Deutsche AIDS-Hilfe kritisiert Verhaftung von Sängerin

Die Deutsche AIDS-Hilfe e.V. (DAH) kritisiert die Verhaftung einer jungen Frau wegen angeblich bewussten Infizierens von Sexualpartnern mit dem HI-Virus.

Dazu erklärt Marianne Rademacher, Frauenreferentin der Deutschen AIDS-Hilfe e.V.: „Die junge Frau sollte so schnell wie möglich freigelassen werden. Ihre Verhaftung ist nach Einschätzung der uns bisher vorliegenden Informationen eine unverhältnismäßige Aktion der hessischen Justiz. Wir fordern die Medien auf, sachlich über den Fall zu berichten und nicht vorzuverurteilen. Die Verantwortung für den angeblich ungeschützten Sexualverkehr wird allein der jungen Frau zugeschoben, ohne nach der Mitverantwortung ihrer Sexualpartner zu fragen. Die deutsche Politik der HIV- und Aidsbekämpfung wird aber gerade deshalb als beispielhaft betrachtet, weil sie von der Verantwortung jedes einzelnen, von der Solidarität und der Bekämpfung jeder Art von Stigmatisierung ausgeht. Die hessische Justiz will offenbar ein Exempel statuieren. Die Justiz ist und darf aber keine Akteurin der HIV-Prävention in Deutschland sein.“

Seit den 1990er Jahren haben die Verurteilungen im Zusammenhang mit HIV-Übertragungen zugenommen. Das ist nicht ohne Auswirkungen auf die Präventionsarbeit im HIV/Aids-Bereich geblieben. Die öffentlichkeitswirksame Bestrafung von Menschen mit HIV/Aids kann aber leicht die Illusion entstehen lassen, der Staat habe das Problem unter Kontrolle, und so Personen dazu veranlassen, ihr Schutzverhalten (Safer Sex) zu vernachlässigen. Strafrechtliche Prozesse haben in solchen Fällen keine abschreckende Wirkung. Denn nur eine Person, die weiß, dass sie HIV-positiv ist, kann strafrechtlich belangt werden. Die Kriminalisierung der HIV-Übertragung führt unter Umständen dazu, dass Menschen es vorziehen, sich aus Angst vor Repressionen nicht testen zu lassen. Die DAH geht weiterhin von gemeinsamer Verantwortung aller Beteiligten in einvernehmlichen sexuellen Kontakten aus. Das war und bleibt die Basis unserer Arbeit.

[Pressemitteilung der Deutschen Aids-Hilfe vom 14.04.2009]
[15.04.2009 abends: Namen und identifizierende Merkmale aus Text und Kommentaren entfernt]

weitere Informationen:
SpON 14.04.2009: Xxxxx in Haft – Xxxxx  soll Partner mit HIV infiziert haben
Stern 14.04.2009: Anwälte sprechen von Indiskretion
SZ 14.04.2009: Xxxxx  soll Partner mit HIV infiziert haben
kalle bloggt 14.04.2009: Todesengel
queer.de 14.04.2009: Xxxx verhaftet: Partner mit HIV infiziert?
POZ 14.04.2009: German Pop Star Accused of Exposing Her Partners to HIV
Advocate 14.04.2009: Pop Star Arrested for Infecting Partner With HIV
queer.de 15.04.2009: Aids-Hilfe verurteilt Verhaftung von Xxxxx-Sängerin
Deutsche AIDS-Stiftung 15.04.2009: Präventionserfolge nicht gefährden
alivenkickin 15.04.2009: Pressefreiheit und Klimawandel
NGZ 15.05.2009: Aids hat den Schrecken verloren
Welt 15.04.2009, 18:04: Xxxxxx – Über den Fall Xxxxxx darf nicht berichtet werden
Bildblog.de 15.04.2009: Was schützt am besten vor Aids? U-Haft!
Tetu 15.04.2009: Allemagne: une popstar en prison pour transmission du VIH
Tagesspiegel 16.04.2009: Sex wider die Vernunft
Tagesspiegel 18.04.2009: Das Dilemma der Aids-Hilfe
POZ 07.05.2009: Media Hysteria and HIV Criminalization
Bild 04.10.2009: Nadja Benaissa von den „No Angels“: Seht mich an und hört mir zu
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27 Gedanken zu „Deutsche AIDS-Hilfe kritisiert Verhaftung von Sängerin“

  1. „Die Staatsanwaltschaft habe die Ermittlungen aufgenommen, nachdem ein Mann vor einem Jahr gegen Xxxxxx Anzeige erstattet hatte, sagte der Sprecher stern.de.“

    Wenn der Staatsanwaltschaft die Gesundheit der Bevölkerung so sehr am Herzen liegt, warum hat sie dann ein Jahr gewartet ?

