wie viel ist die Verhinderung einer HIV-Infektion wert?

Für die HIV-Prävention wird staatlicherseits viel Geld zur Verfügung gestellt. Stimmt dies tatsächlich? Welche Prioritäten gelten bei der Bereitstellung von Geldern zur Verhinderung von HIV-Infektionen? Nachdenklichkeiten …

Bundesregierung und Politiker betonen gerne (und berechtigterweise), die Aids-Politik in Deutschland sei angesichts von Neu-Diagnosezahlen, die sich im internationalen Vergleich auf sehr niedrigem Niveau bewegen, sehr erfolgreich. Und sie loben sich -wie erst jüngst beim Kampagnenstart ‚ich weiss, was ich tu‘ oder demnächst beim Welt-Aids-Tags-Empfang der Deutschen Aids-Hilfe- selbst, ausreichend hohe Mittel für den Kampf gegen Aids in Deutschland bereit zu stellen.

Die Deutsche Aids-Hilfe hat 2007 von der Bundesregierung / Bundesgesundheitsministerium (via Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) Mittel in Höhe von insgesamt knapp 4,6 Mio. € erhalten. Mittel, die sie gemäß Zweckbestimmung für HIV- und Aids-Prävention bei den von HIV vorrangig betroffenen Gruppen (Männer, die Sex mit Männern haben, DrogengebraucherInnen, Menschen aus Weltregionen mit weiter HIV-Verbreitung) einsetzt. Mittel, die unstrittig eine sehr hohe Zahl an zusätzlichen HIV-Neuinfektionen pro Jahr verhindern.

4,6 Mio. € sind ein Beitrag in nennenswerter Höhe, ein lobenswertes Engagement der Bundesregierung.

Aber auch angesichts dieses Einsatzes öffentlicher Mittel gilt es das Maß zu wahren.
Maß?
Welches Maß?
Nun, zum Beispiel könnte als Maß dienen, welche Mittel zur Verhinderung wie vieler zusätzlicher HIV-Neuinfektionen eingesetzt werden.

HIV-Neuinfektionen werden nicht nur durch HIV-Prävention für Allgemeinbevölkerung (BzgA) und Zielgruppen (DAH) verhindert, sondern z.B. auch durch die Erhöhung der Sicherheit von Blutprodukten. Auch dies erfordert den Einsatz von öffentlichen Geldern.

„Anfang des Jahrzehnts wurde damit begonnen, die Blutspenden direkt auf das Virus zu testen, das heißt man lagerte sie nicht mehr wie früher und wartete, ob sich Antikörper bilden. Das kostet Deutschland, weil dies ein Monopolprodukt einer Pharmafirma ist, schätzungsweise 10 Millionen Euro pro Jahr. Damit wurde das statistische Risiko, dass sich Menschen in der Krankenversorgung mit HIV infizieren, von eineinhalb Fällen pro Jahr auf einen halben Fall pro Jahr reduziert. Zugleich steht für die gesamte Prävention – laut RKI-Bulletin haben wir ca. 2.700 Infektionen im Jahr – insgesamt weniger Geld zur Verfügung, als für die Verhütung dieses einzelnen Falls in der Krankenversorgung durch den direkten Test der Blutkonserven ausgegeben wird.“ (Rolf Rosenbrock, „Entscheidend ist die Kommunikation“, in: Jahrbuch 2007/2008)

Für die Verhinderung einer einzigen HIV-Neuinfektion werden 10 Mio. Euro pro Jahr ausgegeben.
Für die gesamte HIV-Prävention bei den von HIV/Aids besonders betroffenen und bedrohten Gruppen werden jährlich 4,6 Mio. Euro investiert.

