren aufmerksam machen. „Das Ziel ist, die Männer zu regelmässigen Tests zu motivieren, damit die Syphilis erkannt, behandelt und damit nicht weitergegeben wird.“ erklärt Marco Müller, Kampagnenverantwortlicher bei der Aids-Hilfe Schweiz.

Am 1. Oktober startet die Kampagne. Die Aktion wird mit Flyern und Plakaten sowie dem Verteilen von Gutscheinen für die Tests an Veranstaltungen, in Bars und Lokalen mit hauptsächlich schwulem Publikum bekannt gemacht. Die Gutscheine können bis 18. November 2011 an einer der Teststellen eingelöst werden, die auf www.gay-box.ch verzeichnet sind. Unter dieser Internetadresse stehen auch Gutscheine für die Tests zum Download bereit.

Die Kampagne wird unterstützt vom Bundesamt für Gesundheit und von der Vereinigung der Gay-Betriebe (VEGAS). Sie wurde in enger Zusammenarbeit mit der Aids-Hilfe Bern, der Aids-Hilfe beider Basel sowie den Checkpoints in Zürich und Genf entwickelt.

(Pressemitteilung der Aids-Hilfe Schweiz)

Syphilis in Deutschland 2009

Erstmals seit 2003 wurden im Jahr 2009 wieder weniger als 3.000 Syphilis-Neudiagnosen mitgeteilt, so das Robert-Koch-Institut – und schlägt regelmäßige Screening-Untersuchungen und Information aller Sexpartner vor.

Bei 2.716 Menschen in Deutschland wurde im Jahr 2009 eine Syphilis diagnostiziert.  In der aktuellen Ausgabe Nr. 49 / 2010 berichtet das Robert-Koch-Institut über die Situation zur sexuell übertragbaren Infektion Syphilis (Lues) im Jahr 2009.

Seit 2001 (Einführung des Infektionsschutz-Gesetzes (IfSG) war die Zahl der jährlichen Syphilis-Neudiagnosen von 1.6978 auf 3.352 im Jahr 2004 gestiegen. Seitdem lag die Zahl pro Jahr zwischen 3.000 und 3.500 Neudiagnosen. Im Jahr 2009 sank sie nun erstmals wieder unter 3.000 – auf 2.716 Fälle, davon 164 Frauen.

Abrupte Steigerungen der Zahlen („Syphilis-Ausbrüche“) gab es 2009 in Sachsen (Januar 2009), Schleswig-Holstein, Köln (März 2009), Köln (April 2009), Nordrhein-Westfalen, Köln, Freiburg (Juli 2009), Darmstadt (August 2009), Niedersachsen, Weser/Ems, Mittelfranken (September 2009), Baden-Württemberg (Oktober und November 2009) sowie in den Regierungsbezirken Stuttgart und in der Region Braunschweig (November 2009), alle ausschließlich bei Männern.

Insgesamt lag die Syphilis-Inzidenz 2009 in den Stadtstaaten Berlin (11,9 pro 100.000 Einwohner) und Hamburg (9,4) am höchsten.

Für 73% der Fälle lagen dem RKI Meldungen zum Infektionsrisiko vor. Diesen Daten zufolge erfolgten 83% der Syphilis-Infektionen vermutlich durch sexuelle Kontakte zwischen Männern.

Insgesamt hat die Zahl der Syphilis-Neudiagnosen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), im Jahr 2009 abgenommen. Dieser Trend setzte sich auch im ersten Halbjahr 2010 fort.

Um die Zahl der Syphilis-Infektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), dauerhaft und stabil zu senken, schlägt das RKI regelmäßige Screening-Untersuchungen vor. Besonders wichtig seine Screenings bei Männern mit hohen Partnerzahlen (als hoch bezeichnet das RKI über 10 Sexpartner pro Jahr), mit 4 bis 6 Screening-Untersuchungen pro Jahr. Ideal, so das RKI, wäre bei Syphilis-Diagnose die „möglichst vollständigen Benachrichtigung von potenziell exponierten Partnern“.

Das RKI schlägt auch Wege vor, wie dies erreichbar sein könnte:

„Bei HIV-positiven Patienten unter antiretroviraler Therapie (ART) könnte das Syphilis-Screening ohne großen Zusatzaufwand in die ohnehin vierteljährlich empfohlenen Verlaufsuntersuchungen integriert werden. Für HIV-negative Männer mit hohen Partnerzahlen müssten dagegen, vor allem in Großstädten, niedrigschwellige Untersuchungsangebote geschaffen bzw. ausgebaut werden.“

Ein Großteil der HIV-positiven MSM wird, so das RKI auf Basis erster EMIS-Auswertungen, auch jetzt schon mindestens einmal jährlich  auf Syphilis untersucht (70% im Bundesdurchschnitt, 80% in Großstädten).

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Dass die Zahl der Syphlis-Neudiagnosen 2009 gesunken ist, und dass dieser Trend sich auch im ersten Halbjahr 2010 fortsetzt, ist eine gute Nachricht.

Alle schwulen Männer, insbesondere auch HIV-Positive, die ein aktives Sexleben haben, sind gut beraten, sich regelmäßig auf Syphilis untersuchen zu lassen. Ein einfacher Bluttest, der schnell Klarheit bringt. Und der im Fall des Falles verhindern hilft, unwissentlich Sexpartner mit dieser sexuell übertragbaren Infektion anzustecken. Eine einfache Frage beim nächsten Arztgespräch kann Sicherheit bringen – untersucht er regelmäßig auf Syphilis?

Die Untersuchung sollte allerdings immer auf freiwilliger Basis sein. Und erst recht freiwillig sollte sein, seine Sex-Partner zu informieren. Wenn das RKI von „möglichst vollständigen Benachrichtigung von potenziell exponierten Partnern” spricht, riecht das auffällig nach ‚contact tracing‘, einer epidemiologischen Methode des ‚old public health‘.

