Küssende! Aber welche ?

Können und wollen Lesben sich in einem Mahnmal wiederfinden, in dem zwei sich küssende Männer dargestellt werden? Dies schien die zentrale Frage einer Diskussion über das geplante Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten und unterdrückten Lesben und Schwulen zu sein.

Berlin bekommt ein Homo-Denkmal. – Nein genau das nicht! Aber dazu später mehr.

Auf einem Grundstück im Tiergarten direkt gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas soll erinnert werden an in der NS-Zeit verfolgte und unterdrückte Lesben und Schwule. Der Bundestag hat einen entsprechenden Beschluss zur Realisierung bereits gefasst. Der künstlerische Wettbewerb ist abgeschlossen, seit Januar 2006 stehen die Sieger fest: die beiden dänischen bzw. norwegischen Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset. Beide leben und arbeiten in Berlin.
ElmgreenDragset

Auf einer erfreulich gut besuchten Diskussionsveranstaltung (auf Einladung des Lesben- und Schwulenverband LSVD) am 28. August 2006 wurde intensiv über das geplante Projekt www.gedenkort.de diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob und wie auch Lesben in dem Denkmal präsent sind.
Im Vorfeld der Diskussion hatte die Zeitschrift Emma mit einer nicht unumstrittenen Unterschriftenaktion protestiert „Mal wieder die Frauen vergessen“ http://www.emma.de/homo_denkmal.html.

Die einer kurzen Runde von Eingangsstatements sich anschließende Diskussion entzündete sich (sehr zum Erstaunen der Künstler) nicht an der äußeren Gestaltung, sondern fast ausschließlich am Inhalt der beinhalteten Videoprojektion – küssen sich da zwei Männer, zwei Frauen oder zwei was?

Ein Kerngedanke der Kritik war, dass das Denkmal in seiner derzeitigen Konzeption ein weiterer Ausdruck der jahrelangen Nichtwahrnehmung lesbischer Frauen sei und einen Rückfall hinter schon Erreichtes darstelle. Zudem sei nicht berücksichtigt, dass Frauen in der NS-Zeit nicht in gleicher Weise verfolgt und unterdrückt wurden.
Elmgreen/Dragset betonten daraufhin, es sei nicht bedeutend, ob sich zwei Männer oder zwei Frauen küssten. Das Fenster sei ein Bild, eine intime Darstellung zweier sich küssender gleichgeschlechtlicher Personen. Wichtig sei diese Intimität, der Kuss, nicht die Küssenden. Es ginge nicht um Repräsentation (die zwei Küssenden können niemals alle, nicht einmal alle Schwulen repräsentieren), sondern darum, ein Bild von Intimität und Zärtlichkeit zu schaffen – deswegen auch der ununterbrochene „ewige Kuss“.

Warum in dem seit 1992 (!) laufenden Prozess der Denkmal-Planung die massive inhaltliche und formale (z.B. Besetzung der Jury) Kritik von Seiten einiger Lesben allerdings erst jetzt, in einer relativ späten Phase eingebracht wird, blieb unklar.

Letztlich stelle ich mir mittenmang etwas frustriert die Frage, wäre die letzte Provokation -auch für uns selbst-, die definitive Irritation des Betrachters nicht eigentlich ein sich küssendes Hetero-Paar?

Leider ließen im Verlauf der überwiegend konstruktiven Diskussion einige der TeilnehmerInnen etwas an Respekt für den künstlerischen Schöpfungsprozeß und die künstlerische Freiheit vermissen. Und die beiden anwesenden Künstler mussten sich ausgiebig in Geduld üben

Trotz einer nicht immer zielführend wirkenden Diskussionsleitung zeichnete sich gegen Ende eine gemeinsame Zielsetzung der Mehrzahl der Diskussions-TeilnehmerInnen ab. Das Denkmal solle durch ein künstlerisch gestaltetes Informationsmedium ergänzt werden, darauf einigten sich alle schnell. Zum Kernproblem formulierte die Kabarettistin Maren Kroymann bereits recht früh die mögliche Kompromiss-Linie: wichtig ist eine Irritation beim Betrachter zu erzeugen, sind da Männer, die sich küssen? Oder Frauen? Oder Transsexuelle? Transgender?
Und, es geht um Lesben und Schwule. Deswegen (siehe oben): Berlin bekommt kein Homosexuellen-Mahnmal, sondern ein Lesben- und Schwulen-Monument.

