Bugchasing: Pozzen im ZDF

Eine neue Reportage-Sendung des ZDF-Ablegers ‚ZDF neo‘ beschäftigt sich am 12. Februar 2011 mit ‚bugchaising‘ oder ‚pozzen‘ – mit Menschen, die sich bewusst mit HIV infizieren.

ZDF neo ist ein seit November 2009 sendender digitaler Ableger des ZDF, mit dem das ZDF experimentiert, wie es wieder attraktiver für jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer werden könnte – mit teils beachtlichen, interessanten Ergebnissen.

Im Februar startet ZDF neo eine neue Reportage-Reihe, ‚Wild Germany‘. Realisiert wird diese für das ZDF vom internationalen Magazin und Medien-Unternehmen ‚Vice‘. Die erste Sendung am 12. Februar 2011 (22:15, ZDF neo) beschäftigt sich mit „bugchasing“.

Als ‚bugchasing‘ wird im englischen Sprachgebrauch häufig bezeichnet, was im Deutschen gern ‚pozzen‘ genannt wird: sich bewusst und absichtlich mit HIV infizieren. ‚Bugchasing‘ ist wenig wissenschaftlich untersucht. Eine deskriptive US-Studie an 1.228 ‚bugchasing‘-Internetprofilen auf US-Internetseiten im Jahr 2006 identifizierte 7,5% der Profil-Besitzer als HIV-negativ und tatsächlich überzeugte ‚bugchaser‘ und 0,4% (5 von 1.228) als HIV-positiv und überzeugte ‚bugchaser‘. Insgesamt kommen die Forscher zu dem Resüme

„These data suggest bug chasing and gift giving do exist; however a sizable portion of both bug chasers and gift givers were not intent on spreading HIV.“

Wie häufig dieses Phänomen in der Realität in Deutschland tatsächlich auftritt, ist nicht bekannt – oft gewinnt man den Eindruck, die mediale Aufmerksamkeit für ‚pozzen‘ oder ‚bugchaser‘ ist weitaus höher als die Realität.

ZDF neo schreibt selbst als Ankündigungs-Text zur Sendung zu ‚bugchaising‘:

„AIDS ist eine der gefährlichsten Krankheiten der Welt. In den 80ern und 90ern ist eine ganze Generation von homosexuellen Männern jämmerlich daran gestorben. Nur durch groß angelegte Aufklärungskampagnen konnte die Verbreitung verlangsamt werden. Später tauchten Gerüchte über so genannte „Bugchaser“ in den Medien auf, Männer, die sich willentlich mit dem HI-Virus infizieren lassen. Manuel Möglich will wissen, ob dieses Phänomen wirklich existiert und was einen gesunden Mann dazu bringen kann, todkrank sein zu wollen.

Als ZDFneo-Reporter begibt er sich in die Schwulenszene. Dort trifft er Claude. Er ist aidskrank, was ihn nicht davon abbringt, verhütungsfreie Sexpartys in seiner Wohnung zu veranstalten. Regelmäßig melden sich HIV-negative Männer bei ihm an, die sich von ihm anstecken lassen möchten. In Leipzig trifft Manuel Tobias und René, beide HIV positiv, die ihm die Leipziger Szene zeigen. Sie erzählen, dass sie schon andere Männer mit deren Einverständnis angesteckt haben. Zuletzt schaut Manuel sich das an, wovon er bisher nur gehört hat: die Darkrooms der Stadt, der ideale Spielplatz für Bugchaser.“

‚Vice‘-Deutschland- Herausgeber Benjamin Ruth kündigt die Reportage-Reihe „Wild Germany“ an als „eine Reise an die obszönsten Orte des Landes“ …

Der Reporter des Beitrags, ‚Manuel Möglich‘, wird als Autor oder Mitarbeiter u.a. genannt bei dem ‚Magazin für Pop-Kultur‘ Spex (2006/07), dem WDR-Radio – Ableger 1Live (2007) und der WDR-Sendung ‚Funkhaus Europa‘ (2010), war Autor in der ‚Berliner Zeitung‘ (2008) oder der ‚Zeit‚ (2010). Beiträge, die ihn als sachkundig zu HIV / Aids ausweisen, sind auf den ersten Blick nicht zu finden.

Autor des Beitrags ist Tom Littlewood, Chefredakteur der Reportage-Reihe ‚Wild Germany‘ bei ‚Vice‘.

