niedrige Viruslast im Blut senkt auch Infektionsrisiko bei Analverkehr

Die Viruslast im Blut und rektal stehen in enger Korrelation zu einander – HIV-Positive mit einer  Viruslast unter 1.000 Kopien /ml im Blut haben mit hoher Wahrscheinlichkeit auch kein nachweisbares HIV in rektalen Sekreten. Rektale sexuell übertragbare Infektionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit nicht, in rektalen Sekreten HIV festzustellen. Zu diesen wichtigen Ergebnissen kommt eine US-Studie.

Wenn ich im Blut eine nicht nachweisbare Viruslast habe (Viruslast unter der Nacheisgrenze), bedeutet das, dass dies auch im Rektum (Mastdarm, Teil des Enddarms) so ist? Oder ist die Viruslast in Darmflüssigkeiten eventuell unabhängig von der im Blut? Diese Frage – hinter der auch die Frage nach der Infektiosität bei Analverkehr steht, einer möglichen Übertragung von HIV – ist für viele (insbesondere, aber nicht nur schwule) HIV-Positive von grosser praktischer Bedeutung. In einer US-Studie wurde sie nun untersucht – mit eindeutigem Ergebnis.

Analbereich des Mannes (Foto: Cheywen)
Analbereich des Mannes (Foto: Cheywen)

Die Forscher um Kelley kommen in ihrer jüngst im ‚Journal of Infectious Diseases‘ veröffentlichten Studie zu einem eindeutigen Ergebnis: Plasma-Viruslast und Viruslast in rektalen Flüssigkeiten stehen in einem linearen Zusammenhang. Rektale STIs (sexuell übertragbare Infektionen) führen bei Schwulen nicht zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, HIV in rektalen Sekreten festzustellen.
Wichtige Konsequenz der Forscher: eine Unterdrückung der Viruslast im Blut führt wahrscheinlich auch zu einer Reduzierung des Risikos des insertiven (‚aktiven‘) Partners, sich mit HIV zu infizieren.

„Plasma and rectal viral load were correlated, and rectal STIs did not increase the likelihood of detecting HIV in the rectal secretions in MSM, including those with low or undetectable plasma viral load. Suppressing plasma viral load is likely to reduce risk of HIV transmission to insertive partners.“

Die Forscher kommen auch zu dem Schluss, dass eine wirksame antiretrovirale Therapie bei schwulen Männern einen vergleichbaren Effekt wie bei heterosexuellen serodifferenten Paaren auf die Übertragbarkeit von HIV habe:

„Combination antiretroviral therapy will have a similar effect on reducing HIV transmission in MSM, as seen in studies of heterosexual discordant couples.“

Die Forscher untersuchten 80 schwule Männer. 59 von ihnen erhielten antiretrovirale Therapie, 63% von diesen hatten eine Viruslast unterhalb von 1.000 Kopien /ml Blut. Fast alle hatten rektale HPV-Infektionen (humanes Papilloma-Virus, Auslöser u.a. von Feigwarzen / Kondylomen), 36% auch Herpres simplex. Bei 38% der Männer konnte rektal HIV nachgewiesen werden. Die Viruslast in rektalen Proben stand dabei in eindeutigem Zusammenhang mit der Viruslast im Blut. Dies galt auch für Männer mit rektalen sexuell übertragbaren Infektionen.
Der einzige Faktor, der nach Ergebnissen der Forscher in eindeutigem Zusammenhang mit nachweisbarer HIV-Viruslast in rektalen Proben stand, war eine Plasma-Viruslast über 1.000 Kopien.

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Die Studienergebnisse sind für schwule Männern von grosser Bedeutung: Analverkehr ohne Benutzung von Kondomen zählt zu den Haupt-Übertragungswegen von HIV. Rektale Sekrete stellen somit einen bedeutende potentielle Infektionsweg dar. Zudem haben viele schwule Männer im Analbereich sexuell übertragbare Infektionen (die zudem oft nicht festgestellt werden, siehe „anale Untersuchungen häufig Mangelware„). Dass wirksame antitretrovirale Therapie zu einer deutlichen Reduzierung des Infektionsrisikos beim Analverkehr beiträgt, ist für viele schwule Männer eine gute und lebensnahe Nachricht.

