Wahlprüfsteine der Aidshilfe zur Bundestagswahl 2009

Die Deutsche AIDS-Hilfe e.V. (DAH) hat auf der Grundlage ihres Leitbildes Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl 2009 erstellt. Diese wurden Ende Juni an die Fraktionsvorsitzenden der im Deutschen Bundestag vertreten Parteien zusammen mit Materialien der DAH versandt. Um Antwort wurde bis zum 31.07. gebeten. Vertreterinnen und Vertreter alle Bundestagsfraktionen wurden eingeladen, auf dem Positiventreffen am 04.08. im Waldschlösschen in Göttingen Rede und Antwort zu stehen.

Diese Wahlprüfsteine werden den DAH-Mitgliedsorganisationen und -Zielgruppen zur Verfügung gestellt, damit sie ihre Kandidatinnen und Kandidaten darauf ansprechen und ihre Wahlentscheidung überprüfen können. Die Antworten der Bundestagsfraktionen werden von der DAH veröffentlicht.

weitere Informationen:
Wahlprüfsteine der Deutschen AIDS-Hilfe (pdf)

Der Ruf nach mehr Geld – und die Frage der Argumente

350.000 € zusätzlich pro Jahr, so viel fordern die Berliner Aids-Projekte in einem Schreiben vom Land Berlin. Das sei noch bescheiden, hieß es auf einer Diskussionsveranstaltung über die Berliner Aids-Politik am 9. Juni 2009, denn eigentlich seien eine Million Euro mehr jährlich erforderlich.

Eine Forderung, die zunächst verständlich scheint. Seit Jahren müssen Berliner Aids-Projekte mit gleichen oder gar schrumpfenden Budgets zurecht kommen. Und dies in Zeiten, in denen eine zunehmend große Zahl von Menschen mit HIV in Berlin lebt. Zeiten in denen die Zahl der HIV-Neudiagnosen steigt, in der sich mehr Menschen mit Hepatitis C oder Syphilis infizieren.

Andererseits, diese Zeiten sind auch gekennzeichnet von einem Bundesland Berlin in einer immer noch sehr prekären Finanzverfassung. Wo jede neue Verschuldung (nicht unberechtigt) kritisch hinterfragt, oftmals angeprangert wird, muss jede zusätzliche Bereitstellung von Mitteln gründlich geprüft, gut begründet werden.
Nahezu unrealisierbar scheinen Forderungen nach mehr Geld zudem, wenn sich Politiker durchsetzen, die eine „Schuldenbremse“, ein Verbot weiterer Neuverschuldung fordern.

Ein viel wichtigerer Grund des Nachdenkens aber: auch Aids-Projekte, auch HIV-Positive müssen sich der Frage stellen, warum für HIV und Aids im Vergleich zu Rheumatikern, Hepatitis-Infizierten oder anderen Krankheiten auch heute noch verhältnismäßig hohe Beträge aus öffentlichen Geldern bereitgestellt werden.
Warum wird für Aids viel Geld ausgegeben, wenn andererseits für viele andere, auch chronische Erkrankungen kaum Mittel bereit gestellt werden? Eine Frage, bei der wir in der Lage sein sollten, hier mit guten, starken Argumenten zu diskutieren – gerade auch angesichts zukünftiger Debatten.

Vor allem: eine Frage, bei der wir nicht mehr mit Angst, mit Tod, mit dem ‚alten Aids‘ argumentieren sollten. So sehr manche Politiker (und auch manche Aids-Funktionäre, Schwule, etc.) immer noch gerne mit ‚altem Aids‘ argumentieren – die Zeiten, in denen Aids z.B. einem (kurzfristig sich realisierenden) Todesurteil gleicht, sind (zumindest in den Industriestaaten) vorbei. Wer heute noch so argumentiert, wird in eine Sackgasse laufen.

Wenn wir eine Beibehaltung der heutigen Mittelausstattung, gar eine Erhöhung glaubwürdig begründen wollen, sie politisch mehrheitsfähig machen und letztlich durchsetzen wollen, dann sollten wir realistisch argumentieren, auf der Basis des heutigen Aids.

Auf der Basis des heutigen Aids – denn alle Bilder vom ‚alten Aids‘ führen nicht nur in fehlerhafte, widerlegbare, letztlich nicht erfolgreiche Argumentationen. Sondern sie zementieren auch alte, längst überholte Bilder – und begünstigen so die Stigmatisierung von Positiven, der wir eigentlich entgegen wirken sollten.

So sehr manche immer noch den Bildern von Tod und Siechtum, von großer Gesundheits-Katastrophe hinterherlaufen – die heutigen Realitäten sehen anders aus. Sie zu ignorieren, nur der gefälligeren, leichteren, gewohnteren Begründung zuliebe, wäre sträflich. Gute, den Realitäten des heutigen Lebens mit HIV entsprechende Argumente wären stärker. Und nur sie werden auf dauer eine Chance auf Durchsetzbatkeit haben.

Berlin: mehr GIPA – Positive wollen an Diskussionen über Berliner Aids-Politik beteiligt werden

Wie soll die Berliner Aids-Politik zukünftig aussehen? Und welche Rolle haben Menschen mit HIV und Aids in diesem Prozeß? Der Aids-Aktionsplan Berlin und die zukünftige Finanzierung der Berliner Aids-Projekte standen am 9.6. bei einer Veranstaltung im Abgeordnetenhaus Berlin zur Diskussion.

„149 Abgeordnete – 5 Parteien – 1 Virus“, unter diesem Titel hatten die Positivensprecher der Berliner Aids-Hilfe am 9. Juni 2009 zum Positivenplenum geladen.

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Auf dem Einladungs-Plakat hatten die Positivensprecher konstatiert:

„AIDS-Aktionsplan für Berlin!
Menschen mit HIV und Aids fordern von der Landespolitik:
1. Mehr öffentliche Mittel zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit und mehr Integrationsangebote bei Beschäftigung und Wohnen!
2. Ausbau und Weiterentwicklung von Gesundheitsförderung, Integration in den 1. Arbeitsmarkt, Antidiskriminierung und Selbsthilfeförderung!
3. Mehr Jugendprävention, Beschäftigungs-, Wohn-, Begegnungs- und Mehrbedarfsangebote durch vernetzte Aktivitäten auf Bezirksebene!
4. Pilotprojekt zur Ausgabe von Einwegspritzen in Haftanstalten!
5. Lösung der Probleme bei der medizinischen Versorgung von Menschen mit HIV und AIDS ohne Aufenthaltsgenehmigung!“

An der von Holger Wicht moderierten Diskussion nahmen teil Katrin Lompscher (Linke; Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz), Monika Thamm (CDU; MdA), Petra Merkel (SPD, MdB), Thomas Birk (Grüne; MdA) und Kai Gersch (FDP; MdA).

Hintergrund der Diskussionsveranstaltung war insbesondere die anstehende Neu-Verhandlung über den IGV Integrierten Gesundheitsvertrag, sowie aktuell ein Brief des LABAS (Landesverband der Berliner Aids-Selbsthilfe-Einrichtungen), in dem dieser einen Mindest-Mehrbedarf von jährlich 350.000€ (zusätzlich 10 Personalstellen) für die Gewährleistung einer angemessenen Versorgung fordert.

Über den Aids-Aktionsplan Berlin sowie die anstehende Verlängerung des Integrierten Gesundheits-Vertrags per 1.1.2011 war bereits auf einer Veranstaltung während ‚HIV im Dialog 2009‘ im September 2008 diskutiert worden. Bereits damals hatte Senatorin Lompscher betont, der Integrierte Gesundheitsvertrag habe sich als Modell bewährt und solle prinzipiell beibehalten werden. Allerdings müsse man sich veränderten Rahmenbedingungen anpassen, zumal angesichts der angespannten Haushaltssituation.

Senatorin Katrin Lompscher
Senatorin Katrin Lompscher

Auch bei dieser Veranstaltung betonte Senatorin Lompscher eingangs, es sei ihrer Ansicht nach schon ein Erfolg, wenn die derzeitige finanzielle Situation im neuen Vertrag ab 2011 erhalten werden könne. Es sei wichtig, neue Erkenntnisse auf den Gebieten HIV wie auch sexuell übertragbare Erkrankungen und deren Auswirkungen auf das Versorgungssystem zu prüfen; dies müsse aber nicht zwingend auch zu mehr Geldern führen.
Moderator Holger Wicht wies darauf hin, in Berlin lebten zunehmend mehr Menschen mit HIV, die Zahl der HIV-Neudiagnosen steige, und die Zahl der Syphilis-Diagnosen ebenfalls. Doch auch dies, so Lompscher, ändere nichts daran, dass zunächst das bestehende Angebot analysiert und verbessert werden müsse.

