Unterzeichnung der ‚Paris Declaration‘ 1994 – Zeitzeuge Guido Vael: das ungenügend eingehaltene Versprechen

Am 1.12.1994 verabschiedeten die die Staats- und Regierungs-Chefs von 42 Staaten eine Erklärung zu HIV / Aids. Für die Bundesrepublik Deutschland unterzeichnete der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer das Dokument. Diese ‚Paris Declaration‘ (als Dokumentation deutschsprachiger Text hier:  „Erklärung von Paris – nichtamtliche Übersetzung des BMG„) gilt als das zentrale Grundlagen-Dokument auch zur Beteiligung von HIV-Positiven an sie betreffenden Entscheidungen (GIPA – greater involvement of people with HIV / Aids).

Guido Vael war bei der Unterzeichnung der ‚Paris Declaration‘ dabei – als Mitglied der deutschen Delegation. Im Interview berichtet er, wie es dazu kam.

Guido Vael (Foto: privat)
Guido Vael (Foto: privat)

Guido Vael engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in Schwulen- und Aids-Bewegungen, war u.a. Mit-Organisator des ersten CSD in München 1980 und engagierte sich Ende der 1980er Jahre gegen den ‚Bayrischen Maßnahmen-Katalog‘. Von 1990 bis 1999 war Guido Vael Mitglied des Vorstands der Deutschen Aids-Hilfe. Der gebürtige Belgier ist seit 15 Jahren Leiter des Projekts Prävention im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum SUB e.V. in München. Vael wurde für sein langjähriges Engagement u.a. mit der Medaille ‚München leuchtet!“ ausgezeichnet.

.

Guido, wie kam es dazu, dass du bei der Unterzeichnung der ‚Paris Declaration‘ dabei warst?

Der damalige Bundesgesundheitsminister Seehofer hat einige Leute, die im AIDS-Bereich tätig sind dazu eingeladen. Es waren Mitarbeiter/-innen aus staatlichen Beratungsstellen und NGOs. Wenn ich mich richtig erinnere ging auch eine Einladung an die DAH und ich bin dann als damaliges Mitglied des Vorstands mitgefahren. Meine Vorstandskollegen haben mir wohl den Vortritt gelassen weil ich auch in Bayern aktiv war und Herrn Seehofer bereits kannte von den Ministergesprächen und den Münchner AIDS-Tagen.

Wie kam es zur Entstehung der Erklärung, in welchem Umfeld entstand sie?

Die Erklärung wurde auf die sog. unteren Arbeitsebenen vorbereitet und auch fertig gestellt. Die Regierungsvertreter haben sich in Paris getroffen, „nur“ zum Unterzeichnen. Am Vormittag gab es eine Reihe von Ansprachen u.a vom UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali, vom damaligen Leiter von UNAIDS und Regierungsvertretern der sog. Dritten Welt. Ich glaube mich auch an eine bewegende Rede einer HIV-positiven Frau aus Afrika erinnern zu können, die die Notwendigkeit einer globalen, konzertierten Aktion betonte. Die Delegationen saßen dabei wie in einer großen Hörsaal. Mittags gab es ein nobles Essen. Das gehört wohl bei solchen Veranstaltungen dazu. Nachmittags hat Seehofer die Delegation verlassen, um die feierliche Unterschrift zu leisten.

Ich habe einige gute und angenehme Gespräche mit Seehofer führen können, z.B. zum Gesundheitssystem in Deutschland, und ihn als problembewusster Fachmann geschätzt.

Und wie siehst du die Bedeutung der ‚Paris Declaration‘ heute? Welche Bedeutung hat sie, welche könnte sie haben?

Ich denke, dass die Erklärung ein wichtiger und notwendiger Schritt war. Gerade weil auch Diskriminierung und Ausgrenzung darin angesprochen wurde und das Recht auf medizinische Versorgung betont wurde.

Die Geschichte zeigt aber, dass gerade die westlichen Länder ihr Versprechen in meinen Augen ungenügend eingehalten habe. Es stünde auch die Bundesregierung gut an, sich auf die Erklärung zu besinnen. Es soll nicht bei einem Lippenbekenntnis bleiben. Es gibt in vielen Ländern immer noch die Diskriminierung und Ächtung/Ausgrenzung. In vielen Ländern wird HIV/AIDS zu wenig ernst genommen. Eine flächendeckende medizinische und soziale Versorgung ist auch 16 Jahren nach der Pariser Erklärung immer noch nicht erreicht worden.

Lieber Guido, vielen Dank für das Interview!

.

Erklärung von Paris – nichtamtliche Übersetzung des BMG

Das Original: UNAIDS – The Paris Declaration: Paris AIDS Summit – 1 December 1994 (pdf)

9 Gedanken zu „Unterzeichnung der ‚Paris Declaration‘ 1994 – Zeitzeuge Guido Vael: das ungenügend eingehaltene Versprechen“

  1. Das ungenügend eingehaltene Versprechen . .

    Es hat alles seine zwei Seiten. Wenn kein Bedarf besteht, d.h. niemand den Arsch hochbekommt und das was zugesagt wurde EINFODERT das es eingehalten wird oder darüber was notwendig ist kommuniziert und darauf bestanden wird das es umgesetzt wird . . . .What do you expect? Nichts kommt von selbst.

  2. völlig richtig. aber viele meinen, das wäre so. ich denke, dass es mittlerweile auf vielfältigen druck eine übersetzung der Pariser Erklärung gibt, dass wir breit darüber diskutieren, zeigt schon veränderung und rückbesinnung. und eben auch das engagement, das da sein muss. um mehr zu erreichen, wird es auch weiter und mehr engagement brauchen.