Ein Kompromiss, dank einiger sehr qualifizierter, kritisch-konstruktiver Statements, und vor allem auch dank der souveränen Dialogbereitschaft und Geduld von Elmgreen/Dragset.

Und nebenbei: auf dem Weg in den ‚Bierhimmel‘ gegenüber denke ich, wie schön wäre es, eines fernen Tages, aus solch einer Diskussionsrunde zu kommen, in der über eine künstlerische Form des Gedenkens an all unsere an Aids Verstorbenen diskutiert wurde. Zukunftsträume. Schäume?

8 Gedanken zu „Küssende! Aber welche ?“

  1. [Kommentare vor dem Umzug des Blogs:]

    edith hat gesagt…

    ein sehr guter, informativer text, der einlädt zu kritischen hinweisen: ich fand diese veranstaltung nicht nur erfreulich gut besucht, sondern habe sie als die mit abstand beste politische veranstaltung der letzten jahre im lesbisch-schwul-bi-transsex-transgender-bereich erlebt! –
    leider führt der link auf das geplante „Projekt“ noch nicht zum ziel. –
    die geniale referentin ulrike janz und ihr statement wären der erwähnung wert gewesen. –
    statt „jahrelange“ wäre wohl eher jahrhundertelange „Nichtwahrnehmung lesbischer Frauen“ passend gewesen.
    und ein „Rückfall hinter schon Erreichtes“? was denn genau? –
    der hinweis, „dass Frauen in der NS-Zeit nicht in gleicher Weise verfolgt und unterdrückt wurden“ wurde nicht nur konstruktiv als herausforderung an die künstler formuliert, sondern leider auch von einigen männern als grund benutzt, um die kritik an der einseitigkeit des männerkusses abzutun. – „warum in dem seit 1992 (!) laufenden Prozess der Denkmal-Planung die massive inhaltliche und formale (z.B. Besetzung der Jury) Kritik von Seiten einiger Lesben allerdings erst jetzt, in einer relativ späten Phase eingebracht“ wurde, finde ich nicht unklar: die skandalös einseitige besetzung der jury (8 männer, 3 frauen) habe ich erst bei der öffentlichen präsentation des ergebnisses erfahren – ist’s schelmisch, böses dabei zu denken, dass lsvd und grüne, sonst bei jedem furz sofort mit einer kritischen presseerklärung dabei, hier stille hielten? –
    und wie sollte kritik am ausgewählten entwurf vor dessen präsentation formuliert werden? –
    leider mangelte es nicht nur „an Respekt für den künstlerischen Schöpfungsprozeß und die künstlerische Freiheit“, sondern einigen schwulen männern auch an einem respektvollen diskussionsstil im umgang mit selbstbewußten frauen und lesben. –
    den vogel schoß wieder mal der stadtbekannte taz-schreiber feddersen ab, der sich zu dem vorwurf verstieg, die lesben hätten bis 1940 beim bdm bälle gefeiert, während die schwulen schon ermordet wurden. –
    und das fazit „Berlin bekommt kein Homosexuellen-Mahnmal, sondern ein Lesben- und Schwulen-Monument.“ ist deshalb wichtig, weil bei „homo“ doch nur männer assoziiert würden. –
    dies war allerdings kein „Kompromiss, dank einiger sehr qualifizierter, kritisch-konstruktiver Statements, und vor allem auch dank der souveränen Dialogbereitschaft und Geduld von Elmgreen/Dragset“ – die allerdings bemerkenswert war! -, sondern sollte eigentlich eine selbstverständlichkeit sein (wie auch die nicht einseitige ausrichtung auf zwei küssende männer!), nachdem schon der bundestag eine eindeutig geschlechterübergreigende basis für das ganze spektakel beschlossen hatte!

    30 August, 2006 15:20

    Ulli
    Ulli Hat gesagt…

    Defekter Link repariert 🙂 – danke für den Hinweis!

