Larry Kramer: Aids – eine Pest, die bewusst zugelassen wurde

Aids ist die neue Pest – und die Verantwortlichen haben sie bewusst zugelassen, beschönigen und belügen uns. Mit starken Worten kritisiert US-Autor und Aids-Aktivist Larry Kramer die Situation 30 Jahre nach Beginn der Aids-Krise.

„Ich möchte dein Herz brechen – aber ich befürchte, nach dem Lesen werden mehr Menschen sauer auf mich sein als mir zustimmen.“ So beginnt der Autor, Gründer von ACT UP und langjährige US- Aids-Aktivist Larry Kramer einen Kommentar auf den Internetseiten des US-Nachrichtensenders CNN.

Larry Kramer (Foto: actup.org)
Larry Kramer (Foto: actup.org)

Kramer beschreibt in seinem Kommentar zehn „Realitäten“:
1. Aids sei in jeder Hinsicht eine Pest, eine Plage – nur traue niemand sich, dies auch auszusprechen.
2. Zu viele Menschen empfänden explizit Hass gegen diejenigen, die von Aids am meisten betroffen seien: Schwule und Farbige.
3. Ebenso würden zwei Bevölkerungsgruppen als geradezu entbehrlich betrachtet: Menschen, die nicht Sex haben auf die gleich Weise wie sie [die Mächtigen], und Menschen die Drogen nehmen um eine Welt besser aushalten zu können, die sie als elend empfinden.
4. Aids hätte nicht zu einer Plage werden müssen – es wurde aber hingenommen, dass dies geschieht.
5. Aids ist eine Plage, die nicht verschwinden wird. Sie wird schlimmer.
6. Es gebe keine Heilung, und die zur Erforschung einer Heilung eingesetzten Mittel  seien äußerst gering – bezeichnend für ein Land und eine Welt, die diese Plage nicht beenden wollten.
7.Es gebe keinen Anreiz für Pharmaunternehmen, eine Heilung zu finden – sie verdienten Milliarden mit Medikamenten zu stark überhöhten Preisen, die HIV-Infizierte nehmen müssen. Medikamente, die uns (so Kramer) nur am Leben lassen, aber gerade noch infiziert genug, um möglicherweise andere zu infizieren.
8.  Alle Präventionskampagnen bisher seien „zu dumm, nutzlos, feige“ um irgend etwas zu bewirken.
9. Weder in den USA noch sonst irgendwo auf der Welt gebe es unter den Verantwortlichen jemanden Nützliches, und dieser Mangel an anständigen, verantwortungsvollen und humane Führern bestehe seit Beginn der Epidemie 1981. Diejenigen in Verantwortung belügen uns (nach Kramers Ansicht); er betrachte sie als Mördern gleich.
10. Inzwischen sei einer von fünf schwulen Männern in den USA HIV-positiv, und über 50% davon wüssten es nicht. So wie sich die Situation entwickele, könnten bald alle Schwulen der USA HIV-positiv sein – und einer Reihe von Menschen würde dies gefallen.

Trotz all dieser erschreckenden Fakten und Aussagen – niemand rege sich auf. Die Herrschenden belügen uns wenn sie behaupten, die HIV-Epidemie sei unter Kontrolle,  allerdings sei HIV zu kompliziert, um es auszurotten.

Wir sollten ihnen, so Kramer, nicht glauben, aus einer Vielzahl von Gründen (die er einzeln benennt, von fehlenden Heirats- und Adoptions-Rechten bis fehlender Chancengleichheit).

Die Aids-Plage finde jetzt statt. Dieser Plage wurde es absichtlich erlaubt stattzufinden. Der Hass finde immer wieder erneut einen Weg.

Bei einigen US- Aids-Aktivisten stößt Kramers Kommentar auf Zustimmung. So kommentierte Eric Sawyer, endlich spreche mal jemand die Wahrheit aus. Andere wiesen darauf hin, dass Kramer Themen außer acht gelassen habe, wie die Kriminalisierung HIV-Positiver.

