„Wir setzen auf einsichts- und lernfähige Menschen“

Düsseldorf Januar 2012: Spezialkräfte der GSG-9 verhaften einen Aidshilfe-Mitarbeiter unter dem Verdacht, die rechtsextreme Terror-Gruppe ‘NSU’ unterstützt zu haben. Wie kommt ein (ehemaliger) Rechtsextremer zur Aids-Hilfe?

Die Aids-Hilfe Düsseldorf hat sich in Reaktion auf die Verhaftung in einer Presseerklärung „von der rechten Szene und ihrem Gedankengut“ distanziert. Bei vielen Mitgliedern, Klienten und Angestellten hat die Verhaftung vermutlich Bestürzung ausgelöst, Fragen aufgeworfen. Die Aids-Hilfe Düsseldorf steht derzeit zudem unter erheblichem medialem Druck. Partner in Politik ebenso wie Unterstützer und Geldgeber haben Erwartungen, fordern vermutlich klare Worte. Insofern ist die Distanzierung der Aids-Hilfe Düsseldorf verständlich, vermutlich auch richtig, vielleicht sogar hinreichend.

Dies ist sie jedoch nicht für den Dachverband, die Deutsche Aids-Hilfe (die sich bisher außer in Form einer Übernahme der Düsseldorfer Presseerklärung nicht zu dem Vorgang geäußert hat).

„Recht auf Selbstbestimmung, Teilhabe und Solidarität“ und „verantwortungsvoll und solidarisch mit den Bedrohten und Betroffenen umgehen“ – Werte wie diese stehen im Mittelpunkt es Grundverständnisses von Aidshilfe, so formuliert im Leitbild der Deutschen Aids-Hilfe. „Deshalb setzen wir in unserer Arbeit auf das verantwortliche Handeln vernunftbegabter, einsichts- und lernfähiger, freier und gleichberechtigter Menschen“.

Politischer Extremismus egal welcher Richtung (insbesondere, aber nicht nur in seiner gewaltbereiten Form) ebenso wie religiöser Fundamentalismus (egal welcher Glaubensrichtung) bedrohen und gefährden diese Werte, diese Basis der Arbeit von Aidshilfe. Schon aus diesem Grund muss Aidshilfe in ihrem Reden und Handeln immer auch ihre Werte reflektieren und sich aktiv für sie einsetzen.

Sich von Extremismus und Fundamentalismus zu distanzieren, aktiv gegen sie und für Freiheit und Solidarität einzusetzen sollte also zum Wesen des Handelns von Aidshilfe gehören.

Ein Distanzieren von Extremismus und Fundamentalismus – wie es jetzt die Aids-Hilfe Düsseldorf gemacht hat – ist somit nicht nur verständlich. Es sollte für jede Aidshilfe selbstverständlich sein.

Distanzierung darf jedoch nicht alles sein. Aktive Schritte des Engagements gegen Extremismus sind erforderlich. Dieses Engagement darf nicht nur Lippenbekenntnis sein, es muss reales Handeln beinhalten.

Hierzu gehört dann auch, Aussteigern aus dem Extremismus, aktuell: der rechten Szene, eine reale Chance zu geben, eine Chance auf Neubeginn, auf einen persönlichen, menschlichen wie auch beruflichen Neuanfang.

Chance auf Neuanfang für Aussteiger, dies ist gesellschaftlich wie politisch wichtig im Engagement gegen Extremismus und Fundamentalismus. Und hier ist selbstverständlich auch Aidshilfe gefordert. Chancen geben, dies beinhaltet auch: Risiken eingehen. Risiko und der Umgang mit Chancen und Risiken – Themenfelder, die für Aidshilfe nichts Unbekanntes sind.

Dass die Aids-Hilfe Düsseldorf einem Aussteiger aus der rechten Szene diese Chance auf Neuanfang gegeben hat, ist also nur konsequent. Und es ist zu begrüßen.

Die Deutsche Aids-Hilfe ist gefordert, nicht nur das Selbstverständliche zu sagen, die Distanzierung von Extremismus und Gewalt. Sondern auch das Unbequemere:

Es ist wichtig, Aussteigern eine Chance auf Neuanfang zu geben.
Die Aids-Hilfe Düsseldorf hat, indem sie Carsten S. diese Chance auf Neuanfang gab, eine mutigen, einen richtigen Schritt gemacht.
Einen Schritt im Sinn der Werte von Aidshilfe. Ein Schritt, den der Dachverband begrüßen und unterstützen sollte.