    Liebe Edith, die Einschätzung einer hochkarätigen und seit langem besten schwullesbischen polkitischen Veranstaltung teile ich.
    Der „Rückfall hinter schon Erreichtes“ war ein Zitat aus einem Wortbeitrag von Ilse K. – nicht meine Schöpfung… und die Besetzung der Jury war ja nun nicht so geheim (der Vorsitzende geisterte ja de öfteren durch die Presse), so dass aktive Einmischung durchaus möglich gewesen wäre …
    Der respektvolle Umgang fehlte mir auf schwulen wie auf lesbischen Seiten teilweise – einfach aggressiv dazwischenreden mit Kommentaren wie „du verstehst ja überhaupt nichts“ empfinde ich weder von Mann noch Frau als konstruktiven Beitrag.
    Und was Jan Feddersens massive Entgleitung angeht – da bleibt m.E. nur die Frage, warum veröffentlicht die taz diese unsäglichen Artikel? Vielleicht sollte man ihr mal diese Frage stellen – auf die Antwort wäre ich gespannt!

    30 August, 2006 15:39

    hugo hat gesagt…

    ach edith,
    die „öffentliche Präsentation des Ergebnisses“ fand im Januar 2006 statt, der Protest erhob sich ein halbes Jahr später.
    Die erste Diskussion von Lesben zum Denkmalprojekt gab es 1996. Ergebnis: „Wir (Lesben) machen da nicht mit!“ Das jedenfalls berichtete uns Ulrike Janz.
    Alle Schritte des Denkmalprojekts sind seit 2001 auf einer Website nachzulesen, die – wie die gesammelten Unterschriften unter dem Aufruf und auf den Seiten des Gästebuchs erweisen – auch von Lesben gefunden und gelesen wurden. Bloß engagiert hat sich keine (s.o.).
    Es war die Gründungsidee der Grünen, keine Stellvertreterpolitik zu machen. Jetzt fordern Lesben, dass Schwule ihnen die politische Arbeit abnehmen sollen.
    Es hat seit 2001 viele Aktionen und Veranstaltungen gegeben, bei denen Lesben sich hätten einbringen können. (Und mit punktuellen Wortmeldungen haben sie das auch getan.)
    Bloß kann auch heutiger lauter Protest von Lesben gegen das Wettbewerbsergebnis nichts daran ändern, dass, hätten die Schwulen das gleiche „Verfolgungs“-Schicksal wie die Lesben „erlitten“ – nämlich nicht totgeschlagen worden zu sein, sondern totgeschwiegen -, dass es dann gar kein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen geben müsste. Alle (allein) wegen ihrer Homosexualität verfolgten Männer wären dann nämlich 1945 noch am Leben gewesen, bzw. eines natürlichen Todes gestorben oder als Soldaten gefallen.
    Die ach so einseitige Zusammensetzung des Preisgerichts hat ein geschlechterparitätisch zusamengesetzter Beirat vorgeschlagen. Die auf der Veranstaltung aus dem Hut gezauberte Regelung zur Besetzung von Gremien trifft leider für de Zusammensetzung eines Preisgerichts in einem Kunstwettbeweb nicht zu.
    Tja. Gelegentlich sollte man sich erst sachkundig machen und dann die Tastatur malträtieren.
    Warum nur assoziiere ich beim in letzter Zeit so häufig verwendeten Wort „Geschlechterdemokratie“ bloß immer „Volksdemokratie“?

    05 September, 2006 15:56

    edith hat gesagt…
    lieber ulli, ich denke, ilse kokula irrt mit dem „Rückfall hinter schon Erreichtes“ – aber das müßte sie selbst erläutern, dank für den hinweis.
    natürlich hast du recht, dass aktive einmischung immer möglich ist, und dies haben ja einige frauen auch seit ca. 10 jahren getan. doch viele frauen sind hin und her gerissen zwischen frauenpolitischem engagement und dem lesbisch-schwul-bi-transsex-transgender-bereich. schwule männer haben es im schnitt immer leichter, sich – obendrein mit einem patriarchatsbedingten ressourcenvorsprung – einseitig vorteile zu erarbeiten.
    demotivierend wirkt zugleich die ignoranz vieler schwuler männer gegenüber den belangen von lesbischen frauen, oft noch stärker als die gegenüber denen von anderen frauen. wir männer sollten uns daher nicht wundern, dass mitwirkung oder kritik von lesben nicht unbedingt dann erfolgen, wenn wir es passend fänden.
    du hast recht, am respektvollen umgang fehlte es auf beiden seiten einigen – was ich mir vor dem soeben dargestellten hintergrund unterschiedlich erkläre und daher nicht mit dem gleichen verständnis toleriere.
    ein unerfreuliches beispiel lieferte leider gestern die emma mit ihrer rundmail zum 28.8.: „Das homosexuelle Künstlerpaar riet Lesben erneut, doch nicht kleinlich zu sein und sich einfach „mit dem Mahnmal zu identifizieren“. Außerdem fanden die beiden Männer die Kritik „populistisch“ und beriefen sich auf ihre „künstlerische Freiheit“.“ eine einseitigere und populistischere art verkürzter info über diese veranstaltung fiele wohl schwer… ich habe ernsthaft überlegt, meine unterschrift zurück zu ziehen, finde aber die kritik am männlich dominierten entwurf wichtiger.
    neben der kritik am stil der emma (die ja die künstler selbst sonst nicht zu wort kommen läßt) steht allerdings eine initiative gegenüber der taz gegen die serienproduktion unerträglicher entgleisungen des schreibers feddersen an. laß uns die möglichkeiten besprechen…

