Biohazard: HIV als Tattoo – Zeichen für mehr Akzeptanz?

Tätowierungen, Brandings die den Träger eindeutig als HIV-positiv kennzeichnen – sind sie Zeichen von Selbst-Akzeptanz und HIV-positivem Selbstbewusstsein? Oder Selbst-Stigmatisierung?

In Berlin sieht man sie schon seit einigen Jahren häufiger, auch gelegentlich in Spanien oder Frankreich, und auch in den USA: schwule Männer mit einer auffälligen Tätowierung – einem Tattoo, mit dem sie sich als HIV-positiv zu erkennen geben.

Mehrere Zeichen werden als solche ‚eindeutige‘ Hinweise genutzt, als Tattoos verwendet. So das ‚Red Ribbon‘ (‚Aids-Schleife‘). Das bekannteste Signal unter Positiven jedoch dürfte das Biohazard-Symbol sein:

Biohazard - DIN-Warnzeichen Biogefährdung
Biohazard - DIN-Warnzeichen Biogefährdung

Tätowierungen, die den Träger eindeutig als HIV-positiv kennzeichnen – sie bieten aus Sicht vieler, die diese Tätowierung tragen, einen klaren Vorteil: sie sind eindeutig. Signalisieren dem gegenüber, der Umwelt: ich bin HIV-positiv. Coming-out als Positiver, langwierige unbequeme Gespräche hätten sich damit weitgehend erledigt. Gerade beim Sex weiß jeder, woran er ist, kann sich entsprechend verhalten. Ohne Worte.

„Du bist kein Opfer. Du bist ein Champion, ein Überlebender – das ist der bedeutendste Teil des Tattoos“, zitiert CNN einen HIV-Positiven. HIV-Positive in den USA sprechen von einer ‚Umwidmung‘ eines Symbols, und vergleichen ihre Verwendung des Biohazard-Symbols mit der Verwendung des Rosa Winkels durch die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Hinzu kommt, viele sehen in dem Tattoo auch ein Signal der Verbundenheit mit anderen Positiven, einen „geheimen Identifikations-Code, der auch gegenseitige Unterstützung signalisiere.

Auch in Deutschland ist das Biohazard-Symbol als Zeichen HIV-Positiver verbreitet. Eine Gruppe HIV-Positiver bezeichnet ihre Parties für Positive als ‚Biohazardmen Parties‘, und erläutert auf ihrer Site

„Biohazard ist die Kurzform des englischen Begriffes „biological hazard“ (biologische Gefahren). Laut des amerikanischen CDC (Centers for Disease Control and Prevention) werden Erreger in unterschiedliche Biohazard-Levels eingestuft. Dabei geht von Organismen des Levels 1 die geringste Gefahr aus. Mit höherem Level steigt das Gefahrenpotential. Der HI-Virus wird mit Biohazard Level 3 gelistet.
Wir, die Biohazardmen, sind alle HIV-positiv. Du bist es auch? Dann bist du bei uns herzlich willkommen.“

Auch Jörg (*), der seit zwei Jahren ein ‚Biohazard‘-Tattoo auf dem Arm trägt, und den ich in einem Berliner Club treffe, betont, sein Tattoo mache vieles einfacher: „Ich find’s einfach klar. Jeder weiß Bescheid, woran er ist. Spart viele Worte und Debatten.“
Und, hat er keine Angst vor Stigmatisierung? „Nein. Die meisten Schwulen hier kennen das Symbol, und sehen’s auch als Vereinfachung – jeder weiß, woran er ist. Und die Heten, die mich damit vielleicht sehen, erkennen darin meist nur ‚irgend so eine Tätowierung‘. Die meisten kennen das Symbol doch nicht mal, und wenn doch, dann wissen sie nichts mit anzufangen, warum ich das trage.“

Doch – auch unter HIV-Positiven sind ‚eindeutige‘ Tätowierungen umstritten. Manche fühlen sich erinnert an die umstrittene Werbekampagne, die der Photograph Oliviero Toscani Anfang der 1990er Jahre für einen italienischen Modekonzern realisierte: ein Plakat mit einem Hinterteil, auf das groß „H.I.V positive“ tätowiert war. Bernd (*), ein weiterer Bekannter von mir, erinnert zudem daran, dass es gerade zu Beginn der Aids-Krise Politiker gab, die ernsthaft forderten, HIV-Positive sollten – womöglich zwangsweise – tätowiert werden, damit sie für jerdermann/frau als solche erkennbar seien.  Schon deswegen käme für ihn persönlich dieses ‚Positiven-Tattoo‘ nicht in Frage.

