mit HIV vogelfrei für die Medien? – Fragen an den Staatsanwalt (akt.)

Oder ist der Staatsanwaltschaft, die kühl sagt “Wir kriminalisieren nicht, wir verfolgen eine Straftat” nicht bewusst, welche Folgen ihr Handeln für das Bild von HIV-Positiven und für HIV-Prävention haben kann? Wie sehr sie Diskriminierung und Stigmatisierung Tür und Tor öffnet?

Ist der Staatsanwaltschaft nicht bewusst, dass sie hier -wie selbst die Deutsche Aids-Stiftung beklagt und die TV-Nachrichten (2) bemerken – potenziell Präventionserfolge gefährdet?

Über Unschuldsvermutung und Persönlichkeitsrechte hinaus – die eigentliche, über den konkreten Fall hinaus weisende Kernfrage lautet deswegen m.E.: seit wann betreiben Staatsanwaltschaften Aids-Prävention?

Was (und wer) legitimiert, vor allem auch was qualifiziert eine Staatsanwaltschaft, sich als Player auf dem Gebiet der Aids-Prävention zu gerieren?

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(1) Schertz Bergmann Rechtsanwälte: “Einstweilige Verfügung gegen BILD im Fall X”, online auf presseecho.de

(2) ZDF heute journal 16.04.2009

Litigation-PR-Blog 16.04.2009: PR-Periskop I: Bärendienst für X

3A 16.04.2009: HIV-Behandlerinnen fordern sofortige Freilassung von Nadja Benaissa – Inhaftierung unverhältnismäßig

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auch lesen:

koww 17.04.2005: Keine Gelegenheit auslassen …

Antiteilchen 17.04.2009: Manchmal fragt man sich wer in Bwerlin alles Richter werden darf

alivenkickin 17.04.2009: Der Spießrutenlauf

taz 17.04.2009: Ende der Unschuldsvermutung

SZ 16.04.2009: Intimes, inszeniert und vorgeführt

SZ 16.04.2009: Auf das Wie kommt es an

“Medien können sich doch bei der Entscheidung, was und wie sie berichten, nicht nur von der Frage leiten lassen, was erlaubt ist. Sie müssen sich die Frage stellen, was richtig ist. Und was notwendig ist. Ich weiß nicht, ob es erlaubt war, über den Verdacht gegen eine Sängerin, über ihr Intimleben und ihre HIV-Infektion zu berichten. Aber ich bin überzeugt davon, dass es nicht notwendig war.” Stefan Niggemeier

Steven Milverton 18.04.2009: HIV in der öffentlichen Wahrnehmung

FAZ 19.04.2009: Der Staatsanwalt in meinem Bett

DAH-Blog 15.05.2009: Deutschland disst den Superstar

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15 comments on this post.
  1. Dennis:

    Was ich mich frage ist welches Menschenbild die Staatsanwaltschaft von Menschen mit HIV hat.
    Ger Neuber der Sprecher Staatsanwaltschaft sagte in einem gespräch mit Stern.de, das die Staatsanwaltschaft der Aufassung ist, den äußeren Tatbestand nicht verschweigen zu können. Und gleichzeitig arguentierte sie mit der möglichkeit der “Wiederholungsgefahr”. Wenn die Staatsanwaltschaft per Pressemitteilung den gesundheitlichen Status einer Person bekanntgibt, dann wird sich wohl kaum jemand finden, die mit einem slchen Menschen ungeschützten Sex haben wollen.

    Was heißt das aber ganz konkret? In diesem Fall handelt es sich um einen Menschen – der BEKANNT ist. D.H Man kennt diesen Menschen Namentlich, weiß wie er aussieht. Dank der Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft und der daraufhin erfolgten Berichterstattung der Medien (Print, TV, Radio etc) weiß mitterweile ganz Deutschland um wen es sich handelt.

    Jeder Gang zum Bäcker, jeder Gang zum Lebensmittelhändler, jedesmal wenn sie den Fuß vor ihre Tür setzt beginnt ein Spießrutenlauf. Welche mit welchen Äusserungen und Spürchen sie konfrontiert wird kann sich jeder ausmalen. Der Tenor der Kommentare in den Foren, Blogs etc läßt erahnen was da auf sie zukommt.