Angesichts dieser Mittel-Verhältnisse, dieser Prioritäten, ist es defätistisch, wenn einem Fragen in den Sinn kommen? Die Verhinderung einer einzigen zusätzlichen HIV-Infektion durch direktes Testen von Blutprodukten ist dem Staat 10 Mio. € pro Jahr wert, die gesamte HIV-Prävention bei schwulen Männern nicht einmal einen nennenswerten Bruchteil davon?
Kein Menschenleben ist mit materiellen Werten zu bemessen. Aber was diesen Mitteleinsatz angeht, drängt sich geradezu die Frage auf: Sind schwule Menschen, sind DrogengebraucherInnen, sind Menschen aus Hochprävalenzländern in Deutschland weniger wert als Otto und Erika Mustermann?
Und: Ist solch eine Politik ethisch?
Und, ja, ich weiss, Moral ist keine Kategorie der Politik. Aber – man wird ja nochmal fragen dürfen?

Vor allem aber, wenn gerade auch Politik sich nur allzu gerne lobt, wie großzügig sie doch Mittel für den Kampf gegen Aids auch bei der DAH bereit gestellt hat – gerade angesichts der oben geschilderten Verhältnisse hat Aidshilfe keinen Anlass, demütig in Ruhe und Schweigen zu versinken, brav danke zu sagen und den Mund zu halten. Im Gegenteil, eigentlich müsste sie selbstbewusst sagen: wir ersparen dir, Staat, dermaßen viele Neuinfektionen mit all ihren (nicht nur Kosten-) Folgen, und das für dermaßen wenig Geld – bei dem, was du in die Verhinderung einer Neuinfektion bei Blutprodukten investierst, müssten wir dir auch einiges mehr wert sein.

11 Gedanken zu „wie viel ist die Verhinderung einer HIV-Infektion wert?“

  1. Tja mein Lieber, wärst Du Afrikaner und Angehöriger des richtigen Stammes der die Regierung stellt, dann würde dir die „Rote Hilde“ ein einträglich erträgliches Leben bescheren.
    So bist du nur Schwul – HIV Positiv in Deutschland . . . . das sag ich jetzt bewußt zynisch weil ich jedesmal die Krise bekomme wenn ich mitbekomme wie sie Gelder gleich Kamelle die man von nem Umzugswagen ins Volk schmeißt auf Konfererenzen oder Staatsbesuchen in manchen Ländern verteilt. Das etwas getan wird – werden muß steht außer Frage. Nur finde ich den blinden Aktionismus von dem diese Frau beseelt ist einfach nur unverhältnißmäßig und in keiner Relation stehend zu dem was hier notwendig ist – bzw dem man hier Rechnung tragen müßte – könnte.

    „Deutschland gehört weltweit zu den großen Gebern in der HIV/AIDS-Bekämpfung und hat in den letzten Jahren die Mittel zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria kontinuierlich erhöht. In diesem und in den kommenden Jahren stellt das Bundesentwicklungsministerium 500 Millionen Euro pro Jahr dafür bereit, bis zum Jahr 2015 sind 4 Milliarden Euro vorgesehen.“

    http://www.bmz.de/de/presse/aktuelleMeldungen/2008/august/20080808_aids/index.html

  2. Ich finde die Gelder für Prävention stehen in keiner Relation zu dem Erfolg (Verhinderung von Neuinfektionen). Doch sie gegen die Internationale Hilfe gegenzurechnen darf man nicht. Eher gegen (unsinnige) Prestigeprojekte, z.b. Neubau des Berliner Stadtschlosses für geschätzte 1,2 Milliarden Euro…

  3. @ Dennis:
    deine kritik am bmz in ehren – aber mir geht es zunächst darum, dass für die präventions-arbeit in d vergleichsweise wenig geld ausgegeben wird – und das mit (für diese beträge) serh großem erfolg (verhinderte nei-infektionen). vor allem, wenn es mit dem geldeinsatz und risiko bei der blutprodukte-transmission verglichen wird

    @ kalle:
    stimme dir zu – was die relation zum erfolg angeht. und: vielleicht ist es an der zeit, auch die arbeit der aidshlfen an diesem punkt (gerade angesichts des vergleichsweise eben doch recht geringen mitteleinsatzes) ein wenig mehr wertzuschätzen …

