positiv schwul

Ein Engel in Köln

9. März 2007 | Von ondamaris | Kategorie: Kultur-Foyer

Mitten im Innenstadt-Trubel findet sich an etwas versteckter Stelle einer meiner Lieblings-Orte in Köln.

Auf der Kölner Schildergasse, jener etwas herunter gekommenen, ständig hektisch-trubeligen Einkaufsstraße im ungepflegten Chic der siebziger Jahre, steht zwischen Jeansgeschäften, Parfümerien, Pizzaketten und Telekommunikationsläden die Antoniterkirche. Und in dieser kleinen Kirche befindet sich eine meiner Lieblings-Plastiken, der ‘schwebende Engel‘, auch bekannt als ‘Güstrower Ehrenmal‘.

Barlach Engel 01
Eine Figur, mehr als menschengross, hängt beinahe waagerecht von der Decke. Bekleidet mit einer Art langem Gewand, sind vom Körper nur Füße und Kopf frei sichtbar. Vor der Brust ruhen die Arme, verschränkt, die Hände jeweils auf dem anderen Oberarm ruhend. Vollkommen ruhig und entspannt schaut den Betrachter das Gesicht der Figur an, friedvoll geschlossene Augen.
Das Gesicht trägt die Züge der Bildhauerin Käthe Kollwitz – keine Absicht, aber auch kein Zufall, wie Barlach erklärte: “In den Engel ist mir das Gesicht vom Käthe Kollwitz hineingekommen, ohne daß ich es mir vorgenommen hatte. Hätte ich sowas gewollt, wäre es mir wahrscheinlich mißglückt.”

Barlach Engel 02
1926/27 schuf der 1870 geborene Bildhauer, Dramatiker und Grafiker Ernst Barlach den ‘schwebenden Engel‘ im Auftrag der Gemeinde Güstrow als Mahnmal für die Gefallenen des ersten Weltkriegs. Noch im gleichen Jahr wurde die Plastik in einem Seitenschiff des Güstrower Doms aufgehängt.
Von den Nazis wurde Ernst Barlachs Kunst als “entartet”, er selbst als “Kulturschänder” diffamiert und lange Zeit bekämpft. Er erhielt Ausstellungs- und Aufführungsverbot. Schließlich wurde der Engel 1937 aus dem Güstrower Dom entfernt. Zunächst wurde er nach Schwerin gebracht, schließlich übergab 1941 ein Kirchenvertreter (!) den ‘Engel’ der NS-Administration – zur ‘wehrwirtschaftlichen Verwertung’. Er wurde eingeschmolzen, zu Waffen oder Munition verarbeitet.

Doch Freunde Barlachs hatten wohlweislich vorgesorgt. 1942 hatten sie von der originalen Gussform (die noch im gleichen Jahr bei einem Bombenangriff zerstört wurde) einen Zweitguß anfertigen lassen und ihn vor den Nazis in der Lüneburger Heide verborgen.
1953 wurde dieser Zweitguß der Stadt Köln geschenkt und in einem Seitenschiff der Antoniterkirche aufgehängt – als Mahnmal jetzt für die Toten zweier Weltkriege.
Im gleichen Jahr auch erhielt die Gemeinde Güstrow einen Engel – von dem nun in Köln befindlichen Guss wurde eine neue Form abgenommen und ein Neuguss durchgeführt. Dieser hängt nun wieder an seinem Ursprungsort in der Nordwestkapelle des Doms in Güstrow.

Ernst Barlach selbst, der (wie Kollwitz) eine Emigration strikt ablehnte, verstarb 1938 und ist (auf eigenen Wunsch, u.a. nach massiven Anfeindungen, die er in den NS-Jahren in Güstrow erlebte) auf dem Domfriedhof in Ratzeburg neben seinem Vater beigesetzt.