    05 September, 2006 16:09

    edith hat gesagt…
    hallo hugo,
    mein voriger eintrag lief parallel zu deinem, drum ging er nicht direkt auf dich ein.
    ich habe eben den aufruf nachgelesen, der sehr deutlich einen schwerpunkt auf schwule opfer des deutschen faschismus legt und lesben nur nachrangig erwähnt. ich kann verstehen, dass lesben immer wieder entscheiden, unter solchen vorzeichen männlicher prädominanz nicht mit zu arbeiten. immerhin ist die initiative für ein „schwulendenkmal“ gestartet worden. wie heikel es ist, schwules nachträglich für lesben zu öffnen und paritätisch zu gestalten, ist ja beim lsvd zu besichtigen. spannend wäre es, ob und wie intensiv versucht wurde, dennoch lesben zur unterzeichnung zu gewinnen. es fehlen namen von lesben, die m. e. sicher bereit gewesen wären zur unterstützung…
    ich fände es auch gar nicht verwerflich, wenn lesben aus von mir teils schon beschriebenen gründen eine stärkere unterstützung durch schwule in deren politischer arbeit erwarteten – eine solche forderung habe ich aktuell aber nicht vernommen.
    mit dem beschluß des bundestages ist immerhin anerkannt und festgeschrieben worden, dass es eben nicht NUR um schwule geht, sondern dass auch lesben opfer waren und einzubeziehen sind. schade, dass du – wie viele schwule männer – das in deinem text faktisch bestreitest. wie kannst du dich zugleich wundern, dass lesben distanziert bleiben?
    auch deine „ach so einseitige Zusammensetzung des Preisgerichts“ zeigt, dass du die kritik offenbar nicht ernst zu nehmen bereit bist.
    ist es etwa gut, wenn ein geschlechterparitätisch zusamengesetzter beirat ein so männerdominiertes preisgericht kreiert, als wären nicht auch qualifizierte frauen dafür zu finden gewesen?!
    unabhängig davon, ob das bundesgremienbesetzungsgesetz hier juristisch greift: geschlechterpolitisch ist das zahlenmäßige mißverhältnis jedenfalls unakzeptabel und eine orientierung am gesetzesziel wäre besser gewesen (§1:
    „Der Bund und andere am Besetzungsverfahren von Gremien Beteiligte haben nach Maßgabe dieses Gesetzes darauf hinzuwirken, dass eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Gremien geschaffen oder erhalten wird.“)
    und warum du bei „Geschlechterdemokratie“ bloß immer „Volksdemokratie“ assoziierst, wirst du selbst besser beurteilen können. sachgerecht scheint mir dies nicht zu sein, und eine gute grundlage für die geschlechterpolitische zusammenarbeit ist es erst recht nicht. so setzt sich die erfahrungsgeschichte unverändert fort…

    05 September, 2006 17:24

    Anonym hat gesagt…

    mal ein anderer einwurf: zu diesem wettbewerb wurden ja auch künstler eingeladen die sich vermutlich noch nie mit homosexualität auseinandersetzten mussten. aus diesem grund gab es ein hervorragend gestaltetes auftaktkolloquium in dem (neben einem wunderbaren abriss der homosexuellengeschichte) auch die frage nach der verfolgung der lesben ausgiebig zur sprache kam.
    abgesehen davon, dass gerade viele der künstler nicht anwesend waren, die selber nicht homosexuell sind, frage ich mich doch, warum nicht auch die jury zu dieser informationsveranstaltung verpflichtet wurde.
    mit freundlichen grüßen…
    holger

    13 September, 2006 23:39

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