Thomas Birk hingegen forderte, auch den Gesamtkomplex „sexuelle Gesundheit“ zu betrachten. Hier sei der Bedarf gestiegen, die vorhandenen Mittel reichten nicht aus. Der vom LABAS angemeldete Mehrbedarf sei schon sehr bescheiden, eigentlich seien eine Million Euro mehr jährlich erforderlich.
So sei es schon jetzt angesichts fehlender Ressourcen kaum möglich, die verfügbaren Materialen der bundesweiten Kampagne „ich weiss, was ich tu!“ in Berlin so einzusetzen, wie es wünschenswert sei. Eine Analyse des Wissenschaftszentrums Berlin, so ergänzte Holger Wicht, habe gezeigt, dass das für vor-Ort-Arbeit zuständige Berliner Projekt ManCheck im Vergleich deutscher Großstädte hinsichtlich seiner Ausstattung nicht gut dastehe.

Kai Gersch betonte zur Frage verfügbarer Mittel, auch ihm sei eine Evaluation der bestehenden Projekte wichtig, wobei es gelte etwaige heute nicht mehr erforderliche oder nicht mehr zeitgerechte Maßnahmen auch zu streichen und diese Mittel bedarfsgerecht neu zur Verfügung zu stellen.

Monika Thamm wies darauf hin, dass der Hauptausschuß „klare Ansagen“ benötige. Schon für die Beibehaltung der derzeitigen Mittelausstattung seinen gute Argumente nötig, umso mehr für etwaige zusätzliche Gelder.

Petra Merkel wies auf die Frage nach etwaigen Bundesmitteln darauf hin, dass dann z.B., die Deutsche Aids-Hilfe mit einbezogen werden sollte; selbst dann sehe sie keinen hohen Chancen.

In der ganzen Debatte fehle bisher eine Erhebung zur Lebenssituation von Menschen mit HIV und Aids in Berlin, wird aus dem Publikum hingewiesen, ebenso eine Analyse, was bisher schief gelaufen sei, wenn die Neudiagnose-Zahlen anstiegen. Zudem vermisse er auch selbstkritische interne Debatten im LABAS, z.B. nach etwaigen vorhandenen Doppel-Strukturen.

Vertreter verschieneder Berliner Aids-Projekte im Publikum machten in ihren Statements deutlich, dass die vorhandene finanzielle Situation und Personal-Ausstattung nach Jahren der Kürzungen an der Grenze der Belastbarkeit sei. Es mangele nicht an innovativen Ideen, auch zu schwierigeren Fragen wie der Prävention bei schwer erreichbarer Gruppen, es mangele schlicht an Mitteln, an Mitarbeitern. „So wie wir aufgestellt sind, sind wir auf verlorenem Posten“, brachte ein Projekt-Vertreter seine Wahrnehmung der Situation auf den Punkt.

Teilnehmer merkten auch an, für ein Positiven-Plenum gehe es bei der Veranstaltung sehr viel um Primär-Prävention. Hätten Positive keine anderen Themen, die sie mit der Politik diskutieren sollten? Verwiesen wurde auf das Prinzip GIPA (Greater Involvement of People with HIV and AIDS) – wo wurden HIV-Positive bisher an diesen politischen Schwerpunktsetzungen beteiligt? Wie solle dies zukünftig geschehen?

Daraus resultiere auch ein Schwachpunkt der bisherigen Debatte, so ein Teilnehmer, der nach der Formulierung des Bedarfs fragte. Wenn der Bedarf in der politischen Diskussion von den Leistungserbringern formuliert werde, stimme dies skeptisch. Auch die Frage der Bedarfs-Ermittlung müsse unter Einbeziehung von Menschen mit HIV geschehen – und diesen Prozeß zu koordinieren sei originäre Aufgabe der Senatsverwaltung.

Im Laufe der Veranstaltung wurde auch Kritik an den auf der Einladung gestellten, aber in der Veranstaltung kaum diskutierten Forderungen laut. Zur Frage der Spritzen-Versorgung in Haftanstalten z.B. habe es bereits Pilotprojekte gegeben, die Versorgung scheitere derzeit in vielen Fällen eher an den Personalvertretungen als an Politik oder Justizverwaltung. Auch eine Intensivierung von Jugendprävention wurde nicht von allen Teilnehmern dieses ‚Positivenplenums‘ als eine ihnen primär wichtige Forderung betrachtet.

In der Abschlussrunde griff Senatorin Lompscher den Vorschlag „GIPA“, die Einbeziehung von Positiven in politische Entscheidungsprozesse, auf und forderte zu Stellungnahmen auf – Positive sollten ihre eigenen Ansprüche und Anforderungen an das Rahmenkonzept formulieren.

Alle Teilnehmer auf dem Podium zeigten sich erfreut über eine offene, ehrliche und konstruktive Diskussion. „Es gibt wenig Parteipolitik bei dem Thema – das ist ein Glücksfall“, resümierte Kai Gersch.

Ein Positiven-Plenum zu Forderungen HIV-Positiver an die Landespolitik, das sich fast ausschließlich mit Fragen der Primär-Prävention beschäftigt – ein bemerkenswerter Akzent, der überrascht.

Kritik wurde im Verlauf der Veranstaltung geübt am Zustandekommen der Forderungen. Es habe kein Plenum gegeben, das diesen Forderungskatalog so vorher diskutiert und beschlossen habe. Zudem stelle sich generell die Frage, ob das Berliner Positiven-Plenum (eine Einrichtung der Berliner Aids-Hilfe, die ja nur ein Träger unter mehreren Organisationen der Aids-Arbeit in Berlin ist) überhaupt für „die Berliner Menschen mit HIV und Aids“ sprechen könne?

Eine Frage, der Bedeutung zukommt, gerade wenn andererseits die Politik eine direkte Einbeziehung von Menschen mit HIV ermöglichen will, ja geradezu vorschlägt.

Eine Realisierung des GIPA-Prinzips, der direkten Einbindung von Menschen mit HIV und Aids in sie betreffende Entscheidungsprozesse, setzt auch voraus, dass Menschen mit HIV und Aids sich für ihre Belange interessieren und einsetzen. Eine von gerade einmal 30 Teilnehmern (viele davon zudem ‚Funktionäre‘ der beteiligten Projekte) besuchte Veranstaltung mag da ein Auftakt sein, mehr aber noch nicht.

Wenn Menschen mit HIV eine Beteiligung an politischen Entscheidungen wollen – jetzt, gerade auch nach der Aufforderung von Senatorin Lompscher, sie bitte um größere Beteiligung, ist der richtige Zeitpunkt!

Eine Notiz am Rande: bestürzend ist es,  immer wieder Versuche der Ent-Solidarisierung, des kleinen Vorteils zu Lasten anderer, schwächerer Gruppen zu erleben. Dass gerade ein Vertreter der Grünen immer wieder den Gedanken einbringt, doch eventuell bei Drogenprojekten zu kürzen, das Geld könnten doch auch schwule Projekte brauchen, empfinden zahlreiche Teilnehmer als beschämend und zudem nicht zielführend.

weitere Informationen:
DAH-Blog 10.06.2009: Berlin: HIV-Projekte fordern mehr Geld
Top-TV im OKB: Gesundheitssenatorin Lompscher auf dem Positivenplenum in Berlin
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„Man merkt ihr die Krankheit nicht an“ – Plaudereien einer „Aids-Betreuerin“

Aids-Beratung – kompetent, verlässlich, vor allem: vertraulich. Eigentlich selbstverständlich. Außer wenn. Zum Beispiel wenn es um Prominente geht. Oder wenn „Aids-Betreuer“ in der Presse plaudern.

Beratung sollte unabhängig, kompetent und vor allem vertraulich erfolgen. Ganz selbstverständlich erscheint vielen, dass kompetente Aids-Beratung diese Kriterien erfüllt und diesen Ansprüchen auch in der praktischen Arbeit gerecht wird.

Doch – was für Aids-Berater der Aids-Hilfen selbstverständlich gilt (und durch umfangreiche Qualitätssicherungs-Maßnahmen auch fortlaufend sichergestellt und optimiert werden soll), ist noch lange nicht in jeder anderen Aids-Organisation üblich.

So gibt es auch „Aids-Betreuer“ und „Aids-Betreuerin“.

‚Aids-Betreuerin‘ mag keine gängige Bezeichnung sein – aber scheinbar eine, deren Standards zumindest andere, vermutlich weit lockerere als die professionellen Standards der Aidshilfe sind.

