30 Jahre Aids – how to have sex in an epidemic

Am 5. Juni 1981, heute vor 30 Jahren, erschien die erste wissenschaftliche Publikation über das, was später (im Juli 1982) den Namen ‚Aids‘ bekam.

Etwa zur gleichen Zeit, 1982/83, erschien in San Francisco die erste Broschüre, mit der schwule Männer auf die neue Epidemie reagierten – und begannen, das später unter dem Namen ’safer sex‘ bekannt gewordene Konzept zu entwickeln:

how to have sex in an epidemic (Ausgabe Mai 1983)
how to have sex in an epidemic (Ausgabe Mai 1983)

Was können schwule Männer unternehmen, um eine Infektion mit HIV zu vermeiden – und dennoch versuchen ein erfülltes Sexleben zu haben?

„How to have sex in an epidemic: one approach“ wurde geschrieben von Richard Berkowitz (portraitiert in dem Dokumentarfilm ‚Sex positive‘) und dem 1993 verstorbenen Schriftsteller und Musiker Michael Callen, unter Anleitung ihres Arztes Joseph Sonnabend – und war die erste Sex bejahende Anleitung für risikomindernde Praktiken für schwule Männer.

Vorläufer der Broschüre war ein Artikel, den beide im November 1982 im ‚New York Native‘ veröffentlichten: „We Know Who We Are: Two Gay Men Declare War on Promiscuity“.

Callen und Berkowitz:

„the single greatest risk factor for contracting AIDS is a history of multiple sexual contacts with partners who are having multiple sexual contacts – that is, sex on the circuit. . . . We believe that it is the accumulation of risk through leading a promiscuous gay urban lifestyle, which has led to the breakdown of immune responses that we are seeing now.“

Sie zeigten sich damit damals als Vertreter der ‚multifaktoriellen Hypothese‘ zum Entstehen von Aids. Die ’single factor theory‘ setzte sich letztlich mit dem Entfdecken von HIV und der Erkenntnis, dass HIV die Ursache von Aids ist durch – doch Berkowitz ist sich noch heute sicher, dass es nur den Anhängern der Multi-Faktoren-Theorie möglich war. das Konzept des safer sex zu entwickeln:

„Safe sex was never – and could never – have been proposed in the terrifying early years by those who believed that if you had one broken condom you were dead. It was therefore left to the multifactorialists to invent safe sex.“

Eine weitere, ebenfalls zu dieser Zeit erschienene Broschüre, gilt ebenfalls als weiterer ‚Urvater‘ des Safer Sex Konzepts: das Flugblatt ‚Play Fair!‘ der Sisters of Perpetual Indulgence San Francisco (unter Leitung der ausgebildeten Krankenpfleger Sr. Florence Nightmare und Sr. Roz Erection).

.

weitere Informationen:
Richard Berkowitz: How to have sex in an epidemic (may 1983) (mit Bildern des kompletten Textes der Ausgabe Mai 1983)
International gay & Lesbian Review 2003: Stayin‘ Alive: The Invention of Safe Sex
Michael H Merson, Jeffrey O’Malley, David Serwadda, Chantawipa Apisuk (6 August 2007). „The history and challenge of HIV prevention“ (pdf)
Sisters of Perpetual Indulgence: Play Fair! (1982)
.

Der Lust-Tropfen – safer sex oder nicht?

Lusttropfen, Vor-Ejakulat – hinsichtlich der Übertragung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten sicher, oder ein Risiko? Diese Frage wird immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Im aktuellen HIV-Report widmet sich die Deutsche Aids-Hilfe ausführlich der Frage „Lust-Tropfen und safer sex“, und kommt zu eindeutigen Ergebnissen.

„Raus bevor’s kommt“, lautet die Präventions-Botschaft zum oralen Sex seit langem, „Niet slikken“, ’nicht schlucken‘ das Pendant in den Niederlanden. Nur – was heißt dieses „bevor’s kommt“ genau? Wie rechtzeitig ist dieses „bevor“, wann ist der „richtige Zeitpunkt“? Im Mittelpunkt der Diskussion und Fragen dabei immer wieder: der Lusttropfen.

Lusttropfen - safer sex, oder nicht?
Lusttropfen - safer sex, oder nicht? (Foto: wikitrader)

Ist der Lust-Tropfen, die Vorflüssigkeit „safer“ – oder stellt er bereits ein Risiko dar für die Übertragung von HIV? Mit dieser Frage beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe des ‚HIV-Reports‘ der Deutschen Aids-Hilfe ausführlich. Er beschäftigt sich dabei sowohl mit einem etwaigen HIV-Übertragungs-Risiko durch den Lusttropen beim Oralverkehr (‚Blasen‘), als auch bei Analverkehr und Vaginalverkehr.