Wie oft schon habe ich vor dem hektischen Innenstadt- Trubel hier Zuflucht gesucht, lange vor dem Engel gestanden oder gesessen.
Dieser bronzene “Engel”, der wohl einige Tonnen wiegen mag, hängt vor mir in einer Anmutung von Schwerelosigkeit. Beinahe schwebend wirkt er. Dass er keine Flügel hat (was ihn eigentlich zum Engel machen würde), fällt mir erst lange Zeit später auf, sie scheinen nicht wesentlich (für mich) zu sein.

In vielen Momenten, in denen es mir schlecht ging, war dieser Engel mir Zuflucht. Aber auch in alltäglichen Augenblicken fand und finde ich hier, mitten in der Stadt und doch abgehoben von den Wirren des Lebens Ruhe und Zuversicht, Hoffnung.

Tags: , ,






Feed abonnieren Ondamaris als Feed lesen oder per Email-Benachrichtigung
Diesen Post als Email versenden Diesen Post als Email versenden
Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken


· gelesen: 18321 · heute: 30 · zuletzt: 2. September 2010

sehr schwachschwachna geht sogutausgezeichnet (10 votes, average: 5.00 out of 5)
Loading ... Loading ...


Ähnliche Beiträge zu diesem Themenbereich:

10 Kommentare
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Ein schöner Platz zum ausruhen!

  2. Hi Ulli,

    der Engel “menschelt” in seinem Gesicht *g, und strahlt trotz seines Gewichtes eine wunderbare Leichtigkeit aus,

    schönes Wochenende Kalle

  3. Hach Ulli,

    da sieht man wieder, dass man doch erst lesen sollte, bevor man einen Kommentar abgibt. Daher ähneln meine Worte den deinigen, da ich zuerst einen Kommentar schrieb, bevor ich den Text offline komplett gelesen hatte. Die “gute alte analoge Zeit” zwingt mich dazu…

    Lg kalle

  4. @ kalle:
    na – wenn ‘die gute alte zeit’ heute noch analog wäre, wir würden uns überhaupt nicht kennen, unsere blogs nocht gegenseitig lesen können usw ;-)
    hast aber recht – das gesicht ist wirklich sehr intensiv …
    lg ulli

  5. [...] Meinung gewesen.” (Ernst Barlach über den ‘Geistkämpfer’) (siehe auch Barlach / Der Schwebende) Bookmarken Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und [...]

  6. [...] Ondamaris [...]

  7. …auch wenn ich nur noch selten nach Köln komme, muss ich “meinen Engel” in der Antoniterkirche besuchen. Dieses Werk von Ernst Barlach berührt mich immer aufs Neue und ist etwas vom Schönsten im Bereich der Skulpturen, die ich kenne.