  2. Ich möchte Frau Rademacher zustimmen.

    Der schnelle Eingriff der Medien hat meiner Meinung nach außergewöhnlich medialen Charakter… 🙁

  3. das einerseits erschreckende und andererseits aufschlußreiche an dieser art der pressemeldung sind die reaktionen. in ganz normalen foren ist sie zum einen schuldig, zum anderen und das ist das erschreckende und zugleich aufschlußreiche zeigt der tenor – die haltung der meisten wie hiv in der gesellschaft wahrgenommen wird. würden wir nicht das jahr 2009 schreiben so könnte man meinen wir hätten 1985 oder würden im mittelalter zur zeit der inquisition leben. so tragisch diese reaktionen sind, sie nicht nur ein offenbarungseid der gesllschaft – sondern sie zeigen auf das und welcher handlungsbedarf besteht.

  4. @ Dennis
    Du sprichst mir aus der Seele. Die Kommentare bei Sternonline sind wirklich unglaublich. Und mir wird einfach nur übel.

    @ Alle
    Aber wie mediensüchtig muss ein/e Staatsanwalt/schaft sein, um dann auch noch in allen Medien einen Kommentar dazu abzugeben. Von der durch eben diese Staatsanwaltschaft provozierte Vorverurteilung sollten sich die Juristen, denen das Grundgesetz noch etwas gilt, mal Gedanken machen.

    Wenn Darmstadt nicht so weit weg wäre, ich würde mich nur zu gerne bei diesem Staatsanwalt mal sehen lassen und ihm selbstverständlich gepflegt und vor dem Hintergrund der geltenden Gesetze die Meinung sagen.. Wie hat Frau Merkel doch so schön gesagt: „Sie dürfen ab und zu auch unbequem sein, damit wir nicht vergessen, was noch Wichtiges zu tun ist.“

  5. Hallo,

    bei allem Respekt vor der Deutschen Aids-Hilfe, wenn eine Frau oder ein Mann weiss das er Aids hat und trotzdem wissendlich mit einer anderen Person ungeschützten Verkehr hat, liegt ein sehr, sehr großer Teil der Verantwortung und der Schuld bei dieser Person – welche meiner Meinung nach für diesen „Mord“ auch zu eben dieser Verantwortung gezogen werden muss.

    Was mich besonders erschüttert, wie wäre das Echo der „Frauenreferentin“ wohl gewesen wenn ein Mann eine Frau wissendlich angesteckt hätte?

  6. @ m@rC:
    ich kann nicht für die dah sprechen. aber meine pers. einschätzung:
    Sie schreiben zu recht „wenn“ – bisher besteht nur der staatsanwaltliche vorwurf. zudem – eine verhaftung, wegen eines falles, der so lange her sein soll – wo ist da ‚gefahr in verzug‘? und – zu einer hiv-infektion gehören immer (mindestens) 2 … die beide auf kondombenutzung achten (fragen Sie mal prostituierte, wie viele männliche kunden auf „ohne“ bestehen …)

    ergo: es geht hier m.e. nicht darum, etwaige körperverletzung oder schlimmeres zu verharmlosen. aber z.b. darum, dass es auch in diesem fall bis zum beweis des gegenteils eine unschuldsvermutung gibt, zudem persönlichkeitsrechte der beteiligten personen.