Dabei geht die DAH nicht nur auf die Frage einer möglichen HIV-Übertragung ein. Behandelt wird auch die Frage, wie es denn mit sexuell übertragbaren Erkrankungen aussieht –

Das klare Resümee der DAH hinsichtlich HIV und Lust-Tropfen:

  • „Beim Oralverkehr ist der Lusttropfen belanglos. Die Aufnahmedes Lusttropfens in den Mund ist nach wie vor „Safer Sex“.
  • Für den Vaginalverkehr und Analverkehr gilt das nicht, Vorflüssigkeitkann dabei durchaus zu einer HIV-Infektion (bzw. einer Schwangerschaft) führen.“

.

weitere Informationen:
HIV im Lusttropfen
in: HIV-Report der Deutschen Aids-Hilfe, Nr. 02/2011 (pdf)

ondamaris: Die Wahrheit übers Blasen
ondamaris: Oralverkehr: „sehr geringes Risiko“
.

Kondome nahezu fehlerfrei (akt.)

„Fast schon perfekt“ – so bezeichnet Stiftung Warentest das Ergebnis eines Tests von Kondomen.

Erst jüngst noch hatte der Papst mit seiner Äußerung, Kondome nützten nichts gegen Aids, sondern vergrößerten noch das Problem, für Aufsehen und zahlreiche Proteste gesorgt.
Nun könnte der Papst beruhigt sein – Kondome sind sicher, sagt „Test“.

Die Stiftung Warentest untersuchte 26 Kondome, darunter 2 latexfreie. Preise pro Stück: zwischen 10 Cent und 2,50 Euro. Die Ergebnisse finden sich im aktuellen Heft „Test“ (Ausgabe 4/2009).

test.de schreibt zum Test:

„Dünnhäutig und blass, aber stark wie Goliath: Kondome halten einiges aus. Im Test von 26 Kondommarken riss kein einziges. Obwohl die Stiftung Warentest sie stark beanspruchte: Im Labor musste jedes Kondom 18 Liter Luft fassen und wurde um das Siebenfache gedehnt. Danach fanden sich gerade mal fünf Mikrolöcher in insgesamt 24 500 Verhüterli.“

Den kompletten Test gibt’s leider nur kostenpflichtig auf dem Internetangebot der Stiftung Warentest (hier).

Einen Kondom-Test der Stiftung Warentest von April 2004 gibt’s unentgeltlich hier.

Sicheres Vergnügen

„Sicheres Vergnügen“ – eine neue Schweizer Broschüre gibt „Sextipps von Mann zu Mann“. Und behandelt dabei auch Möglichkeiten, safer Sex ohne Kondom zu haben.

Die Broschüre „Sicheres Vergnügen – Sex-Tipps von Mann zu Mann“  vermittelt im praktischen Taschenformat (halbe Postkartengröße) eingangs eine wesentliche Botschaft:

„Anonymer Sex und schnelles Vergnügen? Oft braucht es dafür keine Worte. Deshalb wissen beide Partner, wie sie sich schützen, und jeder übernimmt die Verantwortung für sich selbst.“

sicheresvergnuegen01

Die Broschüre thematisiert pragmatisch verschiedene Situationen des Sex zwischen Männern, von der „großen Liebe“ bis zu „anonymer Sex und schnelles Vergnügen“, oder auch die (gern auch als ‚Schutz‘-Möglichkeit gedachte) Konstellation regelmäßiger Sexpartner (wie Fuckbuddies, geschlossene Sex-Zirkel etc.):

„Wiederholt Sex mit Freunden oder Bekannten, die du schon länger kennst? Vertrautheit verführt zu falschen Schlüssen punkto Sicherheit.
Wer beim letzten Test HIV-negativ war, muss es heute nicht mehr sein. Rede mit deinen Partnern, wie ihr euch schützt.“

Vor allem geht der Text auch auf Möglichkeiten ein, Safer Sex ohne Kondom zu haben:

„Sex ohne Gummi? Sicher möglich!
Bumsen ohne Gummi mit deinem festen Partner kann sicher sein. Das geht so:
1. Gemeinsamer Test und Beratung im Checkpoint oder bei einer Teststelle mit Beratung
2. 3 Monate lang Safer Sex – konsequent mit allen Partnern
3. Gemeinsamer HIV-Test mit Partner
4. Seid ihr beide HIV-negativ, dann sagt einander klar: Entweder seid ihr euch treu oder ihr macht mit anderen Sexpartnern nur Safer Sex.
5. Wer die Vereinbarung nicht einhält, teilt das dem Partner sofort mit. Legt im Voraus fest, wie ihr das machen wollt. Dann gelten wieder die Safer-Sex-Regeln, bis eine Infektion mittels Test ausgeschlossen
werden kann.
Wie sicher ist diese Methode? Sehr sicher, wenn ihr beide die Vereinbarung einhaltet.“

Die Broschüre thematisiert auch ansatzweise, dass viele Männer versuchen, von Aussehen und Körper auf den HIV-Status zu schließen, sich danach ihre Sexpartner auszusuchen. Vom eingefallenen Gesicht bis zum tastenden Griff an den Arsch – individuelle Strategien bzw. Versuche von Risikominderung, die leicht daneben gehen können.

„Auf gesundes Aussehen achten
Eine HIV-Infektion ist nicht sichtbar. Du siehst keinem an, ob er HIV-positiv oder HIV-negativ ist. Jugend, gutes Aussehen oder kräftiger Body sagen nichts über den HIV-Status oder andere sexuell übertragbare Infektionen.“

Die Broschüre behandelt erfreulicherweise auch die Situation, die nach dem EKAF-Statement (‚keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs‚) entstanden ist:

„HIV-positiv und nicht ansteckend?
HIV-positive Menschen mit wirksamer antiretroviraler Therapie übertragen das Virus beim Sex nicht unter drei Bedingungen:
1. Die Viruslast ist seit mindestens sechs Monaten nicht mehr nachweisbar.
2. Die HIV-Therapie wird eingehalten und regelmässig vom Arzt kontrolliert.
3. Es liegen keine anderen sexuell übertragbaren Infektionen vor (z.B. Syphilis).
Und wen betrifft das?
– Menschen in festen Partnerschaften, bei denen ein Partner HIV-positiv und der andere negativ ist.
-Denn nur in einer vertrauensvollen Beziehung kann der HIV-negative Partner sicher sein, dass die drei Bedingungen erfüllt sind.
-Nur so kann ein gemeinsamer Entscheid zusammen mit dem beratenden Arzt für oder gegen Kondome gefällt werden.
Mit Gelegenheitspartnern und in neuen Partnerschaften schützt weiterhin nur Safer Sex.“

Die Broschüre geht auf viele weitere Themen ein, wie Beschneidung und Mikrobizide zur Senkung des Infektionsrisikos, und findet insbesondere zur so genannten PrEP [ein (evtl. vermeintlich) HIV-Negativer nimmt antiretrovirale Medikamente, um sich vor einer HIV-Infektion zu ’schützen‘] deutliche Worte:

„Schlucke auf keinen Fall HIV-Medikamente, wenn du nicht HIV-positiv bist! Sie nützen dir nichts, ihr Schaden kann hingegen gross sein.“

Sicheres Vergnügen – Sextipps von Mann zu Mann
Herausgegeben von der Aids-Hilfe Schweiz © 2008
Mitarbeit: Thomas Bucher, Urs Witwer, Lukas Meyer, Claire Comte, Steven Derendinger, Benedikt Zahno, Roger Markowitsch, Vincent Jobin, Andrea Ostinelli
Gestaltung: schloss-ludwig.ch
Mit Unterstützung des Bundesamtes für Gesundheit
Download als pdf Sicheres Vergnügen (4,17 MB)
Alternativ kann die Broschüre auch über den Online-Shop der Aids-Hilfe Schweiz bestellt werden.

