CSD Duisburg: Absage des Auftritts umstrittener Band – Aids-Verschwörungstheorien auf Duisburger CSD ? (akt.3)

Bekommen Aids-Verschwörungstheorien ein Podium auf dem Duisburger CSD? Eine dort eingeladene Band verbreitet Kritikern zufolge homophobes Gedankengut – und Aids- Verschwörungstheorien.

Aufregung in Duisburg: Homophobe Musik auf dem CSD? Und dazu eine Prise Aids-Verschwörungstheorien?

Am 28. Juli 2012 findet der Duisburger CSD mit einem Straßenfest auf dem Averdunkplatz statt. Die auf dem Duisburger CSD eingeladene Duisburger Band „Die Bandbreite“ macht Meldungen zufolge im neu veröffentlichten Lied „Aids“ die US-Regierung für die Verbreitung von HIV verantwortlich, berufe sich dabei auf ihrer Internetseite auf einen antisemitischen Autor. In dem Song wird u.a. formuliert, „dat die Geschichte von Aids ne Lüge ist“.

Auf ihrer Website betont ‚Die Bandbreite‘:

„Vorlage für den Song “AIDS”, der auf unserem aktuellen Album “Reflexion” erschienen ist, war neben der Broschüre des Wissenschaftsjournalisten Christoph Klug “AIDS in Afrika” auch das Buch “Die geplanten Seuchen” von Wolfgang Eggert“.

Und ergänzt

„Unserer Meinung nach bieten wir mit unserem jüngsten Clip die wahrscheinlich plausibelste Theorie für den Ursprung des Immunschwäche-Virus an“.

Die „bei Rechten und bei Teilen der deutschen Linken beliebte“ Band (wie das ‚Neue Deutschland‘ schreibt) sei ansonsten eher „auf den Fes­ti­vals der Ver­schwö­rungs­szene zu Hause“, meint Martin Wassermann, Berliner Blogger („reflexion“).

Plakat des CSD Duisburg 2012
Plakat des CSD Duisburg 2012

Der CSD Duisburg wird organisiert vom Verein ‚DU GAY‘, der initiiert wurde vom „Arbeitskreis Duisburger Lesben und Schwule e.V.“ (AkDuLuS). Ihm war ein als homophob kritisiertes Lied der Band vorher bekannt. Dies verteidigte der Arbeitskreis mit dem Hinwies auf eine internationale Auszeichnung, es sei eine Persiflage, kein Aufruf zu Homophobie. „Wir freuen uns, dass „die Bandbreite“ in diesem Jahr beim CSD Duisburg auftritt“.

Das erst vor kurzem veröffentlichte Lied „Aids“ hingegen sei dem Arbeitskreis bei Einladung der Band nicht bekannt gewesen.

Dietmar Heyde, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Duisburg / Kreis Wesel lehnt den Inhalt des Liedes ab, distanziert sich gegenüber regionalen Medien klar. Für die Prävention sei der Song ‚massiv kontraproduktiv‘.

Der Journalist Marcus Meier, der kritisiert dass auch Linke die Band ’salonfähig‘ machten, betont im ‚Neuen Deutschland‘:

„Die Vorwürfe gegen ‚Die Bandbreite‘ sind seit Langem manifest: Immer wieder greift die Band verschwörungstheoretische Thesen auf und vermengt sie mit links wirkenden Parolen.“

Die ‚Linke queer NRW‘ fordert den Duisburger CSD auf, die Band auszuladen:

„Ein Fest von Schwulen und Lesben für Schwule und Lesben darf einer Band wie der „Bandbreite“ keine Bühne für rechte, homophobe und antisemitische Verschwörungstheorien bieten. ‚DU Gay e.V.‘ sollte sein Programm für den diesjährigen CSD von daher dringend überdenken und „Die Bandbreite“ ausladen.“

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Aktualisierung
28.06.2012, 14:45: In der ‚Zeit‘ hat der Genetiker Erhard Geißler bereits 2010 ausführlich diese Verschwörungstheorie seziert. „In einem Artikel in der sowjetischen Literaturnaya Gazeta wurde am 30. Oktober 1985 behauptet, der Erreger sei im Biowaffeninstitut der US-Armee in Fort Detrick im Rahmen der Biowaffenforschung entwickelt worden. … Das griff unter anderem ein eloquenter DDR-Wissenschaftler auf. … Segal behauptete, das Erbmaterial des Aids-Erregers sei von Geningenieuren in Fort Detrick konstruiert worden. Diese Hypothese strotzte vor Irrtümern und Fehlkalkulationen.“
Geißlers Resümee: „eins ist sicher: Die Aids-Erreger sind natürlichen Ursprungs. Sie sind nicht in Fort Detrick oder einem anderen Genlabor von Menschenhand konstruiert worden.“
Erhard Geißler: ‚Verschwörungstheorien: Der Mythos vom Ursprung des Aids-Virus‚, Zeit 14.01.2010 [danke an Holger für den Hinweis!]

09.07.2012, 19:40: Der umstrittene Auftritt der Band ist abgesagt, die Band wurde von den Initiatoren wieder ausgeladen. Dies meldet queer.de wie auch die WAZ. Eine angekündigte ausführliche Stellungnahme des Veranstalters steht noch aus.

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weitere Informationen:
WAZ 27.06.2012: CSD Duisburg: Aids- und Nazi-Song der Bandbreite spalten Homosexuelle vor dem CSD
„Stellungnahme des „DU Gay e.V.“ zum Auftritt der Band „die Bandbreite“ auf dem CSD Duisburg 2012″ 20.06.2012 auf Facebook
DieLinkequeer NRW 21.06.2012: „Die Bandbreite“: Homophobe Paranoia-Band tritt beim Duisburger CSD auf
reflexion 21.06.2012: Der Auftritt
heise 13.10.2003: AIDS, der Mossad und Idi Amin
Neues Deutschland 20.06.2012: Wie links ist Paranoia? – Politpop-Band »Bandbreite« ist beliebt bei Rechten – und bei Teilen der deutschen Linken
Die Bandbreite 29.05.2012: Videoclip ‚Aids‘
Steven Milverton 28.06.2012: Homosexuelle Spaltpilze
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HIV-Alarm? Infektionswelle? Und was sagt meine Oma dazu?

„HIV-Alarm“, gellen die Schlagzeilen. Was ist da los? Die Leserin, der Leser mag (soll?) erschrecken – was ist denn jetzt wieder los? Drohen neue Infektionswellen, gar ein Rückfall in die furchtbaren alten Aids-Zeiten? Ist es schon wieder so furchtbar? Schauen wir einmal nach …

HIV-Alarm in St. Gallen„, gellt es aus dem Internet-Nachrichten des Schweizer Fernsehens, „Präventionsstellen in Sorge“. „Deutlich mehr HIV-Infektionen“ berichtet das St. Galler Tageblatt, der ‚Bote der Ur-Schweiz‘ hingegen erkennt nüchtern eine „Häufung von HIV-Infektionen in St. Gallen“.  Ein „neuer Infektionsherd“ lauert, sorge laut Schweizer Fernsehen „für Schlagzeilen“. Es muss also tatsächlich schlimm sein. Vielleicht sehr schlimm? Es sieht so aus. „Überdurchschnittlich viele HIV-Ansteckungen in St. Gallen„, vermelden die TV-Nachrichten des gleichen Senders.

Hören wir genauer hin, lesen wir nach, halten wir inne.

Wer ist betroffen? „Auffällig viele homosexuelle Männer“ seien es, melden die TV-Nachrichten. Und, schlimmer noch, es geht um Männer die sich teiweise „bei männlichen Prostituierten angesteckt“ hätten. Waren da etwa gewissenlose Stricher am Werk? Und unschuldige Opfer, die mit HIV infiziert wurden? Eine Meldung immerhin, die das Kantonsspital später korrigiert – genauer dementiert und in das Gegenteil korrigiert (ohne dass die Pressemeldung des Kantons korrigiert wurde): „Im Bericht von SF-DRS wird gesagt, dass eine Quelle für diese Infektionen ein Mann sei, der sich prostituiere. Dies entspricht aber nicht unseren Informationen. Wir wissen, dass mindestens ein Mann, der Sex gegen Geld anbietet, auch Opfer dieser Infektionswelle geworden ist. Den umgekehrten Weg haben wir bisher nicht nachgewiesen bei diesen neu diagnostizierten Personen.“

Wer schlägt Alarm? Besorgte Präventions-Arbeiter, oder eine lokale Aids-Hilfe? Irritierte oder hilflose Patienten? Besorgte Krankenkassen? Nein,keiner davon. „Die Staatskanzlei im Kanton St. Gallen schlägt Alarm“, berichtet der TV-Beitrag. Die Staatskanzlei.

