Aids-Hysterie und die ’sorgenvolle Denunziation‘

Die Aids-Hysterie Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre trieb Menschen zu teils bestürzenden, teils erschreckenden Verhaltensweisen – von Denunziation vermeintlich HIV-positiver Nachbarn bis zur vermeintlich fürsorglichen Zwangsuntersuchung des eigenen Sohnes.

Die kleine Ausstellung ‚Zeitgeist(er) – Skurriles und Nachdenkliches zu HIV’ zeigt unter anderem einige sehr eindrückliche Beispiele, wie die Stimmung in Teilen der Bevölkerung Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre in Sachen Aids und HIV-Infizierte war.
Beispiele von Denunziation, Diffamierung und menschlichen Abgründen …

So wendet sich ein Briefschreiber 1992 an das Bundesgesundheitsamt, um mitzuteilen, dass „Herr L (Name und Adresse vollständig angegeben) HIV-positiv ist und seine schwere Erkrankung durch häufig wechselnde Männerbekanntschaften überträgt“. Er bittet um vertrauliche Behandlung seiner Nachricht – und Einleitung „entsprechender Schritte“:

Ein Jahr später meldet ein anderer Briefschreiber per Einschrieben mit Rückschein „aus Gewissensgründen“ einen Mitbürger „wegen AIDS“ und nennt auch gleich mögliche ‚Kontaktpersonen‘:

Im dritten Beispiel begehrt ein promovierter Vater vom Robert-Koch-Institut, nein er erwartet, dass sein Sohn „umgehend zu einer Untersuchung“ einbestellt wird, und erwartet Antwort innerhalb von 14 Tagen.
Der Grund seines Ansinnens: er habe „Grund zu der Annahme, dass sein Sohn [vollständige Adresse genannt] sich mit HIV infiziert“ habe, und der Herr Dr. möchte „seine weitere Studienförderung davon abhängig machen, dass er mir einen entsprechenden Untersuchungsbefund vorweist und sich künftig dem Ergebnis des Untersuchungsbefunds entsprechend verhält“. Wie das aussehen soll? Herr Dr. präzisiert weiter „also Intimkontakte zu Nichtangesteckten meidet wenn er infiziert ist, bzw. zu möglicherweise Infizierten (vorsichtshalber alle nichtuntersuchten Homo- und Bisexuellen und deren ständige oder vorübergehende Partner) unterläßt, wenn er Glück gehabt hat und noch nicht infiziert ist“:

Die drei Beispiele stehen vermutlich für eine größere Anzahl an Briefen ähnlichen Inhaltes, die Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre an Bundesgesundheitsamt und Robert-Koch-Institut gerichtet wurden. Dennoch, schon diese drei Briefe geben exemplarisch nicht nur einen Eindruck von der Stimmung, die damals herrschte. Sondern sie berichten auch davon, zu welchen Verhaltensweisen Menschen unter den damaligen Bedingungen fähig waren. Und lassen die Frage im raum stehen, ob sich wirklich so viel geändert hat, oder ob solche Briefe auch heute wieder geschrieben werden würden …

7 Gedanken zu „Aids-Hysterie und die ’sorgenvolle Denunziation‘“

  1. @ondamaris

    . . . ob sich wirklich so viel geändert hat

    marginal. trotz 25 jahre hiv – vorurteile, ängste und unwissenheit sind nach wie vor oder wieder in gleichem maß vorhanden, die stimmung bzw diskriminierung gegenüber hiv positiven – daran hat sich nichts oder nur wenig geändert.

    . . . . oder ob solche Briefe auch heute wieder geschrieben werden würden …

    ein eindeutiges JA. solange es keine unfassende aufkärung – prävention bzgl „Stop Stigma und Diskriminerung von HIV Positiven“ gibt, solange wird sich an der wahrnehmung in der gesellschaaft das von uns eine gefahr ausgeht – das wir eine bedrohung sind nichts ändern.

    lg dennis

  2. … ob sich wirklich so viel geändert hat …
    Doch, ich glaube Einiges. Zweifelslos nicht genug, nicht so intensiv und grundlegend wie wir möchten – und es verlangen dürfen. Und die alten „Geister“ sind immer noch da. Ja.
    Dennoch glaube ich kaum dass solch hysterische Briefe heute noch möglich sind. Es gab seitdem immerhin viel mehr Aufklärung, mehr Wissen. Selbst wenn „la raison“ und das Geschlechtsleben nie eine gute Ehe geführt haben.
    Aber etwas Optimismus ist doch gestattet, oder?

  3. Ach Onda, heute nur unter anderen Vorzeichen:
    ich kriege laufend irgendwelche gutgemeinte HInweise – auch und vor allem von Schwulen, dass sie z.B. mal wieder einen barebacker auf gayromeo gefunden hätten, oder eine andere Person, die mit meiner Arbeit zu tun hat, schon mal barebacker gewesen wäre oder ist. Die Typen sterben nicht aus. Denunzianten hat es immer gegeben. Weiter möchte ich dazu lieber nix sagen. Dennis hat recht.

  4. „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ ( August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

  5. @ Dennis:
    ich denke es hat sich schon einiges geändert – insofern teile ich ulysses optimistische grundhaltung.
    dennoch hast du recht – es gibt auch weiterhin denunzianten – am meisten erschrecken mich die „im eigenen lager“ …

    @ Ulysse:
    stimme dir zu. und genau um diese alten geister nicht erneut aus ihren flaschen zu lassen, bedarf es immer wieder der aufklärung, des engagements. wer sich zurücklehnt und ruhig anderen das denken überlöässt, wird sich später vielleicht wundern. deswegen wünsche ich mir ja mehr ‚aktive positive‘ …

    @ Alf:
    lumpenpack ja. auch heute, leider. bei romeo reicht ja schon ein „safer sex nach absprache“ für wüste beschimpfungen …

  6. Das Problem der Denunziation besteht heute wie vor 25 Jahren (und davor). Meine Arbeitskollegen (ich bin zum Glück für so einen Mist nicht zuständig) können ein Lied davon singen, wie versucht wird, Ex-Ehepartner, Konkurrenten, mißliebige Verwandtschaft usw wegen Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit, … anzuschwärzen. Da wird angeregt, Betriebsprüfungen, Durchsuchungen und Verhöre durchzuführen. Das Thema ist zwar ein anderes als HIV, die Anzeichen für den geistigen Verfall in unserer Gesellschaft sind die gleichen.

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