Virus-Mythen 2: verantwortungslose Schwule

Samstag 13. September 2008, ein recht kleiner Kreis von Menschen diskutiert während der Konferenz ‚HIV im Dialog‘ über die Versorgungssituation HIV-Positiver auf dem Land.
Völlig zusammenhanglos (diskutiert wird gerade die ärztliche Versorgung auf dem Land) ist plötzlich vom Podium, von einem der Referenten der Satz zu hören:

„In Hannover ist es übrigens gerade in Mode, nach Berlin zu fahren um sich infizieren zu lassen.“

Etwaiger lauter Protest ist aus dem Publikum oder vom Podium nicht zu vernehmen.

(Pastor Ernst-Friedrich Heider, / Aids-Pastor, HIV/AIDS-Seelsorger in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers und Regionalkoordinator Nord des Aktionsbündnisses gegen Aids)

Leider taucht derartiger Unsinn immer wieder in Debatten, Foren, Stammtisch-Runden auf.

Spannend ist ja zunächst, was der Erzähler dieser Märchen damit sagen will.
Sind die Züge von Hannover nach Berlin voll mit jungen attraktiven Menschen, zutiefst bereit sich in Berlin hemmungslos in die Sünde zu begeben, wissentlich darin sich größtes Leid zu holen?
Ist in Hannover so wenig los? Kann man sich gar in Hannover überhaupt nicht mit HIV infizieren und muss dazu reisen?
Oder sind Hannoveraner dazu nur zu unwissend?
Oder die Aids-Hilfe vor Ort besonders unfähig oder untätig?
Oder meint der Erzähler, gerade Berlin sei das große Sünden-Babel Deutschlands? Erst recht für unschuldige Hannoveraner?
Wahr ist vermutlich nichts davon, nicht einmal letzteres.

Indirekt aber wird damit vielleicht ganz anderes gesagt, ob absichtlich oder nicht. Seht her, die Schwulen sind so blöde, so dermaßen verantwortungslos, wenn nicht gar menschenverachtend, die wollen sich sogar schon absichtlich infizieren. Oder: soweit haben wir es schon kommen lassen, dass die Schwulen gar keine Angst mehr vor Aids haben (sondern es toll finden, infiziert zu sein).

Derartige Mythen von  verantwortungslosen Schwulen, ebenso wie der Mythos von verantwortungslosen Positiven immer wieder gerne kolportiert, sind im Kern zutiefst schwulen- und positiven-feindlich.
Sie befördern unterschwellig Diskriminierung und Stigmatisierung – und schaffen ein Klima, das populistische Parolen begünstigt.
Information, Prävention hingegen enthalten derartige Mythen nicht.

Warum werden solche Märchen immer noch laut kolportiert, und das gerade auch auf einem Aids-Kongress? Und niemand widerspricht?

Dass dieses Märchen im aktuellen Fall gerade von einem Kirchen-Vertreter kolportiert wird (auf dessen Internetauftritt zudem steht die Aids-Seelsorge sehe „sich herausgefordert im Kampf gegen Vorurteile und Stigmatisierungen„), hat dazu noch einen besonders faden Beigeschmack. Auch wenn Pastor Heider sich oftmals differenziert äußert und für zahlreiche Projekte (wie z.B. heroingestützte Therapie) einsetzt (und sicher nicht mit ‚Gloria‘ zu vergleichen ist) – ein derartiger Lapsus ist m.E. nicht nur peinlich, sondern unentschuldbar.

15 Gedanken zu „Virus-Mythen 2: verantwortungslose Schwule“

  1. Ich habe schon seit längerem den Verdacht das man Berlin zum Sünden-Babel erklären will. Lässt sich dann hübsch alles drauf abschieben. Die Aussage dieses „Christen“ für den Barmherzigkeit eigentlich an erste Stelle stehen sollte, ist nicht zu entschuldigen. Er zeugt von Inkompetenz und eigentlich von Verachtung dem Klientel gegenüber das man auf dem Podium vertritt!