Und worum geht es? Genau, es geht, wie es das Kantonsspital vermeldet, um „Handlungsbedarf“. „Der [Kantons-; d. Verf.] Arzt bietet darum in der Schwulenszene von St. Gallen derzeit Tests vor Ort an“, berichten die Nachrichten, „mobile Teams in Saunas, Bars und Discos“. Das Kantonsspital meldet auch den Hintergrund: „Grund für die Information waren die Ergebnisse der Abklärung von frischen HIV Diagnosen in diesen Wochen. Es zeigte sich nicht nur, dass ein grosser Teil der neuen Diagnosen auf eine kürzlich zurückliegende Infektion zurückzuführen sei, sondern auch dass ein grosser Teil der frisch infizierten Personen mit demselben Virus angesteckt wurden.“ Auch hier wieder: „viermal mehr Patienten“ werden beklagt.

Aber – wie viele Menschen sind denn nun von dieser „Welle“ betroffen in St. Gallen? Der TV-Beitrag weiß zu berichten von „deutlich mehr“ Ansteckungen. Und die TV-Nachrichten konkretisieren „Viermal mehr Personen als im Vorjahr“ seien betroffen. Viermal so viele, das sieht schlimm aus, sehr schlimm. Und der St. Galler Chefarzt befürchtet sogar, „dass sich noch weitere Männer angesteckt haben“. Die Zahlen können also steigen, immer weiter steigen. Das klingt ganz furchtbar.

Schauen wir einmal in die Zahlen. Schließlich schlagen die Nachrichten doch Alarm, sprechen vone einer Infektionswelle, die duch St. Gallen rolle. Um wie viele HIV-Neudiagnosen geht es denn? Moment – die Zahlen werden ja in den Berichten zunächst gar nicht genannt. Viermal so viel – das klingt gewaltig, es muss schlimm hergehen in St. Gallen. Aber – viermal so viel von was, von welchem Ausgangswert? Haben sich in St. Gallen gerade Hunderte, womöglich Tausende mit HIV infiziert?

Die Medienbrichte basieren auf einer Pressemitteilung des Kantons St. Gallen „Gehäufte HIV-Infektionen in der Ost-Schweiz„. Auch hier ist die Rede von „deutlich mehr HIV-Infektionen“ (und, nebenbei, wieder und bisher unkorrigiert vom „Umfeld von käuflichem Sex“). Es folgen Verweise auf Safer-Sex-Regeln und den HIV-Test – aber keine konkreten Zahlen. Wir bleiben ratlos. Zumal auch das Kantonsspital auf seiner Seite von „viermal mehr Patienten“ spricht – aber keine absoluten Zahlen nennt.

Dann suchen wir einmal die Zahlen. Nach den grellen Schlagzeilen blendet der TV-Beitrag kurz eine Grafik ein, eine Grafik des Kantonsspitals „Neueintritt ambulanter Patienten mit HIV-Infektion“. Bei genauerem Betrachten (die Stop-Taste hilft) ist zu erkennen: im vergangenen Jahr wurden am Kantonsspital St. Gallen pro Monat durchschnittlich ein bis fünf  neue HIV-Patienten aufgenommen (im Januar 2011 vier; über das Jahr durchschnittlich drei). Im Januar 2012 aber „ist die Zahl explodiert“ – es kamen 13 neue HIV-Patienten. 13 – einzig noch DRS1 regional vermeldet diese absolute Zahl in einer kurzen Notiz.

Einen HIV-Test zu propagieren, gerade wenn es risikobehaftete Sitautionen oder Konstellationen gegeben hat, das mag gut und sinnvoll sein. Aber – rechtfertigt das alarmistische Schlagzeilen von „HIV-Alarm“ und „Infektionswelle“?

Oder ertönt hier ‚Begleit-Musik‘, gar ein Ablenkungs-Manöver? Schließlich wird in St. Gallen gerade auch eine Klage verhandelt, Ehemann und Tochter einer an den Folgen ihrer HIV-Infektion verstorbenen Frau verklagen eine Ärztin, die Unterlassung eines HIV-Tests während der Schwangerschaft habe den Tod der Frau verursacht; sie fordern 1,5 Mio. Schweizer Franken Schadenersatz.

Wurden große Schlagzeilen produziert, um ‚mal wieder in den Medien zu sein‘? Oder ‚um auch mal was mit MSM zu machen (und nicht mit serodifferenten heterosexuellen Paaren)? (Was, nebenbei, die Frage aufwirft, warum werden nun zwar Schwule (MSM) angesprochen, sich auf HIV testen zu lassen – nicht aber die Sexworker (Stricher), die gezielt mit in die Berichte eingebracht wurden?)

Viele Frage. Es bleibt der bittere Eindruck von effekthascherischen Schlagzeilen, die die Frage nach dem Grund aufwerfen.
Mir kommen Erinnerungen an den „Schock zu Neujahr: Tausende absichtlich mit HIV infiziert – oder doch nicht?

Ohne einen Anstieg der Zahlen verharmlosen zu wollen – mich erinnert diese Art, Schlagzeilen zu generieren an meine Oma.
Die hätte, wenn jemich kleine Zahlen gaaanz gross aufgeblasen hätte, gesagt „Junge nun hör mal auf aus einer Mücke einen Elefanten zu machen“, und ergänzt „nun laß mal die Kirche im Dorf“.


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Nachtrag:
27.02-2012, 10:15: „HIV-Massentests für Schwule“ kündigt die NZZ an. „Die schnelle Verbreitung des HI-Virus in St. Gallen hat mit dem sexuellen Verhalten von schwulen Männern zu tun.“

Schock zu Neujahr: Tausende absichtlich mit HIV infiziert – oder doch nicht? Über Schlagzeilen und Wahrheitsgehalt

„Irrer Ami steckte Tausende mit HIV an“, mit dieser grellen Schlagzeile schreckt die Zeitung mit den grossen Buchstaben und dem fragwürdigen Verhältnis zur Wahrheit ihre Leser/innen ins Neue Jahr. Und erläutert „Seine kranke Mission: So viele Personen wie möglich zu infizieren und so umzubringen.“

Ein 51jähriger (mit vollem Namen genannter und mit Foto abgebildeter) Mann aus dem US-Bundesstaat Michigan solle, so das Blatt, seit drei Jahren versucht haben, „durch absichtlich ungeschützten Sex“ Tausende mit HIV zu infizieren. Über das Internet habe er sich „an seine ahnungslosen Opfer herangemacht“, „junge Frauen und … auch Männer“.

Einem weiblichen „mutmaßlichen Opfer“ gegenüber, das sich in einem US-Fernsehsender geäußert hat, habe er zugegeben, „dass er mit 3000 Frauen und Männern ungeschützten Sex hatte“.

Das ist ja fürchterlich! Wir erschrecken maßlos, sind angewidert, fassungslos – oder?
Halten wir inne, denken ein wenig nach. Nur ein klein wenig.

Überlegen wir einmal:

  • Drei Jahre – das macht 1.095 Tage. Der Mann müsste also, sollte er tatsächlich wie behauptet innerhalb der letzten 3 Jahre „Tausende infiziert“ haben, täglich mehrmals Sex gehabt haben, und das jeden Tag, sonn- wie werktags, ohne Unterbrechung, ohne Krankheit, ohne Tage sexueller Untätigkeit.
  • Doch nicht nur das, jeder Sex-Kontakt müsste auch gleich zur Übertragung von HIV geführt haben.
  • Dass dies nicht der Fall ist, bemerkt sogar das Blatt selbst: „er ist in zwei Fällen angeklagt, in denen es ihm allerdings nicht gelang, das lebensgefährliche Virus zu übertragen.“
    Eine HIV-Übertragung erfolgt nicht etwa bei jedem ungeschützten Sex – der Mann hätte, um wie behauptet „Tausende mit HIV angesteckt zu haben“ wohl mit Zehntausenden Sex haben müssen, innerhalb von drei Jahren. Was selbst bei großer Promiskuität eine beachtliche Leistung wäre.
  • Und – vergessen wir nicht, zu einer sexuellen Übertragung von HIV gehören immer (mindestens) zwei Personen. Zwei Personen, die beide keine Schutz-Vorkehrungen wie zum Beispiel die Verwendung von Kondomen ergreifen. Beide sind hierfür verantwortlich – nicht allein eine etwaig mit HIV infizierte Person.
  • Denn – ob der US-Amerikaner tatsächlich mit HIV infiziert ist, oder nur HIV als Vehikel für eine grossspurige Wichtigtuerei nimmt, verschweigt der Artikel ebenfalls.
  • Ganz außer Acht gelassen haben wir dabei bisher die Frage, ob der HIV-Positive antiretrovirale Medikamente nimmt – dies hätte wie bekannt im Fall erfolgreicher Therapie das Risiko einer HIV-Übertragung drastisch gesenkt (siehe „keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs„).

