Gewinne Gewinne Gewinne

Heute noch so eine Geschichte, die man lieber nicht erzählen möchte. Wieder eine Geschichte aus dem bunten Pharma-Zirkus, in dem sich alles um Gewinne Gewinne Gewinne dreht. Eine Geschichte um Pillen und Aids.

Die Immunschwäche-Krankheit Aids wird ausgelöst durch eine Infektion mit dem HI-Virus. Die HIV-Infektion kann inzwischen oftmals erfolgreich behandelt (wenn auch nicht geheilt) werden, eine größere Anzahl Medikamente steht in den wohlhabenden Industriestaaten, zunehmend aber auch in einigen Staaten der sogenannten ‚Dritten Welt‘ zur Behandlung zur Verfügung.

Die Pillen, der Markt und der Preis
Eines dieser Medikamente ist Norvir des Herstellers Abbott. Norvir (Wirkstoff Ritonavir) wurde ab Mitte der 90er Jahre als Medikament gegen HIV eingesetzt (von den Patienten allerdings u.a. aufgrund seiner Nebenwirkungen wenig geliebt). Bis man feststellte, dass Norvir auch in der Lage ist, schon in einer geringen Dosierung andere Medikamente in ihrer Wirksamkeit zu verstärken. Dies wurde bald zum hauptsächlichen Einsatzgebiet von Norvir, während als eigentliches Medikament oftmals Substanzen von Wettbewerbern eingesetzt wurden. Fast jedesmal jedoch verdiente Abbott mit, da als ‚Verstärker‘ Norvir eingesetzt wurde.

Nun könnte man als Hersteller überlegen, ’na, schön dass unsere Pille trotz all der Nebenwirkungen und besseren Konkurrenzprodukte überhaupt noch ein Einsatzgebiet hat und damit Umsatz bringt‘. Nicht so jedoch der Pharmakonzern Abbott.
Dem reichte der Umsatz als „Verstärker“ nicht. Im Jahr 2003 begann man zu überlegen, was denn getan werden könnte, um den eigenen Marktanteil zu sichern und den Umsatz anzukurbeln. Welch perfide Vorschläge dabei ernsthaft erwogen wurden, enthüllte jetzt das Wall Street Journal.

Eine der Ideen: der Pharmakonzern könnte Norvir in den USA ganz vom Markt nehmen – um Wettbewerber zu schädigen, die Norvir als Verstärker (Booster) für ihre Medikamente nutzen (und dann nicht mehr einsetzen könnten).
Eine weitere Option: die Kapseln durch den Saft zu ersetzen (der wirklich so eklig schmeckt, dass selbst die Außendienst-Mitarbeiter des Konzerns sich nach Ausprobieren weigerten, die Probe zu wiederholen).
Dies hätte Patienten vermutlich gezwungen, auf das konzerneigene Medikament Kaletra zu wechseln (in das Norvir selbstverständlich als Booster, und geschmacksneutral, eingebaut ist).

Was hätten diese Alternativen in der Praxis bedeutet?
Abbott hätte Norvir (Kapseln) vom Markt genommen. Da wenig Umsatz, wäre der direkte finanzielle Verlust nicht sehr groß gewesen.
Die Patienten und ihre Ärzte hätten sich entscheiden müssen. Sie könnten weiterhin Medikamente eines anderen Herstellers einnehmen, aber nur ohne „Verstärker“, oder nur mit dem wirklich unerträglich schmeckenden Norvir-Saft. Oder sie wechseln zu einem Produkt von Abbott (hier also Kaletra) – denn in seine eigenen Pillen baut der Konzern selbstverständlich den Verstärker auch weiterhin ein, auch mit erträglichem Geschmack.

Um dem ganzen noch einen besonderen Akzent zu geben, wurde diskutiert, wie denn diese schwer erträgliche Entwicklung vor Ärzten und Patienten gerechtfertigt werden könnte. Die perverse Idee: die ‚dritte Welt‘ könnte doch die Schuld bekommen. Man benötige alle Produktionskapazitäten, um den Staaten der ‚Dritten Welt‘ ausreichend Norvir zur Verfügung stellen zu können, so das Gedankenspiel zur Begründung der diskutierten Möglichkeit, Norvir in den USA vom Markt zu nehmen.

Und wie gingen diese perfiden Planspiele aus?
Der Pharmakonzern entschied sich im Dezember 2003 für eine dritte Option. Der Preis für Norvir wurde in den USA erhöht, und zwar drastisch.
Die angenehme Nebenfolge für Abbott: während sich die Gesamt-Preise für die Produkte der Wettbewerber, die ja das nun 5fach teurere Norvir als Verstärker benötigen, massiv erhöhten, würde Kaletra (das hauseigene Produkt mit ‚eingebautem‘ Norvir-Verstärker) preislich attraktiver sein und dadurch massive Marktanteile gewinnen.
Diese Begründung wurde natürlich nie offiziell gegeben. Abbott begründete vielmehr die Preiserhöhung damit, der neue Preis reflektiere nun endlich den ‚wahren Wert‘ der Substanz in der Therapie.

