Paris: Bareback-Party von ACT UP verhindert

Paris: Aktivisten der Aids-Aktionsgruppe ACT UP haben eine Bareback-Party in der Stadt mit Aktionen verhindert.

„Aids-Komplizen“, „Nein zum Bareback-Business“ oder „Hier zählt das Leben eines Schwulen nichts“ – mit provokanten Parolen und Rufen hat ACT UP Paris mit 15 Aktivisten am Samstag, 4. Oktober 2008 in Paris eine Bareback-Party verhindert.

ACT UP Paris protestiert vor dem Pariser Banque Club gegen eine Bareback-Party (Foto: ACT UP Paris)
ACT UP Paris protestiert vor dem Pariser Banque Club gegen eine Bareback-Party (Foto: ACT UP Paris)

Der ‚Banque Club‘ ist ein beliebter Club im 8. Arrondissement von Paris, der sich auf seiner Internetseite selbst als „underground sex area“ bezeichnet. Für den Abend des 4. Oktober war der gesamte Club für eine Bareback-Party reserviert. Für die Teilnahme an der Party war eine Anmeldung über das Internet erforderlich, ein Eintritt von 18,50 Euro wurde vorab erhoben – erst dann wurde die Adresse der Party-Location mitgeteilt.

Veranstalter der geschlossenen Party war die Internetseite ’squatNOk‘, ein französischsprachiges Internetangebot für Barebacker. Dieses ist seit Oktober 2008 ein völlig privates Portal, das -außer dem Info-Bereich zu STDs, Testmöglichkeiten etc.- nur nach Einladung mit Zugangscodes genutzt werden kann (1). Zukünftig solle alle zwei Monate eine solche Party stattfinden, hatten die Veranstalter vorab angekündigt.

ACT UP Paris forderte „alle Schwulen Paris‘ auf, ein Etablissement zu boykottieren, das auf eure Gesundheit pfeifft“. ACT UP wies darauf hin, dass der Banque Club Mitglied der SNEG ist und die französische Präventionsvereinbarung (siehe ‚Umsatz und Kondome‚) unterzeichnet hat. Schon in früheren Aktionen hatte sich ACT UP Paris gegen den Club gewandt, mit dem wiederholten Vorwurf hier würden nicht einmal Mindestanforderungen wie die Bereitstellung von Kondomen und Gleitgel erfüllt. Mit riskantem Sex dürfe kein Geschäft gemacht werden.

ACT UP Paris rief zum Boykott des betreffenden Clubs auf und kündigte an, auch zukünftig gegen Etablissements vorgehen zu wollen, die Bareback-Sex ermöglichen.

‚Das könnte die letzte Bareback-Party in einem Sex-Club in Paris gewesen sein‘, befürchete schon das französische  Homo-Magazin Tetu.

Anmerkungen:
(1) Auf der Site heißt es „A compter du 5 octobre 2008, le Squat NOK est devenu entièrement privé. Sans être coloc il est devenu impossible de voir la cour et pour demander une piaule il faut y avoir été invité par un autre coloc. Le coloc invitant devient responsable de ses invités.“

Aus den vorliegenden Berichten ist unklar, ob die Bareback-Party letztlich doch offen für jedermann war, oder (wie bei ähnlichen Anlässen in Deutschland inzwischen eher üblich) gezielt als Party nur für Menschen mit HIV deklariert.
Die Pariser ACT UP – Gruppe ist für ihre Radikalität und insbesondere für ihre von manchen als ’stalinistisch‘ empfundene Haltung in Sachen ‚Bareback‘ bekannt.
In diesem Fall scheint das Engagement der Gruppe grenzwertig. Nicht nur, dass (wieder einmal) undifferenziert bareback und unsafer Sex gleichgesetzt werden. ACT UP scheint in Frankreich manchmal nicht in der Lage zu sein zu unterscheiden zwischen aktivem Einsatz für Prävention und Gesundheitsförderung und dem berechtigten Anliegen mancher Menschen, ohne Kondom Sex mit einander zu haben (der auch dann unter manchen Umständen safer oder auch nicht-infektiös sein kann).
Die Frage bleibt, ob solche provokanten Aktionen auf berechtigte Anliegen aufmerksam machen und auf Probleme hinweisen – oder ob sie in eine Polarisierung und Eskalation neuer Verbote (und Abdrängen in noch schwerer erreichbare Räume) führen.
So wenig ein in unseren Sexleben schnüffelnder und herumregelnder Staat erstrebenswert ist, genauso wenig scheint ACT UP als selbsternannte aktivistische Gesundheitspolizei ohne jegliche Legitimation eine angenehme Alternative zu sein.