  2. @ antiteilchen:
    ja, dieses gefühl berlin zum sodom und gomorrha abzustempeln nehme ich auch in letzter zeit vermehrt war. steckt ja zb auch in der behauptung, berlin sei bareback-city, gerne dann ‚barelin‘ geschrieben
    dahinter steckt m.e. ein körnchen wahrheit – es gibt sicher in dieser stadt situationen, in denen man den eindruck bekommen kann. in der verallgemeinerung allerdings ist es schlichter unsinn und an der realität vorbei.
    zudem steckt darin wohl -wie du ja auch formulierst- ein haufen „abschieben“ eigener verantwortung

    ‚verachtung dem eigenen klientel gegenüber‘ – genau dieses gefühl überkam mich auch bei der aussage …

  3. ja die kirche ist ja immer wieder gut für volksverdummung und falsch information zu sorgen..und die kirche ist leider auch heute noch bekannt für mythen zu verbreiten..man muss ja schliesslich wieder ein paar schäfchen an land ziehen..und wo läst sich am besten werbung machen…? finde ich unter jeder sau..und das niemand interveniert finde ich bedenklich!

  4. @ Honigbaerli:
    so sehr ich kritik an der haltung der kirchen verstehe und großenteils teile – gerade dieser pfarrer hat sich bisher oftmals um eine ausgewogene und auch selbstkritische haltung bemüht, und auch die positionen eigener organisationen durchaus kritisch sehen können. insofern fände ich eine pauschale verurteilung einer person auf dem weg allgemeiner kirchen-schelte in diesem fall zunächst fehl am platze –
    das soll seine unsägliche äußerung nicht relativieren -ich finde sie wie gesagt peinlich und gefährlich- vielleicht findet herr pfarrer ja auch einige worte der erklärung …

    viel wichtiger als eine persönliche entgleisung ist mir die auseinandersetzung darüber, WAS wird da eigentlich gesagt, und mit welchen ABSICHTEN und FOLGEN

  5. Ohne diesen Pastor in Schutz nehmen zu wollen – die Äußerung ist zweifellos peinlich und gefährlich -, kann ich mir vorstellen, dass sie vor dem Hintergrund eines persönlichen Frustrationserlebnisses gefallen ist. Ich möchte da fast einen Hilferuf heraushören; auch Seelsorger brauchen manchmal Menschen, die sich um ihre Seele sorgen.

  6. @ TheGayDissenter:
    nun, es war im normalen diskussionsverlauf, es gab keine hitzigkeiten, nichts, keinen äußeren anlass
    aber wie gesagt, mit geht es auch nicht um die person, sondern um die aussage – und die ist leider öfter zu hören / lesen

  7. Nun, mal jenseits des beschriebenen Kontextes angemerkt:

    Mir berichtete kürzlich ein schwuler positiver Berliner Mann Anfang 50, er bekäme auf sein Profil auf den „blauen Seiten“, in denen er sich auch mit HIV outet, immer wieder Anschreiben von jüngeen Schwulen, die das Begehren an ihn herantragen, sich von ihm „pozzen“ lassen zu wollen, als ob sie sich ihn dafür ausgesucht hätten. Er berichtete, er habe dann versucht, in einem mail-Dialog herauszufinden, was diese Männer wohl umtreibt, derartige Wünsche zu haben – er ist nicht dahintergekommen.

    Um nicht weiter belästigt zu werden, denn als solches hat er dieses Begehren , gepozzt zu werden erlebt (übrigens auch eine Form der Diskriminierung), hat er in seinem Profil die Hinweise auf seinen HIV-positiv-Status gelöscht. Und natürlich hat er diesem Begehren, andere mit HIV zu infizieren, NICHT entsprochen.

    Ob diese Männer, die nach seinen Angaben eher in der Altersgruppe 25-35 sind, nun Berliner sind oder aus anderen Städten stammen, ist mir nicht bekannt und auch egal. Tatsache ist, dass es Männer gibt, die HIV derart bagatellisieren, dass es auf mich schon psychisch krank wirkt.

    Wie jede andere Krankheit macht auch HIV unfrei, abhängig von Medikamenten, ärztlicher Versorgung, einem Gesundheitssystem, das Versorgung gewährleistet. Mit HIV zu leben ist eine Fremdbestimmung, die jeder der mit HIV lebt, sofort wieder abschütteln würde, wenn er denn könnte.