Eine letzte Frage noch: wie viele Menschen hat er nun infiziert?
„Bislang wurden zwei seiner Opfer identifiziert“, vermerkt der Artikel an unauffälliger Stelle mitten im Text. Sind es genau die zwei Fälle, in denen es – wie der Artikel ebenfalls vermerkt – „nicht gelang“, HIV zu übertragen?
Es bleiben – statt der behaupteten „Tausende“ zwei bis null Fälle einer HIV-Übertragung. Und eine grelle Schlagzeile, von deren überprüfbarem Wahrheitsgehalt wenig bleibt.

Ist eine aufmerksamkeitsheischende schreiende Schlagzeile alles wert?

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Nachtrag:
Immer wieder werden Geschichten von absichtlichen HIV-Infektionen und Horror-Zahlen kolportiert. Bei genauem Nachsehen erweisen sie sich fast immer als substanzarm oder substanzlos.
Schon ZDFneo suchte vergeblich nach Männern, die andere Männer absichtlich mit HIV infizieren wollen – und fand nichts. Es blieb damals Bugchasing: viel neo-Lärm um nichts.
Die gerne behauptete ’neue Sorglosigjkeit‘ ist längst als Mythos entlarvt. Ebenso ein Mythos: die Geschichten vom verantwortungslosen Positiven.
Und auch die ‚Ausrede‘ der vermeintlich guten (präventiven) Absicht greift nicht, denn längst ist gezeigt: Schock-Prävention wirkt nicht.

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Bild.de 01.01.2012: ‚Er wollte mit AIDS töten – Irrer Ami steckte Tausende mit HIV an‘
dailymail 31.12.2011: „‚I’m turning myself in, my life is over‘: HIV-positive man ‚infected hundreds‘ after setting out to pass on virus to as many as possible“

Kontexte von HIV-Neuinfektionen bei schwulen Männern

Eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlers Michael Bochow beschäftigt sich mit der Frage, in welchen Kontexten heute HIV-Neuinfektionen bei Schwulen stattfinden Die Untersuchung ist jetzt in der Reihe ‚Aids-Forum DAH‘ erschienen.

In welchen Kontexten infizieren sich heute schwule Männer mit HIV? Und wie kann Prävention darauf reagieren? Ist die starke Fokussierung einzig auf Kondome heute noch zeitgemäß, oder ist eine Anpassung von Präventionsstrategien erforderlich?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich eine vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unterstützten Untersuchung. Der Sozialwissenschaftler Dr. Michael Bochow (WZB) führte hierzu 30 leitfadengestützte biographische Interviews mit frisch mit HIV infizierten Schwulen durch. Er arbeitete fünf Typen heraus und kam zu Empfehlungen für Prävention und Beratung.

„Die Untersuchungsgruppe kann im Hinblick auf das Alter, die Herkunft, die Bildungsabschlüsse und die Lebensstile der Befragten als heterogen bezeichnet werden. Im kontrastierenden Fallvergleich hat der Autor fünf Typen aus dem Material herausgearbeitet und zahlreiche Empfehlungen für die Prävention und Beratung erarbeitet. Die Kontexte, in denen Risikokontakte stattfinden, sind vielschichtig.“ (DAH)

Die Untersuchung räumt, so die DAH, auch mit Mythen wie denen vom „verantwortungslosen Schwulen“ oder um so genanntes ‚Bugchasing‚ auf:

„Kein einziges Interview verweist auf einen Infektionshintergrund, der durch intentional praktiziertes „barebacking“ bestimmt ist.“

Dr. Michael Bochow (Foto: WZB)
Dr. Michael Bochow (Foto: WZB)

Der Sozialwissenschaftler Dr. Michael Bochow befragt seit 1987 [wie schon seit 1985 Michael Pollok in Frankreich] schwule Männer zu ihrem Sexualverhalten vor dem Hintergrund von HIV und Aids (zuletzt: „Schwule Männer und HIV/Aids – Lebensstile, Szene, Sex 2007„). Bochow ist auch beteiligt an der europaweit größten Befragung über HIV, andere sexuell übertragbare Infektionen und ihr Safer-Sex-Verhalten EMIS.

Bochow arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in der Forschungsgruppe Public Health und hat dort u.a. den Forschungsschwerpunkt „HIV/AIDS-Prävention für für homo- und bisexuelle Männer und Migranten mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten“.

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weitere Informationen:
Michael Bochow: „Kontexte von HIV-Neuinfektionen bei schwulen Männern“.
Aids-Forum DAH Nr. 59, Deutsche Aids-Hilfe
Direktlink zu Download und online-Bestellung
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Bugchasing: viel neo-Lärm um nichts

‚Bugchasing‘ – die erste Folge der neuen Reihe „Wild Germany“ auf ZDF neo befasste sich am 12.2.2011 mit Menschen, die behaupten sich absichtlich mit HIV infizieren zu wollen. Und fand keine.

Samstag, 12. Februar 2011,22:15. Der ZDF-Kanal ’neo‘ startet eine neue Reportage-Reihe „Wild Germany“. Thema der ersten Folge der neuen Reihe: HIV – oder genauer Menschen, die behaupten, sich absichtlich mit HIV infizieren zu wollen: „Manuel Möglich will wissen, ob dieses Phänomen wirklich existiert und was einen gesunden Mann dazu bringen kann, todkrank sein zu wollen“, hatte ZDF neo seine Sendung über ‚bugchasing‘ angekündigt.

Der journalistische Anspruch war in der Ankündigung hoch gehängt: „Manuel Möglich begegnet seinen Gegenübern auf Augenhöhe, ohne die journalistische Distanz zu verlieren“, hatte ZDF neo angekündigt. „Die Reportagen sind mehr als ein Szeneeinblick, sie sind vielmehr ehrliche Porträts von Deutschlands Städten und Dörfern. Darin werden Menschen und ihre Geschichten so gezeigt, wie sie sind.“ (Quelle)

Die 30-minütige Sendung beginnt mit einem kurzen Interview mit Dr. Uli Marcus (Robert-Koch-Institut). Er bemüht sich, potentielle Motive für ‚Bugchasing‘ zu erläutern, das Phänomen und mögliche Beweggründe verständlicher zu machen.

Dann geht es ab ‚auf die Piste‘ – in schwules Tag- und Nachtleben, auf der Suche nach dem unbekannten Bugchaser. Berichte aus der Schwulen-Szene in Berlin und in Leipzig – mit Kommentaren wie „sie spielen russisches Roulette“ und „es geht um Leben und Tod“.

Claude wird interviewt, ein HIV-positiver schwuler Mann aus Berlin, der offen und reflektiert über sein Sexleben berichtet. Anschließend kommentiert der Reporter, der eben noch so verständnisvoll war, voller Entrüstung „Claude ist aidskrank und veranstaltet trotzdem [sic!] Sexparties“.

Weiter geht es nach Leipzig. Nach Gesprächen mit zwei Leipziger Schwulen der Versuch, eine schwule Sexparty zu besuchen. Angezogen und mit Kamera wird der Zutritt verwehrt – der Reporter zieht sich aus, um doch auf die  Sexparty zu kommen, ohne Kamera. Wieder heraus, berichtet er der Kamera. Er habe sich „völlig verängstigt“ gefühlt, sei „schockiert“. Er wäre in einem „echt fiesen Keller“ gewesen, dort wären „alle völlig nackt“ und „komplett rasiert, jeder zweite mit nem Cockring“. Ein Gast habe sich „fies einen runtergeholt“ – immerhin, „ich bin nicht direkt angegrabbelt worden“.