  7. Unter normalen Umständen gebe ich dir recht das die Veranwortung natürlich bei beiden Partnern liegt. Diese „normalen“ Umstände liegen für mich hier aber nicht vor da Frau Xxxx von ihrer Aids Krankheit gewusst haben soll. Sollte dies alles so sein, so ist die mit der vollen Härte des Gesetztes zu bestrafen.
    Für mich geht das sogar über eine „geschfährliche Körperverletzung“ hinaus, jeder weiss das Aids nicht heilbar ist und unweigerlich zum Tod führt. Wie schon gesagt, sollte Sie von ihrer Krankheit gewusst haben ist es für mich Mord. Auch wenn der Mann sie evtl. dazu aufforderte ungeschützt Sex zu haben, dann trägt Sie für mich immer noch die Verwantwortung, spätestens dann hätte sie sagen müssen „nee du pass auf, ich hab Aids, lass mal gut sein“.
    Achja und an die Feministinen unter uns, dass selbe würde ich sagen wenn der Fall geschlechtlich umgekehrt wäre – wovon ich bei euch nicht so überzeugt bin.

  8. Zitat m@r:
    „jeder weiss das Aids nicht heilbar ist und unweigerlich (!) zum Tod führt.“

    Na ja… so ganz up to date bist Du wohl auch nicht…
    Aber im Zuge der Stigmatisierung darf ruhig sachlich inkorrekt argumentiert werden und fachliche Termini müssen ebenso wenig differenziert werden…
    Bei dem ganzen Hass, der mir heute auf unzähligen Seiten, Kommentaren, Blogs, entgegen schlug… abstruseste Vorschläge à la Tätowierungen von Positiven im Intimbereich, zwanghafte Isolation… woran mich das wohl grad erinnert?
    Aber Positive sind ja Monster und Todesengel, die dürfen per se beschimpft und diskriminiert werden. Die sind nämlich emotionslos. (*Ironie-Modus off)

    Vernazza kämpfte einen Schritt nach vorn, ich hab den Eindruck, heute ging es hundert nach hinten.

    Ach ja… zum konkreten Topic: Wie kann man sich anmaßen, über eine Person oder einen Sachverhalt zu urteilen, ohne beide Seiten zu kennen? Wenn ein Positiver WISSENTLICH mit einem Negativen UNsafen Sex hat, OHNE sein Gegenüber über seinen Serostatus informiert zu haben, widerspricht dies auch meinen Moral- und Rechtsvorstellungen. Allerdings wäre dieser Fall in seiner Art sicherlich nicht einzigartig. Da würden die Medien auch schon geifern, aber das war denunzierende Hetze, die ich heute wahrgenommen habe; mehr seitens der kommentierenden Leserschaft als von den Damen und Herren des online-Journalismus.

  9. auszug aus einer LHIVE- medienmitteilung vom 28.1.09 zum thema hiv und kriminalisierung

    Die Strafbarkeit der HIV-Übertragung und damit die Kriminalisierung von Menschen mit HIV und AIDS ist sowohl unwirksam und wie auch gefährlich.
    Denn wie UNAIDS festhält, existieren keine Daten, die beweisen, dass das Strafgesetz die HIV- Übertragung verhindert. Der weltweite Trend zur Einführung neuer Strafbestimmungen und die Verschärfung der Anwendung von bestehenden Gesetzen gegen Menschen mit HIV/AIDS ist eine Katastrophe für Präventionsprogramme. Fachexperten sprechen sogar vom „HIL Virus“ (highly ineffective laws) – vom Virus der hoch unwirksamen Gesetze.
    Die Kriminalisierung der HIV-Übertragung kann dazu führen, dass Menschen es vorziehen, aus Angst vor Repressionen ihren HIV-Status zu ignorieren.
    Safer Sex Regeln gelten grundsätzlich für alle. HIV kann nicht mit dem Strafrecht bekämpft werden, sondern vor allem durch eine Prävention die auf Aufklärung, Solidarität und Verantwortung aufbaut. Sie appelliert an die Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen.
    Das Strafrecht bürdet ungerechtfertigterweise HIV-positiven Personen einseitig die volle Schutzverantwortung vor HIV auf. Dies ist mit Blick auf den Schutz der öffentlichen Gesundheit nicht zu rechtfertigen.
    Im Gegenteil: es führt zu einer gesetzlich verankerten Ungleichbehandlung und Diskriminierung.
    Diskriminierung und Stigmatisierung sind ein wesentlicher Motor der HIV-Verbreitung.
    Die heutige Praxis kann so interpretiert werden, dass man sich (künftig) beruhigt auf ungeschützte Sexualkontakte einlassen darf, weil eine einseitige Pflicht für HIV Positive – und neuerdings auch für Leute mit riskantem Sexualvorleben (siehe Bundesgerichtsurteil vom 13. Juni 2008) – besteht die Safer Sex Regeln einzuhalten.