  3. Ach Carsten, das mit dem Druck der angeblich „da war“ ist ein Ammenmärchen. Der Druck hätte z.b. von der DAH als Interessenvertretung von AIDS Hilfen HIV Positiven der DAH kommen sollen – doch da kam nichts. Ihr – und das sage ich jetzt ganz bewußt weil ich es weiß – die an Veranstaltungen und Kongressen bzw Informatiosnveranstaltungen teilgenommen habt oder eingeladen worden seid, in der „Englisch“ als DIE Tagungssprache von allen Teilnehmern gesprochen und somit als „Normal weil Alltag“ war, Ihr habt noch nicht einmal wahrgenommen das nicht alle HIV Positive Englisch sprechen bzw verstehen. Erschwerend kommt dazu das die „Paris Declaration“ in der Diplomatensprache verfaßt ist. Ein Umstand der es selbst demjenigen der des Englisch mächtig ist diese zu verstehen schon etwas schwieriger macht.

    Wenn DU mit „Wir als Ihr die ihr englisch sprecht und versteht“ meint, da stimme ich dir in begrenztem Maß zu.
    Insofern ist deine Aussage „das wir darüber diskutieren zeigt schob veränderung und rückbesinnung“ eine Farce. Nicht Ihr seid es die über uns zu bestimmen haben, WIR die wir HIV sind es. Nicht über uns sondern MIT UNS. Und von uns ist in den letzten Jahren, seit 1994 dem Jahr der Erklärung von Paris, den Passagen die in den Erklärungen für uns relevant sind, uns betreffen nichts gekommen. Da hat keine Auseinandersetzung mit der Poltik stattgefunden, da war nichts vom Kommunikation, Konfrontation bzw Diskussion.

    Viellcht habt ihr in Eurem Vorstands oder Teamsitzungen zwischen Flug und Hotelreservierung für Helsinki, Lissabeon oder sonstwo in Euren Reden die ihr dort haltet werdet, Euch überlegt an welcher Stelle im Text eurer Rede ihr den Namen Paris Declaration so wie es Fraum Lompscher alljährlich macht, einfließen lasen wollt. Selbst Frau Lompscher ist es ja nicht in den Sinn gekommen die Erklärung von Paris in deutsch übersetzen zu lassen.

    Ihr verfügt über Herrschaftswissen wie es Matthias Geschwitz bezeichnet und setzt voraus das wir auch darüber verfügen. Ein fataler Irrtum und Irrglaube.

  4. bei aller Kritik wäre mir daran gelegen, dass Fortschritte anerkannt werden, und dass die Diskussion konstruktiv und nach vorne gerichtet geführt wird

  5. was willst du? sags mal. was ist dein ziel?

    ich sag dir mal, was mein ziel ist: ich möchte, dass die dinge, die da drin stehen umgesetzt werden. seit es diese erklärung gibt. das kann ich sogar nachweisen. zu deiner erinnerung: ich bin seit oktober 2008 im vorstand der dah, komme aus einer kleinen aber ich finde – feinen mitgliedsorganisation dieses ladens und stand ihm immer sehr kritisch gegenüber. das ist sogar so geblieben, ich weiß aber um meine rolle.
    ich vertrete interessen. auch meine. aber auch die, die ich wahrnehme, die mir mitgegeben werden, die formuliert werden. und ich streite sogar manchmal an diesen interessen mit, weil ich nicht von hiv lebe. hiv lebt von mir. 😉

    ich nehme an vorstands- und delegiertenratssitzungen teil, ehrenamtlich, nehme als berliner positiver am posi-plenum teil, fahre zu den posi-treffen ins waldschlösschen, habe einen weiten positiven freundes- und bekanntenkreis. diskutiere im netz mit leuten, stelle mich der kritik, nehme anregungen, ängste und sorgen auf. klar, mit meiner wahrnehmung.

    in die „welt“ bin ich für die dah zweimal gefahren als vorstand: erstens um den verband als mitglied in ein europaweites positiven-netzwerk einzubringen (hiv-europe) und im letzten jahr nach wien zum welt-aids-kongress. beide dinge sind hier, glaube ich, sogar dokumentiert.

    frau schwartz war dabei, als ich ihrem minister unter die nase gerieben habe, dass es die paris-declaration nur auf englisch gibt und es das bmg seit vielen jahren offensichtlich nicht geschafft hat, seinen job zu machen. hat sie dir nicht am telefon erzählt? nee, warum sollte sie auch. leute wie du kommen doch den ministerialen entgegen. du erledigst doch ihr geschäft. du pisst die „eigenen“ leute an. merkst du das nicht?

  6. ach und nebenbei: ich habe mich nicht mit geheimwissenschaften und schwarzer magie beschäftigt. mein wissen verfüge ich aus öffentlich zugänglichen quellen. das ich selber englisch gelernt habe (nicht in einer schule mal nebenher gesagt) lasse ich mir auch nicht vorwerfen, da wird eher umgekehrt ein schuh draus. vielleicht mal mehr lesen und weniger schreiben. (das ist böse, ich weiß – so fühle ich mich aber gerade)

  7. so einen tag später und klüger (meine ich jedenfalls) will ich mich gern für den rüden ton entschuldigen. leider lese ich hier nur einen text und kann nicht hören und sehen. du auch nicht. das engt kommunikation leider ein und verführt auch mal zum zu scharfen text. sorry, wenn ich dich angegangen haben sollte.

  8. ach, wer austeilt der kann auch einstecken, und das ich austeilen kann, je nu ich sag s mal so. keiner weiß das besser als ich . . . 😉

Kommentare sind geschlossen.