Am nächsten Tag besucht der ‚Reporter‘ mit Wirt und Kamera den gleichen Laden tagsüber, ohne Gäste. Die Kamera zeigt einen Gyn-Stuhl, dann einen Sling – mit begleitender Grusel-Musik und einem verzweifelt dreinschauenden Reporter, der von „Geisterbahn-Feeling“ spricht. „Bezahlen um HIV-positiv zu werden“, kolportiert der ‚Bericht‘ via Interview gen Schluss noch Kneipen-Gerüchte über Freier, die Sex mit positiven Sexworkern suchen, verkauft sie unhinterfragt als bare Münze.

Und das Resümee?
„Fakt ist, Bugchaser gibt es“ wird drohend konstatiert. Sexparties werden pauschal als ‚Motor der Infektion‘ bezeichnet und ‚Realtitätsverlust‘ bei Schwulen konstatiert. Auf Basis zweier kurzer und bei weitem nicht repräsentativer kurzer Blicke in Ausschnitte vom schwulem Leben stellt der Reporter entrüstet fest: „HIV und Aids scheinen ihren Schrecken völlig verloren zu haben – Wahnsinn!“

Einen „bugchaser“ allerdings, Thema der Sendung, hat der Reporter letztlich nicht finden können. Kein Wunder, mag der halbwegs Informierte denken – schließlich sind Experten sich seit langem einig, dass es sich hier – wenn überhaupt existierend – aus epidemiologischer Sicht um ein absolutes Rand-Phänomen handelt. Was in der ‚Reportage‘ (trotz interviewtem Epidemiologen) jedoch nicht gesagt wurde. Warum nicht?

Kein ‚bugchaser‘ also. Weil der Film aber nicht ohne Pseudo-Skandal auskommen kann, wurde ein anderer Aufhänger, Aufreger gesucht. Nur wo? Zusammengefasst: der Reporter scheint, den Eindruck kann man als Zuschauer gewinnen, den dann eigentlichen Skandal darin zu sehen, dass HIV-Positive Sex haben. Und dass sie auch Sex mit ungetesteten oder HIV-negativ getesteten Sexpartnern haben.

Nur – worin soll der Skandal liegen, wenn Menschen miteinander einvernehmlich Sex haben? Der Reporter nimmt vorgreifend schon zu Beginn die Gesundheitsökonomie zu Hilfe – die monatlichen Behandlungskosten im Fall einer Infektion. Worin die Konsequenz seines Gedankengangs letztlich liegt, lässt er unausgesprochen. Der Zuschauer kann (soll?) sich seinen Teil denken: soll ‚denen‘ vielleicht doch einfach der Sex verboten werden?

Nach der Sendung standen zwei Experten der Aids-Hilfe Mainz im Chat für Fragen zur Verfügung. Welche Fragen sie wohl gestellt bekamen?

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‚Bugchasing‘ – Menschen, die sich wissentlich, absichtlich mit HIV infizieren (oder als vermeintliche ‚Pozzer‘ andere infizieren) – diese ‚urbane Nachtleben-Legende‘ wird immer wieder gerne von gewissen Medien hervorgeholt.

Mythen zu thematisieren bringt potentiell Aufreger – und Quote. Wie den zu jedem Welt-Aids-Tag fast ritualhaft wieder hervorgekramten Mythos der ’neuen Sorglosigkeit‘ (Sorglosigkeit? Fehlanzeige!)). Oder eben den Mythos von verantwortungslosen Positiven und den Mythos von verantwortungslosen Schwulen. Aber – machen diese Mythen auch seriösen Journalismus aus?

Menschen zu zeigen „so wie sie sind“ und „ohne die journalistische Distanz zu verlieren“- ist die Sendung ihrem selbst gewählten Anspruch gerecht geworden? Oder hat die ‚Reportage‘ eher ein Zerr-Bild von HIV-Positiven und allgemein von schwulen Männern gezeichnet, das mit der Realität äußerst wenig zu tun hat? Sich gar am Stricken von Virus-Mythen beteiligt?

Muss sich die Reportage zudem fragen lassen, ob sie letztlich unterschwellig homophobe Hetze gegen Schwule betreibt?

Der ‚Reporter‘ bemüht sich, auf seine Interviewpartner einzugehen – solange sie ihm gegenüber stehen. Aus dem Off kommen hinterher Kommentare wie ‚Claude ist es egal, ob andere sich infizieren‘ – obwohl Claude sich abwägend, überlegt geäußert hat. Der Reporter geht – in Unterhose, Respekt, mit Einsatz für die Recherche – auf eine Sex-Party. Und ist hinterher entrüstet über nackte Männer – was hat er erwartet, auf einer Sexparty?

Zudem, bei allem Bemühen um den Eindruck von Verständnis, der ‚Reporter‘ vermag sich seiner eigenen Meinung in der konkreten Situation oft nicht zu enthalten –  „totaler Irrsinn“ kommentiert er direkt in der Situation. Dies scheint zum Konzept der Reihe zu gehören. Und wirkt doch nur wie billige Effekthascherei, verbunden mit viel ‚erhobenem Zeigefinger‘.

Werden hier Interviewpartner um Stellungnahme gebeten aus ehrlichem Interesse, um ein Thema zu ergründen – oder werden sie vorgeführt, ‚ausgebeutet‘ als Staffage für eigene schon vorher geplante Aussagen oder Werturteile (‚exploitation‚)? Ist dies tatsächlich investigativer Journalismus? Oder nur eine weitere Form von ‚Provo-Infotainment‘? Letztlich auch auf dem Rücken von Schwulen und von HIV-Positiven?

Serophobie, unreflektierte Angst vor Positiven – dies zu schüren, der Verdacht bleibt nach dieser Sendung.

Serophobie, die zudem noch den Beigeschmack der Homophobie hat – kann (soll?) der Zuschauer doch den Eindruck gewinnen, die jährlich ca. 3.000 Neuinfektionen mit HIV in Deutschland fänden ‚freiwillig‘ statt, wissentlich und gar absichtlich. Diese verantwortungslosen Schwulen … dies suggeriert meines Erachtens der Film nur notdürftig verhüllt. Nicht nur Serophobie, dunkelste Homophobie scheint durch.

Was bleibt als Resümee der ‚Reportage‘? Kein Erkenntnisgewinn. Kein Bugchaser gefunden. Niemand, der sich absichtlich mit HIV infizieren will.

Es bleibt allerdings der Beigeschmack der Sendung – ‚vorgeführte‘ Interviewpartner, und gehäuft Homo- und Serophobie. Gut zumindest, dass diese Sendung nur in einem digitalen Spartenkanal zu sehen war …

Und ansonsten bleibt – viel neo-Lärm um nichts.

Bugchasing: Pozzen im ZDF

Eine neue Reportage-Sendung des ZDF-Ablegers ‚ZDF neo‘ beschäftigt sich am 12. Februar 2011 mit ‚bugchaising‘ oder ‚pozzen‘ – mit Menschen, die sich bewusst mit HIV infizieren.

ZDF neo ist ein seit November 2009 sendender digitaler Ableger des ZDF, mit dem das ZDF experimentiert, wie es wieder attraktiver für jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer werden könnte – mit teils beachtlichen, interessanten Ergebnissen.

Im Februar startet ZDF neo eine neue Reportage-Reihe, ‚Wild Germany‘. Realisiert wird diese für das ZDF vom internationalen Magazin und Medien-Unternehmen ‚Vice‘. Die erste Sendung am 12. Februar 2011 (22:15, ZDF neo) beschäftigt sich mit „bugchasing“.

Als ‚bugchasing‘ wird im englischen Sprachgebrauch häufig bezeichnet, was im Deutschen gern ‚pozzen‘ genannt wird: sich bewusst und absichtlich mit HIV infizieren. ‚Bugchasing‘ ist wenig wissenschaftlich untersucht. Eine deskriptive US-Studie an 1.228 ‚bugchasing‘-Internetprofilen auf US-Internetseiten im Jahr 2006 identifizierte 7,5% der Profil-Besitzer als HIV-negativ und tatsächlich überzeugte ‚bugchaser‘ und 0,4% (5 von 1.228) als HIV-positiv und überzeugte ‚bugchaser‘. Insgesamt kommen die Forscher zu dem Resüme

„These data suggest bug chasing and gift giving do exist; however a sizable portion of both bug chasers and gift givers were not intent on spreading HIV.“

Wie häufig dieses Phänomen in der Realität in Deutschland tatsächlich auftritt, ist nicht bekannt – oft gewinnt man den Eindruck, die mediale Aufmerksamkeit für ‚pozzen‘ oder ‚bugchaser‘ ist weitaus höher als die Realität.

