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positiv schwul – Leben mit HIV und Aids

Risikofaktoren für Hepatitis C bei HIV-Positiven – ist Blut das Problem, nicht Sperma ?

17. März 2011 | Von | Kategorie: Leitartikel

Bei HIV-positiven schwulen Männern treten gehäuft Ko-Infektionen mit Hepatitis C auf. Eine jetzt publizierte deutsche Studie hat sich intensiv mit den möglichen Risikofaktoren einer Hepatitis-C – Übertragung beschäftigt.

Warum infizieren sich besonders HIV-positive schwule Männer scheinbar leichter mit Hepatitis C? Diese Frage untersuchten Forscher um Axel J. Schmidt vom Robert-Koch-Institut Berlin. Sie wollten feststellen, welche Faktoren das Risiko bei HIV-positiven schwulen Männern erhöhen, sich mit Hepatitis C zu infizieren.

Zwischen 2006 und 2008 untersuchten sie eine Gruppe von 101 schwulen HIV-positiven Männern (die Mehrzahl aus Berlin) – 34, die sich mit Hepatitis c infizierten, und 67 als Kontroll-Gruppe. Die Studie wurde jüngst online in der Open-Access- Fachzeitschrift ‘PLoS One’ (Public Library of Science) publiziert.

Unabhängig von einander erwiesen sich in der untersuchten Gruppe folgende Risiko-Faktoren als mit einer Hepatitis C – Infektion assoziiert:

  • mit Sex assoziierte rektale Blutungen (rektal = im Enddarm / After; “anorectal trauma with subsequent visible bleeding”),
  • rezeptives Fisten (“sich fisten lassen”) ohne Benutzung von Handschuhen,
  • Gruppen-Sex, und
  • Kokain oder Amphetamine schnupfen (sniefen / durch die Nase inhalieren; “consumption of nasally-administered drugs (NADs)”).

Fisten

Die Forscher wiesen auf einen deutlichen Zusammenhang zwischen von den Teilnehmern berichteten proktologischen (analen) chirurgischen Eingriffen, hohen Sex-Partner-Zahlen, Gruppen-Sex, Anwendung von PDE5-Hemmern (Viagra® etc.) mit dadurch langandauerndem analem Sex, und rezeptivem analem Sex (“sich ficken lassen”) hin. Sie vermuten, dass ein Teil der chirurgischen Eingriffe im Zusammenhang mit analen Feigwarzen oder Feigwarzen im Genitalbereich (Kondylome) steht. Alle üblichen proktologischen chirurgischen Eingriffe seien mit Wunden an der ano-rektalen Schleimhaut sowie erhöhter Wahrscheinlichkeit von Blutungen nach der Operation verbunden.

Die Forscher folgerten, dass Sex-Praktiken, die zu rektalen Blutungen führen, sowie der Gebrauch von Drogen durch die Nase in Settings mit erhöhter Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) von Hepatitis C Risikofaktoren für eine akute Hepatitis C sind. Sie vermuten, dass sowohl die gemeinsame Benutzung von Geräten zum Sniefen / Aufnahme von Drogen durch die Nase (auch bei einer lädierten Nasenschleimhaut ist Übertragung von Blut-Partikeln möglich) als auch das Teilen von Sexpartnern sexuelle Übertragungswege von Hepatitis C sein könnten.

Die Forscher weisen in ihrem Bericht deutlich darauf hin, dass ihrer Ansicht nach Blut und nicht Sperma das für eine Übertragung von Hepatitis C kritische Medium sei.

Sie betonen, dass Kondome und Handschuhe nur dann Schutz böten, wenn sie bei jedem Partner gewechselt werden. Bei Verwendung des gleichen Kondoms oder Handschuhs mit mehreren Sexpartnern könnten diese geradezu als ‘Vektor’ der Übertragung von Hepatitis C von einem rezeptiven Sexpartner zum nächsten dienen (Vektor-Hypothese). Dies bedeute auch, der (aktive) Sexpartner könne Hepatitis C womöglich vom einen (passiven) Sexpartner auf einen zweiten (passiven) Sexpartner übertragen – ohne selbst mit Hepatitis C infiziert zu sein.

Die gemeinsame Benutzung von Gleitmitteln könne ebenfalls ein Risiko darstellen (Blutpartikel können in das auch von anderen benutzte Gleitmittel gelangen und so eine Übertragung möglich werden). Besitzer von Sex-Clubs sollten darauf achten, dass Gleitmittel (auch die Behälter für Gleitmittel) nicht mehr von mehreren Sex-Partnern benutzt werden.