  10. @m@rC

    Ah hier ist einer der Sorte von Mensch der klüger als das Gesetz ist. Zur Zeit wird strafrechtlich wird die wissentliche Weitergabe von HIV als schwere Körperverletzung bestraft – unter Umständen möglicherweise als ein Tötungsdelikt.

    Und nein HIV – auch wenn Ihnen der Unterschied zwischen HIV und AIDS 25 Jahre nach HIV immer noch nicht bewußt ist es gibt ihn, führt dank der Behandelberkeit mit HIVn Medikamente eben nicht mehr unweigerlich zum Tod. HIV wird aus heute aus eben diesem Grund als chronische Krankheit verstanden. Und das unter einer gut funktionierende Medikation diese auch als Safer Sex mittlerweile verstanden wird – das ist Ihnen natürlich nicht bekannt.

    Es ist die Haltung von Menschen wie Ihnen die HIV Infizierten die Würde und das Recht ein normales Leben zu führen absprechen. Es sind Menschen mit ihrer Haltung die sehr viele HIV Infizierten dazu bewegen weiterhin ihre HIV Infektion zu verschweigen. Menschen wie Sie sind die Akteure die Andere ausgrenzen. Wie hätten Sie uns den gerne? In einem Internierungslager? Mit einem roten Sticker auf der Kleidung aufgenäht: „HIV+“

    gez. Dennis – seit 25 Jahren Hiv + . . oder bin ich schon tot und weiß es nur nicht ? . . . .

  11. eine ganz persönliche notiz

    von mord zu sprechen ist ein gar starkes stück. ich kann bei allem willen nicht davon sprechen vor über 16j. ermordet worden zu sein. dafür bin ich zu lebendig. mein -längst verstorbener- ex-partner hatte nicht einen moment lang mehr verantwortung als ich selbst.
    aber, was damals gültigkeit hatte, ist leider auch heute noch aktuell, die mögliche strafrechtliche verfolgung führt höchstens dazu, dass menschen mit hiv und ihre sexualpartner zuwenig miteinander sprechen aus angst vor repression.

    ein affront finde ich, dass bis dato noch nicht feststeht ob die hiv-infektion des betreffenden mannes tatsächlich durch den sexual-kontakt mit Xxxxxx entstanden ist, aber davon ausgegangen wird, und das in der öffentlichkeit! der staatsanwalt hat in seiner (hier verlinkten) rede gar gesagt, dass die beiden anderen männer, noch nicht positiv seien, das hiesse aber nur, dass bei ihnen die krankheit wahrscheinlich noch nicht ausgebrochen sei….(wer berät einen staatsanwalt bei medienauftritten inhaltlich? die genannten vorfälle sollen ja zwischen 2004-2006 stattgefunden haben, wann bitte soll da noch ein positives ergebnis erfolgen??)

  12. @michèle

    wer berät einen staatsanwalt bei medienauftritten inhaltlich?

    Hier in Hessen? Die Staatskanzlei von Roland Koch . . . . 😉

  13. Ohne hier rote Aufnäher verteilen zu wollen oder Internierungslager zu eröffnen, habe ich kein Verständnis wenn so fahrlässig mit einer Infektionskrankheit umgegangen wird. Auch wenn Menschen mit guter Medikation meinetwegen die nächsten 50 Jahre ohne Probleme leben, soll ich als frisch infizierter gleich Luftsprünge machen? Allein die Aussicht auf Medi-Cocktails in den nächsten 50 Jahren reicht mir als viel zu tiefer Einschnitt in mein weiteres Leben. Auch Krebspatienten finden es nicht wirklich tröstlich wenn im Moment der Diagnose auf Überlebenschancen hingewiesen wird. Für viele bleibt der Tod leider dennoch Dauergast im Hinterkopf.