Der ‚wahre Wert‘ allerdings erschreckte nicht nur Marktbeobachter, Ärzte und Patienten. Abbott verfünffachte (!) den Preis von Norvir in den USA.
Der Großhandelspreis für eine Packung Norvir-Kapseln (100 Stück à 100mg) wurde von Abbott erhöht von 205,74 US-$ auf nunmehr 1.028,71$. Trotz massiver Proteste von Ärzten, Aktivisten, Patientenvertretern und Gesundheitspolitikern blieb es bis heute bei dieser Preiserhöhung.

Eine Geschichte, die beinahe so klingt, als hätten sie Drehbuch-Autoren wenig ambitionierter Movies sich nachts aus den Fingern gesogen – und die dennoch traurige Wirklichkeit ist.
(weitere Informationen: Hintergrundinformationen hier)
Norvir und Kaletra sind geschützte Warenzeichen von Abbott

10 Gedanken zu „Gewinne Gewinne Gewinne“

  1. Na ja, bin fast sprachlos….
    Und jetzt soll mir doch jemand sagen dass es nicht nur um das eine geht – geld, geld, geld?!
    „Toll!“

  2. @ sretan & zaljubljen:
    na ja – bei medikamenten und gesundheit sollte es nicht nur um das eine gehen, bin ich der ansicht. vor allem, wenn duchr solche maßnahmen wie die hier überlegten wirksame therapien von patienten auf dem spiel gestanden hätten …
    wie schade dass ich euer blog 8sprachlich) nicht verstehe – gibt’s dafür auch n babbelfisch?
    lg ulli

  3. @ all:
    derzeit sind einige kommentare mit dem vermerk „diese post wurde vom blog-administrator entfernt“. dies waren spam-kommentare voller links zu externen seiten, ohne bezug zum blog.
    (nur zur transparenz „wat löscht denn der da?“)
    lg ulli

  4. Ach onda_maris, die gleiche ansicht habe ich auch, aber wenn ich sowas lese frage ich mich ob es vielleicht irgenwo auf der welt schon ein bekanntes heilmittel fur AIDS, Krebs und viele andere toedliche krankheiten gibt aber sie geheim gehalten werden um der medikamenten industrie nicht zu schaden…
    Was es babbelfisch angeht glaube nicht dass es bei den sprachen aus ex-yu staaten weiterhelfen kann… und selber fuehle mich nicht so mutig meine gedanken in deutscher sprache so zu schreiben… in meinem kopf denke ich immernoch in meiner muttersprache 🙂
    LG aus Sarajevo 🙂

  5. @ sretan & zaljubljen:
    mit dem verdacht bist du sicherlich nicht ganz alleine – und der gedanke, dass die pharmaindustrie eher an einer lebenslangen therapie als an einer (einmaligen) heilung interessiert sein könnte, ist ja auch schon mehrfach geäußert worden.

    was die übersetzungen angeht, scheint’s tatsächlich mit ex-yu – sprachen schlecht auszusehen, schade schade. würd mich sehr interessieren was du schreibst – kann aber auch deine zurückhaltung verstehen

    lg nach sarajevo, inzwischen wieder aus berlin,
    ulli

  6. Brasilien hat sich erfolgreich gegen die Preispolitik von Abbott gewehrt, indem sie der Firma drohte, das Medikament Kaletra selbst herzustellen. Ob wegen der Preiserhöhung von Norvir sich jemand erfolgreich gegen Abbott durchgesetzt hat, weiss ich nicht. Die damalige Erhöhung des Preises galt zuerst nur auf dem amerikanischen Markt, deshalb zeigten sich die Pharmavetreter zunächst überrascht, als sie von unseren Ärzten darauf angesprochen wurden. Da kurz darauf das neue Kaletra herauskam, hat sich der Protest wohl verlaufen…? Oder fehlen mir da nur die Informationen?

    Lg Kalle

  7. @ kalle:
    guter hinweis, brasilien steht m.e. eh für eine sehr an den interessen der eigenen bevölkerung orientierte und insgesamt sehr erfolgreiche aids-politik.

    die 500%-preiserhöhung norvir galt explizit für den us-markt – insofern (derzeit) nicht für andere staaten relevant. was geschehen wird, wenn die neue norvir-formulierung kommt – das bleibt mit spannung abzuwarten

    lg ulli

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