    Um auf meine Ausgangsfrage zurückzukommen”Welches Bild hat die Staatsanwaltschft von Menschen mit HIV”?

    Die Assoziationen die mir u.a. in den Sinn kommen sind “Menschenverachtend”, “Wertlos”, “So jemand hat nichts anderes verdient”.

  2. samstagisteingutertag:

    @ Ondamaris: Du hast ganz recht mit der Frage, seit wann Staatsanwälte Aids-Prävention betreiben. Meines Wissens sind dazu eigentlich Legislative und Exekutive gedacht. Aber auch bei letzteren ist ja “das Vorbeugende” seit geraumer Zeit (etwa im “Kampf gegen Terror”) ein beliebtes Argument sich über Grundrechte von Menschen hinwegzusetzen.
    @ Dennis: Ich dachte als erstes, dass die No-Angels-Sängerin geradezu idealtypisch das Klischee des “männermordenden Vamps” erfüllt und schon deshalb entsprechende Reaktionen einer männlichen Justiz hervorruft.

  3. alf:

    “Die Staatsanwälte und Richter sollen aus unseren Betten bleiben, es sei denn, wir wollen mit ihnen poppen!” So habe ich es mal in einem entzückenden kleinen Büchlein eines großen Rechtsgelehrten gelesen.
    Es scheint mir hier so zu sein, dass ein Provinz-Staatsanwalt seine große Chance gewittert hat. Der letzte Dussel will ja heute ein Star sein! Aber: Auch ein Strafrechtler hat abzuwägen, wenn es um die Menschenwürde geht. Ich hoffe jedenfalls, dass soviel Inkompetenz und Masslosigkeit recht bald privatwirtschaftlich weiter wirken darf, oder noch umfassender freigesetzt wird!

  4. Dennis:

    @ Alf
    Der Gute Mann ist Staatsanwalt und Pressestaatsanwalt zugleich und 63 Jahre alt. Laut der süddeutschen wurde er mit solch einer Thematik zum ersten Mal konfrontiert.

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/723/465315/text/

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/723/465315/text/5/

  5. alf:

    @ Dennis
    Also nix mit Poppen aber umgehende Verrentung, da lass ich mit mir reden!

  6. alf:

    @ Dennis schon wieder

    In dem FAZ-Artikel, den Du verlinkt hast, steht: “Immer wieder ist zu beobachten, dass Staatsanwälte vor Kameras den großen Auftritt suchen, dass sie, mitunter, geltungssüchtig oder überfordert sind.”
    Na, das sag´ ich doch, oder? Und viele von denen trifft man auch im Nachmittagsprogramm bei RTL und Konsorten. Da machen Sie ja nur Spass, aber das hier ist ernst. Also stellt sich die Frage, wie man mit solch hoffnungslos “überforderten” (= inkompetenten) Anwälten, die sich auf unsere Kosten einen schönen Tag machen, umgeht. Vielleicht reichts ja für Gartenarbeit, Rosenzucht etc. im heimischen Garten? Da ist wenigstens, “mitunter”, die Menschenwürde nicht in Gefahr! Bei der Rosenzucht kann man sich wunderbar in Demut üben, und – wenn man etwas Ehrgeiz entwickelt – in institutionalisierten Rosenzüchterkreisen allerlei Geltung auch erlangen. Wie wär´s z.B. mit der wunderbaren prächtigen “Sorry Angel of Darmstadt”? Schön das!