Wie sonst ist es zu erklären, dass -angesichts der von der Deutschen Aids-Hilfe kritisierten Verhaftung einer Sängerin– eine ‚Aids-Betreuerin‘ in der Boulevard-Presse freimütig über ihre Arbeit plaudert?

„Sie hat einen völlig gesunden Eindruck gemacht, man merkt ihr die Krankheit nicht an“, so die Ärztin, die sich seit 22 Jahren um HIV-Patienten kümmert. „Es gibt auch einen Arzt, der sie im Gefängnis behandelt. Trotzdem war sie ganz dankbar dafür, dass ich ihr mein Wissen angeboten habe.“

So berichtet eine ‚Aids-Betreuerin‘ über die gesundheitliche Situation und Versorgung der verhafteten Sängerin, und ergänzt direkt zu deren psychischer Verfassung

„Sie schien mir nicht stabil zu sein und auch nicht zuversichtlich. Verständlich in dieser Situation. Ich konnte nur versuchen, sie zu trösten.“

Damit ist das Ende der Indiskretionen noch nicht erreicht, so wird auch über Kleidung, Körperpflege, Haftbedingungen berichtet.
Das ganze nicht bei einer Berater-Schulung, z.B. um eine Weiterbildung mit einem Fallbeispiel anonym zu illustrieren. Sondern in der Boulevard-Presse, mit Nennung des Namens der ‚betreuten‘ Person, unter dem Titel „Aids-Beraterin X hat sie in der Zelle besucht und berichtet in der Y“ [Name der ‚Betreuerin‘ mit X und der Zeitung mit Y ersetzt].

„Alle Beraterinnen und Berater verfügen über ausreichende Erfahrung, wurden speziell für die Online-Beratung geschult und dem Datenschutz verpflichtet“  – der Anspruch, der selbstverständlich ist für Beraterinnen und Berater der Aidshilfen (hier am Beispiel der Online-Beratung), scheint für andere andere Organisationen so nicht uneingeschränkt zu gelten.

Danke an K. für den Hinweis!

Mit HIV vogelfrei für die Medien“ – schade, dass sich auch manche „Aids-Betreuer“ an dieser fragwürdigen Inszenierung beteiligen.

„vertraulich – verlässlich – kompetent“, unter diesem Motto wirbt die Online-Beratung der Aidshilfen für ihre Angebote. Und skizziert damit kurzgefasst den Standard, der für jegliche Gesundheitsberatung gelten sollte.

Vertraulichkeit steht dabei nicht grundlos an erster Stelle. Dass Privates z.B. zu Gesundheit und Psyche in den Medien ausgeplaudert wird, ist bei diesen Standards nicht vorgesehen.

Leider halten sich nicht alle, die im Aids-Bereich aktiv sind, an diese Standards. Ein Grund mehr, genau hinzuschauen, von wem man sich beraten lässt. Und im Zweifelsfall sich auf die bewährte Arbeit derjenigen Organisationen zu verlassen, die sich verpflichtet haben diese Standards einzuhalten: die in der Deutschen Aids-Hilfe zusammengeschlossenen Aids-Hilfen.

Deutsche AIDS-Hilfe zieht Beteiligung am SÖDAK zurück

Deutsche AIDS-Hilfe zieht Beteiligung am SÖDAK zurück

Die Deutsche AIDS-Hilfe e.V. (DAH) wird sich in diesem Jahr nicht am Deutsch-Österreichischen-Schweizer Aids-Kongress (SÖDAK) in Sankt Gallen/Schweiz beteiligen und stellt die Mitarbeit am Kongress mit sofortiger Wirkung ein.

Dazu erklärt Carsten Schatz, Bundesvorstand der Deutschen AIDS-Hilfe e.V.: „Unserer Entscheidung ist ein gründlicher Abwägungsprozess vorangegangen: Die DAH sieht die Grundlagen der diesjährigen Konferenzausrichtung, wie sie seit 1998 erfolgreich im sog. Genfer Prinzip auf internationaler und mit dem Essener Prinzip (1999) auf nationaler Ebene eingeführt wurden, als nicht gegeben an. Die DAH bedauert insbesondere, dass die Einbindung von Menschen mit HIV/Aids nicht im notwendigen Maße stattgefunden hat. Nicht über, sondern mit den Menschen mit HIV/Aids und deren Communities als die Experten in eigener Sache zu sprechen, halten wir für ein unverzichtbares Qualitätskriterium für eine zukunftsfähige Präventionsarbeit.“

Die DAH befürwortet den solidarisch geschlossenen Rücktritt des SÖDAK 2009 Community Board (CB) von der Mitarbeit am SÖDAK und schließt sich dieser Konsequenz an. Mit dem Rückzug verbindet der Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe zugleich die Forderung, dass bei zukünftigen Kongressen wieder an die bewährte Zusammenarbeit nach dem Genfer Prinzip angeknüpft und eine Teilnahme der Menschen mit HIV/Aids aktiv – zum Beispiel durch eine höhere Investitionsbereitschaft für Stipendien – ermöglicht wird.

Die DAH wird die zukünftige Kongressorganisation gerne dabei unterstützen, ein Konzept zu entwickeln, das den Rahmenbedingungen, Bedürfnissen und Erwartungen aller Beteiligten Rechnung trägt.

Informationen zum Genfer Prinzip

(Pressemitteilung der Deutschen Aids-Hilfe vom 28.04.2009)

Deutsche AIDS-Hilfe fordert: Keine Beteiligung Gefangener an den Gesundheitskosten

In Bayern werden Gefangene seit Jahresbeginn 2009 zur Kasse gebeten, wenn sie den Anstaltsarzt aufsuchen. Eine zynische Lösung, wenn de facto keine Arztwahl bestehe, meint die DAH.

Im Folgenden die Pressemitteilung der DAH als Dokumentation:

Befürchtungen, die Übertragung der Gesetzgebungskompetenz für den Strafvollzug auf die Länder könnten zu einer Verschlechterung des Standards in den Gefängnissen führen, scheinen wahr zu werden: Seit Januar bittet das Bayerische Justizministerium Gefangene zur Kasse, wenn sie einen Anstaltsarzt aufsuchen. Ermöglicht wird dies durch eine Regelung, die „die angemessene Beteiligung der Gefangenen an den Kosten der Krankenbehandlung“ (vgl. z.B. Art. 63 Abs. 2 BayStVollzG) vorsieht. Dahinter verbirgt sich der politische Wille des Gesetzgebers, dass auch im Bereich der Gesundheitsfürsorge die Eigenverantwortung der Gefangenen verstärkt und dem Äquivalenzprinzip Rechnung getragen werden soll, da den Gefangenen ein weitgehender Anspruch auf Gesundheitsfürsorge durch die Justizvollzugsanstalt zugebilligt werde.

Dazu erklärt Winfried Holz, Bundesvorstand der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. (DAH): „Im Klartext bedeutet diese „Zuzahlungspauschale“ die Einführung der ´Praxisgebühr´ und die Kostenbeteiligung an Medikamenten. Da im Justizvollzug aber faktisch keine freie Arztwahl besteht, ist diese Praxis zynisch, denn der Anspruch auf Gesundheitsfürsorge wird eingeschränkt. So hat z.B. der Gefangene bei schweren Erkrankungen wie HIV und Aids keine Möglichkeit, einen Facharzt zu konsultieren, wenn der Anstaltsarzt dies nicht veranlasst. Ein so genanntes ‚Ärztehopping‘ – Hauptbegründung für die Einführung der Praxisgebühr außerhalb der Gefängnismauern – ist daher überhaupt nicht möglich und auch nicht gegeben.“

„Ausgerechnet an dieser Stelle wird mit dem Äquivalenzprinzip argumentiert, obwohl sich die Justizminister seit Jahrzehnten erfolgreich gegen die Angleichung der medizinischen Standards und Präventionsmöglichkeiten wehren, die außerhalb des Vollzuges bestünden“, erläutert Bärbel Knorr, DAH-Mitarbeiterin Drogen & Menschen in Haft. „Mit einer wirklichen Angleichung würde der Justizvollzug seiner Verantwortung allerdings gerecht werden, weil den Gefangenen dadurch eine Chance geboten würde, Eigenverantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen. Diese Angleichung ist aber nicht gegeben. Der bayerische Vollzug erfüllt nicht einmal die Minimalstandards der Suchtmedizin, wie zum Beispiel die Substitution und Infektionsprophylaxe bei Drogengebrauchern in Haft“, so Knorr.

