Homo-Denkmal am 16.12.2008 erneut beschädigt (akt.)

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen ist erneut beschädigt worden.

Am Dienstag Morgen (16.12.2008) bemerkten Polizisten, dass das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen erneut beschädigt wurde. Die Glasscheibe, durch die die Kuß-Szene betrachtet werden kann, wurde vermutlich mit einem Stein beschädigt und weist nun Risse auf.

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen kurz vor seiner offiziellen Eröffnung im Mai 2008
Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen kurz vor seiner offiziellen Eröffnung im Mai 2008

Da die Polizei einen politischen Hintergrund nicht ausschließt, wurde der Staatsschutz in die Ermittlungen eingeschaltet.

Nur wenige Wochen nach seiner Einweihung war das Homo-Denkmal am 16. August 2008 erstmals beschädigt worden, schon bald hieß es jedoch ‚es wird wieder geküsst‚.

Nach der erneuten Beschädigung erklärte Volker Beck, erster parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen: „Der erneute Anschlag zeigt, wie präsent Homophobie in Deutschland noch ist. Es darf in Deutschland keine Toleranz für Gewalt und Hass gegen Minderheiten geben. Dass zwei küssende Männer – wie im Mahnmal gezeigt – Wut und Gewalt hervorrufen, macht fassungslos und mahnt uns alle zu mehr Aktionen und Aufklärung gegen Homophobie.“

Der LSVD Berlin-Brandenburg ruft für den kommenden Freitag (19. Dezember 2008) um 12.30 Uhr zu einer Mahnwache am Denkmal auf, um gegen die verbreitete Homophobie zu protestieren.

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen war erst im Mai 2008 eingeweiht worden.

Die erneute Beschädigung des Denkmals zeigt, dass es schon kurz nach seiner Einweihung neben dem primären Zweck (dem Gedenken an die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen) eine weitere, vielleicht ungeplante Funktion übernommen hat: sicht- und erlebbar zu machen, dass es auch heute noch, und häufiger als oftmals eingestanden, Homophobie in unserer Gesellschaft gibt, und dass diese Homophobie gewaltbereit ist.
Gegen die Beschädigungen jetzt mit permanentem Wachschutz oder gar Video-Überwachung zu reagieren, wie es von einigen gefordert wird, hielte ich für verfehlt, mindestens für verfrüht (Videoüberwachung? früher beschwerten wir uns über Repression und Überwachung, ich erinnere nur an die ‚Spiegel-Affäre‘, die Hamburger Klappen-Überwachung… sollten Schwule und Lesben da tatsächlich unüberlegt, aus einem momentanen Reflex heraus für mehr Überwachung, für Abbau von Privatsphäre eintreten?). Mir scheint es besser, diese Beschädigungen immer wieder als das zu thematisieren, was sie sind: eine Aggression gegen das freie Leben schwuler und lesbischer Menschen in Deutschland. Mahnwachen, die Behandlung dieser Beschädigungen in den Medien, die Thematisierung in der Politik – diese und ähnliche Maßnahmen bewirken m.E. mehr, als wenn diese homophoben Vorfälle zwar aufgrund von Sicherheits-Maßnahmen nicht hier geschehen würden, wohl aber an anderen, weniger sichtbaren, von der Öffentlichkeit weniger bemerkten Stellen.
Gelassenheit, Ausdauer – und gleichzeitig Standhaftigkeit und aktives Eintreten für das Denkmal scheinen mit die gebotenen Strategien gegen homophobe Gewaltakte.

Nachtrag
Über die erneute Beschädigung berichten u.a. auch samstag ist ein guter tag, queer, Tagesspiegel, shaveskin, rbb online, Poz and Proud, pinknews,

17.12.2008: „Das ist traurig, schrecklich traurig. Einige sind wohl unbelehrbar. Sie werden es offenbar nie akzeptieren, dass es Menschen gibt, die von Natur aus anders sind als sie. Erst das Attentat auf den Polizisten in Passau, nun erneut ein Anschlag auf das Homosexuellen-Denkmal. Und das nach der Nazi-Hölle, durch die wir alle gegangen sind. Sauhunde sind das! Aber das Nazi-Pack ist offenbar nicht totzukriegen. Das sind Verbrecher, das bleiben Verbrecher“, zitiert blu.fm Rudolf Brazda, einen der letzten homosexuellen KZ-Überlebenden.
Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit nimmt an der Protestkundgebung am Freitag 19.12.2008 teil
19.12.2008: Bundespräsident Köhler verurteilt Anschlag auf Homo-Denkmal

10 Gedanken zu „Homo-Denkmal am 16.12.2008 erneut beschädigt (akt.)“

  1. Das Mahnmal, so scheint es, mahnt nicht nur in Bezug auf das Unrecht, das schwulen Menschen zu früherer Zeit angetan wurde, es mahnt auch in Bezug auf die Gewalt, die schwule Menschen hier und heute erleiden. Ein Mahnmal, das, eher ungewollt, einen hochakuellen Bezug zum Leben schwuler Menschen hat.

  2. @ TheGayDissenter:
    ja, das Denkmal scheint sich auch zu einem mahnmal zu entwickeln,.dass homophobie leider auch heute noch in unserer gesellschaft eine erscheinung ist, die viel präsenter ist, als manche wahrhaben möchten. insofern kann ich in diesem fall tatsächlich volker beck zustimmen, wenn er „mehr Aktionen und Aufklärung gegen Homophobie” fordert.

  3. LICHT! Ich fordere mehr Licht am Mahnmal. Zumindest für den Anfang! Diese Dunkelheit dort, öffnet den Schändern Tür und Tor!

  4. so traurig es ist aber diese wiederholte beschädigung zeigt welche Atmosphäre und Haltung in der Gesellschaft schwulen Menschen gegenüber an den Tag gelegt wird. Vielleicht ein Signal für Act Up 2.0.

  5. Schon wieder – und sagen wir es mal ganz deutlich: es ist zum kotzen.
    Aber, ihr Lieben: wundert Euch das. Ehrlich!

  6. mich wundert es nicht. machen wir uns doch nichts vor: 30 jahre sind historisch gesehen nichts. und innerhalb von dreißig jahren stehen wir nun da, mit einem mahnmal für die schwulen opfer des nationalsozialismus, während vor 30 jahren – okay ein paar mehr – das ganze noch strafbar war und hysterisch verfolgt wurde.
    licht, kameras, was auch immer – werden nicht verhindern, dass menschen ihre aggressionen dort abladen. auch die haben jetzt einen ort.

    btw: mich haben besonders die anwesenheit und die kurzen worte von kenan kolat (türkische gemeinde in deutschland – tgd) und von petra rosenberg (landesverband der sinti und roma berlin) beeindruckt.

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