Aids-Medikamente als Prävention: ‚test and treat‘ im realen Leben nicht so einfach wie gedacht?

HIV-Medikamente als Mittel der Aids-Prävention – ein viel diskutiertes Konzept in den letzten Monaten.  Eine Studie aus China zeigt, dass im realen Leben manchmal einiges anders laufen kann als in der Theorie erwartet …

‚Therapie als Prävention‘ (treatment as prevention), dieses Konzept geht davon aus, dass dadurch dass möglichst HIV-Positive erfolgreiche antiretrovirale Therapien einnehmen, aufgrund der stark reduzierten Infektiosität auch die HIV-Übertragungsrate sinken müsste. Gedankliche Basis dieses Konzepts ist das so genannte ‚EKAF-Statement‘ (keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs).

Eine Studie aus China, die in der 1. Oktober-Ausgabe des Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes publiziert ist, wirft nun die Frage auf, ob dieses aufgrund theoretischer Überlegungen entwickelte Konzept sich im realen Leben ohne weiteres umsetzen lässt.

In der Studie lag die HIV-Transmissionsrate bei heterosexuellen serodifferenten Paaren (ein Partner HIV-positiv, ein Partner HIV-negativ) bei 5% – im Vergleich zu 3% bei anderen Paaren.

Die Studie fand in der chinesischen Provinz Henan statt – einer Region, die u.a. durch den ‚Blutspende-Skandal‘ bekannt wurde: durch unsaubere Verfahren bei kommerziellen Blutspenden wurden Tausende Chinesinnen und Chinesen in der Region mit HIV infiziert, als sie zum Gelderwerb Blut spendeten.
Aids-Aktivisten wie der mit dem Sacharow-Preis geehrte Hu Jia oder der jüngst festgenommene Tian Xi, die auf diese Missstände hinwiesen und sich für HIV-Infizierte einsetzten, wurden von den chinesischen Behörden kriminalisiert und verfolgt.

An der nun publizierten Studie nahmen 1.927 serodifferente Paare teil. Für die Jahre 2006 bis 2008 wurde die HIV-Inzidenz retrospektiv analysiert; die Teilnehmer wurden hinsichtlich ihres HIV-Schutzverhaltens befragt.

Dr. Myron Cohen (Foto: UNC)
Dr. Myron Cohen, Leiter der Studie (Foto: UNC)

Insgesamt konnten 4.918 Personen-Jahre ausgewertet werden. 84 Serokonversionen traten auf (HIV-Infektionen) – eine Rate von 4%.

91% der Paare, in denen eine HIV-Infektion auftrat, berichteten vom Geschlechtsverkehr in den letzten drei Monaten (im Vergleich zu 83% in der Gruppe, in der keine HIV-Infektion auftrat).
Die Häufigkeit von Geschlechtsverkehr korrelierte eindeutig mit dem Infektionsrisiko (fünffach höheres Transmissions-Risiko bei Paaren, die viermal oder häufiger Sex hatten im Vergleich zu Paaren mit niedrigerer Sex-Häufigkeit). Nur sieben Personen berichteten Sex außerhalb der Beziehung (darunter eine Serokonversion). Eine Person berichtete Drogengebrauch (keine Serokonversion); keiner der männlichen Teilnehmer berichtete von Sex mit anderen Männern.

1.369 Studienteilnehmer nahmen antiretrovirale Medikamente ein (80%); Daten zur Viruslast lagen nicht vor. Bei den Studienteilnehmern, die Medikamente nahmen, lag die HIV-Transmissionsrate bei 5%, bei denen ohne Medikamente bei 3% (Unterschied nicht signifikant).

Der Hypothese ‚Therapie als Prävention‘ folgend, wäre bei den behandelten Studienteilnehmern eine wesentlich niedrigere Transmissionsrate zu erwarten gewesen als bei den unbehandelten.

Die Forscher fanden heraus, dass bei denjenigen behandelten Teilnehmern, die ihre im Verlauf der Studie ihre Therapie wechselten, die Transmissionsrate niedriger war als bei denjenigen, die durchgehend die gleiche Therapie erhielten.

„Wird antiretrovirale Therapie auch unter den Bedingungen des realen Lebens geeignet sein, die HIV-Übertragungsrate zu senken?“, fragte der Leiter der Studie, Dr. Myron Cohen (University of North Carolina School of Medicine). Er halte es für klug, diese Frage zunächst zu beantworten, bevor Strategien wie „test and treat“ mit der Hoffnung auf einen positiven Effekt für die Bevölkerung breit angewendet werden.

Die Autoren vermuten, dass eine schlechte Compliance (Genauigkeit und Zuverlässigkeit der regelmäßigen Einnahme der Medikamente) eine der Ursachen des überraschenden Ergebnisses sein könnte.

weitere Informationen:
Cohen, Myron S MD: HIV Treatment as Prevention: To be or not to be? in: J Acquir Immune Defic Syndr, 55, 137-8, 2010 (online, kostenpflichtig)
aidsmap 07.10.2010: Does ‚real world‘ study cast doubt on use of HIV treatment as prevention?
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1 Gedanke zu „Aids-Medikamente als Prävention: ‚test and treat‘ im realen Leben nicht so einfach wie gedacht?“

  1. Ich bin für meine „theoretische“ Kritik an der „allgemeinen Präventionsargumentation“ mit den EKAF-Richtlinien sehr voreilig geschlagen worden…

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