ZDF neo schreibt selbst als Ankündigungs-Text zur Sendung zu ‚bugchaising‘:

„AIDS ist eine der gefährlichsten Krankheiten der Welt. In den 80ern und 90ern ist eine ganze Generation von homosexuellen Männern jämmerlich daran gestorben. Nur durch groß angelegte Aufklärungskampagnen konnte die Verbreitung verlangsamt werden. Später tauchten Gerüchte über so genannte „Bugchaser“ in den Medien auf, Männer, die sich willentlich mit dem HI-Virus infizieren lassen. Manuel Möglich will wissen, ob dieses Phänomen wirklich existiert und was einen gesunden Mann dazu bringen kann, todkrank sein zu wollen.

Als ZDFneo-Reporter begibt er sich in die Schwulenszene. Dort trifft er Claude. Er ist aidskrank, was ihn nicht davon abbringt, verhütungsfreie Sexpartys in seiner Wohnung zu veranstalten. Regelmäßig melden sich HIV-negative Männer bei ihm an, die sich von ihm anstecken lassen möchten. In Leipzig trifft Manuel Tobias und René, beide HIV positiv, die ihm die Leipziger Szene zeigen. Sie erzählen, dass sie schon andere Männer mit deren Einverständnis angesteckt haben. Zuletzt schaut Manuel sich das an, wovon er bisher nur gehört hat: die Darkrooms der Stadt, der ideale Spielplatz für Bugchaser.“

‚Vice‘-Deutschland- Herausgeber Benjamin Ruth kündigt die Reportage-Reihe „Wild Germany“ an als „eine Reise an die obszönsten Orte des Landes“ …

Der Reporter des Beitrags, ‚Manuel Möglich‘, wird als Autor oder Mitarbeiter u.a. genannt bei dem ‚Magazin für Pop-Kultur‘ Spex (2006/07), dem WDR-Radio – Ableger 1Live (2007) und der WDR-Sendung ‚Funkhaus Europa‘ (2010), war Autor in der ‚Berliner Zeitung‘ (2008) oder der ‚Zeit‚ (2010). Beiträge, die ihn als sachkundig zu HIV / Aids ausweisen, sind auf den ersten Blick nicht zu finden.

Autor des Beitrags ist Tom Littlewood, Chefredakteur der Reportage-Reihe ‚Wild Germany‘ bei ‚Vice‘.

Produziert wird die Reportage-Reihe von ‚Vice‘ (Vice: etwa: Laster, Fehler). Das 1994 in Kanada gegründete ‚Szene-Magazin‘ (früher ‚Voice of Montreal‘) hat sich längst zu einem global agierenden Medien-Unternehmen gewandelt – Magazin, Internet-TV (vbs.tv), TV-Beiträge für andere Sender. Das Print-Magazin erscheint in 26 Ländern in einer Auflage von insgesamt 1,2 Millionen Exemplaren. Die SZ schreibt über das Magazin „Jeder findet etwas, das ihn abstößt, fast jeder etwas, das ihn fasziniert. Ein Gesamtkonzept gibt es nicht.“
Die deutsche Redaktion des Magazins (2005 gegründet) sitzt in Berlin, Herausgeber in Deutschland ist Benjamin Ruth.

Zuständig für ‚Wild Germany‘ beim ZDF: Andrea Windisch, stellvertretende Redaktionsleiterin bei ZDF Neo.

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weitere Informationen:
ZDF neo 12.02.2011 22:15 Uhr: „Wild Germany – Bugchasing“
Manuel Möglich auf 1Live
SZ 28.09.2010: Erfolgsmodel: „Vice“-Magazin – Obszön geschlitzte Früchte
Christian Grov, Jeffrey T. Parsons: Bug Chasing and Gift Giving: The Potential for HIV Transmission Among Barebackers on the Internet. in: AIDS education and prevention, Dezember 2006 (abstract)
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Virus-Mythen 11: „Ein 400%iger Zuwachs an Neuinfizierungen“ – über den Umgang mit Zahlen

Mit der Verwendung von Prozent-Werten ohne Nennung absoluter Zahlen, sowie der zielgerichteten Auswahl eines Betrachtungszeitraums lässt sich vortrefflich Politik machen – wie beispielhaft ein aktueller Fall zeigt.

„400 Prozent Zuwachs der HIV-Neuinfizierungen“ konstatiert ein Aids-Hilfe-Mitarbeiter in der Provinz. „Immer mehr Neuinfizierungen“, titelt entsprechend die Lokal-Presse. Was ist los in der niedersächsischen Provinz?

„Allein in Oldenburg haben wir einen 400 prozentigen Zuwachs an Neuinfizierungen registrieren müssen“,

sagt ein Mitarbeiter der Oldenburgischen Aids-Hilfe einem Bericht in der Lokalpresse zufolge (ohne den Zeitraum anzugeben, für den dieser Anstieg erfolgt sein soll). Ein Mitarbeiter, der „seit fünf Jahren für die Oldenburgische Aidshilfe an Schulen unterwegs [ist], um Schüler über AIDS und das HI-Virus aufzuklären.“

Ein 400-prozentiger Zuwachs der HIV-Neudiagnosen? Der Leser merkt auf, staunt und erschrickt – welch seltsame, unerhörte Zustände herrschen da im niedersächsischen Oldenburg? 400 Prozent? Ist Oldenburg ein verkannter, bisher zu wenig beachteter Brennpunkt der HIV-Epidemie in Deutschland?

HIV-Neudiagnosen werden in Deutschland anonym dem Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet. Dort sind sie online abfragbar, über das Tool ‚SurvStat‘ (Surveillance Statistik). Eine Abfrage, gezielt für HIV-Neudiagnosen und den Stadtkreis Oldenburg ergibt folgendes Bild:

HIV-Neudiagnosen SKOldenburg (Quelle: RKI)
HIV-Neudiagnosen SK Oldenburg (Quelle: RKI)

Gemeldete HIV-Neu-Diagnosen nach Jahr , Deutschland, Bundesländer: Niedersachsen; Regierungsbezirke: Weser-Ems; Kreise: SK Oldenburg; Fälle entsprechend der Referenzdefinition des RKI; Datenstand: 01.01.2011

Aber – meinte der Mitarbeiter der Aidshilfe vielleicht einen größeren Bereich als den Stadtkreis Oldenburg? Das RKI gibt für den Regierungsbezirk Weser-Ems (in dem Oldenburg liegt) neben den Stadtkreisen Oldenburg und Osnabrück noch den „restlichen Regierungsbezirk Weser-Ems“:

HIV-Neudiagnosen restl. RB Weser-Ems (Quelle: RKI)
HIV-Neudiagnosen restl. RB Weser-Ems (Quelle: RKI)

Gemeldete HIV-Neu-Diagnosen nach Jahr , Deutschland, Bundesländer: Niedersachsen; Regierungsbezirke: Weser-Ems; Kreise: Restlicher RB Weser-Ems; Fälle entsprechend der Referenzdefinition des RKI; Datenstand: 01.01.2011

Die Statistiken des RKI ergeben folgendes Bild:
– Im Stadtkreis Oldenburg wurden 2009 6, 2010 7 HIV-Infektionen neu diagnostiziert. Eine Neudiagnose mehr im Jahr 2010 als im Vorjahr – ein Anstieg um 16%.
– Im Bereich „restlicher Regierungsbezirk Weser-Ems“ wurden 2009 28, und 2010 24 HIV-Infektionen  neu diagnostiziert. Ein Rückgang um15% oder 4 Fälle.
– Ein 400-prozentiger Zuwachs ist nirgends zu vermelden. Selbst nicht bei Vergleichen über Mehrjahres-Zeiträume.