(*) Name geändert

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weitere Informationen:
CNN 12.08.2011: Tattoos: A journey of HIV acceptance
SZ: Fotograf Oliviero Toscani–Die Farben der Provokation
Biohazardmen
not dead yet 31.01.2008: Biohazard

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Auch in Deutschland kenne ich zahlreiche HIV-Positive, besonders Barebacker, die ’spezifische‘ Tattoos haben, oft das oben dargestellte ‚Bio Hazard Symbol‘ (biological hazard, Biogefährdung).

Ich selbst konnte mich nie mit dem Gedanken anfreunden, mir HIV auch noch auf die Haut tätowieren zu lassen, und aus mehreren Gründen.

Ja, ich mag Tattoos. Sie sind für mich auch Ausdruck verschiedener Aspekte meiner Persönlichkeit, meines Lebens, meines Weges, meines Selbstbildes. Gerne habe ich Tätowierungen, die etwas mit mir, meinem Leben zu tun haben.

 

Aber – HIV auf die Haut tätowiert? Dem Stigma auch noch selbst Zeichen, Bildnis geben? Nein. Ich möchte nicht auf HIV reduziert werden. Und wenn mir jemand gefällt, schaff ich’s auch so (meist) ihm zu verklickern, dass ich positiv bin.

Besonders schwierig finde ich persönlich das ‚Biohazard‘-Symbol, das Gefahrgut-Zeichen der Biogefährdung. Zu sehr erinnert es mich an … genau, leidige Äußerungen eines Politikers, der Positive als Bio-Waffe bezeichnete. Zudem – Tätowierungen wie das Bio-Hazard-Symbol wecken in mir Erinnerungen an auf den Arm tätowierte KZ-Häftlings-Nummern.
Nein, geht gar nicht – für mich persönlich.

Bekannte von mir sehen das ganz anders – und tragen stolz ihr Biohazard-Symbol auf der Haut. Und betonen gern, wie praktisch es sei, wie unkompliziert es vieles mache.

 

HIV auf die Haut tätowiert – eine Möglichkeit des Ausdrucks von HIV-positivem Selbstbewusstsein ???

Was denkst du?

18 Gedanken zu „Biohazard: HIV als Tattoo – Zeichen für mehr Akzeptanz?“

  1. Eine Vereinfachung? Was wird denn hier vereinfacht, doch wohl nur die Möglichkeit, Sexpartner zu finden, mit denen man ungeschützten Sex haben kann. Für mich ist das nur eine billige Ausrede dafür, dass man das unliebsame Thema verschweigt. Und wenn dann jemand infiziert wurde, der das Tattoo nicht als Warenzeichen erkannt hat, kann man bequem alle Schuld von sich weisen. Schließlich warr ja so dumm, nicht auf ein Tattoo zu achten.

  2. Vorneweg sollte man sich mal über das was ein Tottoo bedeutet klar werden. Aber es ist hier wie mit vielen Begriffe die wir übernommen haben. So ist das Wort „Kanaka“ die hawaiischen Bezeichnung für „Mensch“ . Aber so is das nun mal bei uns. Hirn ausgeschaltet und ab geht die Post.

    Auch der Begriff Biohazard ist eindeutig geklärt. Du hast es ja angeführt. Da hat es nach meinem Verständnis wenig mit Selbstbewußtsein zu tun wenn man sich dieses Zeichen auf den Arm oder wohin auch immer stechen läßt. Zudem ist es unter anderem auch ein Ausdruck der nicht Bereitschaft ur verbalen Kommunikation. Leider leben wir nun mal da wo wr leben. leider gibt es eben da Vieles verbal zu kommunizieren insbesondere wenn man zum Ziel hat das HIV gesellschaftlich toleriert bwz akzeptiert werden soll.