Erfahrungen im Umgang mit der HIV-Infektion haben gezeigt, wie sinnvoll (und erfolgreich) es ist, statt auf Zwänge auf Information, Aufklärung und Freiwilligkeit zu setzen. Ein Weg, der auch bei sexuell übertragbaren Infektionen weiterhin gegangen werden sollte. Zwänge, seine Sexpartner zu informieren, führen im schlimmsten Fall zu einer Verschlechterung der Situation. Falls Menschen, die Angst um ihre Privatsphäre haben, aufgrund der Informationspflicht ärztliche Untersuchungen meiden, könnte eine Pflicht, Sexpartner zu informieren, sich schnell als kontraproduktiv erweisen

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weitere Informationen:
Syphilis in Deutschland im Jahr 2009. In: Epidemiologisches Bulletin Nr. 49 / 2010
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Kurz notiert … Oktober 2010

28. Oktober 2010: Hepatitis C : Die DAH weist hin auf Verhaltensänderungen bei Hepatitis-C-Behandlung: neue Medikamenteninformationen

24. Oktober 2010: Trotz seiner langwährenden Freundschaft mit Ernie sei er nicht schwul, lässt Sesamstraßen-Figur Bert erklären.

22. Oktober 2010: Die derzeit angewendeten US-Behandlungsrichtlinien für die Behandlung von Syphilis bei HIV-Positiven haben eine sehr geringe Evidenz-Basis, betont eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift.

Mit Ritonavir (Handelsname Norvir®) geboostetes Saquinavir (Invirase®) kann zu Herzrhythmusstörungen führen, berichten Medien. Die US-Packungsbeilage wurde geändert.

Der Pharmakonzern Johnson & Johnson macht Infektionskrankheiten (darunter HIV)  zu einer Priorität seiner Geschäftsaktivitäten.

21. Oktober 2010: Den seltenen Fall einer HIV-Übertragung durch eine Messer-Attacke haben Forscher in Taiwan dokumentiert.

19. Oktober 2010: Auch München braucht einen Gedenkort für schwule NS-Opfer, fordert die Rosa Liste in einem Antrag.

15. Oktober 2010: Zwei HIV-positive Strafgefangene haben vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) erfolgreich gegen Russland bzw. gegen die Ukraine geklagt. Sie erhielten Schmerzensgeld in Höhe von 27.000 bzw. 8.000 Euro zugesprochen, ihre medizinische Versorgung sei menschenunwürdig.

Die ARGE muss die Fahrtkosten zur Substitutionsbehandlung übernehmen, urteilte das Sozialgericht Wiesbaden.

Aids könne eine „Art von immanenter Gerechtigkeit“ für den Missbrauch der Liebe sein, meint der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz von Belgien.

14. Oktober 2010: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ihre Richtlinie zur Behandlung der HIV-Infektion bei Frauen und Kindern aktualisiert.

13. Oktober 2010: Über 80.000 Menschen im Iran seien an Aids erkrankt, meldet der unabhängige Sender ‚Radio Zamadeh‘ aus Amsterdam. Offizielle Zahlen liegen bei 22.000.

Der Pharmakonzern Abbott hat mit dem niederländischen Biotech-Unternehmen Qiagen eine Vereinbarung geschlossen über die gemeinsame Vermarktung von Tests auf HIV, Hepatitis C und Humane Papilloma-Viren.

„The Gay Liberation Front’s social revolution“ – Peter Tatchell erinnert in einem Kommentar an die Gründung der Schwulengruppe ‚Gay Liberation Front‚ in London am 13. Oktober 1970.

11. Oktober 2010: Der Vertreib von HIV-Heimtests ist gesetzlich geregelt, (nicht nur) die DAH warnt immer wieder. Nun warnen auch Ärzte vor HIV-Heim-Tests.

Medizinische Leitlinien haben weitreichende Folgen. Entstehen sie immer unabhängig? Über Interessenverflechtungen berichtet „Augen auf beim Leitlinien-Kauf“

9. Oktober 2010: In Paris findet die  erste Internationale Konferenz homosexueller Muslime (CALEM Conférence des associations LGBT européennes et musulmanes) statt – unter Beteiligung der beiden einzigen offen homosexuellen Imame.

7. Oktober 2010: Uridin hilft nicht gegen Fettschwund bei HIV-Positiven (Lipoatrophie), zeigte eine US-Studie.

6. Oktober 2010: Erstmals soll ein ‚therapeutischer Impfstoff‚ eine „funktionale Heilung“ erreicht haben – bei SIV, einer ‚Affen-Variante‘ von HIV. In einer Gruppe mit der Substanz des Unternehmens VIRxSYS Corporation geimpfter Affen soll die HIV-Vermehrung unter Kontrolle und das Voranschreiten der Erkrankung aufgehalten worden sein.

5. Oktober 2010: Wegen Unwirksamkeit beendet der Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) alle seine Studien zum Herpes-Impfstoff „Simplirix“.

4. Oktober 2010: Klassischer Fall von Homophobie gepaart mit Serophobie in Indonesien: der Informationsminister macht Schwule für Aids verantwortlich.

„Schwulenhass bleibt ein Thema“, betont Dirk Brüllau vom schwul-lesbischen Netzwerk „Queer Football Fanclubs“ zum Thema Homophobie und Fussball im Magazin „11FREUNDE“.

3. Oktober: Der Brite Robert Edwards erhält den diesjährigen Medizin-Nobelpreis für die Entwicklung der künstlichen Befruchtung. Erst jüngst hatte der G-BA einen Anspruch auf künstliche Befruchtung als GKV-Leistung auch für von HIV betroffene Paare beschlossen.

2. Oktober: US-Präsident Obama entschuldigt sich nach über 60 Jahren für Syphilis-Versuche in den 1940er Jahren. Ohne ihr Wissen wurden 1.500 Menschen in Guatemala mit Syphilis infiziert, um die Wirkungsweise von Penicillin zu untersuchen. Die Teilnehmer hatten keinerlei Möglichkeit einer informierten Einwilligung (informed consent). Die Untersuchungen fanden im Zusammenhang mit dem berüchtigten „Tuskegee Syphilis Experiment“ statt.

1. Oktober 2010: Homosexuelle mit einzubeziehen sei entscheidend für Malawis Kampf gegen Aids, betonte die Vizepräsidentin des afrikanischen Staates, Joyce Banda, bei einem Spitzentreffen religiöser Führer. Schwule und Lesben seien eine Realität in Malawis Gesellschaft, dies dürfe nicht ignoriert werden.

Welche Anforderungen und Bedürfnisse haben Transgender-Männer an HIV-Prävention?, fragt ‚Youths2getherNetwork: „What are transgender men’s HIV prevention needs?“

Sexualaufklärer Oswald Kolle ist bereits am 24. September im Alter von 81 Jahren in den Niederlanden verstorben, wie erst am 1. Oktober bekannt wurde.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat am 1. Oktober den Verdienstorden des Landes Berlin an 14 Bürgerinnen und Bürger verliehen, darunter auch an Kai-Uwe Merkenich, von 2000 bis 2009 Geschäftsführer des Berliner Aids-Hilfe e.V..