Die Grundhaltung der Broschüre erinnert stark an die Bezeichnung der Präventionskampagne der DAH für MSM „ich weiss was ich tu„.
Viele der Botschaften und die Gestaltung der Broschüre sind ansprechend. Besonders an dem Punkt „Sex ohne Gummi? Sicher möglich!“ ist die Broschüre ein begrüßenswerter Schritt in neue Realitäten. Und der (bundesdeutsche) Leser fragt sich, warum haben wir eine solche Broschüre nicht in Deutschland?
Eine Frage, die sich erst recht stellt, wenn es um die Frage geht, welche Auswirkungen das Statement der EKAF für das eigene Sex-Verhalten hat.
Gerade bei dieser Frage allerdings erweist sich die Broschüre als letztlich zaghaft, beinahe mutlos. Reduziert sie doch das Statement der EKAF allein auf praktische Informationen für eine bestimmte Konstellation: den „festen Partner“. Alles andere („Ohne Gummi mit mehreren Partnern“) wird reduziert auf ein „theoretisch schon, aber …“.
Die Aussagen des EKAF-Statements rein auf feste Partnerschaften zu reduzieren scheint eine verengte Wahrnehmung der Aussagen der Eidgenössichen Aids-Kommission, zudem angesichts der Realitäten vieler schwuler Männer und ihrer Beziehungen zumindest in Teilen realitätsfremd. Hier scheint die Broschüre ein Schritt in die richtige Richtung, wirkt allerdings ein wenig mutlos, mehr an Ausagen auch für andere Lebensrealitäten zu treffen.

Sex Pigs – a rough guide to dirty sex

Wie kann Prävention, Förderung sexueller Gesundheit aussehen für schwule Männer, die sich entscheiden, Sex ohne Kondom zu haben? Eine australische Kampagne geht szenenah Wege, Risikominimierung zu ermöglichen.

Die australische Positivengruppe ‚Positive Life New South Wales‘ hat 2007 und 2008 eine Kampagne durchgeführt unter dem Titel ‚Sex Pigs – a rough guide to dirty sex‘.

Sex Pigs - a rough guide to dirty sex (c) positivelife.org.au
Sex Pigs - a rough guide to dirty sex (c) positivelife.org.au

Eine Kampagne, die sich gezielt an schwule HIV-positive Männer wendet, die sich entschieden haben, Sex ohne Kondom zu haben. Sowie an HIV-negative oder ungetestete Männer, die sich in dieser ‚Szene‘ bewegen. Eine Kampagne, die sexuell übertragbare Krankheiten thematisiert, Syphilis, Hepatitis C, sexuelle Gesundheit. Eine Kampagne, die Gruppensex, gang bang, Fisten, Party-Drogen und andere Themen angeht, verständlich, in Alltagssprache. Eine Kampagne für eine Szene, die die Initiatoren als ’sex pig culture‘ bezeichnen.

Kathy Triffit von Positive Life New South Wales erläutert

„I received a directive to develop a prevention campaign for guys who have been described as being into sexually adventurous sex — group sex, fisting, drugs, and so on. Because we’re an organization geared towards HIV-positive people, what we’re doing here is we’re speaking to HIV-positive guys who choose not to use condoms.“

Worum geht es? Erneut Triffit:

„The messages are about sexual health. It’s more serious for an HIV-positive guy to get syphilis, for example — it progresses a lot faster. So there’s a message there around testing for STIs. There are messages there around changing gloves and condoms when you’re moving from partner to partner — from ass to ass, if you want to be graphic. Because there’s not only syphilis, but there’s also sexually transmitted hep C [hepatitis C], which is really starting to emerge as an area that we need to be looking at.“

Die Broschüre wird in Australien gezielt an Orten vertrieben, an denen ‚Sex vor Ort‘ angeboten wird. Ergänzt wird sie um Internet-Informationen, Anzeigen in Szene-Publikationen, aber auch um Einbindungen in Gay Dating Platformen wie gaydar.

Erst jüngst hatte sich die Studie „Wie leben schwule Männer heute?“ u.a. mit der Frage beschäftigt, wie in Deutschland die HIV-Prävention in ‚Kernbereichen sexueller Interaktion‘ verbessert werden kann.

Sex Pigs – a rough guide to dirty sex
eine Kampagne von Positive Life New South Wales
online als pdf hier

Die Kampagne wurde auf der Welt-Aids-Konferenz in Mexico mit einem Poster erläutert (als pdf hier):
Triffitt K. Sex pigs: A rough guide to dirty sex — a new approach to prevention. In: Program and abstracts of the XVII International AIDS Conference; August 3-8, 2008; Mexico City, Mexico. Abstract THPE0347

Sex Positive – Dokumentarfilm über einen Aids-Pionier

Schwul, Stricher, S/M -keine Ideal-Voraussetzungen für einen Film-Helden. Und nicht die Biographie, die man hinter einem Aids-Aktivisten vermutet. Der Film „Sex Positive“ portraitiert einen Aids-Aktivisten der ersten Stunde.