  4. @ ondamaris
    nun dann werde ich meine aussage anders formulieren. du schreibst das die arbeit der aidshilfe – angesichts der vergleichsweise wenigen zur verfügung stehenden mittel ein wenig mehr wertzuschätzen ist. d´accord – dem stimme ich zu . . . nur übersiehst du imo die andere seite „der den aidshilfen zur verfügung stehenden geringen mittel“. diese MITTEL werden regelmäßig gekürzt sodaß es nicht verwundert wenn die arbeit die gemacht wird nicht den erfolg zeitigt der durch erhöhung der zuwendungen eine zunahme von neuinfektionen verhindern könnte. siehe http://alivenkickn.wordpress.com/2008/08/13/freiwilliger-zwangsurlaub/

    So ist z.b. der Regenbogendienst der AHF „Betreutes Wohnenen und ambulante Pflege“ an seinen Grenzen angekommen. Auf Grund der „geringen Mittel“ = „nicht genügend Personal“ ist es ihnen nicht möglich den vorhandenen Bedarf abzudecken. insofern liegt es auf der hand das durch die kürzung auch die prävention nicht so durchzuführen ist wie es sinnvoll – notwendig wäre.

    Mit anderen Worten die Arbeit – die Arbeitsbereiche innerhalb der Aidshilfen kannst du nicht trennen. Das Verhindern von Neuinfektionen ist nicht „Wichtiger oder höherwertiger“ als das Pflegen von Aidskranken bzw HIV Positiven. Die Ursache liegt also nicht in den geringen Mittel sondern in der Verteilung der vorhandenen Mittel. Nichts gegen den Schutz der „Deutschen Grenze“ am Hindukusch . . is ne ganz wichtige Grenze das . . und noch viel weniger nichts gegen die Hilfe von HIV und AIDSKranken in Afrika. Hilfe kennt keine Grenzen – Menschen – Politiker setzen die Grenzen. Hilfe ist sinnvoll und angebracht da wo immer sie notwendig ist. Das gilt gerade und ganz besonders auch für das eigene Haus – für uns die wir hier leben. Wenn im eigenen Haus – der Bevölkerung – bestimmter Gruppen nicht in dem Maß Rechnung getragen werden die der Hilfe bedürfen – und da stimme ich dir zu auch Prävention ist Hilfe – um einen Anstieg von Neuinfektionen zu verhindern, dann ist – um es mal mit einer zeile aus nem Lied von Joe Jackson zu sagen “ Something going wrong around here“.

    andererseits – wenn ich jetzt boshaft wäre – dann könnt ich sagen das die mittel bewußt niedrig gehalten werden und die folge – ein anstieg der neuinfektionen in kauf genomen wird. wäre dies nicht eine wunderbare gelegenheit – würde man dann nicht eine handhabe haben um zu „restriktiven mitteln“ greifen zu könne? wie könnte man besser einen anstieg von neuinfektionen verhindern als wenn man sozusagen als vorbeugemaßnahme und zum schutz der bevölkerung alle schwule – prostituierte und junkies zwangstesten würde? einige gerichtsurteile unserer lieben nachbarn tendieren ja geradezu in diese richtung. „da du mit einer risikogruppe verkehrst – bzw angehörst, hättest du es wissen – ahnen können – müssen“.

    im übrigen habe ich solche gedanken die auf eu ebene durchaus präsent sind vor ca 1 jahr von einem menschen erfahren der in sachen hiv auf eu ebene in brüssel tätig ist.

  5. @ ondamaris:

    Es ist immer das gleich Spiel: Wenn schwule Menschen sich mit HIV infizieren, sind sie’s erstens selbst schuld und zweitens sind ja nur Schwule. Bei einer Bluttransfusion könnten sich ja auch nicht schwule Menschen infizieren. Das muss um JEDEN PREIS verhindert werden, weil nicht sein soll, was nicht sein darf.