Der von der französischen Staatssekretärin für Sport Rama Yade angekündigte ‚Aktionsplan gegen Homophobie im Sport‚ nimmt Gestalt an, die Arbeitsgruppe, die den Plan entwickeln soll, kam zu einem ersten treffen im Ministerium zusammen.

Syphilis: Azithromycin gleich wirksam wie Penicillin?

Das oral einzunehmende Antibiotikum Azithromycin könnte einer US-Studie zufolge bei HIV-Negativen in der Behandlung der frühen Syphilis gleich wirksam wie Penicillin sein.

Syphilis (Lues) ist eine auch bei schwulen Männern und HIV-Positiven häufiger auftretende sexuell übertragbare Erkrankung. Bisher wird Syphilis i.d.R. mit intramuskulär zu verabreichendem Penicillin behandelt. Azithromycin könnte für die Therapie der frühen Syphilis eine Alternative darstellen, zeigt eine US-Untersuchung.

517 HIV-negative Patienten zwischen 18 und 55 Jahren mit früher Syphilis wurden in der vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases unterstützten Studie in den USA und auf Madagaskar untersucht. Sie erhielten entweder Azithromycin (2.0 g oral als eine Dosis) oder Benzathine Penicillin G (2.4 Mio. Einheiten intramuskulär).

Nach sechs Monaten waren 180 (77,6 Prozent) der 232 Azithromycin-Patienten serologisch geheilt, 186 (78,5 %) der 237 Penicillin-Patienten. Nebenwirkungen (überwiegend Magen-Darm-Probleme) traten bei den Azithromycin-Patienten häufiger auf (61,5% zu 46,3%).

Die Autoren kommen zu dem Schluss

„In this trial, the efficacy of azithromycin at a dosage of 2.0 g administered orally was equivalent to that of benzathine penicillin G for the treatment of early syphilis in persons without HIV infection.“

Die deutschen Therapie-Richtlinien für Syphilis empfehlen bisher (RKI, s.u.) weiterhin einzig Penicillin:

„Die Therapie der ersten Wahl ist in allen Stadien bis heute Penicillin.“

Die Deutsche Aidshilfe stellt fest

„Die Behandlung sollte so früh wie möglich erfolgen, die Dauer der Behandlung richtet sich nach dem Krankheitsstadium. Therapie der Wahl sind in jedem Krankheitsstadium Penicilline (i.d.R. intramuskuläre Gabe, bei regional beobachteter verringerter Empfindlichkeit der Erreger eventuell langfristig hochdosiert), bei angeborener Syphilis z.B. Benzylpenicillin; bei Allergie oder Unverträglichkeit eventuell Doxycyclin, Ceftriaxon oder Erythromycin (nicht liquorgängig, daher nicht bei Neurosyphilis).“

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weitere Informationen:
Edward W. Hook III et al.: A Phase III Equivalence Trial of Azithromycin versus Benzathine Penicillin for Treatment of Early Syphilis. The Journal of Infectious Diseases 2010;201:1729–1735 (abstract)
RKI: Syphilis (Lues) – RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte
DAH: Syphilis (Lues)
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Syphilis: seit 5 Jahren stabil

3.172 Fälle von Syphilis wurden 2008 dem Robert-Koch-Institut gemeldet. Damit haben sich die Meldezahlen seit 2004 stabilisiert, so das RKI.

Durchschnittlich 3,9 Fälle von Syphilis pro 100.000 Einwohner wurden im Bundesgebiet 2008 festgestellt. Berlin gehört (mit Brandenburg, Bremen und Hamburg) zu den Bundesländern mit 2008 gestiegener Syphilis-Inzidenz (Berlin: 19,1 Fälle von Syphilis pro 100.000 Einwohner).

In Berlin stieg die Zahl der Syphilis-Fälle 2008 im Vergleich zu 2007 um 44% (Hamburg 33%; Inzidenz 11,1). Köln gehört mit einer Inzidenz von 17,9 Fällen pro 100.000 Einwohner ebenfalls zu den Städten mit hoher Syphilis-Inzidenz.

Zur Gruppe der MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) bemerkt das RKI

„In der Gruppe der MSM hat sich offenbar seit dem Jahr  2004 ein neues Endemieniveau etabliert, welches sich von einem sehr niedrigen Stand der Syphilis-Zirkulation Ende der 1990er Jahre aus entwickelt hat. Dieses neue Endemieniveau konnte sich vermutlich etablieren durch die (Re-) Konstitution einer Kerngruppe von Männern, innerhalb derer die Syphilis sehr intensiv zirkuliert.“

Das RKI merkt an, dass in Großstädten (Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln und München) inzwischen 50% der Fälle von Ärzten als Re-Infektion (erneute Syphilis-Infektion nach bereits mindestens einmal durchgemachter Syphilis-Infektion) bezeichnet werden.Das RKI sieht eine Ursache dieser hohen Syphilis-Zirkulation in „sexuellen Netzwerken mit rasch wechselnden Partnern, in denen bei HIV-Serostatuskonkordanz häufig auf die Verwendung von Kondomen verzichtet wird“.

Kritiker weisen darauf hin, dass es sich bei dem hohen Prozentsatz an Re-Infektionen um eine ärztliche Einschätzung handelt – und dass sich hierin auch reaktivierte Fälle von Syphilis, z.B. nach nicht ausreichender Behandlung, verbergen könnten.

Die Zahl der Syphilis-Fälle wieder nennenswert zu senken sie nicht einfach. Das RKI betont, hierzu müsste insbesondere der Zeitraum zwischen Infektion und Feststellen der Syphilis (bzw. Behandlung) verkürzt werden, vor allem in der Gruppe der Menschen mit hohen Partnerzahlen.

Bei Menschen mit HIV sollte die Untersuchung auf Syphilis in die regelmäßigen Labor-Untersuchungen einbezogen werden. In den von Syphilis besonders betroffenen Gruppen sei vermehrte Aufklärung über typische Erkrankungssymptome erforderlich.

weitere Informationen:
Syphilis in Deutschland im Jahr 2008. in: Epidemiologisches Bulletin Nr. 49/2009
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sexuell übertragbare Krankheiten

Tripper, Syphilis, Herpes, Chlamydien, HIV – nur einige Stichworte. Die meisten Menschen haben irgendwann in ihrem Leben mit sexuell übertragbaren Krankheiten zu tun – und wissen doch oftmals nur wenig über diese Erkrankungen.