    Es gilt wohl als Selbstverständlich, beim Husten die Hand vor den Mund zu halten. Erst recht wenn mich gerade eine Erkältung oder Grippe plagt. Es ist fahrlässig wenn ich in der Pflege, trotz eigener Krankheit, mit immungeschwächten Patienten arbeite. Und es ist ebenso fahbrlässig bei HIV auf die Verhütung zu verzichten.

    Überall werden Kampagnen zu diesem Thema gestartet. Die sogenannte Aufklärungsoffensive bekommt aber einen Tritt vor’s Schienbein wenn eine Person des öffentlichen Lebens, zu der nun mal auch viele Teenies aufschauen, so unbedacht damit umgeht.
    Wir könnten auch aufstehen und applaudieren, schließlich hat uns ein Engel das Thema HIV mal wieder ins Bewusstsein gerufen.
    Also tut mir leid Leute, gerade weil wir nicht mehr 1985 haben reagiere ich mit solchem Unverständnis.

  14. Selbst, wenn sich der Vorwurf erhärten oder als korrekt herausstellen würde, die Art und Weise, wie die Dame in der Öffentlichkeit und von der Öffentlichkeit denunziert wird, gruselt. Niemand hat die Lizenz, diese Frau als Unmenschen zu degradieren. Zudem find ich die rassistischen, mehr als nur überflüssig-unverschämten Bemerkungen in diesem Zusammenhang ekelerregend.

    Bei Bewahrheitung des Sachverhaltes würde ich das Vorgehen von X auch nicht befürworten. Aber ich verfüge über Empathie. Die Medienhetze fördert keinen öffentlichen Umgang mit HIV, sondern sie verstärkt das Schweigen von Betroffenen. Es ist hier nicht die Reduktion auf sexueller Ebene gemeint, sondern den allgemeinen Umgang mit HIV.

    Zu fürchten ist das Eisen, das gerade geschmiedet wird – ein Eisen zur Pauschalisierung (ALLE Positiven sind gefährlich, da ALLE so agieren wie X) und zur Stigmatisierung. Ich will nicht gebrandmarkt werden -oder bin ich es schon…?

  15. Hey ondamaris,

    ich finde den Thread hier gut, deshalb hab ich ihn bei forumhiv.de verlinkt. Meine Beiträge habe ich dorthin kopiert, wollte kein geistiges Eigentum anderer ohne deren Einverständnis auf einer anderen Site posten.
    Falls Du mit einer Verlinkung nicht einverstanden bist: Mutt Du sagen 🙂

    LG, sugarschen

  16. Es gibt tatsächlich schlimme, auch rassistische Posts zu diesem Thema. Auch viel Unsachliches, da das Thema HIV/AIDS von Vielen immer noch in merkwürdige ideologische Schubladen gesteckt wird.

    Hier geht es einfach und schlicht um den Umgang mit Krankheit – daher ein Beispiel mit Krankheiten, die nicht vermeintlichen Randgruppen zugewiesen werden:

    Wenn ich Masern oder Röteln habe, besuche ich keine schwangere Mutter. Zwar kann man sich gegen beide Krankheiten impfen lassen. Doch ich kann dies nicht voraussetzen.

    Diese Krankheiten sind für Kinder und Erwachsenen ohne große Folgen zu überstehen. Werden jedoch Schwangere infiziert, kann dies schwerste Behinderungen des Fötus zur Folge haben.

    Auch hier hat der/die Kranke eine besondere Pflicht, anderen keinen Schaden zuzufügen.

    Unter diesen Konditionen sehe ich das mutmassliche Verhalen von X ganz klar als Verbrechen. Verhütung ist immer Sache beider Seiten. Doch wer um die eigene Infizierung weiss, hat eine besondere Sorgfaltspflicht.

    Leider ist in unserer Gesellschaft Verhütung generell (egal ob Schwangerschaften oder Krankheiten) oft genug Frauensache. Vielleicht hat sich gerade darum in der Schwulenszene HIV schneller verbreitet – da es „nur“ galt Krankheiten zu vermeiden (Tripper, Syphilis, Hepatitis sind allgemein auch auf dem Vormarsch) – dass keine drohenden Schwangerschaften verhütet werden mussten – verführte eben mehr zum Sex ohne Kondom.