Daryl Wein Regisseur von Sex Positive (Foto: darylwein.com)
Daryl Wein Regisseur von Sex Positive (Foto: darylwein.com)

‚Sex Positive‘ – unter diesem Titel portraitiert der Film des Regisseurs Daryl Wein den schwulen SM-Sexworker Richard Berkowitz. Berkowitz wurde Anfang der 1980er Jahren zum Aids-Aktivisten. Er war einer der ersten, die in den USA Safer Sex propagierten.

Berkowitz veröffentlichte im November 1982 (!) zusammen mit Michael Callen im New York Native den Artikel “Wir wissen, wer wir sind: Zwei schwule Männer erklären der Promiskuität den Krieg”. Er versuchte über Sexpraktiken zu informieren, die mit einem hohen HIV-Infektionsrisiko verbunden sind, er sprach sich u.a. gegen Drogengebrauch, Promiskuität und einige Sexpraktiken aus. Er führte Aids nicht nur auf ein Viresu zurück, sondern auch auf Promiskuität und ‚missbräuchliche Verwendung des eigenen Körpers‘. Seine Haltung brachte ihm unter Schwulen- und Aids-Aktivisten nicht nur Beifall, sondern auch zahlreiche Kritik ein.

Der Artikel „How to Have Sex in an Epidemic: One Approach“ von Berkowitz, Michael Callen, Dr. Joseph Sonnabend und Richard Dworkin von 1983 gilt als erster sexfreundlicher ‚Safer Sex – Ratgeber‘ für Schwule.

Berkowitz war u.a. auch einer der Teilnehmer der legendären ‚Denver Conference‘, auf der die Denver Prinzipien verabschiedet wurden, eine der ersten politischen Selbst-Äußerungen von Menschen mit HIV und Aids. Aus der Konferenz ging (ebenfalls mit Beteiligung von Berkowitz) die ‚National Association of People with Aids‘ hervor.

Der Dokumentarfilm ‚Sex Positive‚ (2008) von Daryl Wein ist für zahlreiche Festivals nominiert. Im Juli 2008 geann er den ‚Grand Jury Prize‘ des LA Outfest. Der Film kommt in den USA im März 2009 in die Kinos. Ob der Film auch in Deutschland einen Verleih findet, ist bisher unklar.

weitere Informationen:
LifeLube 15.06.2009: „Sex Positive“ – How the most promiscuous men pioneered safer sex
LA Times 14.06.2009: ‚Sex Positive‘ documents the pioneers of safe sex
.

Callboys sind in ihrem Beruf relativ vernünftig …

Stricher und Prostituierte sind Motoren der HIV-Infektion – diese These wird selbst heute noch gelegentlich vertreten. Ralf Rötten (SUB/WAY) dementiert.

„Callboys sind in ihrem Beruf relativ vernünftig. Meiner Meinung nach ist die Gefahr im privaten Umfeld weitaus größer. Am Anfang der AIDS-Krise wurde vermutet, dass Frauen in der Prostitution die Ausbreitung der Krankheit fördern. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass dies in keiner Weiser der Fall war. Bei schwulen Männer verhält sich das nach meiner Einschätzung ganz ähnlich. Die Infektionsrate unter schwulen Sexworkern ist nicht größer als bei anderen Schwulen. Sex mit einem fremden Mann geschützt zu haben, ist nicht so schwer, wie in einer langjährigen Partnerschaft.“

Mehr über die Situation von Strichern und Callboys im Interview „GayRomeo ist eindeutig das wichtigste Internetportal für Callboys in Deutschland„, das Gay dating Tricks mit Ralf Rötten, Projekt Querstrich / SUB/WAY Berlin geführt hat.

Neue Wege sehen – neue Wege gehen!

Als Dokumentation die Haltung der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) in Sachen des EKAF-Statements („keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs„):

Der Delegiertenrat der DAH hat in seiner Sitzung vom 7. bis 9. März 2008 in Abstimmung mit dem Vorstand folgenden Beschluss gefasst:

Neue Wege sehen – neue Wege gehen!

Die HIV-Prävention wird einfacher, also komplexer

Die Reaktionen auf die Botschaft der EKAF in der Schweiz haben eine grundlegende Debatte über realistischere Risikoeinschätzung und die Infektiösität von Menschen mit HIV und AIDS forciert.