Das Bayerische Staatsministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, das die Kostenbeteiligung seit dem 1.1.2009 eingeführt hat, verweist auf die „seit 2001 kontinuierlich gestiegenen Kosten der ärztlichen Behandlung sowie der Versorgung mit Arznei- und Hilfsmitteln“. Dazu meint Winfried Holz von der DAH: „Wenn Bayern das Äquivalenzprinzip ernst nähme, dann dürfte z.B. von HIV-Infizierten Gefangenen, die nur über ein Taschengeld von 30,- EUR im Monat verfügen, nur 0,90 EUR im Quartal an Zuzahlung verlangt werden (also auf den Monat umgerechnet 0,30 EUR). Die Verwaltungskosten für diese Praxis dürften den scheinbaren Einspareffekt bei weitem überschreiten.“

(Pressemitteilung der Deutschen Aids-Hilfe)

Biene in Silber für www.welt-aids-tag.de

„Zum fünften Mal zeichneten die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen die besten barrierefreien Webseiten mit der BIENE aus. Die Expertenjury hat aus weit über 300 Bewerbungen 19 Preisträger ausgewählt. Das Kampagnen-Portal www.welt-aids-tag.de wurde in der Kategorie „Komplexe Gemeinschafts- und Interaktionsangebote“ mit einer silbernen BIENE ausgezeichnet.“
Quelle welt-aids-tag.de
weitere Informationen: Biene Award
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20 Jahre Welt-Aids-Tag

In wenigen Tagen ist der 1. Dezember – Welt-Aids-Tag. In diesem Jahr mit einem Jubiläum – schon zum 20. Mal wird der Welt-Aids-Tag begangen.

Am 1. Dezember 1988 ist erstmals Welt-Aids-Tag. Die Welt-Gesundheits-Organisation WHO hatte den ersten Dezembertag hierzu bestimmt. Seit Beginn wird er jedes Jahr, später für mehrere Jahre unter ein Motto gestellt.

Bis 2004 zeichnete die Aids-Organisation der Vereinten Nationen UNAIDS verantwortlich für den Welt-Aids-Tag, seit 2005 die World Aids Campaign.

Auf welt-aids-tag.de, einer Site von Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Deutscher Aids-Hilfe und Deutscher Aids-Stiftung, ist zu lesen

„Deshalb ist der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember jedes Jahr Anlass, auf das Thema aufmerksam zu machen, Solidarität mit den Betroffenen auf der ganzen Welt zu zeigen, aufzuklären und sich für Schutz starkzumachen. Denn Aids geht uns alle an.“

Die gleiche Site erklärt auch das Motto des Welt-Aids-Tags – und spricht über nicht gehaltene Versprechen:

„Das internationale Motto der Welt-Aids-Tag-Kampagnen für die Jahre 2005 bis 2010 lautet „Stop AIDS. Keep the Promise!“. Es erinnert daran, dass im Juni 2001 Politikerinnen und Politiker aus 189 Ländern auf einer Sondersitzung der Vereinten Nationen das Versprechen gaben, HIV und Aids national und international stärker zu bekämpfen – ein Versprechen, das in großen Teilen immer noch nicht erfüllt ist.“

Das 20. ‚Jubiläum‘ des Welt-Aids-Tags ist einerseits gekennzeichnet von zahlreichen Fortschritten. In Prävention und Therapie wurden in den vergangenen 20 Jahren bedeutende Fortschritte erzielt. Zur Behandlung von HIV und Aids steht inzwischen eine breite Zahl von Medikamenten zur Verfügung, und auch in Staaten, die nicht zum Kreis der reichen Industriestaaten zählen, verbessert sich langsam die Situation der Medikamenten-Versorgung von Menschen mit HIV und Aids.

Andererseits steigt die Neuinfektionsrate weltweit immer noch 2,7fach so stark wir die Rate derjenigen HIV-positiven Menschen, die antiretrovirale Behandlung haben. Zudem sind gerade in den letzten Jahren massive Rückschläge zu verzeichnen, so bei der Entwicklung von Mikrobiziden sowie der Erforschung von HIV-Impfstoffen.
Und das Leben von menschen mit HIV und Aids ist immer noch beeinträchtigt von Einreiseverboten, Stigmatisierung und Diskriminierung, zudem von einer beklagenswerten Tendenz zunehmender Kriminalisierung.

1. Dezember, Welt-Aids-Tag. Er hat sich verändert, so wie Aids sich verändert hat. Was vor 25 Jahren Horror, Ängste aber auch Solidarität auslöste, hat sich – ja, auch wenn dieses Wort nicht geschätzt wird, wohl doch ein Stück ’normalisiert‘.

Für die einen ist der Welt-Aids-Tag ein Tag, der von tiefer Traurigkeit, Bewegtheit oder Erinnerung geprägt ist, für andere Mahnung, dass noch viel zu tun ist, wieder andere empfinden ihn als langsam zum Kerzen- und Kranz-Ritual verkommenen Event für ‚Rote-Schleifen-Betroffengucker‘ (wie ich letztens abends lernte).

Nun ließe sich trefflich darüber streiten, ob ‚Aids uns alle angeht‘, ob dieser 80er-Slogan heute noch zutrifft, die Realitäten von HIV in Deutschland 2008 darstellt. Oder, etwas pikierter, ob das Tragen von Roten Schleifen allein denn schon für ‚Solidarität mit den Betroffenen‘ sorgt.

Vergessen wird dabei, dass dieser Welt-Aids-Tag, vor 20 Jahren zum ersten Mal begangen, eine Kern hat. Einen Kern, der kreist um Begriffe wie Solidarität, im kleinen vor Ort wie auch im internationalen Maßstab, und dem Eintreten gegen Diskriminierung und Stigmatisierung.

Nachtrag 28.11.2008:
ein lesenswerter Artikel zum Welt-Aids-Tag: Paul Varnell ‚World Aids Day: a dissent‘
„Many people seem to care more about AIDS abroad than in the U.S.  …   What I do care about is gay men in the U.S., in my city, in my neighborhood. In short, I care about my friends, present and potential.“

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Empfang anlässlich des 25. Jubiläums der Deutschen AIDS-Hilfe e.V.

Im Folgenden als Dokumentation die Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel beim Welt-Aids-Tags-Empfang der Deutschen Aids-Hilfe am 13.11.2008 (als Video hier):

Lieber Herr Henn,
liebe Frau Kollegin Ulla Schmidt,
liebe Freunde und Unterstützer der Deutschen AIDS-Hilfe,
meine Damen und Herren,

um auf die Anmoderation einzugehen: In der Tat werden nicht nur hier bei der AIDS-Hilfe immer gute Ideen und kräftige Hilfe gebraucht, sondern auch bei den Weltfinanzen; das ist in diesen Tagen offensichtlich. Wenn Sie also eine gute Idee haben, nehme ich sie gerne nach Washington mit. Wenn Sie mir dann sogar noch helfen könnten, sie durchzusetzen, wäre es noch besser.

25 Jahre Deutsche AIDS-Hilfe sind 25 Jahre gelebte Solidarität. Deshalb möchte ich damit beginnen, einfach Danke zu sagen, und zwar denen, die die Deutsche AIDS-Hilfe 1983 gegründet haben, was damals gar nicht so selbstverständlich war, wie es heute erscheint. Ich möchte auch all denen Danke sagen, die aus der anfänglichen Selbstinitiative in Berlin einen bundesweit aktiven Dachverband gemacht haben, der heute rund 120 regionale Mitgliedsorganisationen umfasst, sowie all denen, die sich für die Deutsche AIDS-Hilfe in so vielfältiger Weise immer wieder eingesetzt haben.

All diejenigen, die den Mut aufgebracht und sich ein Herz gefasst haben, die sich engagiert haben, haben dazu beigetragen, dass die Deutsche AIDS-Hilfe heute ein richtiges Erfolgsmodell ist und dass sie ein völlig unverzichtbarer Streiter und Partner im Kampf gegen AIDS geworden ist. Dahinter steckt unglaublich viel. Wenn wir noch einmal an die Anfangssituation in den 80er Jahren denken, erinnern wir uns daran, dass nach den ersten bekannt gewordenen AIDS-Diagnosen die Informationen rund um die Immunschwächeerkrankung rudimentär waren. Gerüchte hatten alle Möglichkeiten, sich zu verbreiten. Unbegründete Vorstellungen schossen ins Kraut, vor allem was vermeintliche Übertragungswege der Krankheit anbelangte. Viele haben geglaubt, allein durch Berühren des gleichen Geschirrs könne das Virus übertragen werden. Was die Ansteckungs- und Krankheitsgefahr anbelangt, war vieles überhaupt noch nicht abschätzbar.