Aufschluss, ob ggf. frühere Zeiträume gemeint sind, könnten vielleicht auch Zahlen des niedersächsischen Gesundheitsministeriums geben. Doch vermeldet dieses für den Postleitzahlbereich 26 Oldenburg – Wilhelmshaven – Emden – Aurich (nicht deckungsgleich mit Stadtkreis Oldenburg) bis 2006 keine drastischen Schwankungen. Und die Stadt Oldenburg teilt in einer Pressemitteilung mit:

„Gegenüber dem Vorjahr [2006 zu 2005, d.Verf.] lag die Zahl um vier Prozent höher. Auch in unserem Postleitzahlbezirk lässt sich dieser Trend beobachten, wenn auch in geringerem Maße.“

Der Anfang 2011 von der Oldenburger Aidshilfe konstatierte „400prozentige Zuwachs der HIV-Neuinfizierungen“ bleibt somit letztlich rätselhaft.

Klar wird allerdings: selbst falls zwischen 2009 und 2010 ein 400% – Anstieg der HIV-Neudiagnosen in Oldenburg stattgefunden haben sollte, dürfte sich dieser auf Basis sehr niedriger absoluter Zahlen ereignet haben. Das RKI meldet für den gesamten (!) Regierungsbezirk Weser-Ems (Stadtkreis Oldenburg, Stadtkreis Osnabrück, sowie restlicher Regierungsbezirk Weser-Ems) insgesamt 39 HIV-Neudiagnosen im Jahr 2009, und 43 im Jahr 2010. Ein Anstieg um 4 Fälle – oder 10%.

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Ein Mitarbeiter einer Aidshilfe macht im Jahr 2011 Aufklärung an Schulen. Und kommentiert die Aussage, in Deutschland herrsche „ein hohes Maß an Aufklärung“ mit „weit gefehlt“. Um dann einen „400prozentigen“ Zuwachs der HIV-Neuinfektionen für sein Gebiet zu konstatieren.

Nun mag man ja Gründe suchen, um die eigene Arbeit mit Bedeutung, mit Wichtigkeit aufzuladen. Auch, um die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler zu gewinnen. Aber – gewinnt man Aufmerksamkeit mit derartigen Aussagen? Mit einem derartigen Umgang mit der Realität? Und – sollte man sich als zuständiger Mitarbeiter auch fragen, welche Wirkungen derartige Aussagen von Horror-Zahlen vielleicht in der Öffentlichkeit haben?

Sollte man als zuständiger Journalist respektive Redakteur vielleicht gerade bei derartig drastischen Aussagen auch einen prüfenden Blick auf die Fakten werfen? Vielleicht zumindest mit einigen ergänzenden nüchternen Zahlen Aufschluss geben? Dabei HIV-Neudiagnosen und HIV-Neuinfektionen unterscheiden? Und beachten: allein relative Zahlen, Prozentwerte sagen oft wenig ohne den Blick auf die Absolut-Werte …

Oder – waren beide, Aidshilfe-Mitarbeiter sowie Journalist einfach nachlässig? Oder haben beide vielleicht gar ein gemeinsames Interesse? Das an Skandalisierung, Übertreibung, gesteigerter Aufmerksamkeit? Rechtfertigt der Zweck das Mittel?

Mit Zahlen kann man Politik machen. Fragt sich nur welche. Und es stellt sich die Frage, ab wann ein intentionaler Umgang mit Zahlen fragwürdig ist.

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weitere Informationen:
NWZ online 08.01.2011: „Immer mehr Neuinfizierungen“ – Prävention Ralf Monsees informiert Schüler über Immunschwächekrankheit HIV
Datenabfragen RKI ClinSurv am 09.01.2011
Niedersächsisches Landesgesundheitsamt 07.09.2007: HIV-Infektionen in Niedersachsen – Aktuelle Entwicklungen (pdf)
Stadt Oldenburg Pressemitteilung 28.11.2007: Steigende Anzahl von Neu-Infektionen Besorgnis erregend – Gesundheitsamt und AIDS-Hilfe legen aktuellen AIDS-Bericht vor
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Sorglosigkeit? Fehlanzeige!

‚Neue Sorglosigkeit‘? Nein, weit gefehlt – wenn junge Schwule heute nicht ihre ganze Sexualität über HIV definieren, bedeutet dies noch lange nicht Sorglosigkeit. Ein Artikel in der Times setzt sich mit einem weit verbreiteten Vorurteil auseinander.

Die „neue Sorglosigkeit“ – wie ein Mantra wird sie von einigen, die sich gerne als ‚Aids-Mahner‘ sehen, immer wieder postuliert. Obwohl die „neue Sorglosigkeit“ längst als Mythos entlarvt wurde, sowohl von Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung BZgA als auch Deutscher Aids-Hilfe DAH, wird sie immer wieder konstatiert.

Und eine der Thesen, die gern im Umfeld dieses Mythos kommen: die Generationen-Frage. Gerade die jungen Homosexuellen seien so an die Verfügbarkeit wirksamer Medikamente gewöhnt, dass Aids seinen Schrecken verloren habe, und deswegen ’neue Sorglosigkeit um sich greift‘. Manche suchten, so Spekulationen, gar bewusst eine Infektion mit HIV, seine  ‚bug chaser‘.

Immerhin – selbst das Robert-Koch-Institut betonte in seinem jüngsten “Jahresbericht 2009 zu HIV und Aids in Deutschland” unter anderem:

„Erhöhte Anteile rezenter [erst kürzlich erworbener, d.Verf.] HIV-Infektionen wurden vor allem bei jüngeren Probanden (< 30 Jahre) gemessen (z. B. 54 % rezente Infektionen bei MSM < 30 Jahre in Berlin).”

Gibt es sie, die Kluft zwischen ‚als‘ und ‚jung‘? Oder findet hier eine Projektion älter werdender Schwuler statt, über diese vermeintlich blasierte, doch nur vergnügungssüchtige Jugend? Haben wir älteren Schwulen vielleicht Geschichten, unsere Geschichte zu wenig weiter gegeben, zu wenig tradiert?

Fragen und Gedanken, mit denen sich ein lesenswerter Artikel in The Times beschäftigt. „Ist es Zeit, die alten 80er-Jahre-Sprüche wie ’stirb nicht an Ignoranz‚ wieder zu beleben?“, fragt der Artikel und seziert die Argumentationen zur Frage einer etwaigen ’neuen Sorglosigkeit‘.

Neue Sorglosigkeit? Keineswegs, keine Spur von neuer Sorglosigkeit, zu diesem Ergebnis kommt auch Alan Wardle, Leiter der Abteilung Gesundheitsförderung bei der britischen Organisation Terrence Higgins Trust THT.

Und Trevor Hoppe, Soziologe an der University of Michigan und Aktivist für schwule Gesundheit, ergänzt, nur weil für junge Menschen Aids nicht der Ausgangspunkt für das Verständnis ihrer Sexualität sei, bedeute dies noch lange nicht sie gingen sorglos mit HIV um:

“Aids just isn’t their starting point for understanding their sexualities. That doesn’t mean that they are careless about HIV.“

Ganz im Gegenteil, betont, Hoppe, seine Forschungen zeigten, dass gerade junge Schwule sich sehr wohl der gefahren von HIV bewusst seine und wüssten sich zu schützen. Er weist darauf hin, dass manche Verhaltensweisen in den USA auch die Folge von Abstinenz- und Angst-Kampagnen der Bush-Ära sein könnten:

„at the same time I think it is the product of abstinence-only, fear-mongering health promotion that laid the Orwellian foundation for such a visceral and at times militant resistance.“

weitere Informationen:
The Times 15.06.2010: HIV and the rise of complacency – Is it time to revive the ‘Don’t die of ignorance’ message of the Eighties?
Internetsite von Trevor Hoppe (mit sehr lesenswertem Blog)
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Virus-Mythen 10: die neue Sorglosigkeit

Die Menschen (ersatzweise: die Schwulen, ersatzweise: verantwortungslose Positive) sind wieder so sorglos im Umgang mit HIV und Aids – so wird immer wieder behauptet, besonders gerne um Schock-Kampagnen wie jüngst die ‚Massenmörder-Kampagne‚  zu ‚legitimieren‘.

Die neue Sorglosigkeit im Umgang mit HIV – gibt es sie?
Wie sieht die Realität aus?
Sind die Menschen in Deutschland sorgloser geworden?