Erste Ergebnisse der Studie waren bereits in einem prämierten Poster auf dem 12. Europäischen Aids-Kongress im November 2009 in Köln vorgestellt worden (siehe “Hepatitis C: ist Blut-Kontakt das Problem ? “). Nun wurde die Studie publiziert und steht online zur Verfügung (siehe “weitere Informationen” am Ende des Artikels).

Zum Umgang mit akuter Hepatitis C wurden neue Empfehlungen als Ergebnis einer europäischen Konsensus-Konferenz im Dezember 2010 veröffentlicht.

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Viele schwule Männer, besonders viele HIV-positive schwule Männer sorgen sich wegen der Risiken einer Infektion mit Hepatitis C, zumal die Wege einer sexuellen Übertragung lange unklar waren. Die Studie von Schmidt und Kollegen könnte nun nicht nur Aufschluss geben, wie eine sexuelle Übertragung von Hepatitis C stattfindet – sie könnte auch Grundlage für praktische Wege der Infektions-Vermeidung sein:

Als praktische Ergebnisse ließe sich aus der Arbeit für Bemühungen, das Risiko einer Übertragung von Hepatitis C zu reduzieren, ableiten:

  • beim Ficken für jeden Sexpartner ein neues Kondom (keine Benutzung von Kondomen mit mehreren Sexpartnern),
  • beim Fisten für jeden Sexpartner ein neuer Handschuh (keine Benutzung von Handschuhen mit mehreren Fist-Partnern),
  • bei Sex ohne Kondom bzw. ohne Handschuh: bei jedem Partnerwechsel Schwanz bzw. Hand vorher waschen (um das Risiko einer Übertragung von Blut-Partikeln von einem passiven Partner auf den nächten zu senken),
  • jedem sein eigenes Schmiermittel – beim Sex keine von mehreren benutztes Gleitmittel (und Gleitmittel-Behälter),
  • bei Gebrauch von Drogen durch die Nase für jeden seine eigenen Utensilien / Röhrchen zum Sniefen.

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weitere Informationen:
PlOS One: Axel J. Schmidt, Jürgen K. Rockstroh et al.: Trouble with Bleeding: Risk Factors for Acute Hepatitis C among HIV-Positive Gay Men from Germany—A Case-Control Study (online)
Akute Hepatitis C bei HIV-Positiven: neue Empfehlungen
Situationsbericht Hepatitis in Deutschland
Hepatitis C: 2009 15% weniger Neu-Diagnosen
Proktologische Lehrstunde

catie 31.05.2011: German researchers dig deep to understand how hepatitis C virus is transmitted sexually

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Danke an Armin Schafberger (DAH) für Feedback zu den Empfehlungen!

Copyright für die Grafik bei Axel J. Schmidt

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3 Kommentare
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  1. Ein wesentlicher und mit Verlaub der wichtigste Punkt in Bezug auf die wirkliche Sicherheit von Safer Sex fehlt!!!!

    – bei Sex mit Kondom / Handschuhen: bei jedem Partnerwechsel Hände und Schwanz vorher waschen (um das Risiko einer Übertragung von Blut-Partikeln (beim anziehen) auf das frische Kondom / Handschuhe zu senken),

    Ansonsten ist Safer Sex in Bezug auf Hepatitis C nicht Safe.

    Es gibt Fälle von schwulen HIV+Männern die sich mit Hepatitis C infiziert haben, die zuverlässig mitteilen das sie immer Safer Sex betreiben, das sie keine Drogen konsumieren und sich trotzdem mit Hepatitis C infiziert haben.

  2. [...] Die Sucht, sich selber aufzugeben und nicht mehr zu spüren, sondern den Anderen, Männlichen, Dominanten, findet seine Parallele auch im Alkohol. Süchte verlangen nach immer mehr: Grösseren Schwänzen, mehr und öfter davon. Irgendwann einen Riesendildo wann immer mann das Bedürfnis danach hat. Später vielleicht eine Faust, oder grad zwei. Dass dabei Latex-Handschuhe verwendet werden sollten wie beim Arzt, ist den wenigsten bewusst. Natürlich stört bei diesem Gefühl auch schon ein Kondom. Niemand würde sich solches in den Mund schieben, was viele sich alles in den Arsch schieben. Aber beide Öffnungen sind etwa gleich beschaffen: Mit empfindlichen Schleimhäuten. Das gibt kleinste Verletzungen, die – nach neuesten Erkenntnissen – gefährliche Eingangspforten sind für Hepatitis C. [...]

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