Wenn wir uns daran zurückerinnern – das ist nun gerade einmal 25 Jahre her –, dann bekommen wir ein Verständnis dafür, wie es für viele Länder auf der Welt ist, in denen man genau in der gleichen Situation ist. Man muss überhaupt nicht verzagen, sondern muss einfach mutig seinen Weg gehen. Denn wenn man sieht, was wir erreicht haben, dann kann man sagen: Unwissenheit, Unsicherheit und Ängste, die damals noch erstaunliche Blüten getrieben haben, sind überwunden. Damals fühlten sich von der Krankheit Betroffene genau deshalb auch hilflos und alleingelassen. Es ist heute schon gesagt worden: Die Angst vor verstärkter Ausgrenzung und vor Diskriminierung ging gerade bei Homosexuellen um.

In dieser für uns heute kaum noch vorstellbaren Situation haben damals zehn Männer und eine Frau den Mut zur Gründung der Deutschen AIDS-Hilfe gehabt. In einer Zeit der Unsicherheit, der Angst, der Orientierungslosigkeit haben sie nicht nur die Notwendigkeit gesehen, aufzuklären, zu beraten, zu informieren und zu helfen, sondern sie haben das auch in die Tat umgesetzt. Dazu gehörte Mut, denn sie mussten nicht allein gegen die kaum fassbare Gefahr AIDS ankämpfen, sondern sie mussten vor allen Dingen – und das ist mindestens genau so schwierig gewesen – gegen Vorurteile, Diskriminierung und Ausgrenzung angehen.

Die Anfänge der Zusammenarbeit mit den Behörden und der Bundesregierung waren vermutlich nicht immer einfach, um es einmal vorsichtig zu sagen. Es sind dann aber – das ist heute schon erwähnt worden – doch Schritte gelungen mit der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth. Ich weiß aber, dass sie dafür auch in meiner Partei – ich sage das einmal so – nicht immer nur Lob bekommen hat. Trotzdem waren di Schritte richtig. Sie hat es vor allen Dingen geschafft, dass es möglich wurde, den seuchenpolizeilichen Ansatz der AIDS-Bekämpfung zurückzudrängen und dagegen den Ansatz der gesellschaftlichen Lernstrategie so zum Durchbruch zu verhelfen, wie wir ihn auch heute kennen. Deshalb ist auch all denen, die diese Richtungsentscheidung mitgetragen haben, ganz herzlich Dank zu sagen.

Wir wissen, dass sich der Mut der Gründer der Deutschen AIDS-Hilfe und der im Laufe der Jahre angewachsenen Schar von Mitstreiterinnen und Mitstreitern wirklich gelohnt hat. Wir haben ihnen zu verdanken, dass in den letzten 25 Jahren in Deutschland in gewisser Weise ein Stück Normalität eingekehrt ist, wenn man das so sagen darf. Wir können stolz auf das sein, was Ministerin Schmidt eben gesagt hat, nämlich darauf, dass wir wirklich zu den vorbildlichen Ländern auf der Welt gehören. So können wir heute über die einstigen Tabuthemen HIV und AIDS weitgehend offen sprechen. Das ist vielleicht die erste Voraussetzung, um überhaupt voranzukommen, wenngleich ich glaube, dass das von Generation zu Generation immer wieder neu gelernt und eingeübt werden muss.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass es Selbsthilfegruppen, Verbände und Nichtregierungsorganisationen gibt, die mit den Regierungen – auch der Bundesregierung – im Kampf gegen HIV und AIDS zusammenarbeiten. Heute sehen wir es als selbstverständlich an, dass Mittel für diesen Kampf bereitgestellt werden. Ich möchte die Gesundheitsministerin ausdrücklich in dem, was sie eben zur Behandlung gesagt hat, unterstützen: Es wird von uns nicht zugelassen werden, dass es hier Einschränkungen gibt, die nicht vertretbar sind. Ulla Schmidt hat das eben sehr deutlich zum Ausdruck gebracht.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass viele von Ihnen, obwohl die Probleme im eigenen Land groß sind, sich engagieren, auch in anderen Ländern dazu beizutragen, dass dort der Kampf gegen AIDS ganz selbstverständlich geführt wird. Ich war deshalb auch sehr gerne bei der von der Gesundheitsministerin organisierten G8-Konferenz – einer Konferenz, die uns vor Augen geführt hat, dass nicht nur in Afrika oder in Asien, sondern auch direkt bei uns um die Ecke, in der europäischen Nachbarschaft, noch viele, viele Vorurteile zu überwinden sind. Wir können kein einiges Europa, keine Europäische Union sein, wenn es nicht möglich ist, in den Mitgliedstaaten in gleicher Weise vorzugehen. Ich glaube, das ist eine Aufgabe für uns alle.

Das, was wir seit Anfang der 80er Jahre erreicht haben, haben wir erreicht, weil es mutige Menschen gab. Das haben wir auch dadurch erreicht, dass bis heute, wie ich sagte, ein Stück weit Normalität eingekehrt ist. Aber ich will auch, so wie Herr Henn das schon getan hat, auf die Gefahren solcher Selbstverständlichkeiten hinweisen. Denn alles, was geradezu selbstverständlich aussieht, kann allzu leicht auch aus dem Licht der Öffentlichkeit und damit wieder aus dem Bewusstsein herausrücken. Wenn ein Problem nicht mehr täglich in den Nachrichten auftaucht, muss es deshalb noch lange nicht aus der Welt sein. Deshalb dürfen wir nicht vergessen, dass wir zwar, wie hier gesagt wurde, ein Plateau bei der Zahl der Infizierten erreicht haben, dass wir aber längst noch nicht das erreicht haben, was wir erreichen wollen: weniger Menschen, die sich infizieren, und auch das Besiegen der Krankheit, das immer noch nicht gelungen ist.

Die traurige Wahrheit ist, dass das Leid vieler Menschen heute noch mit dieser Krankheit verbunden ist. Auch in Deutschland müssen wir immer wieder wachsam sein. Hinter jeder Krankheit stehen leidvolle Schicksale. An AIDS erkrankte Menschen leiden auch heute noch oftmals doppelt: zum einen körperlich und zum anderen an einer Umgebung, die zum Teil immer noch auf Distanz geht. Die Bekämpfung dieser Krankheit hat deshalb auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension. Ob Politik, ob medizinische Forschung oder die gesamte Zivilgesellschaft – letztlich ist jeder Einzelne in unserer Gesellschaft aufgerufen, sich in die Phalanx gegen AIDS einzureihen. Wenn die ganze Gesellschaft dies als eine Aufgabe begreift, haben wir viel geschafft.

Politik allein – das sage ich auch – wäre hier auf verlorenem Posten. Deshalb ist es so ein Erfolgsmodell, dass mit der Deutschen AIDS-Hilfe ein starker, ein unverzichtbarer, ein kompetenter Partner da ist, der natürlich oft auch sehr eigenständig sagt, was konkret vor Ort notwendig ist. Erst damit wird gezielte Hilfe in gemeinsamer Kooperation überhaupt möglich. Die Zusammenarbeit zwischen engagierten Bürgern, Selbsthilfegruppen, Verbänden und Regierungsstellen ist es, die überhaupt das Fundament dafür bildet, dass AIDS-Bekämpfung erfolgreich sein kann. Wir brauchen einen Staat, der einen verlässlichen Rahmen schafft – darüber ist gesprochen worden –, einen Staat, der Unterstützung anbietet, aber das Heft des Handelns in der Hand derer belässt, die mit ihren Erfahrungen am besten wissen, was vor Ort und für den einzelnen Menschen ganz konkret zu tun ist.

Es ist immer das Spannungsfeld in Demokratien, dass Regierungen Rahmen schaffen müssen, staatliche Stellen einen Rahmen sicherstellen müssen, aber dann natürlich auch ein Stück loslassen müssen, damit sich Menschen engagieren können, damit sich Menschen auch gegen Bedenkenträger und Widerstände durchsetzen können und damit diejenigen eine Chance bekommen, die nicht aufgeben, die manchmal unbequem sind, die nicht wegschauen und die immer wieder neue Wege gehen. Deshalb müssen die staatlichen Stellen natürlich die Kraft dazu aufbringen, das, was gestern war, nicht immer schon auch für morgen für gut zu halten.

Ich glaube, dass ein schönes Beispiel für das, was gemeint ist, ein ganz in der Nähe von hier liegendes Wohnareal ist: Eine Wohnanlage für Menschen mit AIDS, eines der gemeinnützigen Wohnprojekte von „ZIK – Zuhause im Kiez“. Betroffene können dort so wohnen und leben, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Sie erfahren Pflege und Betreuung, die sie brauchen. So ist aus einer Eigeninitiative engagierter Bürger ein echtes Vorbild geworden für Strukturen, in denen Leben, Betreuung, Pflege und Vorsorge möglich ist.