Hilfe bietet nun eine Broschüre (eher ein Buch) der Deutschen Aids-Hilfe (DAH), die in einer aktualisierten Neu-Auflage erschienen ist.

sexuiell übertragbare krankheiten - Broschüre der DAHDie Broschüre „sexuell übertragbare krankheiten“ informiert „ausführlich über die wichtigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen (STDs). Sie richtet sich an Mitarbeiter/innen in Beratungsstellen und Arztpraxen sowie an interessierte Laien. Der Schwerpunkt der Broschüre liegt in den genauen Beschreibungen von Übertragungswegen und Schutzmöglichkeiten“ (DAH).
In der Neuauflage wurden u.a. neue Erkenntnisse zur Frage der Infektiosität bei erfolgreicher anti-HIV-Therapie oder zu Themen wie Beschneidung und Oralverkehr berücksichtigt.

„Im ersten Teil der Broschüre werden allgemeine Themen dargestellt: Erreger von STDs, Meldepflicht, Übertragungswege, der Aufbau der verschiedenen Epithelien des Körpers und die Eintrittspforten für Erreger, Prävention, Symptome, Diagnostik, Verlauf und Grundzüge der Therapie von STDs.“ (DAH)

Besonders informativ und praxisnah ist neben dieser Darstellung der einzelnen Erkrankungen auch das zweite Kapitel ‚STD-Risiken und Schutzmöglichkeiten nach Sexualpraktiken‘. Von Analverkehr und Anilingus (rimming) über Dildospiele und Fisten bis Scat und Vaginalverkehr wird für eine Vielzahl von Praktiken dargestellt, welche Risiken bestehen, welche davon relevant sind und wie eine Verminderung des Risikos möglich ist.
Vorder- und Rückseite der Broschüre enthalten zudem ausklappbar Darstellungen der weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane.

„sexuell übertragbare krankheiten“ – eine Informationsquelle, die in keinem schwulen Haushalt fehlen sollte ;-).

„sexuell übertragbare krankheiten“
2. 3. Auflage 2009, 176 182 Seiten
Deutschen Aids-Hilfe (DAH)
Berlin 2008
Bestellnummer 026133
Direktlink zu Download und online-Bestellung hier

Die Debatte um die Infektiosität

Die Debatten über das Statement der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen EKAF („Keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs„) entzünden sich neben der Frage „das darf man doch nicht laut sagen“ vor allem an drei Fragestellungen:
– ist das Transmissionsrisiko wirklich nur 1 : 100.000 ?
– gelten diese Daten nur für Vaginal-, nicht jedoch für Analverkehr?, und
– sexuell übertragbare Infektionen (STDs) erhöhen aber doch das Infektionsrisiko?

Einige Gedanken zu diesen drei Fragen.

die Höhe des Transmissionsrisikos
Die EKAF beziffert in ihrem Statement das Übertragungsrisiko unter den genannten Bedingungen als „deutlich geringer als 1 zu 100.000“ (Text als pdf hier).

Eine Zahl, die auch von Experten nicht bezweifelt wird. Selbst O. Hamouda (Robert-Koch-Institut) bestätigt „Fachlich sehe ich in dem Papier nichts Falsches“ (schon im ‚Tagesspiegel‘ vom 1.2.2008). Prof. Salzberger (in Sachen der Risiko-Einschätzung sicherlich eher den ‚Vorsichtigen“ zuzuordnen) bestätigt in der Podiumsdiskussion am 14.3. (‚mehr Mut, weniger Aufregung‚), die Berechnungen der EKAF halte er für zutreffend, das Risiko 1 : 100.000 sei sicher „eine gute Obergrenze“.

Prof. Vernazza stellt in einem Interview dar, dass schon die Schätzung des Übertragunsgrisikos von 1: 100.000 eine sehr vorsichtige Schätzung ist, die sich eher auf der sicheren Seite bewegt:

„Es ist eine Expertenmeinung, eine Feststellung zum Risiko. Jetzt auch in der Diskussionen in den nachfolgenden Tagen musste ich feststellen, dass wir eigentlich nirgends eine andere Meinung hören, dass an und für sich alle einverstanden sind mit der Aussage, die große Diskussion ist jetzt ‚darf man das sagen‘. … daher kommen wir zu dem Schluss, dass das Risiko einer Übertragung sehr sehr klein sein muss. Es ist vielleicht 1 : 10.000.000, vielleicht 1 : 1.000.000, wir machen das Statement, dass es sicher kleiner ist als 1 : 100.000.“ (Prof. Vernazza im Interview als MP3 auf HIV&more.de)

Nebenbei, gelegentlich gerät in Vergessenheit, dass auch die Verwendung von Kondomen das Risiko einer HIV-Transmission nicht auf ‚Null‘ reduziert.
Der HIV-Report der DAH (Nr. 01/2008, pdf hier) beziffert unter Bezug auf epidemiologische Literatur das Risiko einer HIV-Übertragung bei rezeptivem Analverkehr mit Kondom auf 0,8 Prozent (0,1 bis 3%), bei insertivem Analverkehr auf 0,06% (0,1% entspricht 1 : 1.000).
Und Roger Staub (Bundesamt für Gesundheit Schweiz) bezifferte in seinem Vortrag am 14.3.2008 das „Risiko für ein schwules Paar, ohne Therapie, bei analer Penetration und Präservativgebrauch 1 : 30.000“
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die Übertragbarkeit auf Analverkehr
Viele bewegt die Frage, ob denn die Aussagen der EKAF auch auf Analverkehr (gemeint ist dabei implizit: schwuler Analverkehr) übertragbar seien – was dann im gleichen Atemzug gern unter Verweis auf fehlende Daten verneint wird.

Dabei müsste diese Frage eigentlich überraschen – scheint sie doch beantwortet. Der Text des EKAF-Statements spricht explizit davon, dass eine HIV-positive Person unter den bekannten Bedingungen „das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter“ gibt (Text als pdf hier).