Produziert wird die Reportage-Reihe von ‚Vice‘ (Vice: etwa: Laster, Fehler). Das 1994 in Kanada gegründete ‚Szene-Magazin‘ (früher ‚Voice of Montreal‘) hat sich längst zu einem global agierenden Medien-Unternehmen gewandelt – Magazin, Internet-TV (vbs.tv), TV-Beiträge für andere Sender. Das Print-Magazin erscheint in 26 Ländern in einer Auflage von insgesamt 1,2 Millionen Exemplaren. Die SZ schreibt über das Magazin „Jeder findet etwas, das ihn abstößt, fast jeder etwas, das ihn fasziniert. Ein Gesamtkonzept gibt es nicht.“
Die deutsche Redaktion des Magazins (2005 gegründet) sitzt in Berlin, Herausgeber in Deutschland ist Benjamin Ruth.

Zuständig für ‚Wild Germany‘ beim ZDF: Andrea Windisch, stellvertretende Redaktionsleiterin bei ZDF Neo.

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weitere Informationen:
ZDF neo 12.02.2011 22:15 Uhr: „Wild Germany – Bugchasing“
Manuel Möglich auf 1Live
SZ 28.09.2010: Erfolgsmodel: „Vice“-Magazin – Obszön geschlitzte Früchte
Christian Grov, Jeffrey T. Parsons: Bug Chasing and Gift Giving: The Potential for HIV Transmission Among Barebackers on the Internet. in: AIDS education and prevention, Dezember 2006 (abstract)
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7 Gedanken zu „Bugchasing: Pozzen im ZDF“

  1. In der Ankündigung steht schon alles. So wurde schon x-mal über dieses epidemiologische Randphänomen berichtet. Kurz zusammen gefasst: Erst behauptet jemand, er hätte sich absichtlich infiziert (oder infizieren lassen). Der Zuschauer sieht Bilder eines Friedhofs. Dann wird verallgemeinert. Abrupter Szenenwechsel: Schwule Party. Der Zuschauer erfährt aus dem Kommentar: Die Infektionszahlen bei Homosexuellen steigen „dramatisch“ seit Jahren. O-Ton eines Partybesuchers: „Ja, gerade die jungen benutzen heute keine Kondome mehr.“ Der Kommentator sagt: „Schuld sind die neuen Therapien gegen Aids. Und das, obwohl Aids noch immer tödlich ist“. Der Zuschauer hat verstanden: Die unsolidarischen (gegenüber der Gesellschaft) und hedonistischen Schwulen ficken sich zu Tode. Entweder kommt dann noch der Hinweis auf die Kosten der Behandlung, oder, weil man politisch korrekt sein will: Die Augenbrauen des Moderators werden (ganz große mimische Kunst, im Metier verbreitet) bis an die Haarwurzeln nach oben gezogen. Der Zuschauer weiss, was er davon zu halten hat. Fazit: Die übliche homophobe und sexualfeindliche Manipulation. Solche Formate, die alles andere als an der Realität interessiert sind, sind die Brandstifter, sie soufflieren dem homofeindlichen Mob, dass er zur Tat zu schreiten hat. Wildes Deutschland.

  2. @ Dirk:
    diese vorausschauende analyse klingt, als wärest du für eine arbeit in der medien-branche prädestiniert ;-))

  3. Habe nur beschrieben was ich schon X-mal gesehen habe in den „Zuspitzungsmedien“. Der Popelitzer-Preis winkt… 🙂

  4. Mir gefällt in diesem Zusammenhang noch ein Begriff, den Hannelore Kraft zuletzt benutzte: „Empörungsmaschinerie“. In AL Bundy-speak würde man wohl von „Dumpfbackenalarm“ reden. Aber es ist ja wahrscheinlich viel schlimmer: Es geht um tief verwurzelten Schwulenhass bei sich selbst als aufgeklärt empfindenden Menschen. Oder ist es die reine Not, eine wenig erfolgreiche Journalist(inn)en-Existenz aufzuwerten?

  5. das fatale daran ist das wir – die sogeannten insider – uns dieses randphänomens als solchem bewußt sind und es entsprechend einordnen können. für den outsider jedoch kommen solche sendungen als „typisch“ und somit bedrohlich rüber. in seinem hirnskastel bestätigt das leider nur wieder einmal welche gefahr von uns bzw hiv positiven ausgeht.

    solche sendungen halte ich schlicht und einfach nur für dämlich. wenn überhaupt dann sollte man sie im rahmen eines themenabends einbinden wie sie/es (die themenabende) arte macht. wobei ich eine solche sendung bzw einen solchen themenabend wenn überhaupt dann nur um den WAT herum über die mattscheiben flimmern lassen würde. ausserhalb des WAT überfordert er nur den zuschauer.

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