Erinnerung an Kurt Hiller
26. Februar 2007 | Von ondamaris | Kategorie: HomosexualitätenKurt Hiller, revolutionärer Pazifist, schwuler Aktivist und Schriftsteller, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Ein Platz in Berlin-Schöneberg erinnert an ihn.
Seit Ende 2000 gibt es nahe der Berliner U-Bahn-Station Kleistpark den ‘Kurt-Hiller-Park’. Ein unscheinbarer Flecken, und doch ….
… gedenkt dieser Platz dem (so die Erläuterung) ‘Mitbegründer der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung’.
Der 1885 in Berlin geborene Hiller gehörte seit 1908 bis zu dessen gewaltsamer Auflösung durch die Nazis dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (ab 24.11.1929 als zweiter Vorsitzender) von Magnus Hirschfeld sowie dessen Institut für Sexualwissenschaft an, stand gleichwohl Hirschfelds Theorie der ‘sexuellen Zwischenstufen‘ skeptisch gegenüber. (Hiller über seine Begegnung mit Hirschfeld: hier)
Hiller verstand sich als revolutionärer Pazifist und war als streitbarer undogmatischer Schriftsteller (’Literarischer Aktivismus’) und Denker umstritten, eckte an.
Neben Ossietzky und Tucholsky und weiteren Autoren wie Mühsam und Kästner ist Hiller seit 1915 einer der wichtigsten Autoren der ‘Weltbühne’. Er arbeitet zudem aktiv an zahlreichen anderen Zeitschriften mit, an deren Gründung er teils selbst beteiligt war (so 1911 ‘Die Aktion‘).
1919 ist Hiller Mitbegründer des (1933 von den Nazis zerschlagenen) Bundes der Kriegsdienstgegner sowie 1926 der ‘Gruppe revolutionärer Pazifisten’.
Mehrfach wird er von den Nazis verhaftet und in den KZs Columbiahaus, Brandenburg und Oranienburg mißhandelt. 1)
1934 gelingt ihm die Flucht nach Prag. 1938 flüchtet er weiter nach London, wo er u.a. 1939 den ‘Freiheitsbund Deutscher Sozialisten’ gründet und den Begriff ‘freiheitlicher Sozialismus’ prägt (den Jahrzehnte später die SPD aufgreift).
Kurt Hiller ist neben Klaus Mann einer der wenigen Exil-Deutschen, die auch immer wieder öffentlich auf die Situation der Homosexuellen in Nazi-Deutschland hinweisen.
1955 kehrt Hiller nach Deutschland zurück und lebt bis zu seinem Tod in Hamburg.
1949 beteiligt er sich zeitweise an dem Versuch von Hans Giese, ein neues WhK zu gründen, sowie an der von diesem gegründeten ‘Gesellschaft zur Reform des Sexualstrafrechts’. 1962 scheitert ein erneuter Versuch Hillers, das WhK erneut zu gründen, ebenfalls.
In der Schweizer Zeitschrift ‘Der Kreis‘ (die während und einige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg weltweit die einzige Zeitschrift für schwule Männer war und auch danach zeitweise sehr große Bedeutung hatte) publizierte er in den 1960er Jahren zahlreiche Artikel und Gedichte (oft unter dem Pseudonym Keith Llur).
Am 1. Oktober 1972 stirbt Kurt Hiller. Hillers Urne wurde im Grab seines Freundes auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt.
Von Hiller sind zahlreiche schöne Aphorismen überliefert. unter anderem dieser:
- ” Auch Pegasus braucht eine Stute. Er nahm sich eine. Die Stute sah in ihm nur den Hengst. Und als Europa durch Zeus geehrt wurde, hielt diese Kuh ihn für einen Stier.”
Aber auch Denksätze von immer wieder neuer Aktualität:
“Die ‘Jugendbewegung’ war ein Irrtum: weil sie den Geburtsschein wichtig nahm. Kampf der Generationen gegeneinander … das ist eine abgeklungene Musik; Kampf der Zielgleichen quer durch alle Generationen, miteinander für das gemeinsame Ziel, gegen den gemeinsamen Zielgegner quer durch alle Generationen – das ist das geschichtlich Neue (und Uralte!).”
Den Andenken Hillers und seines Werkes widmet sich u.a. die ‘Kurt Hiller Gesellschaft‘ (auf deren Internetseiten Hillers schwule Seiten leider recht karg behandelt werden).
Warum gerade dieser Flecken in Schöneberg nach Kurt Hiller benannt wurde, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Die Initiative für den Platz ging damals von den Schöneberger Schwusos sowie dem LSVD (damals 1998 noch ohne ‘L’) aus. Soweit ich weiß, gibt es keinen biographischen Bezug zu genau diesem Platz. Hillers Geburtsort ist die Wilhelmstraße 12, gelebt hat er lange Zeit bis zu seiner Flucht aus Deutschland in der Hähnelstr. 9 (dort mit einer Gedenktafel geehrt).
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Kurt Hiller – ein (auch bei den meisten Schwulen) leider weitgehend in Vergessenheit geratener Vorkämpfer heutiger Freiheiten.
Anmerkungen:
1) einen interessanten Artikel von Etuxx zu den Hafterfahrungen Hillers gibt es hier. (Dank an Michael für den Hinweis)
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· gelesen: 3686 · heute: 10 · zuletzt: 2. September 2010
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Hi Ulli,
man lernt doch bei dir immer interessante Menschen und Dinge kennen
. Hiller hat z.B. 1907 in Heidelberg seine Doktorartbeit geschrieben, mit dem bedeutsamen Titel “Die kriminalistische Bedeutung des Selbstmordes”.
Fazinierend, lg Kalle
@ Kalle:ich kann mich nur anschließen
Danke Ulli !!!!
der Lars “ein Wahlkölner”
Hier ein link zu einem Artikel, der Ausschnitte aus einer Lesung Kurt Hillers über seine Hafterfahrungen wiedergibt
http://www.etuxx.com/diskussionen/foo367.php3
@ kalle:
– und die arbeit unter dem programmatischen titel “Das Recht auf sich selbst” auch publiziert …
ja, promoviert hat er bei euch
lg ulli
@ lars:
oh – danke!
und grüsse erholungshalber aus wismar nach köln
lg ulli
@ michael:
danke für den hinweis, hab den link noch unten an den artikel gehängt (naclickbar)
lg ulli
[...] – 1935) in Berlin das ‘Institut für Sexualwissenschaften’. Ein Institut, in dem auch Kurt Hiller sich intensiv engagierte und u.a. Arthur Kronfeld, Karl Giese oder Richard Linsert [...]
[...] möglich? – zumindest ein kurzes Erläuterungs-Schild wie z.B. in Schöneberg beim Kurt-Hiller-Park ? Eine kurze Erläuterung, wer Hirschfeld war, nebst Hinweis auf sein institut für [...]