Die nunmehr öffentlichen Informationen können für Menschen mit HIV und AIDS eine konkrete Erleichterung und Verbesserung ihrer Lebenssituation und -Perspektiven bedeuten, weil sie den Abbau irrationaler Ängste ermöglichen. Sie entlasten serodiskordante Paare unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und erleichtern in allen Zusammenhängen den Umgang mit HIV und AIDS.

Somit können Stigmatisierung und Diskriminierung – auch in juristischer Hinsicht – vermindert und Solidarität gefördert werden.

Zudem werden unsere bisherigen Präventionsbotschaften sinnvoll und wirksam ergänzt.

Auf der Grundlage des im Leitbild formulierten Menschenbildes ist es Ziel der DAH, Menschen dazu zu befähigen und ihnen zu ermöglichen informiert, selbst bestimmt und verantwortungsvoll mit den Risiken von HIV und AIDS umgehen zu können.

„Deshalb setzen wir in unserer Arbeit auf das verantwortliche Handeln vernunftbegabter, einsichts- und lernfähiger Menschen wissen aber zugleich um die Grenzen der Prävention.“

Wir werden daher weiterhin und verstärkt niedrigschwellige und umfassende Informationen zur Verfügung stellen, um kompetentes und differenziertes Risikomanagement zu ermöglichen.

Die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung gewinnen auch für die Prävention an Bedeutung. Die DAH sieht daher dringenden Bedarf, die bisherige Datenlage durch intensivere Forschung zu verbessern.

Gerade hier spielt die AIDS-Hilfe eine entscheidende Rolle, da sie in der Lage ist, solche Ergebnisse und deren Auswirkungen auf die Lebenssituation ihrer Zielgruppen zu interpretieren und in lebenspraktisches Risikomanagement umzusetzen.

Die DAH muss diese Informationen in ihrer Arbeit aufgreifen und umsetzen – beispielsweise im Internet, den Printmedien, der Aufklärungs- und Beratungsarbeit vor Ort und in ihren Präventions-Kampagnen (aktuell die Kampagne „Ich weiß, was ich tu“).

Diese Haltung gilt es konsequent gegenüber der Öffentlichkeit und unseren Kooperationspartnern einzunehmen und zu vertreten

Berlin, 08.03.2008

Nachtrag 16.11.2008:
Über Ergänzungen zur Haltung im Rahmen der Diskussionen und Bedenken zur EKAF-Veröffentlichung seitens der AG Prävention berichtet koww.

mehr Mut, weniger Aufregung

Podiumsdiskussion Kondomverzicht?Zu engagierte Debatten kam es am Freitag Morgen (14.3.2008) bei der Podiumsdiskussion unter dem Titel „Aktuelle Kontroverse: Kondomverzicht bei nicht nachweisbarer Viruslast möglich?“
Auf dem Podium: Prof. Pietro Vernazza (Schweiz), Roger Staub (BAG Schweiz), Prof. Bernd Salzberger (Regensburg), Bernd Vielhaber, Dr. Dirk Sander (DAH), sowie als Moderatoren Rainer Kamber (Aidshilfe Schweiz) und Armin Schafberger (DAH).

Prof. Pietro VernazzaProf. Vernazza betonte, mit der Publikation des EKAF-Statements habe auch eine ‚Doppelbödigkeit‘ beendet werden sollen. Was einzelne Ärzte, oftmals unter dem Siegel ‚nur für Sie‚, schon lange ihren Patienten sagen, müsse nun endlich auch offen ausgesprochen werden. Die Datenlage sei reif genug gewesen für diesen Schritt.
Generell habe nicht die Biologie zum EKAF-Beschluss geführt, sondern die Epidemiologie,die Biologie habe dann nur dieses mit Daten bestätigt.
Zum Analverkehr bei Heteros sei die Datenlage knapp, noch knapper bei Analverkehr zwischen Männern die Sex mit Männern haben (MSM). Allerdings sei ein Analogieschluss zum Vaginalverkehr möglich und zulässig, wie er detailliert anhand einer Diapräsentation erläuterte.

Prof. Bernd SalzbergerProf. Salzberger befasste sich mit der Frage, wie hoch das Risiko einer HIV-Übertragung sei, und welches Risiko als tragbar erachtet werden könne.
Ein Risiko von 1 zu 100.000 erscheine zunächst gering – aber selbst beim Lotto mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 13 Mio. (für ‚6 Richtige‘) gewinne jeden Samstag jemand. Er erachte ein Risiko von 1 : 100.000 (auf das sich das EKAF-Statement bezieht) als nicht niedrig genug und bleibe skeptisch.
Salzberger betonte zudem die Bedeutung sexuelle übertragbarer Infektionen (STDs) für die Infektiosität. Insbesondere ulzerierende STDs seien hier zu beachten. Die Frage, ob auch latente Infektionen (besonders mit HSV2) epidemiologisch relevant seien, wurde zwischen ihm und Vernazza kontrovers diskutiert.