    Eine Bemerkung wie die des AIDS-Seelsorgers, zusammenhangslos und nicht erläutert einfach in den Raum geworfen, ist und bleibt aber nicht hinzunehmen. Das ist die eine Seite.
    Die andere Seite ist, dass es tatsächlich Männer zu geben scheint, die bewusst eine Ansteckung mit HIV WOLLEN. Sich diesem Phänomen zuzuwenden und dies ins Gespräch zu bringen, emotionalisiert und weckt schnell Protest von HIV-Positiven, die sich angegriffen fühlen. Vor schwierigen Diskussionen zurückzuschrecken ist aber auch keine Lösung.

    Ich kann mich zwar als HIV-Positiver von dem unverständlichen Begehren der Noch-Negativen abgrenzen und diesen Kontakt abbrechen, trotzdem ist dieses Phänomen Teil der Realität.

    Soll man es mit „Unbelehrbare und Dumme gibt es immer“ abtun?

  8. @ michael:
    ich hatte dieses thema „pozzen“ heute auch schon in einem mail-kommentar. dort hab ich geantwortet

    „ja, ich weiss, ich kenne natürlich die pozzing-diskussionen und die ‚berichte‘ über solche fälle.
    solche menschen gibt es wohl wirklich. aber aus zahlreichen untersuchungen wissen wir zweierlei. erstens, solche aussagen treffen menschen gelegentlich schnell – das konkrete handeln ist dann aber etwas ganz anderes. soll heissen, nicht jeder, der solches sagt, handelt dann auch so.
    und zweitens, dies sind einzelfälle, überhaupt nicht repräsentativ für das gesamt-geschehen. und damit lässt sich aus solchen fällen (so tragisch sie sein mögen) nichts für politisches, präventives handeln ableiten.“

    vor allem ändern solche einzelfälle nichts daran, dass ich solche pauschalisierenden aussagen wie hier als zutiefst schwulen- und positivenfeindlich empfinde-.

  9. @ shaveskin:
    selbstverständlich sind auch schwule nicht alle und nicht immer gutmenschen … und ich fände es auch begrüßenswert, wenn wir mehr in gespräche kämen über umgangsformen und stigmatisierungen / diskriminierungen innerhalb unserer szenen.

    das ändert aber doch nichts an dem unsinn und der gefährlichkeit dieser aussage. und gerade jemand der sich auf dem gebiet gut auskennt, sollte doch wohl nicht mit schlechtem beispiel voran gehen und andere womöglich zum nachplappern animieren …

  10. ich denke, er hat es zunächst einmal in einem geschützten raum angesprochen.
    die frage ist doch, warum wurde dem nicht wiedersprochen, weil etwas wahres daran ist oder weil es eben wirklich nur einzelfälle sind…?
    dennoch sind die schwulen nicht persé alle gutmenschen.
    aber wer redet schon über die zunehmenden verletzungen innerhalb der community, da man sofort als spassbremse oder nestbeschmutzer schabloniert wird?
    ich stimme dem vorposter michael zu, dass es teilweise verheerende tendenzen in den chaträumen gibt und vieles im privaten raum stattfindet.
    die folge ist vereinzelung durch zwanghaftes zurücktreten oder vollständige isolation.

  11. ja sicher ist sie gefährlich, auch weil sie in manchen köpfen herumschwirrt!!!
    aber wo und wie soll das stattfinden, wieder im üblichen ghetto?
    eine seriöse auseinandersetzung kann nur öffentlich ausgetragen werden und ist sicher auch zuweilen mit schmerzen verbunden.
    oder wollen wir immer erst reagieren, wenn z.b. wie so oft die blöd-zeitung die diskussionen begonnen hat?

  12. @ shaveskin:
    na – die diskussion muss schon geführt werden, aber ich denke es wäre gut, wenn sie zunächst in den szenen stattfindet, und nicht direkt in der großen weiten internet-öffentlichkeit. treffen wie hiv im dialog, positivenplenum oder positive begegnungen schienen mir zb geeignete anlässe …

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