Infektiosität von erfolgreich behandelten Positiven – Theorien und Praxis

Vor sechs Monaten hat die EKAF (Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen, Schweiz) ihr Statement zur Frage der Infektiosität von erfolgreich antiretroviral behandelten Positiven veröffentlicht. Seit langem ist eine gemeinsame Stellungnahme deutscher Stellen hierzu angekündigt – sie wird immer noch diskutiert. Derweil läuft die Realität der Politik davon.

Das Statement der EKAF ist eindeutig:
„Eine HIV-infizierte Person ohne andere STD [sexuell übertragbare Erkrankungen, d.Verf.] unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie (im Folgenden: ‘wirksame ART’) ist sexuell nicht infektiös, d.h., sie gibt das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter, solange folgende Bedingungen erfüllt sind:
– die antiretrovirale Therapie (ART) wird durch den HIV-infizierten Menschen eingehalten und durch den behandelnden Arzt kontrolliert;
– die Viruslast (VL) liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze (d.h., die Virämie ist supprimiert);
– es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD).”

Das Statement der EKAF sorgte für vielfältige Reaktionen. Nachdem die Deutsche Aids-Hilfe zunächst einige ermutigende Aussagen traf (siehe Rede Maya Czajka auf dem parlamentarischen Abend der DAH, „Betroffene zu Beteiligten machen„), folgte bald eine enttäuschende gemeinsame Presseerklärung von DAH, RKI und BZgA. Seitdem wird an einer gemeinsamen Stellungnahme gefeilt – die bisher immer noch nicht vorliegt.
Und auch auf internationaler Ebene herrscht alles andere als Aussage-Freude. Ein von UNAIDS Anfang Juni organisiertes ‚closed meeting‘ mit Teilnehmern aus den Anliegerstaaten der Schweiz zeigte die Unterschiedlichkeit der vertretenen Meinungen – und die Unfähigkeit, sich auf gemeinsame Positionen zu einigen. Fast kann man gelegentlich den Eindruck gewinnen, interessierte Kreise setzten sich mit ihrer Meinung ‚das darf man doch nicht laut sagen‚ doch wieder durch.

Derweil ist das EKAF-Statement längst in der Praxis angekommen. In des Wortes doppelter Bedeutung …

Menschen mit HIV und ihre Partnerinnen und Partner fragen sich längst, was heißt dieses Statement für mich, für uns, hat es praktische Konsequenzen, eröffnet es neue Möglichkeiten, und wenn ja – wie lassen sie sich in der Praxis umsetzen? Und viele zeigen dabei weit mehr Überlegtheit und Nachdenklichkeit als in hektischen Szenarien einiger Präventions-Zyniker an die Wand gemalt.

Und auch in der ärztlichen Praxis sind diese Fragen längst angekommen. Ärzte, die über die dem EKAF-Statement zugrunde liegenden Sachverhalte schon seit mindestens Monaten informiert sind, überlegen längst, was sie ihren HIV-Positiven Patienten und deren PartnerInnen sagen können.

Ein Weg, der gelegentlich nicht nur aus einigen Berliner Praxen zu hören ist, sieht so aus:
Ein schwules Paar, serodiskordant – einer HIV-positiv, einer HIV-negativ oder ungetestet. Seit längerer Zeit ist der Positive aufgrund einer erfolgreichen Therapie mit seiner Viruslast unter der Nachweisgrenze.
Zusammen mit ihrem Arzt beratschlagen sie, was möglich ist. Der Arzt untersucht beide gründlich auf sexuell übertragbare Erkrankungen. Eventuell Festgestelltes wird therapiert, ggf. werden zusätzlich einige Tage Breitband-Antibiotika eingesetzt, um z.B. auch die letzten möglichen Chlamydien zu verdrängen. Beide versprechen sich sexuelle Monogamie – u.a. um das Risiko sexuell übertragbarer Infektionen zu minimieren, die auch das HIV-Übertragungsrisiko erhöhen könnten. Und haben ab dann kondomfreien Sex, der dennoch ’safer‘ ist. Regelmässig lassen sie sich vom Arzt untersuchen.

Ein denkbarer Weg unter vielen. Ein Weg, der viel Information und vor allem viel Vertrauen auf allen Seiten voraussetzt.
Ein Weg, von dem mehr als nur gelegentlich zu hören ist, dass er von informierten Ärzten und informierten Patienten gemeinsam gegangen wird.

Ein Weg, der u.a. auch eines zeigt: Prävention und Politik müssen acht geben, dass die Lebenspraxis, die gelebte sexuelle Realität (sowohl bei HIV-Positiven und ihren PartnerInnen als auch bei Ärzten) ihren fehlenden Aussagen, ihrer Zögerlichkeit nicht zu weit davon läuft. Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit der Prävention stünden sonst auf dem Spiel.

10 Gedanken zu „Infektiosität von erfolgreich behandelten Positiven – Theorien und Praxis“

  1. es stellt sich dabei die frage: warum wird bei der frage nach genügend evidenz mit zweierlei ellen gemessen? warum ist es seit rund 8¨(!) jahren anscheinend evident genug, als dass es einzlene ärzte ihren patientInnen mitteilen , während es heute noch keinen konsens gibt ob es überhaupt genug evident sei, und erst recht um es offen zu kommunizieren, resp. publizieren?