Die Krankheit ist inzwischen behandelbar, aber heilbar ist sie immer noch nicht. Deshalb ist Prävention nach wie vor der beste Schutz – man kann das nicht oft genug wiederholen. Darüber dürfen die großartigen Erfolge in der Erforschung und Entwicklung von Impfstoffen und Arzneimitteln nicht hinwegtäuschen. Prävention ist und bleibt auch auf absehbare Zeit das beste Mittel. Wir wissen, Nährboden für Neuinfektionen sind noch immer vor allem Unwissen, Leichtsinn und Fehleinschätzungen. Das heißt, wir müssen auch weiterhin auf Aufklärung, Information und Förderung von Gesundheits- und Verantwortungsbewusstsein setzen.

Das ist natürlich an dieser Stelle leichter gesagt, als es dann in der Praxis in umfassender Weise getan wird. Man kann das nicht von oben herab verordnen. Vielmehr funktioniert Prävention dann, wenn sie dezentral und auch gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickelt wird, wenn also der gemeinsame, teilhabende Charakter der Prävention betont wird. Genau darauf setzt die Deutsche AIDS-Hilfe auch mit ihrer kürzlich gestarteten Initiative „ICH WEISS WAS ICH TU“. Das ist eine Kampagne, die sich über die verschiedensten Medien hinweg erstreckt, einschließlich des Internets – ich glaube, dass das sehr wichtig ist –, bis zu Aktivitäten vor Ort. Ich möchte ausdrücklich sagen, dass ich dieser Kampagne viel Erfolg wünsche – einen Erfolg, der sich dann möglichst auch so niederschlägt, dass wir in den nächsten Jahren auf bessere Zahlen bei den Neuinfektionen blicken können.

Darauf hinwirken und den Trend umkehren, das ist eine Aufgabe für uns alle. Deshalb werde ich auch nicht müde, nun gerade auch für die Benefiz- und Spendenaktionen rund um den Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember um Unterstützung zu bitten und um Unterstützung zu werben. Ich will jedem sagen, der noch unsicher ist: Ob Geld- oder Sachspenden – jeder einzelne Betrag und Beitrag hilft hier weiter. Ich glaube, auch jedes Zeichen der menschlichen Solidarität ist willkommen. Dieses kann man zum Beispiel setzen, indem man sich auf der Internetseite des Welt-AIDS-Tages als Botschafter einträgt.
Ich glaube, es wäre das beste Geburtstagsgeschenk für Sie, Herr Henn, und Ihre Mitstreiter in der Deutschen AIDS-Hilfe, wenn sich möglichst viele in unserer Gesellschaft engagieren – mit Optimismus, Tatkraft und der Bereitschaft, auch einmal einen unbequemen Weg zu gehen. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch und viel Kraft für die weitere Arbeit! Sie dürfen ab und zu auch unbequem sein, damit wir nicht vergessen, was noch Wichtiges zu tun ist. Alles Gute für die nächsten Jahre!

[Quelle: bundeskanzlerin.de]

DAH unterzeichnet Mexiko-Manifest

Die Deutsche Aids-Hilfe hat sich als Organisation dem Mexiko-Manifest angeschlossen. Der Delegiertenrat hat am 15.11.2008 die Unterschrift ratifiziert.

Der Delegiertenrat der DAH, höchstes Organ der DAH zwischen den Mitgliederversammlungen, legt satzungsgemäß „mit dem Vorstand die Grundlinien der Arbeit der DAH fest, unterstützt den Vorstand und beaufsichtigt ihn auch.“
Der Delegiertenrat besteht aus Landesdelegierten, je zwei Vertreter(inne)n der drei nach Größe der Aidshilfen geordneten Mitgliederversammlungs-Stimmgruppen, je zwei Vertreter(inne)n der von der Mitgliederversammlung anerkannten Netzwerke sowie bis zu drei von der Mitgliederversammlung direkt gewählten Einzelpersonen.

Das “Mexico Manifest – Manifest der Menschen mit HIV und Aids zum Welt-Aids-Kongress 2008 in Mexico City” war auf Initiative der Schweizer Positiven-Organisation LHIVE entstanden.

Mitte Oktober hatte bereits der Vorstand der DAH sich dem Mexiko-Manifest angeschlossen. Am 5. Oktober 2008 war der Vorstand der deutschen Aids-Hilfe neu gewählt worden.

Ulla Schmidt: „Präventionsarbeit braucht auch Geld“

Neben Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel war auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zu Gast beim Welt-Aids-Tags-Empfang der Deutschen Aids-Hilfe am 13.11.20008.

„Durch wirklich nachhaltig angelegte Präventionsmaßnahmen haben wir im westeuropäischen Vergleich die zweitniedrigste Infektionsrate“, betonte Schmidt, nur Andorra sei besser. Dazu habe die Deutsche Aids-Hilfe, hätten die vielen regionalen Aidshilfen unter ihrem Dach einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Video: Rede Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt beim Welt-Aids-Tags-Empfang 2008 der deutschen Aids-Hilfe

Länge: 11:15 min., Achtung: 41 MB

Bundeskanzlerin Merkel bei Empfang der Deutschen Aids-Hilfe

Bundeskanzlerin Merkel und der Vorstand der deutschen Aids-Hilfe
Bundeskanzlerin Merkel und der Vorstand der deutschen Aids-Hilfe

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel war Gast des Welt-Aids-Tags – Empfangs der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) am 13. November 2008 in Berlin. Gegründet am 23. September 1983, feiert die DAH in diesem Jahr ihr 25jähriges Bestehen.

Reden beim Welt-Aids-Tags-Empfang 2008 der Deutschen Aids-Hilfe:
– Tino Henn, Vorstandsmitglied der Deutschen Aids-Hilfe: Aids-Hilfe muss mit eigener Stimme sprechen (Text)
– Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: „Präventionsarbeit braucht auch Geld“ (Video)
– Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel: „Sie dürfen auch ab und zu unbequem sein!“ (Video)
Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Empfang anlässlich des 25. Jubiläums der Deutschen AIDS-Hilfe e.V.(Text)

DAH-Vorstand schließt sich Mexiko-Manifest an

Der Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe hat auf seiner Sitzung am 17. bis 19. Oktober 2008 in Berlin einstimmig beschlossen, das Mexiko Manifest zu unterzeichnen.

Das „Mexico Manifest – Manifest der Menschen mit HIV und Aids zum Welt-Aids-Kongress 2008 in Mexico City“ war auf Initiative der Schweizer Positiven-Organisation LHIVE entstanden. Ihm haben sich inzwischen zahlreiche Organisationen und Einzelpersonen angeschlossen.
Das Manifest ist eine Reaktion auf das Statement der Eidgenössischen Aids-Kommission EKAF „keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs“ und die Debatten um dieses Statement (siehe auch „EKAF-Statement, Reaktionen und Folgen„).

Erst am 5. Oktober 2008 war der Vorstand der deutschen Aids-Hilfe neu gewählt worden.

Der Vorstand betonte, mit dem Unterzeichnen des Mexiko-Manifests sei die Debatte nicht beendet. Eine Stellungnahme des DAH-Vorstands zum EKAF-Statement selbst wurde für Dezember 2008 angekündigt.

25 Jahre Deutsche AIDS-Hilfe
25 Jahre Deutsche AIDS-Hilfe

Prävention muss aufklärerisch ansetzen

Anlässlich des Starts der bundesweiten Präventionskampagne „ich weiss, was ich tu!“ am 13.10.2008 dokumentieren wir hier die Rede, in der Dr. Dirk Sander die Hintergründe der Kampagne erläuterte:

Dr. Dirk Sander 13. Oktober 2008 / 11.30

ICH WEISS WAS ICH TU – Start-Pressekonferenz

Vielen Dank Frau Prof. Dr. Pott und vielen Dank Winfried!

Ich möchte Ihnen jetzt kurz die Hintergründe unserer neuen Kampagne erläutern.

Die HIV-Prävention in der Bundesrepublik Deutschland – das wurde schon gesagt – ist auch im internationalen Vergleich als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen.

Diese Aussage mag einige von Ihnen verwundern:

Beobachten wir doch seit Beginn dieses Jahrtausends einen Anstieg der HIV-Neudiagnosen, insbesondere in der Gruppe, die seit Beginn der Aids-Epidemie in den 80er Jahren am meisten von HIV und Aids betroffen war -und ist. Nämlich bei schwulen, bisexuellen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben. Wir beobachten diesen Anstieg gleichfalls in einer Gruppe, die – so zeigen es soziologische Studien – in aller Regel auch bestens über Infektionswege und Schutzmöglichkeiten aufgeklärt zu sein scheint.