Prof. Vernazza erläutert in einem Interview:
„Analverkehr kommt grundsätzlich häufiger zahlenmäßig bei heterosexuellen Paaren vor (weil es einfach viel mehr Sexualkontakte gibt zwischen heterosexuellen Paaren). Wir gehen davon aus, dass aber auch bei homosexuellen Paaren der Analsex genauso betroffen ist von dieser Feststellung, denn auch im homosexuellen Bereich haben wir keine Transmissionen beobachtet unter den erwähnten Bedingungen.“ (Prof. Vernazza im Interview als MP3 auf HIV&more.de)

Und auch Roger Staub (Bundesamt für Gesundheit der Schweiz) betont:

„Wir sagen, das Risiko ist niedriger 1:100.000 für penetrierenden Verkehr. Wir unterscheiden nicht zwischen Vaginal- und Analverkehr. Diese Unterscheidung treffen nur die Deutschen.“ Auch für Analverkehr gelte die gleiche Einschätzung der drastischen Reduzierung des Transmissionsrisikos. (persönliches Gespräch am 13.3.2008)

Das Transmissionsrisiko ist auch nicht per se unterschiedlich, nur weil der eine Sex in einer Partnerschaft, der andere ‚flüchtig‘ stattfindet. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass anonymer Sex ein höheres Risiko einer Infektion mit sexuell übertragbaren Erkrankungen beinhalten kann – nicht jedoch in der HIV-Transmission.
Dies betont auch die Leitung des nationalen HIV/Aids-Programmes des Bundesamtes für Gesundheit (Schweiz):

„Für HIV-Positive mit funktionierender Therapie empfehlen wir zwar weiterhin Safer Sex für anonyme und Gelegenheitskontakte, weil Safer Sex das Risiko, sich mit einer anderen sexuell übertragbaren Infektion anzustecken, deutlich reduziert. Aber Betroffene müssen nun nicht mehr befürchten, für ihre Sexualpartner eine Gefahr darzustellen.“ (‚Katastrophe für die Prävention?‘, in: Swiss Aids news Nr. 1 Februar 2008)

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Störfaktor sexuell übertragbare Infektionen
Eine der Bedingungen für die Hauptaussage des EKAF-Statements ist das Fehlen anderer sexuell übertragbarer Infektionen (STDs).
Gerade hier setzen Kritiker an, verweisen auf steigende Syphilis-Diagnosezahlen und vermeintlich weit verbreitete STDs bei ‚den Homosexuellen‘. Und benutzen gerne Daten, die zeigen, dass die Transmissionsrisiken bei gleichzeitigem Vorliegen von STDs steigen – Daten, bei denen i.d.R. nicht untersucht wurde, wie eine erfolgreiche HIV-Therapie sich auswirkt.
Pietro Vernazza dazu:

„Die Empfehlung der EKAF hat bewusst Geschlechtskrankheiten als mögliche ‚Störfaktoren‘ ausgeschlossen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass die Wahrscheinlichkeit einer Transmission unter Therapie mit einer Urethritis [Entzündung der Harnröhre, d.Verf.] oder Syphilis tatsächlich merklich ansteigt. Es ist durchaus denkbar, dass selbst in dieser Situation kein relevantes Transmissionsrisiko vorhanden ist. Doch die vorhandene Datenlage scheint zu spärlich, um diesbezüglich eine definitive Beurteilung zu geben.“ (Prof. Pietro Vernazza, ‚Weshalb veröffentlicht die Eidgenössische Aids-Kommission für Aids-Fragen ein Papier über das vernachlässigbare Risiko einer HIV-Transmission unter HAART?‘, in: HIV&more 1/2008)

Transmissionsrisiko generell, Risiko bei Analverkehr und Risiko bei STDs sind die drei Haupt-Argumentationsstränge in der Diskussion um das Statement der EKAF. Einer Diskussion, in der manchmal Fakten außer Acht geraten – und der ein wenig mehr Ruhe zu wünschen ist.
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Diskutiert wird viel über Transmissions-Risiken. Macht man sich die Zahlen klar, so hat Kondombenutzung (ohne Therapie) ein Einzelfall-Risiko von 1 : 30.000. Bei einem erfolgreich therapierten Positiven liegt es nach einhelliger Einschätzung bei höchstens 1 : 100.000. Da stellt sich zunächst die einfache Frage: warum also diese Aufregung um das Statement der EKAF?

Zur Frage der Transmission bei Analverkehr stellen sich angesichts des Infragestellens des gleichen Übertragungsrisikos von 1 : 100.000 einige Fragen: Fehlen wirklich Daten, oder ist der Analogieschluss der Schweizer zutreffend? Wer führt Studien zu diesem Thema durch? wann ist mit Ergebnissen zu rechen? Und – wer finanziert Studien zu dieser Fragestellung? Hier ist auch der Bund mit Finanzzusagen gefragt, denn dass die Pharmaindustrie zu diesem Thema forscht dürfte doch eher unwahrscheinlich sein …

Die gleichen Fragestellungen ergeben sich auch für die Frage, ob sexuell übertragbare Infektionen tatsächlich das HIV-Transmissionsrisiko bei erfolgreicher HAART erhöhen – oder ob hier zutrifft, was Vernazza für denkbar hält, dass auch dann ‚kein relevantes Transmissionsrisiko vorhanden ist‘. Wer forscht hierzu?

Besonders bedenklich (und wenig bemerkt) erscheinen schwulenfeindliche Nuancen der Debatte. Warum kapriziert sich der Diskurs sehr auf Analverkehr, und dabei vor allem auf schwulen Analverkehr (ganz als gäbe es keinen Analverkehr bei Heteros)? Vor allem, warum gibt es zwar einiges an Daten zur Transmission bei heterosexuellem Verkehr, kaum jedoch bei homosexuellem Verkehr?

Die derzeitigen Debatten zeigen insgesamt eines vor allem recht deutlich: die Auseinandersetzungen gehen weitgehend nicht mehr um die wissenschaftliche Bewertung des EKAF-Statetments und seiner Grundlagen, sondern um die politische Bewertung. Es geht um eine politische Debatte, und als solche sollte sie auch geführt werden.

Kurznachrichten 06.02.2008

Das Arbeitsgericht Hamburg urteilt „AGG muss richtlinienkonform ausgelegt werden“ – auch kirchliche Arbeitgeber können nicht unter Verweis auf ihr kirchliches Selbstbestimmungsrecht grenzenlos gegen das AGG (früher Anti-Diskriminirungs-Gesetz) verstoßen.

„Polizei jagt fiesen Aids-Mann“ – so titelte ein Kölner ‚Boulevard-Blatt‘ noch gestern, heute ist die Schlagzeile immerhin in „Er infizierte seine Chat-Liebe mit Aids“ geändert … reicht eine Schlagzeile der ersten Art schon für den Presserat? Man kann auch sachlicher informieren …

Um Informationen bemüht sich auch ein kanadisches Präventions-Projekt, um Informationen über sexuell übertragbare Krankheiten wie Chlamydien, Lymphgranulom (LGV), Shigellose und Syphilis. Unter anderem mit einem sehenswerten Clip – ‚Syphilis – Der Film‚ sozusagen … (durchklicken grand public -> Syphilis -> Vidéo, Film mit englischem und französischem Ton).