Roger Staub, BAG SchweizRoger Staub entgegnete auf Salzbergers Risiko-Betrachtungen, für Public Health sei es wesentlich, Gleiches mit Gleichem zu vergleichen. Hier falle doch zunächst das Fehlen jeglichen Berichts von belegten Infektionen (unter den von der EKAF betonten Bedingungen) in den vergangenen Jahren auf. Das Einzelfall-Risiko bei Kondombenutzung bezifferte er auf 1 : 30.000 – angesichts dieses Einzelfall- Risikos verstehe er die Aufregung um ein Risiko von 1 : 100.000 (Infektiosität bei erfolgreicher Therapie und keine STDs) überhaupt nicht.

Salzberger betonte in einer Replik, auch er erachte die von der EKAF veranschlagte Risiko-Einschätzung von 1 : 100.000 als ‚gute Obergrenze‘, die Berechnungen halte er für zutreffend. Es gebe aber eben in Form von Kondomen eine breit und preisgünstig verfügbare Möglichkeit, das Übertragungsrisiko noch einmal um den Faktor 100 zu reduzieren. Auch er sehe, dass es keine 100%ige Sicherheit gebe, stelle sich aber die Frage, was einzusetzen sei, um ein mehr an Sicherheit zu erhalten.

Staub betonte im Verlauf der Debatte, das Statement der EKAF ermächtige die Menschen gerade, selbst eine Entscheidung zu treffen. Es gehe darum, nicht aus der Medizin heraus eine höhere Sicherheit zu postulieren, sondern ‚das müssen die Menschen selbst machen‘. Hierzu wolle die EKAF ermächtigen, hierzu müssten Informationen und Wissen bereit gestellt werden.

Dr. Dirk Sander, DAHDr. Dirk Sander betonte, es gehe in der laufenden Debatte um Menschen – und nicht um Techniken. Es gelte zu vermeiden, jetzt wieder das Bild des ‚triebgesteuerten Homosexuellen‘ zu reaktivieren. Zudem zeigte er sich zuversichtlich, dass die Aidshilfe auch komplexere Risiken kommunzieren könne, dies haben auch Erfahrungen der vergangenen Jahre zahlreich gezeigt. Er forderte mehr Mut – die derzeit heiß diskutierten Informationen seien doch eh schon lange Teil des individuellen Risiko-Kalküls.

VielhaberAuch ’safer sex‘ beinhalte ein Risiko, sei keinesfalls die ‚Null-Risiko-Alternative, für die sie gerne gehalten werde, betonte Bernd Vielhaber. Dieses Risiko sei nur bisher kaum kommuniziert, wahrgenommen worden. Statt mit Angst auf die jetzigen Veränderungen zu reagieren, wäre es doch produktiver, nach vorne zu denken und proaktiv in die Diskussion einzusteigen.

Im Verlauf der anschließenden Diskussion (mit Publikumsbeteiligung) wurden die Unterscheide zwischen der medizinischen / Behandler-Perspektive und der epidemiologischen / public health- Perspektive nochmals deutlich. Beide Sichtweisen anzunähern, wo möglich zu vereinen sei auch zukünftig eine Herausforderung.
Podiumsdiskussion Kondomverzicht?Erfahrungen public-health- und Aids-Debatten der letzten 20 Jahre zeigen, dass es möglich ist, die anstehenden Fragen in konkrete und vor Ort verständliche Präventionsbotschaften umzusetzen – die Frage sollte mit Zuversicht statt Skepsis angegangen werden.
Erforderlich sei jetzt allerdings eine zwar engagierte, aber unaufgeregte Diskussion, war einhellige Meinung.

Vernazza wies abschließend darauf hin, dass die EKAF im Juni ein ‚closed meeting‘ organisieren werde, bei dem Wissenschaftler und Regierungsvertreter unterschiedliche Auffassungen wie auch Gemeinsamkeiten und Ziele diskutieren würden. Die Gemeinsamkeiten würden überwiegen, zeigte er sich zuversichtlich.

unsichere 20 Prozent

Einer von fünf Positiven, sprich 20% verwende nie Kondome, heißt es aufmerksamkeitsheischend in einem Bericht. Allein, die Schlagzeile bewegt sich auf dünnem Eis …

Wie mit Studien, der Interpretation ihrer Ergebnisse und der Berichterstattung darüber Manipulation betrieben werden kann, hat gerade TheGayDissenter aufgezeigt in seinen Artikeln über multiresistenten Staphylococcus aureus (MRSA), der bei Schwulen angeblich 13mal häufiger auftrete.