    Der angebliche Lust Verlust durch Sex mit Gummi entsteht auch hauptsächlich in den Köpfen der Männer. Auch Safer Sex (gibt ja unabhängig vom Gummi viel Schönes) kann sehr sehr lustvoll sein. Hier sollten sich mal alle an die eigne Nase fassen – egal ob homo oder hetero.

  17. Die Verhaftung und der (mediale) Umgang (die Berichterstattung, die Kommentare) mit diesem „Fall“ wirft die Prävention um Jahre zurück. Wenn die Justiz meint, HIV-Prävention zu machen, dann ist die Gesundheitsdiktatur erreicht. Hier werden alle erfolgreichen Prinzipien und Strategien der Prävention auf den Kopf gestellt. Wer übernimmt dafür die Verantwortung? Wer schützt uns vor dieser Justiz, die nicht mehr zu sein scheint als ein dumpfbackiger Stammtisch?

  18. Tatsachen sind doch wohl, das ein Gutteil (nach einer kanadischen Studie um die 50%?) der Neu-Infektionen über unwissende und daher auch nicht zu bestrafende hochinfektiöse Menschen entsteht. Dieser Anteil dürfte sich durch die nun medial verbreitete Angst sich zu kriminalisieren deutlich erhöht werden. Schade finde ich in der Berichterstattung, das keine Differenzierung zwischen behandelten und kaum ansteckenden Menschen (siehe EKAF) und „HIV-Wissenden“ mit hohem Ansteckungspotential unterschieden wird. Nach meinem Rechtsempfinden (jaja, sehr subjektiv) sollte der erhebliche Risikounterschied berücksichtigt werden.

    Blöderweise wird man durch diese Rechtsprechung auch erpressbar: man hat safer sex mit einem Negativen, der steckt sich dabei oder irgendwo sonst an, und behauptet später der Sex wäre nicht safe gewesen. Das Restrisiko ist auch bei safer Sex größer als 5%(?) Wie wird denn dann ein Richter reagieren? Der konsequente und anscheinend von der Rechtsprechung so wohl auch gewollte Weg ist doch keinen casual Sex mehr haben zu dürfen, eben auch keinen safen. Die versteckte Erwartungshaltung der Darmstädter Staatsanwaltschaft ist doch leider unrealistisch: man geht doch nicht in den Park/Party/Supermarkt und sagt „ach übrigens, ich hab HIV, macht es dir was aus?“ sondern man nimmt immer ein Gummi – das ist doch die safer sex botschaft.
    Ich befürchte, da fällt gerade heimlich ein ganzes Schutzgebäude um Positive zusammen. Das das „Opfer“ wohl vorher keinen HIV-Test hatte, und damit die „böse Täterin“ bei unsafen Sex auch einer Gefahr ausgesetzt hat sie anzustecken, wird natürlich nicht erwähnt. Unwissenheit schützt vor Strafe? bei HIV schon. komischer Rechtsgrundsatz.

    sorry, aber ich fühle mich von den Konsequenzen dieses zunehmenden Kriminalisierung wirklich latent bedroht – und das ist das schlimme – auch bei absolutem Wohlverhalten.
    Kann man diese Gesetzesauslegung ändern?

  19. noch ein Nachtrag:
    „Staatsanwalt Neuber der Deutschen Presse-Agentur dpa: «Wenn jemand, der davon Kenntnis hat, dass er HIV-infiziert ist, seinen Partner nicht informiert und der Partner sich ansteckt, dann ist das gefährliche Körperverletzung», sagte er. «Kommt es nicht zur Ansteckung, ist das versuchte gefährliche Körperverletzung.» Bei einer Verurteilung droht X eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.“

    Anscheinend erkennt der Gesetzgeber in Neubers Aussage auch safer Sex nicht an, zumindest klingt das jetzt in der Presse so – und führt zu weiteren Stigmatisierungen HIV Positiver in der Gesellschaft. help.

  20. tomse: Man sollte Pressestatements nicht zu Tode interpretieren. Der Staatsanwalt geht schlichtweg davon aus, dass informierte Partner auf Safer Sex bestehen.

  21. @tomse

    richtig. dazu hat es (meines wissens) aber noch kein urteil gegeben.