Der US-Pharmakonzern Gilead könnte in den USA bedeutende Patente auf seine Substanz Tenofovir verlieren. Das ‚Patent Office‘ der USA hat Gilead vier bedeutende Patente auf die Substanz aberkannt. Tenofovir wird von Gilead unter dem Handelsnamen Viread vermarktet, die Substanz ist auch in den Kombi-Pillen Truvada und Atripla enthalten. Sollte die Berufung von Gilead gegen die Entscheidung scheitern und der Konzern diese Patente verlieren, könnten evtl. weitere Unternehmen die Substanz herstellen. Zudem, so betonte Ärzte ohne Grenzen, könnte die Entscheidung Einfluss auf die Patentierbarkeit der Substanz in Staaten wie Indien und Brasilien haben, in denen dringend weitere bezahlbare Aids-Medikamente benötigt werden.

sexuelle Gesundheit Berlin 6: Ausblick und mögliche Konsequenzen

Welche Entwicklungen zeichnen sich zum Thema sexuelle Gesundheit in Berlin ab? Welche Konsequenzen könnten erforderlich werden? Einige Ideen:

Die Zahl der Menschen, die insgesamt in Berlin mit HIV leben, wird auch in den kommenden Jahren weiter steigen.
Neben der Zahl an HIV-Neuinfektionen wird der Zuwachs sich schon daraus ergeben, dass Menschen mit HIV aufgrund verbesserter Therapien durchschnittlich länger leben. Zudem verlegen HIV-Infizierte aus anderen Regionen Deutschlands ihren Wohnsitz nach Berlin, da hier die Lebens- und oft auch Versorgungssituation für HIV-Infizierte als besser empfunden wird.

Zudem wird das durchschnittliche Alter der HIV-Positiven, die in Berlin leben, weiter ansteigen – schon aufgrund der durch bessere medikamentöse Therapie gesteigerten Lebenserwartung. Zudem infizieren sich zunehmend auch Menschen in höherem Lebensalter mit HIV.

Neben HIV treten für die Frage sexueller Gesundheit bei Männern, die Sex mit Männern haben, auch weitere sexuell übertragbare Infektionen wieder mehr in den Vordergrund – sowohl für HIV-positive als auch HIV-negative Männer. Gerade auch angesichts jüngster Stellungnahmen, die betonen es liege ‚keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs‚ vor, kommt Information und Testangeboten zu sexuell übertragbaren Erkrankungen eine starke Bedeutung zu.

Diese und weitere Veränderungen werden Auswirkungen auf das System der öffentlichen Gesundheit in Berlin haben, aber auch auf die jeweiligen Szenen (die z.B. auf eine zunehmende Zahl älterer Menschen teils kaum vorbereitet scheinen).

Eine rein auf HIV/Aids-Prävention ausgerichtete Präventions- und allg. Gesundheitspolitik in Berlin könnte den sich verändernden Rahmenbedingungen schon bald nicht mehr gerecht werden. Die Prävention sexuell übertragbarer Infektionen und generell das Thema reproduktive Gesundheit könnte größere Aufmerksamkeit erfordern. Zudem wird angesichts des höheren Lebensalters bei Menschen mit HIV auch die Frage anderer Erkrankungen (wie Krebs) zunehmend Bedeutung gewinnen.

Es müssen ausreichend niedrigschwellige, anonyme und kostenlose Untersuchungsmöglichkeiten (neben HIV gerade auch auf Syphilis) zur Verfügung stehen.
Auch das RKI kommt in der Auswertung der KABaSTI-Studie ((Quelle: Ergebnisse der KABaSTI-Studie, in Epidemiologisches Bulletin Nr. 23/2007)) zu dem Schluss, der öffentliche Gesundheitsdienst solle „vor allem in Großstädten seine Beratungs- und Testangebote für HIV und STI stärker auf besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen fokussieren und nach Möglichkeit versuchen, durch seine Angebote Zugangsbarrieren zu reduzieren – in Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen besonders betroffener Bevölkerungsgruppen … Ein solches Angebot sollte möglichst kostenlos, anonym und mehrsprachig sein“. Derzeitige Einschränkungen im Öffentlichen Gesundheitsdienst und den Aids- und STI-Beratungsangeboten dürften hier eher kontraproduktiv wirken.

Konsequenzen kann aber auch jeder schwul lebende Mann, jeder Mann der Sex mit Männern hat, ziehen: ‚man‘ sollte überlegen, sich auf die wichtigsten sexuell übertragbaren Infektionen (besonders auch Syphilis) sowie auf Hepatitis C regelmäßig untersuchen zu lassen – sie sollten möglichst zur Routine-Untersuchung (’schwuler Gesundheits-Check‘) gehören. Wo möglich (Hepatitis B!) sollte eine Impfung erwogen werden.

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Dieser Artikel ist Teil der Serie „Sexuelle Gesundheit in Berlin“:
Intro
Teil 1: HIV / Aids in Berlin
Teil 2: HIV-Neuinfektionen in Berlin
Teil 3: Syphilis in Berlin
Teil 4: Hepatitis C in Berlin
Teil 5: Berlin im Vergleich mit Hamburg und Köln
Teil 6: Ausblick und mögliche Konsequenzen

sexuelle Gesundheit Berlin 3 – Syphilis in Berlin (akt.)

Immer wieder gehen Artikel durch die Homo-Gazetten – ‚Syphilis-Welle in …‘. Aber wie sieht die Realität in Zahlen für Berlin aus?

Für die Jahre von 2001 bis 2007 schwankt die Zahl der in Berlin gemeldeten Syphilis-Fälle zwischen gut 300 und annähernd 700 pro Jahr. Ein Höhepunkt in diesem Zeitraum war das Jahr 2004 mit 663 Fällen, seitdem sinken die zahlen wieder (2007 bisher 362 für Berlin gemeldete Fälle).

Syphilis in Berlin 2001 bis 2007, absolutSyphilis in Berlin 2001 bis 2007, relativBei der Verteilung der Fälle nach Risiken fällt ein vergleichsweise hoher Anteil an Männern die Sex mit Männern haben (MSM) auf. Inzwischen entfallen 80% aller Syphilis-Fälle auf diese Gruppe.
Für eine vergleichsweise große Gruppe (2007 immer noch 14,1%) liegen zudem keine Angaben zum Infektionsrisiko vor. Auch in dieser Gruppe dürften sich noch Fälle aus der Gruppe MSM ‚verbergen‘.