    Was die Fage des Selbststigma betrifft, die beantworte ich eindeutig mit ja. Warum nicht gleich als Tattoo den Rosa Wimpel auf die Haut tätowieren?

  3. Der Mensch sollte reifere Wege finden um mit dem allgegenwärtigen Thema HIV umzugehen. Ich sehe hier eine weitere, provokante Form der Sprachlosigkeit und Resignation – hilfreich finde ich das nicht.

  4. wer es braucht. Eine besondere Aussage weder in die „Selbstbewusstseins“- noch in die Stigmatisierungsecke ist das nicht. Sorry, HIV ist weder eine Strafe noch ein besonderer Verdienst.
    Wenn ich auch bei manchem evtl. die Motive verstehen kann, sich das in die Haut tätowieren zu lassen. Politisch bringt es nix – weil es (wie so oft) keiner außerhalb der Welt um HIV versteht.

  5. Auch das Biohazard-Tattoo stellt letztlich eine Idealisierung
    des Körpers dar, dessen konkrete Gestaltung eine Regression des Selbst
    auf den Körper darstellt. Es wird die innere Realität der HIV-Infektion auf den Körper projiziert und sichtbar gemacht, was einerseits der Selbstvergewisserung, andererseits
    der Kommunikation nach außen dient, im Sinne von Abgrenzung
    und Zugehörigkeit. Der Kultcharakter, der dem Körper dabei auch mit diesem besonderen Tattoo zugeschrieben wird, kann als Fetischisierung des eigenen Körpers verstanden
    werden. Die Selbst-Stigmatisierung zielt aber auch auf die Außenwirkung ab. Zentral ist auch hierbei mutmaßlich der Exhibitionismus, die Ausstellung des Selbst durch die
    Einschreibung von Botschaften aus dem Inneren auf die Körperoberfläche.
    Durch die Neugestaltung des körperlichen Erscheinungsbilds
    schafft sich das Subjekt eine zweite Haut, eine soziale Haut, als eine
    Übergangswirklichkeit, die das vermittelt, was vom Ich gesehen werden
    soll. Die Art und Weise, wie der Körper inszeniert wird, steht in einer
    symbolischen Interaktion mit dem Auge des Betrachters. Die Hervorhebung der Körperoberfläche als soziale Haut stellt in diesem Sinne eine Begrenzung
    dar, die den Blick des Anderen kontrolliert und manipuliert, indem
    versucht wird, nur das zum Ausdruck zu bringen, was vom je spezifischen Betrachter – von ausserhalb oder von innerhalb der Szene – jeweils gesehen werden
    soll. Damit wird jeweils in unterschiedlicher Art und Weise Nähe oder Distanz geschaffen, um der Gefahr des Verlusts von Individualität zu begegnen. Da dieses Tattoo aber zugleich in spezifisch sexueller Intention abschrecken wie anziehen soll, teilweise aber auch nur wie ein ganz „normales“ Tattoo wirken soll, liegt hier eine neue komplexe Qualität vor – das Biohazard-Tattoo als DAS moderne, komplexe Tattoo des 21. Jahrhunderts? Nicht mehr, wenn allgemein seine Bedeutung bekannt würde und die abschreckende Wirkung deutlich zunehmen würde. Insofern also ein überaus spannendes zeitgeschichtliches Phänomen. Ich persönlich fühle mich ganz widersprüchlich angezogen und abgestoßen – je nachdem, welche meiner Rollen ich fokussiere……sehr verstörend, sehr anregend jedenfalls.