Wie heisst es im Leitbild der Deutschen Aids-Hilfe?
„Deshalb setzen wir in unserer Arbeit auf das verantwortliche Handeln vernunftbegabter, einsichts- und lernfähiger, freier und gleichberechtigter Menschen“.


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siehe auch ondamaris 10.02.2012: DAH: Respekt und Solidarität für Einräumen einer zweiten Chance

5 Gedanken zu „„Wir setzen auf einsichts- und lernfähige Menschen““

  1. ich stell zu diesem thema meinen kommentar aus queer.de ein den ich dazu gegeben habe:

    „In der Szene sind die Einschätzungen eher kritischer. Viele, die Carsten S. eher flüchtig kannten, hätten sich den Schock gerne erspart. Sie fragen auch: War es die richtige Entscheidung, ihn ausgerechnet mit der sensiblen Mitarbeit beim Puls zu betreuen?

    Leute, die S. mitsamt Teilen seiner Vergangenheit besser kannten, hätten ihm hingegen den Job anvertraut – und fragen sich nun, wie gut ihr Urteilsvermögen ist. Freunde von Carsten sind verwirrt: An einen Austieg von S. aus der Szene und eine Distanzierung von früheren politischen Haltungen glaubt jeder. Aber hat er ihnen zuviel vorenthalten? Will man Kontakt zu jemand gehabt haben, der dem Mörder-Trio eine Waffe besorgte?“

    Obwohl ich diese Fragen durchaus nachvollziehen kann, finde ich es dennoch erstaunlich wie weit man bereit – oder auch nicht bereit ist – einem Menschen eine 2. Chance zu geben.

    „Der Begriff der Resozialisierung geht von der Vorstellung aus, ein Straftäter habe sich durch seine Tat außerhalb der Gesellschaft gestellt oder jedenfalls offenbart, dass er nicht im erforderlichen Maße in diese Gesellschaft eingebunden sei. Ziel des staatlichen Strafens habe es daher zu sein, den Täter wieder in die Gesellschaft einzugliedern.“ quelle: wikipedia

    muß oder darf man erst diesen gedanken – diesen weg beschreiten wenn man zuerst staatlich sanktioniert – bestraft werden muß? darf man diesen weg nicht aus eigener kraft beschreiten – bzw wenn man es macht, ist dann der gedanke der resozialisierung nichts oder weniger wert“ ?

    den weg der einsicht und wiedergutmachung aus eigener kraft zu beschreiten ist mit ungleich mehr kraft und anstrengung verbunden als wenn ihm staatliche sanktionierung vorausgegangen ist. zudem unabhängig davon wo man sich aufhält, die vergangenheit trägt man immer mit sich herum. die arbeit die carsten, soweit ich das aus der ferne beurteilen kann, täglich geleistet hat, ist wiedergutmachung an der gesellschaft. dabei lasse ich mal aussen vor inwiewiet die vermutung der staatsanwaltschaft zutrifft. dies ist im grunde sekundär da man auch nach verbüßung der haft sein tun der vergangenheit mit sich herumträgtm bzw für den rest des lebens ein teil des lebens sein wird.

    der tenor der hier und auch in dem anderen artikel mit schwingt gleicht dem was hans fallada in seinem buch „wer einmal aus dem blechnapf fraß“ beschreibt. du kannst dich mühen und alles tun um ein mitglied dieser gesellschaft zu werden, wenn man einem menschen, den „makel“ den er sich trägt nicht verzeiht, dann kann ein mensch machen was er will. es wird ihm niemals gelingen ein teil der gesellschaft zu werden weil die gesellschaft es nicht zuläßt – es dem menschen verweigert wieder teil der gesellschaft werden zu lassen.