Wie bei HIV ist dabei folgendes zu beachten: es handelt sich um Melde-Zahlen, die keine direkten Aussagen über den Infektionszeitpunkt zulassen. Zudem beziehen sich sämtliche RKI-Daten auf den Wohn- bzw. gewöhnlichen Aufenthaltsort, nicht den Ort der Infektion (ein Kölner, der sich bei einem Wochenend-Besuch in Berlin mit Syphilis infiziert, sich aber an seinem Wohnort Köln behandeln lässt, würde als ‚Kölner Fall‘ registriert werden) sowie den Diagnosezeitraum basierend auf dem Diagnosemonat, nicht auf den Infektions-, Erkrankungs- oder Meldezeitraum.
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Risikogruppe 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007
unbek. 138 185 153 150 100 92 57
hetero 22 26 32 54 20 36 24
MSM 158 262 429 457 445 443 323
MTCT 0 0 0 2 0 0 0
gesamt 318 473 614 663 565 571 404
Anteil relativ
unbek. 43,4% 39,1% 24,9% 22,6% 17,7% 16,1% 14,1%
hetero 6,9% 5,5% 5,2% 8,1% 3,5% 6,3% 5,9%
MSM 49,7% 55,4% 69,9% 68,9% 78,8% 77,6% 80,0%
MTCT 0,0% 0,0% 0,0% 0,3% 0,0% 0,0% 0,0%

Tab.: gemeldete Syphilis-Fälle Berlin nach Risikogruppen, 2001 bis 2007 ((Quelle: Robert Koch-Institut: SurvStat, http://www3.rki.de/SurvStat, Datenstand: 05.02.2008))

Ein Teil der gemeldeten Syphilis-Fälle sind dabei keine erstmaligen Infektionen, sondern Re-Infektionen (erneute Syphilis-Infektion nach vorheriger erfolgreich behandelter Syphilis).
Das RKI hat bereits bei der Beurteilung der Situation 2006 darauf hingewiesen, dass der Anteil der gemeldeten Syphilis-Fälle, der vom Arzt als Re-Infektion eingeordnet werde, in den Großstädten Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt bei 50% liege ((Syphilis in Deutschland im Jahr 2006 und Trends seit 2001, in: Epidemiologisches Bulletin 29/2007, als pdf online hier)). Das RKI vermutet, dass hinter der hohen Rate an Reinfektionen auch in steigendem Umfang unzureichend behandelte Syphilis-Fälle (gerade auch bei gleichzeitiger HIV-Infektion) verbergen könnten.

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Zahlen von 500, gar über 600 Syphilis-Fällen pro Jahr in Berlin mögen auf den ersten Blick enorm hoch erscheinen. Ein Blick in die jüngere Geschichte relativiert dies vielleicht ein wenig.

Syphilis Fälle Berlin 1971 - 2005Wie die nebenstehende Abbildung des RKI deutlich macht, waren Ende der 1970er Jahre weitaus höhere Syphilis-Fallzahlen in Berlin zu vermelden (bis zu annähernd 1.400 Fällen im Jahr 1978). Dies soll die aktuellen Fallzahlen nicht verharmlosen, wohl aber in ihrer Höhe einordnen helfen. (Grafik (c) RKI ((Quelle: Meldungen von Syphilis in Berlin 1971 bis 2005, www.rki.de)) ).

Annähernd 1.400 Fälle von Syphilis wurden in Berlin Ende der 1970er Jahre gemeldet (gesamt, knapp 1.000 bei Männern). Damals wurden Spitzenwerte der Inzidenz von Syphilis bei Männern in Berlin von über 110 Fälle pro 100.000 Einwohnern erreicht. Altersmäßiger Schwerpunkt war auch damals schon die Gruppe der 30- bis 40Jährigen.
Ein starker Rückgang der Syphilis-Fallzahlen folgte dann Ende der 1980er Jahre bis Ende der 1990er Jahre, vermutlich auch in Folge der Aids-Krise. Zu einem erneuten Anstieg der Fallzahlen kam es ab dem Jahr 2000 (vermutlich 1997/98 von Hamburg ausgehend ((Aktuelle Syphilis-Situation in Deutschland, 15. Mai 2003 RKI, online als pdf hier)) ).
Bei den Zahlen ist allerdings zu berücksichtigen, dass ab 2001 mit dem Infektionsschutzgesetz eine Labor-Meldepflicht für Syphilis eingeführt wurde ((gemeldet werden vom Labor Geburtsmonat und -jahr sowie die ersten drei Stellen der Postleitzahl des Patienten)).

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Nach einem Höhepunkt 2004 sinken in den letzten Jahren die Zahlen der Syphilis-Fälle in Berlin. Allerdings ist der Anteil der MSM inzwischen auf über 80% der Fälle gestiegen.
Ein nennenswerter Anteil der Syphilis-Meldungen bezieht sich auf Re-Infektionen – Fälle von erneuter Infektion mit Syphilis. Sie könnten gerade auch bei gleichzeitig bestehender HIV-Infektion auch Hinweis auf ggf. nicht ausreichend therapierte frühere Infektionen sein.

Aktualisierung 05.02.2008: Stand Datenabfrage 05.02.2008

Dieser Artikel ist Teil der Serie „Sexuelle Gesundheit in Berlin“:
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Teil 1: HIV / Aids in Berlin
Teil 2: HIV-Neuinfektionen in Berlin
Teil 3: Syphilis in Berlin
Teil 4: Hepatitis C in Berlin
Teil 5: Berlin im Vergleich mit Hamburg und Köln
Teil 6: Ausblick und mögliche Konsequenzen

sexuelle Gesundheit in Berlin

Berlin ist die Stadt in Deutschland mit den meisten Menschen mit HIV-Infektion. Auch über Wellen von Syphilis- oder Hepatitis-C-Infektionen in Berlin wird hin und wieder berichtet. Andererseits ist Berlin bekannt für seine auch in sexueller Hinsicht breite und variantenreiche Bandbreite an Möglichkeiten – und auch Zielort diversen Fremdenverkehrs, der auch eben diese sexuellen Freiheizten sucht.

Wie sieht es aus mit der sexuellen Gesundheit in Berlin, insbesondere für Männer, die Sex mit Männern haben?
Ist Berlin wirklich „Bad Bareback“, wie einige schwule Touristen gerne kolportieren? Und wie sieht es mit den (gesundheitlichen) Konsequenzen aus?