Über die Gründe für diesen Anstieg ist auch in den Medien in den letzten Jahren viel spekuliert worden: Es wird z.B. immer wieder eine „neue“ oder „wiederkehrende Sorglosigkeit“ im Schutzverhalten bei schwulen Männern behauptet. Skandalisierend wird von „Pozzern“ und „bug-chasern“ berichtet. Diese mag es geben, allerdings stellen sie dann ein absolutes Randphänomen im HIV-Infektionsgeschehen dar. Wenig wird sich übrigens bei der teilweise reißerischen Berichterstattung mit der Frage auseinandergesetzt, welche sozialen und psychischen Hintergründe ein solches selbst- und fremdschädigendes Verhalten haben könnte.
Auch geraten immer wieder HIV-positive unter Generalverdacht! Sie hätten deshalb mehr – wenn nicht die alleinige Verantwortung für die epidemiologische Entwicklung zu tragen. Diesen Anspruch lehnen wir allerdings aus guten ethischen aber auch medizinisch-therapeutischen Gründen ab. Darauf komme ich noch mal zurück.

Pressekonferenz zum Start der Kampagne (Foto: DAH)
Pressekonferenz zum Start der Kampagne (Foto: DAH)

Als Begründung für die unterstellte „zunehmende Sorglosigkeit“ wird behauptet, dass die Ursache für ein abnehmendes Schutzverhalten in den beeindruckenden medizinisch-technischen Entwicklungen in der Behandelbarkeit der HIV-Infektion zu sehen sei. Diese Fortschritte haben nämlich in den letzten zehn Jahren dazu beigetragen, dass eine HIV-Infektion – wenn sie rechtzeitig erkannt wird -, nicht mehr wie früher schnell zu AIDS und einem frühen Tod führt. Wir sprechen heute allgemein von HIV als einer chronischen behandelbaren Krankheit mit langen Überlebenszeiten, die allerdings durch viele negative körperliche, seelische sowie soziale Einschränkungen und Einschnitte gekennzeichnet sein kann.

Auch deshalb lohnt es sich weiterhin, sich vor HIV zu schützen!

Behauptet wird aber ohne empirische Belege, dass – kurz gesagt – die Angst abgenommen habe und deshalb das Schutzverhalten erodieren würde.

Aber der Schutz vor HIV ist kein Auslaufmodell!

Im Gegenteil! Die Schutzmotivationen sind auch nach 25 Jahren „Safer Sex“ – Botschaften bei 80 % unserer Zielgruppe ungebrochen hoch. Bei weiteren 10 % kommt es zu sporadischen Risikokontakten, – soweit jedenfalls die Zahlen in der aktuellen Erhebung von Michael Bochow und Axel Schmidt. Auch andere Studien stellen keine Abnahme der Schutzmotivationen fest.
Trotzdem haben wir einen Anstieg in den Neuinfektionen seit Beginn dieses Jahrtausends zu verzeichnen.

Wie hängt das zusammen, fragt man sich? Und hier komme ich nun zur Beantwortung der Frage, warum wir die Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ in dieser Form entwickelt haben.

Der Anstieg der HIV-Infektionen ist nämlich auf ein komplexes Bedingungsgeflecht zurückzuführen.
1. Erstens: Zum einen ist HIV durch andere sexuell-übertragbare Infektionen – wie z.B. die seit Beginn dieses Jahrtausends grassierende Syphilis – wieder leichter übertragbar. Liegt aber eine ulzerierende (geschwürige) Infektion wie z.B. die Syphilis vor, so ist es für HIV einfacher, anzudocken. Das gilt zum einen für den HIV-negativen Partner, der eine solche Syphilis-Infektion hat. Das gilt aber auch für gut therapierte schon HIVpositive Menschen: Hier erhöht eine zusätzliche andere sexuell-übertragbare-Infektion die Übertragungswahrscheinlichkeit. Denn, und das möchte ich an dieser Stelle auch festhalten: Eine erfolgreiche HIV-Therapie verringert auf individueller Ebene die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV immens.
Insgesamt müssen wir also stärker noch als bisher die Infektionswege und Behandlungsmöglichkeiten anderer sexuell-übertragbarer Infektionen in der Prävention aufgreifen.

2. Zweitens: Wir gehen von einer gar nicht geringen Anzahl von Menschen aus, die nicht wissen, oder nicht wissen wollen, wie ihr Immunstatus ist. Wir wollen die Leute aber zum Test ermuntern. Das ist uns auch zum Teil schon in den letzten Jahren gelungen: Schwule Männer lassen sich im Vergleich zu anderen Teilgruppen der Gesellschaft öfter testen. Auch das ist ein Grund für den Anstieg der Neudiagnosen. Wir wollen aber trotzdem niedrigschwellige regionale (Schnell-)Testangebote weiter ausbauen.
Denn aus medizinisch-therapeutischer Sicht lohnt es sich heute zu wissen, ob man HIVpositiv ist, oder nicht. Aber ein Test muss sich auch aus sozialer Sicht lohnen! Denn immer noch erfahren Menschen, die HIVpositiv sind, massive Stigmatisierungen, sie werden diskriminiert, ihnen wird Leichtfertigkeit unterstellt. Auch hier muss Prävention quasi aufklärerisch ansetzen.

3. Drittens: Deshalb verfolgt die neue Kampagne auch keinen rein primärpräventiven Ansatz. Wir werden gleichberechtigt HIV-negative und HIV-positive Personen als Rollenmodelle in die Kampagne einführen. Die HIV-positiven können z.B. in der Prävention die Aufgabe übernehmen, falsche Bilder vom Leben mit HIV aufzuweichen, falsche Risikostrategien entlarven, und die oben genannten falschen Bilder von HIV-Positiven selbst korrigieren helfen! Denn: HIV-Infektionen passieren viel „banaler“ als es in den Medien bisher dargestellt wird; z.B. nicht auf gewissen Partys sondern in Beziehungen, sie beruhen auf kommunikativen Missverständnissen, auf Infektionsmythen und Wunschdenken. Auf den Schutz verzichtet wird auch manchmal wenn man sich in biographisch krisenhaften Situationen befindet. All das wird in der Kampagne aufgegriffen werden.

4. Viertens: Die alten Safer-Sex-Botschaften (Beim Analverkehr Kondome, beim Blasen: Raus bevor´s kommt) sind gelernt. Sie verschwinden deshalb aber nicht, sondern sie müssen durch neue lebensweltbezogene Botschaften ergänzt werden. Es geht heute deshalb nicht mehr nur darum, den Leuten zu sagen, wann ein Kondom auf jeden Fall zum Einsatz kommen sollte (nämlich dann, wenn der Sex sporadisch ist, wenn man nichts über den gesundheitlichen Zustand des Partners weiß, also im Unsicherheitsfall); man muss unseres Erachtens heute auch darüber reden, wann das Kondom ohne Risiken mal weggelassen werden kann. Dazu gehört aber die Bereitschaft, sich intensiv mit seinen sexuellen Wünschen und dem eigenen sexuellen Handeln auseinander zu setzen und individuelle passgenaue Risikomanagementstrategien zu entwickeln. Das tun die Individuen zwar schon, aber nicht immer sind die Strategien wirklich sicher. Dieses Management erfordert Kommunikation und Kommunikationsbereitschaft. Hier will die Kampagne, deren Motto „ICH WEISS WAS ICH TU“ Sie jetzt schon besser verstehen, Informationen bereit stellen.

5. Fünftens: Die widersprüchlichen Bilder von Aids müssen aufgegriffen und korrigiert werden. Wie eine aktuelle Studie festhält, existieren zwei gegensätzliche Bilder von Aids in der Zielgruppe. Auf der einen Seite die Angst machenden Bilder des „Alten Aids“. Auf der anderen Seite die Bilder von und Kontakte zu Menschen, die HIVpositiv sind, offensichtlich aber relativ gut damit leben können. Diese widersprüchlichen Erfahrungswerte bzw. kognitiven Dissonanzen können zur selektiven Wahrnehmung von Informationen führen, und sind deshalb für die Prävention kontraproduktiv. Sie „forcieren“ – so schreibt der Autor der Studie – „sexuelles Risikoverhalten bei schwulen, bisexuellen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben“ (Zitat Ende). Auch hier müssen wir in der Prävention ansetzen. Sie dürfen z.B. auf die Uraufführung unseres ersten Kampagnen-Films gespannt sein, den wir Ihnen gleich im Anschluss aber auch heute Abend vorstellen möchten. Er zeigt junge HIV-positive schwule Männer, die Licht- und Schattenseiten ihres Lebens.