„Nein. Die sinkende Gefahreneinschätzung geht mit der realistischen Erkenntnis einher, dass Aids nur dann gefährlich ist, wenn man sich nicht schützt. Aber das tun die Menschen immer besser“,

sagt Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Und ergänzt

„Die große Mehrzahl der Menschen verhält sich verantwortungsbewusst.“

Zu den HIV-Neuinfektionsraten betont Pott ebenso wie jüngst Dr. Dirk Sander (DAH):

„Nirgendwo sonst [in Europa, d.Verf.] sind die Infektionsraten so niedrig.“

weitere Informationen:
SZ 24.09.2009: Interview Elisabeth Pott: „Deutsche sind nicht sorgloser“
DAH-Blog 11.09.2009: Interview Dr. Dirk Sander: Laien beurteilen Schock-Kampagnen als wirksamer
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Virus-Mythen 9: die Infektionszahlen in Deutschland seien so hoch

Immer wieder wird kolportiert, in Deutschland seien die HIV-Infektionszahlen so hoch, die Aids-Zahlen am Steigen. Wie sieht die Realität aus? Anders …

Fragen wir ‚EuroHIV‘, das ‚European Centre for the Epidemiological Monitoring of AIDS‘, eine offizielle Einrichtung der Europäischen Union.

Die Antwort fällt sehr eindeutig aus. Hier zwei Grafiken, beide © EuroHIV und aus der Analyse ‚ The HIV/AIDS epidemic in the WHO European Region at end 2006 – Western Europe‘:

HIV in Western Europe (c) EuroHIV
HIV in Western Europe (c) EuroHIV
AIDS in Western Europe (c) EuroHIV
AIDS in Western Europe (c) EuroHIV

Ein Vergleich der HIV-Inzidenz-Daten Europäischer Staaten bei der WHO ergibt dieses Bild (Datenabfrage 13.09.2009):

HIV-Inzidenzt ausgewählter Europäischer Staaten 1998 - 2006 (c) WHO
HIV-Inzidenz ausgewählter Europäischer Staaten 1998 - 2006 (c) WHO

Zahlreiche weitere Zahlen sind bei EuroHIV sowie bei der Weltgesundheitsorganisation WHO recherchierbar (siehe Links unten).

Ob mangels besseren Wissens, oder gar wider besseres Wissen, die Aussagen,
– in Deutschland seien die HIV-Infektionszahlen besonders hoch oder stark gestiegen,
– in Deutschland stürben besonders viele Menschen an den Folgen von Aids,
– oder gar die Deutsche Aids-Prävention sei gescheitert,
zeigen hier ihre Haltlosigkeit: sie lassen sich argumentativ aus den vorhandenen Fakten nicht untermauern. Sie sind grundlos. Sie sind wahrheitswidrig. Sie sind nicht zutreffend.

Im Gegenteil:
– zwischen 1999 und 2006 hat Deutschland laut Vergleich von EuroHIV in West-Europa durchgängig die niedrigste Rate an HIV-Neudiagnosen pro Millionen Einwohner, und
– zwischen 1988 und 2006 hat Deutschland, ebenfalls laut EuroHIV, in West-Europa die niedrigste Zahl an Aids-Diagnosen pro Millionen Einwohner, und
– im Vergleich wichtiger EU-Staaten (EU vor Erweiterung) hat Deutschland mit 3,24 HIV-Fällen pro eine Million Einwohner die niedrigste Inzidenz.
Zahlen, die eher auf eine insgesamt erfolgreiche Aids-Politik hindeuten …

weitere Informationen:
HIV Europe
dort z.B. ‚Slides set The HIV/AIDS epidemic in the WHO European Region at end 2006‘ (pdf)
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Virus-Mythen 8: Schock-Prävention nützt – nicht!

Der jüngste Versuch eines umstrittenen kleinen Vereins, mit Massenmördern Aids-Prävention zu machen, aber auch die inzwischen gestoppte Kampagne ‚Der Schwanz als Diktator‚ werfen wieder einmal die Frage auf, ob Schock-Effekte in der Prävention wirken.

Dazu äußert sich in einem sehr lesenswerten Beitrag im DAH-Blog Dr. Dirk Sander, Referent für Kampagnen und Prävention in der Deutschen Aids-Hilfe:

„Wenn Laien Kampagnen beurteilen, dann bewerten sie deshalb auch Schock-Bilder als wirksamer. Dabei wissen wir z.B. aus der Wirkungsforschung, dass Kampagnen, die mit Humor arbeiten und einen benefit vermitteln, nachhaltiger und wirksamer sind.“

Und können Schock-Kampagnen wirken?

„Diese Kampagnen sind wie ein Zirkus, sie kommen in die Stadt, beherrschen das mediale Interesse für eine kurze Zeit, aber dann sind sie wieder weg und kaum einen interessiert das mehr.“

Sander äußert sich auch zu der Frage, wie gute Präventions-Kampagnen entwickelt werden, sowie unter welchen Bedingungen eine Kampagnen wirkt und nachhaltig ist.

„Laien beurteilen Schock-Kampagnen als wirksamer – Hintergrundgespräch mit Dr. Dirk Sander, Referent für Kampagnen und Prävention in der Deutschen Aids-Hilfe e.V. zur aktuellen Diskussion um HIV-Schockkampagnen“
DAH-Blog, 11.09.2009

Virus-Mythen 7: Serosorting schützt – wen?

„Serosorting ist eine wirksame Methode, um sich vor einer HIV-Infektion zu schützen“ – dieser gefährliche Mythos geistert immer wieder unreflektiert durch die Szenen – und wird von diesen leider auch selbst befeuert, z.B. von unüberlegten Grafiken.

Serosorting ist eine Technik der Risiko-Reduzierung. Eine Technik, bei der sich Menschen ihre Sex-Partner nach dem gleichen Sero-Status aussuchen. Auf deutsch:  HIV-Positive vögelt mit HIV-Positiv, HIV-Negativ mit HIV-Negativ. Das Sex-Leben, sortiert nach dem HIV-Sero-Status.

Auf dem US-Blog LifeLube wird ein Artikel über Serosorting folgendermaßen illustriert:

Serosorting à la LifeLube
Serosorting à la LifeLube

Eine lustige Illustration des Serosorting, die die Aufmerksamkeit der Leser weckt.
Nur – auch eine verantwortliche?
Vor allem mit dem Zusatz „let’s fuck!“?

Serosorting ist eine Technik der Infektionsvermeidung, die in ihren unterschiedlichsten Facetten und Anwendungen zwar weit verbreitet ist, aber ihre riskanten Seiten hat – z.B. wenn man sich über den vermuteten Serostatus (den eigenen oder den des Partners) getäuscht hat.

Zwischen HIV-Positiven mag Serosorting eine mögliche Variante sein – wenn ein Positiver mit einem Positiven Sex ohne Kondom hat, dürfte dies (zumindest im Kontext HIV-Infektion) gerade nach dem EKAF-Statement wenig relevant sein.
Zwischen (vermutet) HIV-Negativen hingegen wird die vermeintlich sicherheitsfördernde Strategie des Serosortings nur zu leicht zur Illusionswelt mit erhöhtem Risiko. Wenn der vermeintlich HIV-negative Partner vielleicht doch HIV-positiv ist, nur bisher nichts von seiner Infektion weiß – was dann? Phantom negativ? Wie riskant wird eventuell dann, was eigentlich als Strategie der Risikominimierung gedacht war?

Serosorting zwischen nicht-Positiven – eine gefährliche Strategie.

Und weit verbreitete Missverständnisse über Serosorting sollten durch unüberlegte Illustrationen  nicht noch befeuert werden …

weitere Informationen:
LifeLube 18.07.2009: Unprotected Sex Between HIV-Infected Partners Keeps Immune Responses Activated
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Virusmythen 6 – Verkehrstot, oder: Bilder vom alten Aids, wiederbelebt

Das Leben mit HIV so abbilden, wie es heute Realität ist, oder mit alten Klischees Aufmerksamkeit erregen – wie sollte Aids-Prävention aussehen? Die Michael-Stich-Stiftung hat sich entschieden – und plakatiert erneut Virus-Mythen.