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/723/465315/text/5/

  7. ondamaris:

    @ alf:
    positiv gewendet stellt sich m.e. auch die frage, vielleicht wissen sie’s tatsächlich nicht besser – woher auch?
    und daraus: in wie weit sollten vielleicht auch aidshilfen mehr auf staatsanwaltschaften zugehen, von sich aus aktiv informieren oder informationen anbieten. nicht nur vor dem aktuellen hintergrund, auch zb hinsichtlich ekaf und konsequenzen …

  8. alf:

    Sicher das! Kleines Rechtsseminar für Staatsanwälte? Ich kann da nach einer Woche auch nix positiv wenden. Ignoranz ist für sowas nicht zugänglich. Hier geht es um ein Exempel, dass selbstherrlich statuiert wird.
    Bei der langen Vorbereitung dieser Inszenierung hätte man was anderes erwartet. Werden Staatsanwälte nicht dazu angehalten, sich umfassend zu informieren bevor sie in dieser drastischen Art die Menschenwürde vergessen? Es liegt alles bereit. Dummheit, Ignoranz darf die Justiz nicht schützen. Wo das hinführen kann, ist hinlänglich bekannt. Wer klagt die Ankläger an? Der europäische Gerichtshof? Wie ich gerade auf Spiegel online lese, wird bestimmt “noch einige Zeit” ins Land ziehen, bis die Sängerin freigelassen wird. Angeblich beten die Bischöfe auch schon für sie, aber wie so oft: Vergeblich!

  9. alf:

    Und weisst Du, was richtig zum Kotzen ist? Jetzt wird noch selbstgefällig und dumpfbackig konstruiert, dass die Debatten der Prävention dienen. Zitat: “Dennoch dienten öffentliche Debatten – wie jetzt über die No-Angels- Sängerin – der Aids-Prävention und damit einer breiten und intensiven Aufklärung.” So jedenfalls sieht es die Sprecherin der BZgA! Also das heisst doch, dass die staatliche Anstalt (!) diese moderne Hexenjagd tatsächlich mehr oder weniger heimlich (“unverhohlen” würde Prof. Dr. M. D. sagen) als “leibhaftige” (sic!) Prävention befürwortet, oder? Und von denen kommt garantiert niemand zu DAH-Seminaren! Jede Wette! Lieber Gott, schick Grips!

    http://www.faz.net/s/Rub501F42F1AA064C4CB17DF1C38AC00196/Doc~E5EDB87355BDD40B0A964AC063857DDDE~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  10. Dennis:

    Es ist eine Sache das ausgelöst durch die Verhaftung in der Tat die Telefone bei div Organisationen und Aihds Hilefen nicht stillstehen und das die letzten Tage mehr Tests durchgeführt worden sind als die ganze Zeit vorher. gestern abend gab es auf Focus TV einen Bericht dazu und ein Interview mit Michael Tappe von der AH München. Es war sehr sachlich und sehr lebensnah. Er sprach auch diesen Aspekt an und sagte das
    die Verantwortung für Safer Sex immer bei beiden Partnern liegt. Dies wurde von dem JournalistenIn nicht kommentiert – in Frage gestellt. Fand ich schon mal gut
    Ich war erst skeptisch bzgl des Formats aber im großen und ganzen war die Sendung “akzeptabel”.

    Insofern hat die Pressesprecherin imo schon recht. Jede noch so bescheidene (Lebens)Situation beinhaltet auch immer eine Chance.

    Was Sie hätte aber sagen müssen ist das die Ursache dieser “öffentliche Debatte, der Anfragen und Tests in dem inakzeptablen Verhalten der Staatsanwaltschaft resultiert, in der Hexenjagd der Medien den sie die Staatsanwaltschaft ausgelöst hat.

    @ Uli

    Ja diese Gedanken kamen mir sehr oft. Die Judikative sollte man mit in die Aufklärung einbeziehen. Im Rahmen eines Workshops, einer Tagung etc. Der Kongreß – HIV/AIDS Ethische Perspektiven in Frankfurt 2008 wären da das richtige Format gewesen.

  11. Dennis:

    Sängering aus Haft der U Haft entlassen

    Das Pikante an diesem Procedere ist die Tatsache das nicht wie sonst üblich der Anwalt einen Antrag auf Haftverschonung gestellt hat sondern die Staatsanwaltschaft in Darmstadt. Der ermittelnde Staatsanwalt Ger Neuber (der auch die Funktion des Pressestaatsanwaltes inne hat) habe diesem Antrag zugestimmt und die Sängerin unter Auflagen von dem weiterne Verbleib in U-Haft verschont teilte der der Vizepräsident das AG Darmstadt Albrecht Simon mit. ;)

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