  6. An ähnliche Diskussionen fühle ich erinnert, wenn ich an die Zeiten denke, in denen die Schwulen anfingen offen zu ihrem Schwulsein zu stehen. Sehr viele waren gegen rosa Winkel oder später die Regenbogenfahne. Aber ohne die Schwulenbewegung die damals gesagt hat: „Mach dein Schwulsein öffentlich“ gäbe es heute eine Homoehe, ich bezweifele, das ohne dem der §178 abgeschafft worden wäre. Zu der Zeit war es provokant, heute können sich Schwule auf der Straße küssen ohne das sich deswegen jemand auch nur umdreht.
    Ist es ein Zeichen der positiven Emanzipation sich das Biohazard-Zeichen in die Haut zu Stechen? Ich sehe als Provokation, als Signal das HIV nicht nur ein Problem des Betroffenen ist sondern ein Problem aller. Mit dem Sichtbarmachen seiner HIV-Infektion erhöht sich der Druck auf die Gesellschaft sich mehr mit HIV auseinander zu setzten. Da sind wieder die Parallelen zur Schwulen Bewegung früherer Zeiten.
    Ich propagiere ja nun selber einen offenen Umgang mit seinem HIV-Status und ich trage immer eine Roteschleife offen bei oder an mir. Ich denke das ist schon ein recht offener Umgang mit meinem HIV-Status, sich das in die Haut zu Tätowieren halte ich für etwas übertrieben. Aber wenn es schön macht, warum nicht 🙂
    Ich denke, es ist Zeit aggressiver mit seinem HIV-Status um zu gehen. Ich kann und will das nicht von jedem fordern aber je mehr mitmachen umso schneller werden wir etwas erreichen. Die Tattoos sind da ein kleiner Anfang, auch wenn es wie eine Modeerscheinung wirkt. Als Pin an der Jacke oder dem Hemd hätte ich keine Probleme das Biohazard-Zeichen zu tragen. Nur als Tattoo?
    Natürlich macht es einiges einfacher, die Frage wie sag ich es meinem Neuen entfällt, weil es steht ja auf der Haut, Ist es aber ein Zeichen schneller zum Schuss zu kommen, werden sich deswegen eher positive eher zu Sex zusammenfinden um aufs Gummi verzichten zu können? Die Schwulenszene geht seit je her eher großzügig mit dem schnellen Sex nebenbei um, ich glaube kaum, dass sich wegen dieser Tattoos daran etwas ändern wird und im Darkroom sieht davon eh niemand etwas.

  7. @Meinulf Krön

    Deine Argumentation kann ich durchaus nachvollziehen – und in einem Kreis Gleichgesinnter oder auf einer Ethik Konferenz wie sie in Frankfurt vor Jahren stattgefunden hat stelle ich mir eine durchaus spannende Diskussion vor. Dies ist der eine Aspekt.

    Einer der anderen Aspekte ist der ganz normale Alltag. Damit geht es mir nicht um eine Diskussion was ist Normal sondern um den paktischen Alltag, das miteinander – das in Beziehung sein mit „everday people“. Würde man die Diskussion auf der Ebene Deiner Argumentation führen wollen, Miß – Nicht Verständis wäre zum großen Teil die Folge.

    Ich pers komme immer mehr zu der Überzeugung das der Diskurs um HIV sich zunehmend auf einer intellektullen Ebene bewegt der von Protagonisten mit einem Gehalt geführt wird von dem viele HIV Positive nur träumen können. Mehr als zwei Drittel der Menschen mit HIV in Deutschland arbeiten, Der ist berentet bzw lebt auf Hartz 4 Niveau. Berichte über die Bedürftigkeit von Menschen nimmt zu. Und wir entfernen uns in unserem Denken wie auch in der Sprache weg von den Menschen und Ihren Nöten denen sich Denver 1983 einst wrdmete. Und nein damit spreche ic nichtdie Situation von damals an. Der Alltag für Alle Menschen mit HIV war ein andere als er heute ist. heute geht es nicht mehr um Leben oder Tad, heute geht es um Lebensqualität, um ein Leben in Würde. Seit der HAARTZ IV Refom in 2005 wird Lebensqualität und Würde mit den Füßen getreten.

