Die ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität’ – Schreibtisch-Täter der Homosexuellenverfolgung
8. September 2008 | Von ondamaris | Kategorie: HomosexualitätenSie war die bürokratische Zentralstelle der Verfolgung Homosexueller in der NS-Zeit – die ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung’. An dem Ort, an dem Schreibtisch-Täter arbeiteten, erinnert heute nichts mehr an ihr ‘Wirken’.
Durch Geheimbefehl des NS-Innenministers Heinrich Himmler vom 10. 10. 1936 wurde die ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung‘ gegründet. Sie war angesiedelt im Hauptsitz des Reichskriminalpolizeiamts (das wiederum seit Juni 1936 Himmler unterstellt war) in Berlin am Werderschen Markt (zeitgenössisches Foto hier).

Geheimbefehl Himmlers zur Errichtung der 'Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung'
Aufgabe dieser ‘Reichszentrale’ war die reichsweite Erfassung und Registrierung der Homosexuellen, die nach §175 oder einem anderen ‘Sittlichkeitsdelikt’ straffällig geworden waren. Sie war zur Anordnung oder eigenständigen Durchführung von Ermittlungen (z.B. mobile Sonderkommandos der Gestapo) befugt. Eine Richtlinie vom 11.5.1937 regelte zudem u.a. die ständige Überwachung von Strichjungen.
In der Namensgebung und Kombination von Homosexualität und Abtreibung kommt die ‘rassehygienische’ Intention ihrer Einrichtung zum Ausdruck.
Zunächst (von ihrer Errichtung bis 1939) war die ‘Reichszentrale’ angesiedelt innerhalb der Gestapo, ab 1939 dann wieder im Reichskriminalpolizei(haupt)amt. Organisatorisch unterstellt war die ‘Reichszentrale’ dem ‘Reichssicherheitshauptamt’ (Amt V).
Beide, Kriminalpolizei und Gestapo, bedeuteten für viele Homosexuelle den Weg in KZs: Während für die ‘Schutzhaft’ die Gestapo zuständig war, drohte seitens der Reichs-Kriminalpolizei sogenannte ‘Vorbeugehaft’. Beide Haftarten führten i.d.R. zur Einweisung in Konzentrationslager (bes. seit dem Erlass ‘Vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei’ vom 14.12.1937). Ab dem Erlass des ‘Reichssicherheitshauptamts’ vom 12. Juli 1940 war zudem auch formell legalisiert, dass Homosexuelle auch ohne Gerichtsurteil in KZs eingewiesen werden konnten.
Der ‘Vorläufer’ der ‘Reichszentrale’, das ‘Sonderdezernat II 1 Homosexualität‘ entstand schon 1934 auf Befehl Himmlers beim preußischen Geheimen Staatspolizeiamt (Gestapa). Bereits im Herbst 1934 waren alle deutschen Polizeipräsidien angewiesen worden, für ihre Dienststellen Listen mit den Namen sämtlicher Homosexueller zu verfassen.
Beide, Sonderdezernat und Reichszentrale, waren in Personalunion Josef Meisinger (s.u.) unterstellt.

Josef Meisinger (um 1940), 1936-38 Leiter der Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung
Josef Meisinger
Meisinger war seit dem 1. Mai 1934 am geheimen Staatspolizeiamt (Gestapa) in Berlin und dort als Kriminalrat Mitarbeiter, seit 1935 Leiter des Sonderdezernats II 1 (Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung). Von ihrer Einrichtung 1936 bis 1938 war er Leiter der ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung’. Aufgrund von Ermittlungsfehlern in der ‘Affäre Fritsch’ wurde er 1938 strafversetzt und später Kommandeur der Sicherheitspolizei in Warschau (wo er die Ermordung Tausender Polen veranlasste und den Namen ‘Schlächter von Warschau’ bekam), zuletzt im April/Mai 1945 Polizeiverbindungsoffizier an der Botschaft in Japan.
Am 6. September 1945 wurde Meisinger in Yokohama von US-Kräften verhaftet und 1946 an Polen ausgeliefert. Der Oberste Volksgerichtshof Warschau verurteilte Meisinger zum Tod, am 7. März 1947 wurde er hingerichtet.
Meisinger -der die ‘Bekämpfung der Homosexualität als politische Aufgabe’ sah- ist eine der SS-’Figuren’ in Jonathan Littells Roman “Die Wohlgesinnten“.
Erich Jacob, Carl-Heinz Rodenberg
Nachfolger Meisingers als Leiter der ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung’ wurde Kriminalrat Erich Jacob. Ihm zur Seite gestellt als ‘wissenschaftlicher Leiter’ wurde ab Juli 1943 der Neurologe (Dissertation) und Psychiater Carl-Heinz Rodenberg (auch: Karl-Heinrich oder Karl-Heinz; zuvor u.a. als Gutachter an der Euthanasie-Mordaktion T4 beteiligt).
Rodenberg war ein ‘Freund’ der (auch über das strafrechtlich mögliche hinausgehenden) Kastration Homosexueller (die Zwangskastration war seit 1933 bei Straftaten gemäß §175 nach §42k RStGB unter bestimmten Umständen möglich; Reichel schätzt allein die Zahl der Zwangskastrationen auf 3.000).