Fast mag man sich angesichts Pariser Verhältnisse freuen, dass Forderungen à la ‚Bareback-Parties verbieten‚ hierzulande bisher ’nur‘ von den Schwusos kommen.
An Orten, an denen schwuler Sex stattfindet, sollte die Bereitstellung des erforderlichen ‚Zubehörs‘ (sprich Kondome, Gleitgel, Handschuhe etc.) selbstverständlicher Kundendienst sein. Orte, die ihren Kunden diesen Service nicht bieten – könnten einfach zugunsten besserer Alternativen gemieden werden.
Letztlich ändert jedoch auch die best-funktionierende Präventionsvereinbarung nichts daran, dass jeder -erst recht jeder, der einen Ort schwulen Sex‘ besucht- selbst dafür verantwortlich ist, seine Schutz-Möglichkeiten, also z.B. Kondome, bei sich zu haben.
Andererseits sollten sich jene Wirte so manchen schwulen Etablissements auch hierzulande, die sich immer noch weigern, in ihren Unternehmen Kondome auszugeben, fragen, ob sie hier nicht nur ihren Communities und Kunden, sondern nicht letztlich auch sich selbst einen Bärendienst erweisen.

13 Gedanken zu „Paris: Bareback-Party von ACT UP verhindert“

  1. Deinem Kommentar ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Ja, die Pariser Aktivisten kommen mir auch manchmal wie Getriebene vor. Vielleicht handelt es sich auch um eine subtile Werbeveranstaltung; werden vielleicht gerade wieder Gelder für Prävention in FR (neu) verteilt? Dumm sind die Franzosen nicht.
    Die Strategie in FR ist auch schon immer sehr kondomorientiert, es geht weniger darum die Leute allgemein zu gesundheitlichem Handeln zu befähigen. Da gibt es viele Entwicklungspotentiale 😉

    Ach übrigens: Ich bin ja gerade fast vom Stuhl gekippt als ich die neue Oberfläche sah. Die alte Seite war sehr charmant, die neue ist sehr geschmeidig, übersichtlich, muss mich aber noch dran gewöhnen.

  2. Ich kann mich Euer beider Kommentare nur anschließen. Die Aktion von Act Up ist gut und grundsätzlich zu begrüßen. Pers bin ich generell ein Befürworter von „Provokationen – provozierenden Aktionen“. Die Unfähigkeit zu differenzieren – diese fudamentalistische Haltung ist völlig unangebracht und letztendlich aus den von dir Ondamaris genannten Gründen kontraproduktiv.

  3. Mich hat diese Meldung auch etwas überrascht, zumal für Aussenstehende der Eindruck entsteht „dort poppen die bösen Schwulen, und infizieren Gott und die Welt“, wenn sie die Presseartikel dazu lesen. Da „Klappern“ zum Handwerk gehört, muss sich ACT-UP Gehör verschaffen, doch hier scheint der Pegel überschritten worden zu sein….

    P.S. dein neues Erscheinungsbild gefällt mir sehr gut Ulli 😉

  4. Offensichtlich haben die Act up`s den 7. Sinn! Kann man Infektionen sehen? Ich nicht. Hier geht es um etwas anderes. Es geht um eine miese Selbstdarstellung: Wir sind die lieben, drinnen sind die bösen.