6. Sechstens: Und damit möchte ich es bewenden lassen: Die alten Medien der Prävention müssen zunehmend durch neue Medien ergänzt und ersetzt werden. Die Kontakt- und Informationssuche hat sich nämlich insbesondere in unserer Zielgruppe in den letzten Jahren deutlich ins Internet verschoben. Ein Großteil der jungen Schwulen – so zeigt es eine angloamerikanische Studie – findet heute seinen ersten Sexpartner im Internet! Hierauf haben wir uns in der Deutschen Aids-Hilfe auch schon eingestellt: Unsere Online-Beratung, aber auch der „health-support“ auf dem beliebtesten deutschen schwulen Kontaktportal erfreut sich eines wachsenden Nachfrage-Zulaufs. Was bisher noch in der Bundesrepublik fehlte ist eine Internetkommunikationsplattform für die am meisten von HIV betroffene Zielgruppe. Dieses zentrale Kampagnenmodul werden wir ebenfalls heute starten. Die „ICH WEISS WAS ICH TU“- Internetplattform wollen wir in den nächsten Jahren zu dem zentralen Gesundheits-, Informations- und Diskussionsportal für die Zielgruppe ausbauen. Wir erreichen damit Personen, die wir durch die herkömmlichen Medien nur noch schlecht erreichen.

Lassen Sie mich, bevor Herr Kuske Ihnen noch einige Kampagnendetails zeigt und Sie Nachfragen stellen können, mit einem Fazit schließen:

Prävention, das ist wohl deutlich geworden, ist schwerer bzw. komplexer geworden. Wir wollen in unserer neuen zielgruppenorientierten Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ diese und andere neue Anforderungen aufgreifen. Wir erhoffen uns von Ihnen, dass sie diesen Weg redaktionell begleiten und unterstützen.

Vielen Dank erstmal, ich bitte Herrn Kuske, den Kampagnenmanager, ums Wort.

ich weiss, was ich tu!

Am 13. Oktober wurde in Berlin die bundesweite Präventionskampagne „ich weiss, was ich tu!“ gestartet.

iwwit - Testimonial Fabian (Foto: DAH)
iwwit - Testimonial Fabian (Foto: DAH)

ich weiss, was ich tu!“ ist die neue Kampagne der Aidshilfen für Schwule, Bisexuelle und andere Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)

Start der iwwit-Kampagne am 13.10.2008 (Foto: DAH) v.l.n.r.: Matthias Kuske (DAH-Kampagnenmanager), Prof. Dr. Elisabeth Pott (BZgA-Direktorin), Sylvia Urban (DAH-Bundesvorstand), Winfried Holz (DAH-Bundesvorstand), Dr. Dirk Sander (DAH-Abteilungsleiter Strukturelle Prävention MSM)
Start der iwwit-Kampagne am 13.10.2008 (Foto: DAH) v.l.n.r.: Matthias Kuske (DAH-Kampagnenmanager), Prof. Dr. Elisabeth Pott (BZgA-Direktorin), Sylvia Urban (DAH-Bundesvorstand), Winfried Holz (DAH-Bundesvorstand), Dr. Dirk Sander (DAH-Abteilungsleiter Strukturelle Prävention MSM)

Dr. Dirk Sander, DAH-Abteilungsleiter Strukturelle Prävention MSM, erklärt zum Kampagnenstart: „Die HIV-Neudiagnoseraten steigen seit 2001 in der MSM-Zielgruppe in allen westlichen Industrienationen. Aktuelle Studien (z.B. Bochow et al., „Wie leben Schwule heute?“ Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, 8. Wiederholungsbefragung zum MSM-Schutzverhalten) stellen aber fest, dass der Wille, sich vor HIV zu schützen, in der Zielgruppe der MSM auch nach über 20 Jahren Präventionsarbeit ungebrochen hoch ist. Die Grundstandards des Safer Sex sind von der Zielgruppe gelernt. Sie erfordern allerdings heute eine Erweiterung, die auf authentische Weise die Lebenswirklichkeiten der Zielgruppe aufgreift.“
Sander betont zudem „wir binden HIV-Positive in die Prävention ein: Die HIV-Positiven können in der Prävention die Aufgabe übernehmen, falsche Bilder vom Leben mit HIV aufzuweichen, falsche Risikostrategien entlarven und falsche Bilder von HIV-Positiven selbst korrigieren helfen. Das ist auch deshalb wichtig, um einer Stigmatisierung von HIV-Positiven entgegen zu wirken.“

ich weiss, was ich tu!
ich weiss, was ich tu!

Für Irritationen sorgt ab und an noch das Motto der Kampgane: „ich weiss, was ich tu!„. In diesem Motto kommt der DAH zufolge das Ziel der Kampagne zum Ausdruck: Schwule, Bisexuelle und andere Männer die Sex mit Männern haben einzuladen und zu befähigen, selbstbewusst Entscheidungen für individuelle Präventions- und Gesundheits-Strategien zu treffen und durchzusetzen.

„ich weiss, was ich tu!“ umfasst damit auch Themen und Inhalte, die über den engeren Bereich HIV/Aids hinaus ragen – auch sexuell übertragbare Infektionen sowie allgemeinere Themen schwuler Gesundheit sollen angesprochen werden.

Die neue Kampagne geht auch durch die Presse- und Bloggerlandschaft. Schon fragt koww angesichts einer gewissen Fokussierung auf jüngere Menschen und der heutigen Premiere des Films ‚jung positiv inside‘ mahnend ‚und was ist mit den Alten?‚, während sich ‚Samstag ist ein guter Tag‚ angesichts der Verwendung des Begriffes MSM um die Auslöschung von Schwulen aus dem öffentliche  Diskurs sorgt. Die FR berichtet vom ‚Start einer Präventionskampagne‘, und queer.de sagt „wir sind keine Missionare„.
ik weet wat ik doe‚, heißt das ganze bei pozandproud auf niederländisch.
webguerillas entwickeln Präventionskampagne‘
’nur für Männer‘, sagt die SZ

Fotos und Bericht von der Auftaktveranstaltung folgen … hier Fotos, Rede Dr. Dirk Sander ‚Prävention muss aufklärerisch ansetzen‚, Rede Carsten SDchatz (Vorstadn DAH): „Die Kampagne ist ein Meilenstein„, Rede Prof. Pott / BZgA „Wir unterstützen nachhaltig diese Kampagne„.

Deutsche Aids-Hilfe: neuer Vorstand gewählt (akt.)

Auf der Mitgliederversammlung der Deutschen Aids-Hilfe wurde ein neuer Vorstand gewählt.

DAH Vorstand nach Wahl am 5. Oktober 2008
DAH Vorstand nach Wahl am 5. Oktober 2008 (Foto: DAH)

Vor 25 Jahren, am 23. September 1983, wurde die Deutsche AIDS-Hilfe e.V. (DAH) als erste AIDS-Selbsthilfe-Einrichtung in Deutschland gegründet. Inzwischen haben sich 120 Mitgliedsorganisationen unter dem Dach der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. (Aids- und Drogenhilfen, Präventionsprojekte, Schwulen- und Lesbenzentren, Wohn- und Pflegeprojekte) zusammengeschlossen.

Am 4. und 5. Oktober 2008 fand in Erfurt die jährliche Mitgliederversammlung der Deutschen Aids-Hilfe e.V. statt. Turnusgemäß wurde für eine Amtszeit von drei Jahren auch ein neuer Vorstand gewählt, die Vorstandsmitglieder nach der Neuwahl sind (in der Reihenfolge der Höhe der erhaltenen Stimmen):
– Carsten Schatz (Berlin)
– Sylvia Urban (Dresden)
– Winfried Holz (Berlin)
– Hansmartin Schön (München)
– Tino Henn (Köln)

Dem vorherigen Vorstand (Maja Czajka, Sylvia Urban, Sven-Christian Finke) wurde einstimmig keine Entlastung erteilt.

Im Verlauf der Mitgliederversammlung sollte auch das so genannte EKAF-Statement (‚keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs‚) diskutiert werden.

ich weiss, was ich tu!
ich weiss, was ich tu!

Nachtrag 07.10.2008: „Die Deutsche Aidshilfe will künftig verstärkt gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung von HIV-positiven Menschen am Arbeitsplatz kämpfen“, sagt Neu-Vorstand Carsten Schatz laut dpa-medlung auf krankenkassen.de.
„Stellvertretend für den neuen Vorstand erklärt Carsten Schatz: ‚Der neue Vorstand will die DAH als politische Vertretung der von HIV und Aids Bedrohten und Betroffenen stärken. Als Fachverband werden wir die Leitlinien und lebenspraktischen Empfehlungen für die HIV-Prävention und den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten weiterentwickeln – z.B. in Bezug auf differenzierte Botschaften für die verschiedenen Zielgruppen.'“ (Pressemitteilung DAH)