  8. o.k. – es geht auch anders: ich habe vor einigen Jahren als Arbeitsvermittler im Jobcenter – also „bei Hartz-IV“ mal jemand gehabt, der mit – nach durchschnittlicher Auffassung – entstellenden Tattoos seine Vermittlungsfähigkeit auf Null reduziert hat. Das ist ein Problem. Nicht für den Arbeitsvermittler, der dadurch begründeten Konnflikten aus dem Weg geht, indem er für die Integration nichts Positives mehr veranlassen kann und wird. Wo sind die Bio-Hazard-Tattoos? Versteckt unter normaler Kleidung und nur in der Szene sichtbar? So unbekannt ist das Symbol nicht, wie hier gedacht wird.Und wenn es kaum jemand kennt, kann sich das ganz schnell faktisch ändern Als politisches Statement wirkt es nur bei öffentlicher Sichtbarkeit. In der Szene ist es sowas wie ein eingravierter Hanky-Code – welche Wirkung hat es? Dass sich jemand den Kick beim Barebacken holen kann, dessen Serostatus unbekannt ist? Ein Signal unter Betroffenen, mit Solidarisierungsappell und sexueller Kuppelfunktion? Ich habe dierote Schleife selbst nur seltten angesteckt – es sollen sich doch damit eigentlich andere mit mir solidarisieren und nicht ich mich mit mir selbst. Das Bio-Hazard-Tattoo bekommt faktisch eine filternde Fetischfunktion und soll meiner unmaßgeblichen persönlichen Erfahrung nach auch so wirken: vor alllem sexuell. Ich denke, dass nur ganz wenige eine andere Wirkung wirklich wollen. Und mein Vorurteil sagt, dass es – bis auf wenige Ausnahmnen – vor allem von denen getragen wird, die sich auch als dauerhafter sozialer Ausgegrenzter sehen und jede Hoffnung verloren haben, noch in eine Situation zu kommen, wo sie das Tattoo schnell wieder entfernen lassen möchten, um in das soziale Leben und häufig auch das Arbeitsleben wieder integriert zu werden. Das Tattoo macht mich an und schreckt mich ab, weil ich sofort denken muss, wie häufig es als buchstäbliches Zeichen der Selbsausgrenzung benutzt wird – mit dem Gewinn einer kleinen, verschworenen Peer-Group – was ich nicht zu geringschätzen will. Ich habe da ein ganz mulmiges Gefühl, wenn hier in soziale Stigmatisierung und Selbststigmatisierung ein politisches Statement reingedeutet wird. Schön wäre es, wenn es die reichen und gutsituierten Positiven stolz offentlich tragen würden. Das isnd aber nur ganz, ganz wenige, würde ich denken.

  9. Ich solidarisiere mich als Positiver mit den MS-Kranken – mein Bruder ist betroffen. Die haben sehr schöne Solisaritäts-Armbändchen, die man anstelle der roten Schleife tragen kann. Es gibt vieles, mit dem ich mich solidarisiere – aber nicht mit der Betroffenengruppe, zu der ich selbst gehöre. Wäre schön, wenn das stattdessen meine Geschwister für mich täten. Nein, das sehe ich absolut anders. Und ich bleibe dabei: das Bio-Hazard-Tattoo ist nur ganz selten etwas anderes als eine explizit sexuelle Ansage – so wurde es ja auch schon immer in den schwulen Dating-Portalen gebraucht. Das sind im Grunde verklärende und ein bisschen selbsverliebte moderne Mythen, die hier rumgereicht werden. Es ist daher auch gerade genau dieses Zeichen, das Konjunktur hat,: weil es anmacht und anmachen soll und die eindeutige Einladung zum Barebacking ist – der red-ribbon hatte nie diese Funktion – dazu war er viel zu massenmedial präsent und ausserhalb der Szene verbreitet, was ja auch gerade so sein sollte. Nur was exclusiv ist, kann anmachen. Wie gesagt: moderne Mythen – schön wenn man dran glauben kann……