  2. Klar hat der eine 2. Chance verdient. Von mir aus auch eine dritte und vierte. Die kann er aber auch genauso gut im Lackierwerk bei Opel wahrnehmen.
    Wir haben es mit einer Blitzkarriere in der NPD zu tun, gefolgt von einem Austieg mittels dubioser Programme, was beides ohne das Wissen und die Unterstützung des VS und ähnlich gelagerter Dienste unmöglich ist, nur um dann ausgerechnet in linkslastigen Projekten zu landen. Selbst wenn das alles, wie es der pastorale Duktus des Artikels befürchten lässt, auf den Schuld und Sühne-Komplex zurück zu führen ist, muss diese Saulus->Paulusnummer nun wirklich nicht sein. Mir scheint auch ein fundamentales Missverständnis dahingehend vorzuliegen, dass hier die gebotene, und alleine schon aufgrund der Menschenrechte, zwingend notwendige Resozialisierung mit Vergebung und ähnlichem katholischen Tralala verwechselt wird.

    Richtig gefährlich wird es dann aber hier:
    „Politischer Extremismus egal welcher Richtung (insbesondere, aber nicht nur in seiner gewaltbereiten Form)“, womit die Opfer des Nationalsozialismus auf die gleiche Stufe gestellt werden wie ihre Mörder, was mich zu der Frage bringt, ob das Relativieren der Verbrechen des NS in Verbindung mit Geschichtsrevissionismus denn keine Straftat mehr im Land der Täterenkel ist, nur damit uns, wenn auch geklammert, das Neurechte gezielte verwischen des Begriffs Extremismus zum Komma führt. Leider. Denn zu meinem grossen Bedauern fährt der Autor fort:
    „ebenso wie religiöser Fundamentalismus (egal welcher Glaubensrichtung) bedrohen und gefährden diese Werte, diese Basis der Arbeit von Aidshilfe.“
    Mir ist, angesichts der schon als hysterisch zu bezeichnenden Distanzierung von gleichgemachten „Extremisten“, auf der Grundlage der Werte nationalsozialistischer Seilschaften, vor allem des Weikersheimer Kreises, unklar, wie es denn zu den Aidshilfen überhaupt hätte kommen sollen, denn nach der hier dargelegten Defintion handelt es sich bei den Gründern der Aidshilfen eindeutig um abzulehnende Links“extremisten“.

    Wenigstens hat sich die Studentenvertretung von diesem Werte-Gewäsch nicht beirren lassen und den Aussteiger richtigerweise von ihren Gremien ausgeschlossen. Eine derartige und vollumfängliche Wandlung ist als psychologisches Phänomen bestens dokumentiert und in den hier so gefürchteten religiös-fundamentalistischen Kreisen höchst beliebt, aber selbst wenn es möglich sein sollte, dass jemand den ideologischen Spagat von Links nach Rechts schaffen sollte bleibt die Frage, wie vetrauenswürdig jemand ist, der sich zeitlich unmittelbar vorher so dermassen geirrt hat. Und nein, es geht mir nicht um Strafe, warum auch, sondern darum, dass sich Carsten S. in politischen Fragen als hoffnungslos inkompetent gezeigt. So jemand hat nichts in einer Partei, einem Gremium oder einer sozialen Einrichtung verloren.

    Sei mir nicht böse Ulli, aber deine Ode an die Neu-Rechte Extremismustheorie lässt dich gerade wirklich nicht gut dastehen. In der Sozialforschung heisst dieses Phänomen Extremismus der Mitte, was mittlerweile auch in den USA als „asymetrical polarisation“ diskutiert wird. Und mit den „Werten“ einer (autonomen?) Hilfsorganisation ist das schon garnicht kompatibel, sondern vielmehr eines der dringensten gesellschaftspolitischen Probleme unserer Zeit.
    Die Leichtigkeit, mit der du mit ideologischen Versatzstücken um dich wirfst, die noch in den 80er Jahren eindeutig ausserhalb dessen lagen, was als demokratischer Konsens galt, ist erschütternd.

  3. mit anderen worten . . .wenn er denn betarft wird und (s)eine strafe abgesessen hat, ja was dann . . . .sicherheitsverwahrug . . .fußfessel . . . . kainsmal auf die stirn gebrannt . . . . . . .

    keine chance für niemand . . .

    hast du dich schon jemals in deinem leben mit einem überlebenden eins kz unterhalten?

    eines der bemerkenswertens sätze eines alten manees den ich während seines besuches in buchenwald begleiten durfte war: vergessen niemals . . verzeihen ja . . . .

    das solltest du dir mal hinter deine grünen ohren schreiben

  4. Es tut mir leid dich überfordert zu haben.
    Vergib mir.
    Aber ist das ein Grund gleich unverschämt zu werden?

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