Ab morgen unternehme ich in einer kleinen Reihe Versuche einer Annäherung an das Thema sexuelle Gesundheit schwuler Männer in Berlin. Dabei geht es zunächst darum, als Diskussionsgrundlage die Fakten soweit bekannt zusammenzustellen.

Wie viele Menschen haben sich in Berlin mit HIV infiziert? Wie viele sind an Aids erkrankt? Welche Gruppen sind am stärksten vertreten?
Teil 1: HIV / Aids in Berlin

Wie viele Menschen infizieren sich in Berlin jährlich neu mit HIV? Aus welchen Gruppen? Was könnten Gründe für steigende Infektionszahlen in einigen Gruppen sein?
Teil 2: HIV-Neuinfektionen in Berlin

Wie hat sich die Zahl der Syphilis-Infektionen in Berlin in den letzten Jahren entwickelt? Und wie die der Fälle von Hepatitis C?
Teil 3: Syphilis in Berlin
Teil 4: Hepatitis C in Berlin

Ist Berlin wirklich ‚der Sündenpfuhl der Republik? Wie steht Berlin beim Thema sexuelle Gesundheit da im Vergleich zu anderen Metropolen?
Teil 5: Berlin im Vergleich mit Hamburg und Köln

Lassen sich aus den Zahlen und Analysen Anhaltspunkte finden, wie sich die zukünftige Situation entwickeln, welche Anforderungen potenziell
Teil 6: Ausblick und mögliche Konsequenzen

Dieser Artikel ist Teil der Serie „Sexuelle Gesundheit in Berlin“:
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Teil 1: HIV / Aids in Berlin
Teil 2: HIV-Neuinfektionen in Berlin
Teil 3: Syphilis in Berlin
Teil 4: Hepatitis C in Berlin
Teil 5: Berlin im Vergleich mit Hamburg und Köln
Teil 6: Ausblick und mögliche Konsequenzen

Nebenbei, das Thema ’sexuelle Gesundheit‘ umfasst selbstverständlich mehr als die wenigen hier behandelten Themen (die z.B. ‚F‘ wie Filzläuse, Feigwarzen bis ‚T‘ wie Tripper umfassen). Allerdings ist gerade die ortsspezifische Datenlage hier wesentlich schwieriger, so dass ich mich im ersten Angang auf diese Themen beschränkt habe.


HIV-Neudiagnosen auf hohem Niveau

Das Robert-Koch-Institut vermeldet für das erste Halbjahr 2007 insgesamt 1.334 neu diagnostizierte HIV-Infektionen und bezeichnet den Verlauf der Neu- Diagnosen als „weiterhin auf hohem Niveau“. Was steckt hinter den Zahlen?

Zweimal im Jahr stellt das Robert-Koch-Institut als Teil seiner epidemiologischen Überwachung aktuelle Zahlen zum Verlauf der HIV-Infektion und der Aids- Erkrankungen in Deutschland vor.

Schon in Berichten über bisherige Zahlen gingen in manchen Medien munter HIV-Neu-Infektionen und Neu-Diagnosen durcheinander.
Gemessen und berichtet wird die Zahl der Neu- Diagnosen (nicht der Neu-Infektionen). Diese Zahl gibt nicht direkt das aktuelle Infektionsgeschehen wieder. (Weiteres dazu
hier). Das RKI selbst spricht im aktuellen Bericht davon, etwa die Hälfte der gemeldeten Neu- Diagnosen sei auf einen tatsächlichen Anstieg der Neu- Infektionen zurück zu führen.

Interessant ist ein Blick in die Details der Zahlen. Denn wenn auch die Zahlen insgesamt deutschlandweit auf hohem Niveau stabil zu sein scheinen, werden dann doch bemerkenswerte Entwicklungen sichtbar.

Der größte Anteil der HIV-Neu-Diagnosen findet mit 56% bei Männern statt, die Sex mit Männern haben (MSM). In dieser Gruppe steigen die Zahlen weiterhin an.
Auch die Zahl der Syphilis-Neudiagnosen steigt in dieser Gruppe weiterhin an.

Regional gesehen gibt es bemerkenswerte Entwicklungen: Während die Zahlen z.B. in Berlin mehr oder weniger stagnieren, steigen sie in Nordrhein- Westfalen weiterhin deutlich an. Allein auf NRW entfallen im 1. Halbjahr 2007 24% aller HIV-Neu-Diagnosen (mit Schwerpunkten in Köln, Düsseldorf und Kreis Arnsberg).
Auch die Zahl der Syphilis-Neudiagnosen verharrt in NRW auf einem hohen Niveau (2007/I: 455 Fälle, 2006/II: 468, 2006/I: 402). In Berlin hingegen sinkt diese Zahl (2007/I: 223, 2006/II:278, 2006/I: 291) seit einem Höhepunkt im ersten Halbjahr 2006.

In der Gruppe der drogengebrauchenden Menschen sind die Zahlen der Neu-Diagnosen deutschlandweit insgesamt stabil. Hier stellt allerdings allein NRW schon einen Anteil von 51%. Und hat einen regionalen Schwerpunkt im Bereich Arnsberg (Bochum, Dortmund, Hagen, Hamm, Herne) – innerhalb der letzten 5 Halbjahre erfolgten hier fast die Hälfte der Neu-Diagnosen bei drogengebrauchenden Menschen in NRW.

Über 1.300 Neu-Diagnosen von HIV-Infektionen sind viel, zu viel. Und insbesondere die hohe Zahl der Neu- Diagnosen (und der Trend) unter schwulen Männern sollte zu neuen Präventionsanstrengungen Anlass geben.

Politiker, Medien und auch Schwule weisen ja immer wieder gern auf den „Sünden-Pfuhl“ Berlin, wenn es um Diskussionen zum Verlauf der HIV-Infektion geht (und auch schwule Medien stricken gern an diesem Mythos). Die aktuellen Zahlen lassen regional gesehen auch andere Fragen aufkommen …

Infos:
Halbjahresbericht I/2007 des RKI als pdf
Pressemitteilung des RKI hierzu
Trifft der Begriff Epidemie hier noch zu? Oder ist die HIV-Epidemie vorbei?
Wie kann Prävention sich weiterentwickeln? Präventionsgedanken 1 und Präventionsgedanken 2
Aber einige Politiker benutzen steigende Zahlen immer noch als Vehikel für Repressive Mottenkisten …