  5. So sehr ich die französische Protestkultur, die ich in Deutschland schmerzlich vermisse, schätze, so wenig verstehe ich das Vorgehen von ACT UP. Wie kann man dafür demonstrieren, dass der Staat oder selbsternannte Bürgerwehren, so tritt ACT UP in diesem Fall auf, ihre Nase in die höchstpersönlichen Angelegenheiten, zu denen zweifelfrei Sex gehört, auch wenn er in Rahmen der Party stattfindet, der Bürger stecken dürfen oder gar müssen? Damit verspielt ACT UP jede Glaubwürdigkeit, die sie aber brauchen, wenn sie sich gegen staatliche Eingriffe oder auch staatliche Überwachung in Gestalt von Datensammelwut wenden wollen.

  6. Völlig überzogene Aktion. Sonst stehe ich ja hinter den Aktionen von ACT UP aber hier hat es einfach den Rahmen gesprengt! Die Parolen beschämen mich übrigens.

  7. @ Antiteilchen:

    OT: Mein Feedreeder liefert Deinen Kommentar mit folgender Überschrift:

    „Bareback-Party von ACT UP verhindert von Antiteilchen“

    Die Sache hat also eine interessante Wendung genommen… 😉

  8. Man sieht mal wieder, wohin unreflektierte Ängste (z.B. von Präventionisten) führen können…

    Und: machen wir uns nichts vor, auch bei uns gibt es immer mal wieder Ähnliches. Z.B. junge Schwule, die mit ihrem positiven Testergebnis nicht zurande kommen und ihre Schuldprojektionen in der Vor-Ort-Prävention austoben wollen (frei nach Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner unverschuldeten Infektion“?!?). Oder die scheinbar ewig wiederkehrende Diskussion darüber, ob man nicht „endlich mal mit Taschenlampen in die darkrooms“ sollte, zum „Provozieren“.

    Für manche ist das Mündigwerden halt ein verschlungener Weg…

  9. @TheGayDissenter
    Da sieht man mal wieder was man mit einem Kommentar alles auslösen kann 😉

  10. Pingback: Der Kölner Safe Environment Ansatz, oder: Dürfen hinter dem Vorhang das Handtuch und die Hemmungen fallen? « The Gay Dissenter
  11. Was hat eigentlich Act Up mit dem Staat zu tun und wieso Gesundheitspolizei oder stalinistisch?
    Warum fragt keiner nach der VERANTWORTUNG, die man davor und danach hat?
    Haben die immer nur die anderen?
    Oder wieso spielen wir eigentlich immer nur Opfer?
    Ist es nicht verständlich bzw. sogar legitim, dass den kommerziellen Viren-Schleudern auch etwas Radikales entgegengesetzt wird?
    Oder haben wir nicht schon längst auch eine fundamentalistische Bareback-Szene?
    Sie selbst sind doch zuerst an die Öffentlichkeit gegangen und nicht umgekehrt.
    Was jemand privat macht, ist auch seine Privatsache und in z.B. Berlin gibt es auch öffentliche Freiräume, die damit verantwortungsvoll umgehen.
    Ich jedenfalls vermisse Act Up in Deutschland schmerzlich!

  12. @ shaveskin:
    act up vermisse ich manchmal auch (auch wenn es ja nicht gundlos hierzulande recht schnell wieder verschwunden ist). aber was ich nicht vermisse ist eine selbsternannte gesundheitspolizei …

    und nebenbei – was ist dagegen zu sagen, wenn zwei menschen, zb beide positiv, sich in kenntnis ihrer risiken dazu entschließen, sex ohne kondom zu haben?

  13. na dagegen ist ja auch nichts einzuwenden und dagegen hat act up sicher auch nicht demonstriert.
    und mir ist lieber, act up macht etwas, als dass irgendeine blödzeitung hetzt.

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