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Larry Kramer ist u.a. auch der Gründer von ACT UP. In Deutschland und (bis auf die Ausnahme Paris) Europa ist ACT UP inzwischen kaum mehr als ein Mythos. Anders in den USA – hier ist der Geist, die Grundhaltung, die ACT UP zugrunde lag, wach – auch und vor allem immer wieder in mahnenden Worten Larry Kramers.

Larry Kramer ist bekannt dafür, oft sehr deutliche Worte zu finden. Ihm wird gelegentlich der Vorwurf gemacht, über das Ziel hinaus zu schießen. Und er hat nach Ansicht einiger Kritiker auch aus dem Aids-Bereich manchmal eine eigenwillige, verzerrte Sichtweise oder Perspektive auf Sachverhalte.

So scheint Kramer (wie viele US-Aktivisten) das EKAF-Statement und seine Bedeutung weiterhin außer Acht zu lassen. Und er geht implizit von der Situation in den USA aus – nicht alle Präventions-Kampagnen in Europa erscheinen als „zu dumm, nutzlos, feige“. Hinzu kommt, Kramer argumentiert vor dem Hintergrund einer Situation in den USA, die aufgeheizt ist und differenzierte Debatten nicht befördert (ein kurzes Stöbern in den Kommentaren unter dem CNN-Kommentar gibt einen lebhaften Eindruck).

Doch all die womöglich berechtigte Kritik an Kramers Argumentation und besonders Art, sie zu präsentieren ändert nichts daran:

Kramer wirft wichtige Fragen auf, weist auf Tabus und nicht thematisierte Probleme hin – von der schwierigen Rolle und dem problematischen Verhalten der Pharmaindustrie über das Schweigen vieler Schwulen (-organisationen) bis zum Schwiegen oder Versagen vieler Politiker.

Normalisierung? Weit gefehlt – auch dies sagt Kramers ‚Weckruf‘.

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weitere Informationen:
Larry Kramer Kommentar auf CNN 14.01.2011: AIDS is a plague allowed to happen
und auf actup.org
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8 Gedanken zu „Larry Kramer: Aids – eine Pest, die bewusst zugelassen wurde“

  1. Kramer und Du in deinem Kommentar. ihr habt beide recht. Leider. Mit uns den Betroffenen muß es erst soweit kommen wie jetzt in Tunesien. Erst wenn wir nicht mehr bereit sind das hinzunehmen wie man mit uns umgeht, werden wir uns wehren. Mit anderen Worten der Leidensdruck bei uns allen (wenn da überhaupt einer ist) ist noch nicht groß genug.

  2. „plague“ könnte man auch als Seuche übersetzen. Ist es in den USA in Zusammenhang mehr als Pest gemeint? Es ist nicht das erste mal, dass mir das unterkommt.

  3. If you want to know why AIDS is a plague, I have just told you why.

    In der Tat hat Larry Kramer nicht die Krankheit Pest gemeint, sonder die Art und Weise wie man mit HIV/AIDS auf politscher und wirtschaftlicher Ebene umgeht. In diesem Verhalten ist in der Tat die Seuche drin, solch ein Verhalten ist eine Seuche . . .

  4. @ Fg68at:
    plague engl. = Pest, Seuche, Heimsuchung, Plage usw.

    also: die verwendung des begriffes pest im artikel ist selbstverständlich als metapher gemeint für heimsuchung, plage …

  5. Soweit akzeptiert. Das problematische am am Begriff „Pest“ sind die Übertragungswege der Pest mit Quarantänebestimmungen bei der Eindämmung, was beides bei HIV nicht gegeben ist, auch wenn es manche forderten. Es verleiht sicher mehr Dramatik. Der Spiegel hat mit derselben Übersetzung 1983 aus der „Gay Plague“ die „Schwulenpest“ gemacht. Das noch unterstützt mit schönen antiken Bildern.
    http://de.wiktionary.org/wiki/Schwulenpest

  6. Das wird so weitergehen, wie Männer mit homosexuellen Bedürfnissen die eigenen Leute bestrafen (wollen), statt sich gegen den Druck von oben – aus dem Heterror zu wehren… Es gibt keinen Grund für safer sex, auch nicht Verliebtheit und solche Einbildungen – nur tausend Ausreden.

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