„Nicht alle Verkehrstoten hatten einen Unfall, manche hatten einfach kein Kondom“ – mit solcherlei Plakaten „wirbt“ die  Michael-Stich-Stiftung:

Verkehrstote - "Präventions"-Plakat der Michael-Stich-Stiftung
Verkehrstote - "Präventions"-Plakat der Michael-Stich-Stiftung

Verkehrstote durch fehlende Kondome, durch unsafen Sex – ein eingängiges Bild. Doch – ein Bild, das längst nicht mehr den Realitäten des Lebens mit HIV und Aids entspricht.

Eine Person, die sich heute mit HIV infiziert, hat in den westlichen Industriestaaten eine nahezu normale Lebenserwartung. Sie wird mit einiger Wahrscheinlichkeit an den Folgen eines Unfalls, irgendeiner nicht mit HIV zusammenhängenden Erkrankung oder ganz einfach eines natürlichen Todes sterben. Und mit einer zunehmend geringer werdenden Wahrscheinlichkeit an den Folgen von Aids, die von der Stich-Stiftung als  „Verkehstod“ deklamiert werden.

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Die Michael-Stich-Stiftung bietet aktuell wieder einmal ein Beispiel,wie sich mit Bildern des „alten AIDS“ Aufmerksamkeit erregen lässt. Bildern eines AIDS, das es so heute nicht mehr gibt – das aber immer wieder gut zu sein scheint für Aufmerksamkeit, Attraktion und Spendenakquisition.
Ob der Stich-Stiftung bewusst ist, dass sie mit diesem ständigen Wiederbeleben alter Virusmythen nicht nur gängige Klischees bedient, sondern auch Abziehbilder für Stigmatisierung liefert?

Virus-Mythen 5: Aids als Strafe Gottes

Aids – „in vielen Fällen ist das wirklich eine Strafe Gottes“.

Aids als Strafe Gottes – das sagt heutzutage kaum jemand noch laut – bis auf einige Vertreter der ultrakonservativen „Priesterbruderschaft St. Pius X.„.

Pater Franz Schmidberger, Priesterbruderschaft St. Pius X. (Foto: Priesterbruderschaft)
Pater Franz Schmidberger, Priesterbruderschaft St. Pius X. (Foto: Priesterbruderschaft)

Obiges Zitat stammt der Sendung ‚Report Mainz‘ zufolge vom ‚Distriktoberen für Deutschland der Priesterbruderschaft St. Pius X.‘, Pater Franz Schmidberger, der gleichzeitig als einer der Mitbegründer dieses umstrittenen Ordens ist.

Aids als Strafe, als Folge von ‚zuviel Freiheit‘, das hat Tradition in der Denke der Pius-Brüderschaft:

„Aufreizende Kleidung, Vergewaltigungen, Abtreibung, zerrüttete Familien, verwahrloste Kinder, – die Wörter ziemen sich kaum, aber es ist leider Realität – legalisierte Homosexualität, Kinderpornographie und -mißbrauch, Aids… all das sind Früchte von etwas, was man auch Freiheit nennt, nämlich die sexuelle Freiheit oder die sexuelle Befreiung der 68er Kulturrevolution. Auflösung aller Normen und Tabus, die Loslösung von heiligen, unantastbaren Gottesrechten. Immer mehr Menschen merken, daß dies auf eine Katastrophe zusteuert.“ („Mitteilungsblatt vom August 2002 (Aus der Priesterbruderschaft) – „Zwei Freiheiten“, Ansprache der Rektorin des St.-Theresien-Gymnasiums. von Schwester Michaela Metz“, online)

Es versteht sich fast von selbst, dass Kondome-auch und gerade zur Prävention der HIV-Infektion- in dieser Gedankenwelt Teufelszeug sind:

„Die Kampagnen, die gestartet wurden, um die Menschen auf die große Gefahr, sich zu infizieren, aufmerksam zu machen, neigen dazu, Präservative als Heilmittel zu empfehlen. Manche Werbung spricht sich aus für „Treue und Enthaltsamkeit“ – was sehr gut ist, denn es erinnert die Menschen an die Tugenden von Keuschheit und Reinheit -, aber die gleichen Anzeigen enthalten ausnahmslos auch die „Option“ für Präservative. Somit erweisen sich all diese Anti-Aids-Programme als lasterhaft, und sie sind sogar gefährlicher als die Sünde selbst, denn sie behandeln Laster und Tugend in gleicher Weise.“ (aus: Mitteilungsblatt vom Februar 2003 (Aus der Priesterbruderschaft) – Auf den Spuren Erzbischof Lefebvres, von P. Patrick Groche, online)

Report Mainz: Kreuz-Schändung „schwerere Sünde“ als Terroranschläge
Sendung am09.02.2009, 22:00 Uhr ARD.

weitere Informationen.
Termabox: Die Kirche im Komödienstadl
La Libertine: Dschihad auf katholisch
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Virus-Mythen 4: HIV als Folge eines Lebensstils? (akt.)

Am Rande der Konferenz ‚Positive Begegnungen‘ war auch die ein oder andere Erstaunlichkeit zu bewundern, so auch diese:

PD DR. Sabine Hawighorst zu Aids
PD DR. Sabine Hawighorst zu Aids

Dieses „Expertenstatement“ der Privatdozentin Dr. Sabine Hawighorst-Knapstein, diese bemerkenswerte Äußerung fand sich in einer Publikation der AOK Baden-Württemberg, dem ‚JuSt Jugendpressedienst‘, Ausgabe ‚Das Winterheft 05.2008, Herausgeber und Verleger AOK Bundesverband.

Aids eine „lebensstilbedingte Infektionskrankheit“?
Gegen die „umsichtige Partnerwahl“ hilft?

Wenig erstaunlich, dass derlei Äußerungen auf wenig Begeisterung bei den Teilnehmern der ‚Positiven Begegnungen‘ stießen:

pobe12_hawighorst02

pobe13_hawighorst03

pobe14_hawighorst04

Die Äußerung Hawighorst-Knapsteins rief zahlreiche Reaktionen hervor (von denen hier nur wenige dokumentiert sind)

Es ist bestürzend zu erleben, dass nach über 20 Jahren Aids-Prävention immer noch an derartigen Mythen gestrickt wird. Umso erstaunlicher, dass dies aus Kreisen der Gesetzlichen Krankenversicherung erfolgt, zumal von einer für den Bereich Gesundheit zuständigen Ärztin.
Wer die Autorin des „Expertenstatements“ nach ihren Beweggründen fragen möchte, oder einfach schildern möchte, wie diese Äußerungen auf ihn wirken, für den hat die Redaktion der Zeitschrift netterweise die Emailadresse der ‚Expertin‘ angegeben (siehe Foto).

TheGayDissenter hat bei der AOK nachgefragt – und eine erstaunliche Antwort bekommen: ‚Partnerwahl mit der AOK‘
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Virus-Mythen 3: Der Schwarze Mann und die bösen Viren …

Da hat das Magazin, das sich „das schwule NRW-Magazin“ nennt, wohl ein wenig arg daneben gegriffen bei der Wahl seiner Titel-Gestaltung.

„HIV-Infektionen: Schwarze Aussichten für nächstes Jahr“ lautet der reißerische (und wenig korrekte) Titel.
Dekoriert wird dieser Aufmacher mit – dem Foto eines Farbigen, maliziös lächelnd, ein Sektglas in der Hand. Rassismus auf dem Titelblatt eines Schwulen-Magazins ? …

‚black NRW‘ kommentiert diese Titelgestaltung zurückhaltend unter dem Titel „HIV Infektionen: gebracht vom Schwarzen (Weihnachts-)Mann“ mit Exit „verfehlt mit dem Cover der Dezember-Ausgabe wohl etwas das Ziel“.
Takatukaland hingegen wird deutlicher und kommentiert diese Fehlleistung unter dem Titel „rassistischer Ausfall in der Exit

„Solch eine rassistische Stereotypisierung des “schwulen N…”, der AIDS verbreitet, wirkt einfach nur wie ein Schlag ins Gesicht. Mir fällt es sehr schwer das noch als eine unüberlegte, unreflektierte oder dumme Handlung abzutun. Das ist einfach purer Rassismus, der hoffentlich für viele viele LeserInnenbriefe und Beschwerden sorgen wird.“

„Probleme? Sind zum Lösen da!“ schreibt eben jenes Magazin „Exit“ auf der Seite seines Kontakt-Formulars. Vielleicht mag sich der ein oder andere Leser ihnen sagen, was hier das Problem ist?