20% der Positiven immer unsafe? – auch die meist um Seriosität bemühte Site NAM titelte „einer von 5 HIV-positiven Patienten in New York gibt an, nie ein Kondom zu verwenden“ (Artikel in englischer Sprache).

20% aller Positiven verwendet nie ein Kondom – tut sich da ein neuer Skandal auf? Ein Fünftel? Aller New Yorker Positiven? Nie mit Gummi?

Wie kommen solche Zahlen zustande?
Blickt man ein wenig tiefer in die Veröffentlichung, relativiert sich das Bild schnell: interviewt wurden 198 (!) Patienten zweier (!) Kliniken im Rahmen einer Studie im Jahr 2004. Drei Viertel (!) der Teilnehmer waren Latinos; 36% (!) waren Männer, die Sex mit Männern haben (MSM).

Von diesen 198 Teilnehmern berichteten 65%, sie seien in den vier Wochen vor der Befragung sexuell aktiv gewesen. Von diesen (mit sexueller Aktivität in den vergangenen 4 Wochen) gaben insgesamt 19% an, sie würden niemals ein Kondom benutzen.
19%, tatsächlich beinahe ein Fünftel. Doch – was heißt das? 65% von 198 ergibt 129 Personen. Von diesen wiederum 19% = 24,5.

Die Zahlen bedeuten also: von 198 Studienteilnehmern gaben absolut 25 Männer und Frauen an, niemals beim Sex ein Kondom zu verwenden.

Schätzungen der CDC gehen für Ende 2005 von über 100.000 Menschen aus, die in New York mit HIV oder Aids leben.
Ob 198 bzw. 129 Personen für alle New Yorker HIV-Positiven repräsentativ sein können, ob diese zwei Kliniken (an denen die Befragung ja nur stattfand) tatsächlich ein Abbild der Situation in ganz New York sind, ob Zugehörigkeit zu ethnischen Gruppen, Altersverteilung, Geschlecht oder sexuelle Orientierung repräsentativ sind, all diese Fragen werden nicht einmal angesprochen.
Geschweige denn, dass hinterfragt wird, ob ein Interview mithilfe eines Computers denn tragbare Ergebnisse liefert, zumal wenn den Teilnehmern gesagt wird, die Ergebnisse würden ihrem Arzt mitgeteilt …

Aus diesen 25 Personen wird dann auf über Hunderttausend Positive geschlossen und die Schlagzeile gemacht, einer von fünf Positiven New Yorks verwende nie Komdome … wahrlich eine Schlagzeile auf dünnem Eis … die sicher nicht für weitere Argumentationen taugt. Und dennoch die Gefahr heraufbeschwört, genau hierfür benutzt zu werden.

Gerade in Zeiten in denen über neue Wege in der Prävention nachgedacht wird, sollte sorgsam mit Zahlen umgegangen werden. Und immer einmal wieder gerade bei sensationsheischenden Schlagzeilen geprüft werden, wie mit welchen Zahlen umgegangen wird.
Irgendwie erinnert mich das an den alten Satz, der mir schon in Statistik-Vorlesungen ständig um die Ohren flog. Sie wissen schon, „traue niemals einer Statistik, die du nicht selbst …“

Dann flutscht’s auch mit dem Nachbarn – Gleitgel im Test

„Mehr Spaß und schmerzfreier Sex: Gleitmittel erleichtern das Liebesleben“ – so kündigt test.de seinen großen Gleitmittel-Test an.

Den kompletten Test gibt’s hier.
Die Test-Übersicht (mit den wichtigsten Testergebnissen, sowie der Aussage, welche Gele denn wie viel kosten pro Gramm) gibt’s unentgeltlich hier.

Nachtrag 22.12.2007: ein besonderer Tipp von The Gay Dissenter (nicht nur zu Weihnachten): J-Lube -das Gleitmittel für Tierärzte

Nachtrag 3.7.2008:  Clamix empfiehlt das ‚Landeier-Gleitgel‘ (aus deutschen Landen frisch auf den … 😉 )