  6. @ Dennis:
    dem stimme ich docjh weitgehend zu. selbstverständlich ist nicht nur die primär-präventionsarbeit der aidshilfen mehr zu würdigen, sondern genauso auch die sekundär- und tertiär-prävention.
    worum es mir geht ist: aidshilfe braucht sich nicht vor dankbarkeit zu verkriechen. sie macht insgesamt gesehen einen guten job – und das für sehr wenig mittel. gerade wenn man den vergleich zieht mit dem aufwand der weiteren reduzierung der blutprodukte-infektiosität …

  7. @ TheGayDissenter:
    „sind ja nur schwule“ … ja, dieser gedanke kam mir auch bei diesen mittel-relationen … ein biterer gedanke, den die politik natrülich weit von sich weisen wird, und das mit dem unterton „ihr seid aber undankbar“

    – und genau darum geht es mir, zwar bekommen aidshilfen recht viel geld – machen dafür aber was die verhinderung von neu-infektionen angeht insgesamt eine recht gute (und billige) arbeit. die eigentlich viel mehr wert wäre.

    wenn ich mich dann noch daran erinnere, wie sehr, wie regelmäßig (weitgehend unbekannt) und in welchem ausmaß schwulenspezifische präventions-kampagnen und -medien von bürokraten gegängelt, zensiert, manupuliert und behindert werden, wird mir ziemlich ärgerlich …

  8. „Das kostet Deutschland, weil dies ein Monopolprodukt einer Pharmafirma ist, schätzungsweise 10 Millionen Euro pro Jahr.“

    Na, da hat diese Pharmafirma doch grandiose Lobbyarbeit geleistet, wenn quasi Jahr für Jahr 10 Millionen in deren Kassen gespült werden. Um welche Firma handelt es sich eigentlich?

    Die Gelder für die Untersuchung der Blutspenden kommen aber sicherlich nicht direkt aus dem Bundeshaushalt, oder? Das dürfte doch eher Geld sein, das zwar letztlich auch alle zahlen, welches aber wohl eher über die Krankenkassen an die Blutspendedienste fließt. Sollte das wie vermutet sein, erscheint mir dieser Beitrag doch ein wenig gesucht, da man ein wenig Äpfel mit Birnen vergleicht.
    Der Gesetzgeber könnte allerdings dahingehend eingreifen, daß er einfach das Patent für das Monopolprodukt außer Kraft setzt und somit billige Nachbauten zuläßt.

    Und zur Bemerkung „lobenswertes Engagement der Bundesregierung“ noch die Anmerkung, daß das Parlament, also der gesamte Bundestag, den Etat beschließt. Es ist also mitnichten allein die Bundesregierung, deren Engagement hier lobenswert erscheint.

  9. @ XYZ:
    zum letzten punkt: zustimmung, da war ich nicht präzise. letztlich ist’s das parlament
    was die patentrechte auf den test angeht: das „außer kraft setzen“ eines patentes ist nicht ganz so einfach wie sie es darstellen. neben deutschem recht ist insbesondere eu-recht sowie trips relevant – der bei trips mögliche fall der außerkraftsetzung von patenten setzt eine art nationalen notstand voraus. mit dieser regelung wird die generika-produktion /-import von aids-medikamenten in einigen von hiv besonders stark betroffenen staaten ermöglicht (nationaler gesundheitsnotstand). dies dürfte wohl in d kaum der fall sein …

  10. Ach, wenn sich dafür eine breite Mehrheit in der Gesellschaft und damit im Parlament fände, dann ginge das schon. Zur Not könnten internationale Abkommen und Verträge auch gekündigt werden, aus der EU könnte man auch austreten et cetera.
    Aber da zu viele an den ganzen Patentunwesen verdienen, ist das bei der aktuellen Gesellschaftsform eher utopisch.

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