    @alle, die positive hier in eine besondere verantwortungsrolle schieben, mal folgende gedanken:

    1. es geht hier immer um die wissentliche verbreitung, ich muss also von meinem serostatus wissen. wenn ich nicht davon weiß, bin ich unschuldig. so dir juristische konskruktion.
    2. gut, dann lassen sich eben weniger leute nachweisbar testen, auch nicht behandeln. und können tun, was sie wollen, resp. müssen bei einem „unfall“ kein schlechtes gewissen haben und vor allem keine angst vor den kadi gezerrt zu werden.
    sie werden sich dann auch keine hilfe mehr holen. es sollte ja niemand wissen…

    ist das die von euch gewünschte situation?

    wenn ja, können wir aufhören zu diskutieren, dann seid ihr keinen moment besser, als die von euch verurteilten „mörder“. 😉

    btw, die geschichte geht so an der realität vorbei, dass man eigentlich nur noch kotzen möchte. wieviele welt-aids-tage wurden wir gequält mit „gemeinsame verantwortung“ und hängengeblieben ist nichts. unsere – ach so tolle – bundesregierung? kein wort. dabei hat die pressekampagne und diese hetzkampagne der kochschen justiz nichts, aber auch gar nichts mit dem so großen aids-aktionsplan zu tun.
    bzga und bmg? abgetaucht.

    ich finde, egal wie die umstände sind, ich habe sie nicht zu bewerten, die junge frau hat meine solidarität verdient.

  22. Zum Thema bisher unentdeckte Infektionen.
    Das liegt weniger an der Gesetzeslage zur Strafbarkeit des Verscheigens der Infektions bzw ungeschütztem GV bei dem ein vorher Negativer angesteckt wird.

    Dies liegt ehr daran, dass auch Ärzte und Krankenkassen Heterosexuelle nicht als „Zielgruppe“ sehen. So werden bei Heterosexuellen (und Lesben?) die Kosten für den Test nicht übernommen. Meine Erfahrungen beim (ehemaligen) Hausarzt hab ich hier geschildert:
    http://lieinthesound.wordpress.com/2008/12/01/statt-roter-schleife-ofra-haza-als-jungfrau-in-die-ehe-gestorben-an-aids/

    Zitat:

    „Übernimmt man selber Verantwortung erlebt man bisweilen Erschreckendes. Auch ohne Anlass zur Sorge – einfach weil es selbstverständlich sein sollte, bevor man mit dem neuen Partner ungeschützten Geschlechtsverkehr hat – fragte ich vor einigen Monaten meinen (nun ehemaligen) Hausarzt nach einem HIV-Test. Die erste Reaktion war ein Stirnrunzel – wer fragt, gilt als verdächtig. Entweder zu hysterisch oder zu promiskuitiv. Der Preis dieses Tests ließ dann meine Stirn runzelig werden.

    Wer nicht zu einer Risikogruppe gehört, der muss selber zahlen, begann der Arzt seine ekelhaften Ausführungen über Homosexuelle, die ja alle mindestens 3 Geschlechtspartner pro Abend hätten. Und nein, Ausnahmen gibts kaum. Ungerecht fände er’s, sagte der Arzt – aber die bekommen den Test eben bezahlt… Und nein, nur weil ich Schwule kenne, die genauso “normal” lebten wie Heteros, hieße dass nicht, dass nicht alle promiskuitiv wären.

    Ich bin ja normaler Weise nicht auf den Mund gefallen – nur in dieser Situation verschlug es mir schon irgendwann die Sprache. Mehr als diese Arztpraxis in Zukunft zu boykottieren fiel mir dann nicht ein.“….

    „Solange jedem, der einen Test verlangt, unterstellt wird, zu misstrauisch zu sein oder ein zu unmoralisches Leben zu führen, wird diese Hemmschwelle viele Test verhindern. Ein weiterer Stolperstein ist der Preis. Zwischen 20 und 35 Euro lagen die von deutschen Ärzten genannten Preise – dazu die Demütigung überhaupt gefragt zu haben.“

    Der HIV Test sollte zur normalen Standartuntersuchung werden, dessen Kosten in jedem Fall von der Krankenkasse übernommen werden.

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