  2. @ Michèle:
    ja genau das ist eine der fragen – warum geht im privaten, was im öffentlichen ‚tabu‘ zu sein scheint? dahinter steckt viel unehrlichkeit, verlogenheit und privilegierte medizin – die ‚gut informierten‘ bekommen neue optionen, die anderen – pech gehabt …

  3. Tja das IST eine gute – wenn nicht Die Frage . . . .

    Erstaunlich ist in diesem zusammenhang das das Statement von Bernd Aretz als eine der ersten reaktionen zu dem EKAF Papier auf der Webside der Infektiologie St. Gallen – Kommentare – gelöscht wurde . . . . .

    Eine der Kernausagen im Kommentar von Bernd Aretz war das die Veröffentlichung – der Aussage des Papier´s “ der instrumentalisierung von HIV Positiven als Angst Gegner endlich jegliche Grundlage entzieht.

    Mit dieser Sichtweise und der damit im Zusammenhang unvoreingenomenen vorausgegangenen Auseinandersetzung geht so glauben viele – unzweifelhaft für mich – ein Machtverlust einiger Instituitionen wie RKI, DAH, BZgA und insbesondere einiger Aidshilfen einher.

  4. @ Dennis:
    ich denke machtverlust-ängste könnten hintergründig viele beteiligt sein. wenn hiv mit weniger angst verbunden ist, so befürchten manche politik und manche präventionisten vielleicht auch macht zu verlieren, die sie heute noch haben …

  5. Von mehreren HIV-Positiven, die seit einigen Jahren schon kondomfreien Sex praktizieren und die in die von der EKAF die Bedingungen fallen, höre ich als größten Gewinn der Veröffentlichung:

    „Endlich ist es nicht mehr tabuisiert, zu sagen, dass ich/wir schon längst so leben/n.“

    Mir erscheint es so – je länger ich die Debatte verfolge, dass die Entstigmatisierung keine wirkliche Lobby hat. Die Lobby der HIV-Prävention ist viel grösser, vor allem, – was ich vermute – weil man auch bei öffentlichen Geldgebern mit „Prävention“ immer gut und leichter punkten kann. Die Entstigmatisierung muss offenbar von HIV-Positiven selber geleistet und in den zu HIV arbeitenden Institutionen als GLEICHWERTIGE AUFGABE eingefordert werden.

    Die Stigmatisierung führt dazu, dass genau diese Stigmatisierung fortbesteht, weil viele HIV-Positive es sich nicht leisten können, öffentlich aufzutreten – ein Teufelskreis..

    Ich möchte nicht das eine gegen das andere ausspielen.
    Ich befürworte HIV-Prävention eindeutig.

    Ich setze mich aber dafür ein, dass MEHR AKTION in Richtung Entstigmatisierung erfolgen muss. Die Zeit ist reif und ein zukünftig langes Leben mit HIV – für viele in Berufstätigkeit – braucht dringend eine Entstigmatisierung von HIV-Positiven.

    Man muss Entstigmatisierung WOLLEN, sonst geschieht sie nicht. Sonst dümpelt man mit Lippenbekenntnissen dazu herum, verliert als Organisation an Glaubwürdigkeit unter Menschen mit HIV – und im gesellschafltichen Umgang mit HIV-Positiven bleibt alles beim Alten..

    Alle zu HIV arbeitenden Organisationen sehe ich derzeit zu dieser Frage wirklich auf den Prüfstand gestellt: Wollt ihr die Entstigmatisierung??

  6. @ Michael:
    mein liebrr, wieder einmal volle zustimmmung – ent-stigmatisierung ist eines der wesentlichen themen der nächsten zeit … allerdings, das merke ich immer wider, vor allem auch in den köpfen der positiven selbst …

    ich werd mal versuchen, das demnächst im schlößchen zu thematisieren, vermute du auch?

    und – vielleicht ist es an der zeit, dass einige positive gemeinsam laut etwas sagen müssen – um den von dir genannten teufelskreis zu durchbrechen … (du erinnerst dich sicher an den stern-titel … „ich habe ohne kondom gefXXXXt …“ 😉

  7. ich bin ja gespannt, ob sich nach dieser konferenz in mexiko was ändert – obs zb endlich auch von offiziellen stzellen informationen gibt

  8. Die jetzige Positionierung des Vorstandes der DAH wird von mir sehr begrüßt.
    Jetzt wird auch der zweite Teil der Wahrheit benannt. Der erste Teil war, dass sich für Otto-Normalverbraucher in Sachen Schutz vor HIV natürlich nichts ändert.
    Neu ist, dass die Position und die Situation von HIV-Positiven in der Gesellschaft durch die in der EKAF-Stellungnahme bestätigten Fakten auf eine neue Grundlage gestellt wird. In den Augen der Allgemeinbevölkerung sind HIV-Positive generell und sämtlich hoch gefährlich. Dieses falsche Denken ist der Motor für Angst, mit verheerenden Folgen: Ausgrenzung, Distanzierung, Diskriminierung, Stigmatisierung.
    Diese völlig überzogene Dramatisierung hat in Vergangenheit und Gegenwart viel Leid und Ungerechtigkeit produziert.
    Auch bei anderen Krankheiten änderte sich der Umgang der Bevölkerung mit den Erkrankten schlagartig, sobald deren Infektiosität durch entwickelte Theapien behandelbar war. Gleiches ist nun auch im Umgang mit HIV/AIDS zu erwarten.
    Meine Einschätzung ist aber, dass diese Entwicklung nur vorankommen wird, wenn HIV-Positive weiter dahingehende Forderungen stellen.

    @ 5 + 6 (Michael und Ondmaris)
    Kann mich dem Kommentar von Michael voll anschliessen. Und sich eine wirksame Aktion einfallen zu lassen, um der Entstigmatisierung eine Schubkraft zu geben – da bin ich gerne mit dabei 🙂

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