  10. @Meinulf Krön
    Du schreibst: „Ich habe dierote Schleife selbst nur seltten angesteckt – es sollen sich doch damit eigentlich andere mit mir solidarisieren und nicht ich mich mit mir selbst.“
    Es ist sehr egoistisch zu sagen andere sollen mit mir solidarisch sein. Bist du der einzige Positive? Sicher nicht. Ist es nicht eher so, das auch andere Positive auch deiner Solidarität bedürfen. Wir leben in Europa in einem gewissen Wohlstand, das mag bei einzelnen nicht der Fall sein, aber im großen ist das so. Es gibt aber genügend HIV+ und auch Aids-Kranke Weltweit die unserer Solidarität dringend bedürfen. Es gibt sie aber nicht nur in Afrika auch in unseren Land gibt es genügend zu tun um seine Solidarität zu zeigen.
    HIV+ ist nicht nur ein Problem in armen Ländern auch im eigenen Land ist es angebracht seine Solidarität zu zeigen. Da werden z.B. Positive entlassen oder gar nicht erst eingestellt, weil sie positiv sind. Diese Personen brauchen unsere Solidarität. Positiver werden vor Gericht gestellt weil sie Sex ohne Kondome hatten, auch wenn sie nach EKAF nicht infektiös sind. Beziehungen brechen auseinander weil einer der Partner positiv ist. Und wie viele Positive leben unter der Armutsgrenze und können einen mehr Bedarf für eine gesunde Ernährung oder höhere Heizkosten nicht geltend machen?
    Von wem sollen sie die sonst Unterstützung bekommen wenn nicht von anderen Positiven. Der Masse ist das alles nach wie vor egal. Als Solidarbürgschaft können wir vielleicht etwas erreichen.
    Dazu gehört aber auch, das man ohne Nachteile offen Positiv leben kann. Und ich bin der festen Überzeugung, je mehr positive sich trauen offen zu ihrem Status zu stehen um so schneller werden wir diese Ziele erreichen. Man mag zu den Tattoos stehen wie man mag, es gibt sicherlich andere Möglichkeiten seinen Status zu zeigen, aber hier drin sehe ich einen Anfang ohne viele Worte zu Zeigen was man ist und wofür man lebt.

  11. @ meinulf krön

    solche diskusionen sollen – müssen geführt werden. sie sind teil des alltags . . wie es aussieht. ich als hete kann zu dieser diskussion nicht beitragen weil ich eben ne hete bin . . . . .;) was ich aber feststelle, es i eine von vielen diskussionen die wie alles was man macht energie benötigt. imo wird für sehr vieles energie verwendet die an anderer stelle fehlt.

    das ist das was ich meine das der diskurs sich immer mehr auf eine intellektuelle ebene verlagert die sich weiter vom alltag mit hiv – verbesserung der lebensqualität und würde des einzelnenen weg bewegt.

  12. provokant: bio-hazard als moral-hazard? da würde ich sagen: ein entschiedenes „jein“.

    als im bereich arbeitsmarktpolitik und sozialpolitik tätiger mensch sage ich auch: lebensqualität und würde von allen chronisch kranken und behinderten menschen ist wichtig.

    dieses ständige kreisen um sich selbst und seine infektion ist wirklich tragisch – und führt dazu, dass keine hinreichende breite solidarität mit allen chronisch kranken mehr erreicht werden kann. schaut bloss mal, wie wir in der behindertenszene dastehen!? isoliert. ich war früher auch mal richtig schwer psychisch krank – seitdem bin ich auch im bundesverband der psychiatrieerfahrenen eherenamtlich aktiv und kenne auch andere schlimme lebens-krankheitsschicksale: leute, weitet Euren blick – ihr wisst garnicht, was es noch für probleme im bereich lebensqualität und würde gibt und wollt es auch nicht wissen…..

    insofern: ich wünsche mir, dass sich die DAH endlich rasch umwandelt zu einer „Deutschen Hilfe für alle an chronischen sexuell übertragbaren Krankheiten erkrankten Menschen e.V.“

    ich habe hiv – und ich weiss, dass eine therapieresistente, chronische hep-c im bereich sozialer und arbeitsmarktbezogener inklusion das viel größere problem ist. sollen die auch noch mit ’nem eigenen tattoo kommen, oder was?

    und ich kann es nur jedem empfehlen: der blick über den tellerrand der eigenen betroffenheit weitet auch die handlungsspielräume für einen selbst erheblich – ich arbeite für verbesserung der lebensqualität und würde für jeden, der hier entbehrungen leiden muss – gerade nicht nur für die hivchen……aber eben auch.

    so, meine energie geht jetzt wieder an borderline-leute und schizophrene mitmenschen – denen geht es schliesslich häufig viel schlechter als gut eingestellten hivchen mit hartz–IV und tattoo, die ein reiches sexleben führen können – nicht immer, aber durchschnittlich eben doch schon. und ausnahmen gibt es hier wie da – und gestorben wird auch noch an aids genauso wie an psychoseinduziertem suizid…..