“Rodenberg hatte sich bereits seit 1941 in Fachzeitschriften mit der Kastration Homosexueller beschäftigt, was ihm am 30. Dezember 1942 eine Anerkennung Himmlers für “überzeugende Aufsätze“ einbrachte”. So konstatierte Rodenberg 1941 in der Zeitschrift „Der öffentliche Gesundheitsdienst“, dass eine „erwünschte Befriedung des Geschlechtslebens aber auch bei Homosexuellen oft durch die Entmannung, und zwar nur durch Entmannung herbeigeführt werden kann.“ Bislang hätten nur wenige Homosexuelle „der Volksgemeinschaft ein Opfer“ gebracht und sich freiwillig kastrieren lassen, was Rodenberg in einem „Mangel an Verantwortungsgefühl“ begründet sah. (Wikipedia). “In einem Kosten-Nutzen-Kalkül wird der Homosexuelle zum Faktor einer Menschenökonomie gemacht. In der Person von Carl-Heinz Rodenberg verkörpert sich diese Strategie.” (Armin Schäfer: ‘Biopolitik des Wissens‘)
Rodenberg war u.a. 1937/38 Geschäftsführer der ‘Staatsmedizinischen Akademie’, die ihren Sitz im Gebäude des 1933 geplünderten ‘Instituts für Sexualwissenschaften‘ von Dr. Magnus Hirschfeld hatte (Quelle 1, Quelle 2). Rodenberg beteiligte sich zu dieser Zeit u.a. auch an der Registrierung und Verfolgung der Roma und Sinti (siehe Romani Studies).
Rodenberg bestritt nach 1945, jemals für die ‘Reichszentrale’ gearbeitet zu haben. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen seiner Teilnahme an einer Wannsee-Konferenz – Folgekonferenz (zur Sterilisierung der ‘Halbjuden’) am 27.10.1942 führten nicht zur Anklage. Er lebte nach Kriegsende im Odenwald und starb 1995.
Mit der verschärften Neufassung des §175 im Jahr 1935 verschärfte sich auch der Verfolgungsdruck gegen Homosexuelle.
Bereits 1938 wurden in der ‘Reichszentrale’ die Daten von 28.800 Männern erfasst und gespeichert, die entweder wegen Homosexualität bestraft oder dieser ‘verdächtig’ waren. Bis 1940 soll sich ihre Zahl auf 41.000 Männer erhöht haben (Joachim Müller (1) ebenso wie juraforum sprechen sogar von 95.000 Männern).
Am Werderschen Markt erinnert heute nichts an das ehemalige (im Krieg bombardierte) Reichskriminalpolizeiamt und die dort ansässigen ‘Reichszentralen’. Auf dem Gelände wird derzeit ein Hotel gebaut.
Das Reichskriminalpolizeiamt fand seinen Nachfolger im Bundeskriminalamt auf (siehe “die braunen Wurzeln des BKA“)
(1) Joachim Müller: ‘Betrifft: Haftgruppen “Homosexuelle” – Rehabilitierung (k)ein Problem? Schlaglichter zu einigen markanten Stationen in offiziellen und öffentlichen Bereichen’, in: ‘Homosexuelle in Konzentrationslagern’, Bad Münstereifel 2000
Lesenswert u.a.:
Jörg Hutter: Die Rolle der Polizei bei der Schwulen- und Lesbenverfolgung im Nationalsozialismus
Die Gründung der ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der ‘Homosexualität und Abtreibung’, dieser ‘Bürokratie der Verfolgung’, markiert eine Intensivierung (zahlenmäßige Zunahme) und Verschärfung (höhere Strafbemessung, weniger Freisprüche) der Verfolgungs-Intensität männlicher Homosexueller in Nazi-Deutschland. Sie war nicht nur Datensammelstelle, sondern auch Organisations- und Koordinierungspunkt der Verfolgung Homosexueller in der NS-Zeit.
Die Schreibtischtäter dieser Homosexuellen-Verfolgung, sie sassen (auch) am Werderschen Markt, im Reichskriminalpolizeiamt, in der ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung’. Insbesondere Carl-Heinz Rodenberg, der die Kastration als politisches Terrorinstrument wie auch perverse Ökonomisierung des Menschen propagierte und nach 1945 weitgehend unbehelligt im Odenwald lebte.
Die Aktenbestände der ‘Reichszentrale’ könnten ein Fundus für die Erforschung der Verfolgung Homosexueller in Nationalsozialismus sein. Doch vermutlich sind jegliche Hoffnungen, sie würden (vielleicht aus Tiefen russischer Archive) wieder auftauchen (statt z.VB. bei Bombenangriffen vernichtet worden zu sein), reines Wunschdenken …
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.. da sträuben sich mir die Haare, wenn ich das alles lese. Unfaßbar .. grausam und dumm – eine gefährliche Mischung.
Dieses Regime war der reinste Horror, und wirklich vorstellen kann man sich das Ausmaß dieser allgemeinen Bedrohung heutzutage (trotz aller Filme und Berichte) vermutlich nicht.
Über die Situation der Lesben im Dritten Reich hört man weniger .. ich nehme aber an, daß es denen nicht viel besser erging?
[...] Die ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität’ – Schreibtisch-Täter der Homosexuellen… [...]
@ Ocean:
ja, unfassbar … und gleichzeitig beschleicht mich ab und an der gedanke, ist das wirklich so un-wiederholbar? haben wir gelernt? oder kann sich sowas wieder ereignen?
über die situation der lesben in der ns-zeit gibt es nur wenig literatur (claudia schoppmann zb).
einige lesben waren im kz ravensbrück – http://www.ondamaris.de/?p=243
vielleicht greif ich deine anregung auf und schreib gelegentlich mal was zur situation lesbischer frauen in der ns-zeit … (au ha, dürfen schwule männer das?
. )
[...] T4 war auch (als Gutachter) Carl-Heinz Rodenberg, der später wissenschaftlicher Leiter der ‘Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung‘ [...]