Auch in Deutschland stand eine Untersuchung dieser Frage zur Diskussion, im Rahmen der viel diskutierten ‚Rektalstudie‘ (auch: ‚Dildostudie‘).

Die Frage, ob die Viruslast-Absenkung im Blut mit einer annähernd ähnlichen Absenkung im Rektum einhergeht, war eine der Fragen, die von Kritikern des ‚EKAF-Statements‘ (keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs) immer wieder ins Feld geführt wurde. Sie galt lange als vermeintliches Argument dafür, dass das EKAF-Statement nicht auf Homosexuelle (korrekter: auf Analverkehr) anzuwenden sei. Dieser Kritik dürfte nun wesentlich der Boden entzogen sein.

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weitere Informationen:
Colleen F. Kelley et al.: HIV-1 RNA Rectal Shedding Is Reduced in Men With Low Plasma HIV-1 RNA Viral Loads and Is Not Enhanced by Sexually Transmitted Bacterial Infections of the Rectum (abstract)
aidsmap 06.09.2011: Plasma and rectal viral load correlated in HIV-positive gay men: supports use of treatment as prevention
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4 Gedanken zu „niedrige Viruslast im Blut senkt auch Infektionsrisiko bei Analverkehr“

  1. this are good news! Jetzt wird es aber interessant zu beobachten, ob diese zusätzlichen neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bei den bisherigen EKAF-Statement-Skeptikern zu einem Umdenken führen. Bestimmt werden sie ein neues „aber…“ erfinden….

  2. Um was soll es gehen, darum in Zukunft ungestraft bare ficken zu dürfen, ohne den moralischen Finger. Oder darum um serodiskonanten Paaren die Sicherheit zu geben, wenn mal ein Unfall passiert, nicht gleich Panik ausbrechen zu lassen. Wie auch immer jeder einzelne diese Studie für sich interpretieren will, sollte nicht vergessen werden dass Safersex nicht nur vor HIV schützt.
    Das Forschungsergebnis bezieht sich nur auf HI-Viren im Rektum. Diese Studie sagt nur aus das die Gefahr für den aktiven Partner (eindringenden Partner) sinkt, wenn der passive unter erfolgreicher Therapie steht.
    Was viel mehr raus gestellt werden sollte, ist die Eigenverantwortung und die sollte keinem durch solche Studien genommen werden.

  3. Ich verstehe den Zusammenhang zwischen HIV übertragung udn sexuell übertragbaren nicht ganz
    –>:Zitat:“Die Viruslast in rektalen Proben stand dabei in eindeutigem Zusammenhang mit der Viruslast im Blut. Dies galt auch für Männer mit rektalen sexuell übertragbaren Infektionen.“
    Gab es Befürchtungen, dass Männer mit sexuell übertragbaren raktalen Infektionen HIV schneller übertragen könnten?
    Ah, tatsächlich :“Rektale sexuell übertragbare Infektionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit nicht, in rektalen Sekreten HIV festzustellen.“ Warum sollte denn eine andere Infektion die Übertragungswahrscheinichkeit von HIV begünstigen können? *aufdemSchlauchsteh

  4. @ Fallada:
    in zahlreichen Publikationen wurde immer wieder die These aufgestellt, dass (auch rektale) Infektionen zB mit Chlamydien, Syphilis oder Herpes die Infektiosität deutlich erhöhen.
    Dies wurde auch als Argument gegen das EKAF-Statement ins Feld geführt.
    Diesen postulierten Zusammenhang konnte die Studie nicht zeigen – im Gegenteil, es gab keinen Zusammenhang mit STIs. Sondern nur mit der Viruslast im Blut.
    hoffe das hilft dir weiter?
    lg

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