  13. Ich bin keiner von denen die ein Biohazard-Emblem Tattoo haben. Und ich denke man sollte der Barebakeszene nicht übermäßig Beachtung schenken, ist sie doch in der Szene selber nur eine Minderheit.
    Ich erwarte aber (nicht nur) von anderen positiven eine gewisse Solidarität.
    Klar, die Barbakeszene ist aus der Gruppe der Positiven erstanden, weil man der Meinung ist wieder gefahrlos ohne Gummi vögeln zu können wenn die Partner positiv sind. Diese Tattoos mögen auch ein Signal an Barebacker sein, aber sie sind auch provokant. Sie sagen aus, „ich bin Positiv“ was das Gegenüber daraus macht ist seine Sache. Es zwingt aber ungetestete oder negative sich mit dem Thema mehr zu beschäftigen. Daher sind diese Tattoos sehr wohl auch eine Provokation an alle vermeintlich negativen. Eine Provokation die vielleicht auch dazu geeignet ist über seinen eigenes Schutzverhalten nachzudenken.
    Sicher noch versteht nicht jeder die Symbolik die dahinter steckt und einige werden das sicherlich als modisch abtun. Es ist aber auch ein Zeichen der Emanzipation. Man geht selbstbestimmt mit seiner Infektion um, zeig anderen wen sie vor sich und evtl. bald im Bett haben.
    Irgendwann werden Jugendlich das als modisches Accessoire für sich entdecken und dann ist es vorbei mit der Symbolik. Viele zieren ja nun schon seit geraumer Zeit ihre Computer und Motorradhelme mit dem Biohazard-Zeichen. Ich unterstelle manchem sich der Bedeutung nicht bewusst zu sein.

  14. Ich möchte nicht respektlos erscheinen, aber diese Diskussion ist einmal mehr bezeichnend, wie verkrampft HIV-positive Menschen mit dem Thema HIV und der öffentlichen (Nicht-)Wahrnehmung von HIV umgehen.

    Tätowierungen sind seit ein paar Jahren absolut ‚in‘, und zwar unabhängig vom Geschlecht, der sexuellen Orientierung und der gesundheitlichen Verfassung der Menschen. Als eingepikster Körperschmuck werden frei erfundene Motive ebenso verwendet wie Symbole aus der Straßenverkehrsordnung oder der Gefahrgutverordnung. Antike Höhlenmalereien, nordische Runen oder keltische Grafiken dienen auch als Vorlage. Man mag das tiefenpsychologisch deuten – es lohnt aber nicht. Man mag gleich mit der großen Keule draufhauen und Rosa Wimpel und dergleichen bemühlen; schließlich muss man das eigene Bild, nach dem sich HIV-positive Menschen nur in einer bestimmten Art und Weise in Wort, Bild und Körperschmuck äußern dürfen, zementieren – aber auch das erinnert mehr an den Sturm im Wasserglas.

    Millionen Menschen verschönern oder verunstalten ihren Körper mit Tattoos. So what? Es ist erstaunlich: Immer wenn irgendwie HIV ins Spiel kommt, wird das Thema – jedes Thema – überhöht. Das hat etwas Zermürbendes an sich.