  8. Ernst Barlach´s Engel – sicher begleitet er ihn nun im neuen Sein seiner Seinsstufe.

    Die Nazi-Teufel brachten den Engel zu Fall, aber mit Liebe ist er unbesiegbar und so konnten Freunde
    - so clever und empathisch wie sie waren – ein Glück noch rechtzeitig 1942 von der originalen Gussform (die später in ´42bei einem Bombenangriff zerstört wurde) einen Zweitguß anfertigen lassen und diesen (ob da nicht auch ein Engel im spiel war ;) ! ) vor den Nazis (wie ja oben im Text genannt) verbergen.
    Es ist gut und richtig dass 1953 dieser Zweitguss Köln geschenkt wurde u. nun im Seitenschiff der Antoniterkirche angebracht ist- als Mahnmal jetzt für die Toten zweier Weltkriege.
    Nie wieder Krieg hier in unserem Land, aber auch am besten nirgendwo auf der Erde.
    Krieg ist absolut das barbarischste und wahnsinnigste in der Welt. So als agierten Menschen kopf- und herzlos, so als seien sie seelenlos, gesteuert von teuflischen, unmenschlichen Machtinstrumenten des absoluten Irrsinns. Auch die Vorstufen dessen zeugen schon von dem Wahnwitz und Irrsinn in der Welt, welcher das dann auf den Gipfel treibt. Genauso die teuflisch-kopflos-irrsinnig-herzlos-wahnsinnig-seelenlos-instrumentalisiert-gesteuerte- unmenschlich-empathielose-schwachköpfig-hirnrissig-hartherzig-nazi- machtbesessen-NS-SS-Wehrmachtsmonster. Beten wir mit den Engeln, dass so etwas sich hier nie wieder wiederholt, dass von dem Leben und der Geschichte gelernt wird! Woanders soll es auch nicht geschehen, auch nicht in dieser oder einer abgewandelten Form, no go! Wachsam sein und da sein, wenn etwas sich anbahnt u. wo es ähnlich geschieht . Hinhören, hinsehen, einfühlen und sich entgegen setzen. Courage, Zivilcourage, Liebe & Herz, Empathie, Verstand, Intellekt, Wachsamkeit, Aufmerksamkeit, Aufrufen (wenn selbst zu schwach in Punkten Hilfe(n) u. Helfer holen – was tun.

    So, genug geschrieben zum Inhalt oben für den Engel.

    Waldkirch, Monika
    ———————————————————————————————————————————————

    Absolut anderes Thema: rein äußerliche Betrachtung!

    Nur – etwas lässt sich noch – das aber nicht inhaltich, sondern nur rein äußerlich zu vertehen ist – sagen:
    ;) ist wohl eindeutig ein männlicher Engel, obwohl Engel eigentlich geschlechtslos sind – nur hier: sehen Sie doch das Seitenprofil – …. und pardón – dazu noch die Vorderansicht – so rund ;) Pardón!
    Spontan gesehn sieht das so aus, oder? Mit etwas kunstvoller Phantasie – sehen Sie es? ;)

    Gruß v. M.Wk. , MZ (20.05.2009/22:44h)

  9. Während einer wunderschönen Urlaubsreise zur Mecklenburgischen Seenplatte gerieten wir nach Güstrow und dort in den Dom, wo wir sehr beeindruckt vor dem Schwebenden Engel standen. Sein Gesicht wirkt ganz konzentriert, nach innen gerichtet und berührt – ach ich weiß nicht wie, ich habe Gänsehaut bekommen. Und wir Kölner Kunstbanausen hatten keine Ahnung, dass sich das Pendant in der Antoniterkirche befindet. Die Geschichte der Entstehung und Wiederentstehung ist ein Krimi und gleichzeitig eine Geschichte von Mut und Zivilcourage in der Zeit der Gewaltherrschaft.
    In den allernächsten Tagen besuchen wir den Engel auf der Schildergasse. Mit ihm haben wir ein Stück Urlaubserinnerung direkt vor der Haustür.

  10. Wie sehr habe ich mich gefreut, endlich einen Hinweis auf den jetzigen “Aufenthaltsort” des Schwebenden Engel zu bekommen, nachdem ich ihn als Schüler in der Kaiser-Wilhlem-Gedächtnis-Kirche in Berlin vor ca. 45 Jahren “entdeckt” hatte und seitdem in seinen magischen Bann geschlagen worden bin.
    Nach vielen Jahren im Ausland kehre ich nun nach Deutschland zurück und betreibe mancherlei Spurensuche.
    Unter anderem auch nach Ernst Barlachs Engel.
    Nun werde ich mich bald nach Köln aufmachen und ihm einen Besuch abstatten (überhaupt bin ich sehr gern im geschichts-trächtigen Köln). Dafür, dass dies nun möglich ist, meinen herzlichen Dank für den Web-Eintrag zum Güstrower Ehrenmal und seiner so tröstlichen wie schmachvollen, also sehr deutschen, Geschichte.
    Peter Paulenz

Schreibe einen Kommentar

Kommentare per RSS Feed verfolgen