  15. @ Steven Milverton
    im grunde lese die beiträge als antwort auf eine m.e. grundlegend menschliche frage nämlich die sinnfrage, also, was bedeutet das tätowieren vom biohazardsymbol, in welchem system von verweisen lässt sich es verstehen? ich denke, niemand kann sich diesem system von verweisen, dem in-der-welt-sein entziehen, was mir die „so what“-lesung eher fragwürdig erscheinen lässt.

    ich persönlich würde die tätowierungen nicht als ein versuch zur vereinfachung der kommunikation verstehen, sondern vielmehr als ein rollenvertauschen beim sprachlichen umgang mit hiv, ähnlich der aufwertung von den schwulenwörtern, wir durch die homobewegung anno dazumal erleben konnten. es ging damals und ich denke heute auch um die entwaffnung des vermuteten feindes. hiv-positive werden in der tat als was weiß ich geladene pistole oder plutonium usw. genannt um serophobe agenden zu rechtfertigen. wenn hiv-positive sich selber so bezeichnen, stört das die erzielte bedeutung/wirkung von serophober seite, da sie nicht alleine diese wirkung des wortes beherrschen können. in diesem sinne bin ich biohazardsymbolen positiv enigestellt.

  16. @knut
    so verstehe ich dies Tattoos auch. Danke für deine Erklärung. Es so zu beschreiben fiel mir nur so nicht ein.
    Es ist etwas anderes ob ich zeige oder sage dass ich HIV+ bin oder andere darüber Gerüchte verbreiten. Im ersten Fall nehme ich anderen solch Gerede ab indem ich zu meinem Virus stehe, im anderen Fall muss ich es über mich ergehen lassen.
    Übertragen wenn jeder weiß dass ich schwul und offen dazu stehe, wird sich kaum einer trauen in meinem Beisein über Schwule Witze oder andere Schoten zu reißen. Wenn ich mein Schwulsein aber verschweige muss ich dumme Sprüche schweigend über mich ergehen lassen. Genau so ist es mit HIV.
    Was passiert, weil ich offen mit HIV lebe?
    Manche sehen es als Hindernis überhaupt über HIV zu reden weil meinen Rücksicht auf mich nehmen zu müssen. Andere fragen mich wenn es irgend wie um das Thema geht.

  17. Biogefährdung??

    Ich habe ja auch seit meiner Jugend „nette Tätowierungen“, jedoch würde ich mir nie im Zusammenhang mit meiner HIV-Infektion ein Biohazard Symbol auf meinen Körper tätowieren lassen.
    Wenn jemand aus bestimmten Gründen (eine Form der Verarbeitung, offener Umgang etc) dies für sich so gestalten möchte ist dies sicherlich in Ordnung.

    Ich selbst empfinde mich jedoch nicht als wandelnde Biogefährdung, und genau dies versuche ich ja auch meiner Umwelt und in der Beratung „ängstlichen“ Mitmenschen zu vermitteln.

    Offen mit HIV zu leben finde ich auch sehr wichtig, und es gibt für mich genug Möglichkeiten dies zu tun, ohne mir selbst sozusagen ein Zeichen auf die Haut zu setzten. Ich stehe lieber öffentlich einer z.B. Schulklasse mit fundierten Auskünften zur Verfügung, und empfinde dies für mich konstruktiver, auch wenn nur einer/eine unstimmige Bilder über Bord schmeißt.
    Im Grunde möchte ich keine Zeichen auf der Haut wegen einer Hautfarbe, Religion, Krankheit, einer politischen Denkrichtung etc…
    Der Unterschied ist zum Glück, dass die Personen dies freiwillig tun, und wir uns nicht mit „altem Gedankengut“ herumschlagen müssen.

    Aber auch bei diesem Themengebiet gilt; Take it easy…

    Michael Biegger

  18. 🙂 ich habe eine kleine rote AIDSSCHLEIFE auf dem Nacken tätowiert und bisher null negative Feedbacks bekommen. Ich finde es gehört zu mir und mir ist es egal was andere denken. Es ist mein Leben. Ich gehe ja auch als Plakatbotschafter für den Welt Aids Tag an die Öffentlichkeit und habe einfach nix zu verbergen. Ich bin so wie ich bin und gemieden wurde ich bisher nicht – ausser beruflich – ! Ein Biohazard würde ich aber nicht machen lassen. Die Schleife hingegen ist auch optisch einfach schön.

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