‚wie fremdes Erbrochenes‘ – Abbotts Norvir-Planspiele (akt.)

Der Pharmakonzern Abbott erwog -wie jetzt öffentlich gewordene Dokumente zeigen- 2003/2004 ernsthaft, ein wichtiges Aids-Medikament vom Markt zu nehmen – Wettbewerber hätten Marktanteile verloren, Patienten hätten in diesem Fall ein anderes Abbott-Produkt nehmen oder die ekelhaft schmeckende Saft-Alternative einnehmen müssen. Abbott hätte profitiert ….

Der Pharmakonzern Abbott hat am 4. Dezember 2003 die Erhöhung des Preis für sein Aids-Medikament ‚Norvir’® (einen Proteasehemmer) in den USA um 400% (!) angekündigt. Gegen diese Erhöhung wehrt sich u.a. eine Mitgliedsorganisation der Gruppe ‚Prescription Access Litigation‘ (PAL) mit einer Klage (siehe ‚Norvir-Preis vor Gericht‚).

Im Rahmen des Prozesses (‚Antitrust Litigation‘) sind nun auch Dokumente öffentlich geworden, die einen schon lange formulierten Vorwurf zu belegen scheinen. Abbott habe, so der Verdacht, damals als eine der Alternativen auch überlegt, Ritonavir (der Wirkstoff, der unter dem Handelsnamen ‚Norvir’® vermarktet wird) als Kapsel einfach komplett vom Markt zu nehmen (siehe ‚Gewinne Gewinne Gewinne‚) – um so Ärzte und Patienten mehr oder weniger zu zwingen, ein weiteres Produkt des Konzerns zu nehmen (statt Konkurrenz-Produkte anderer Hersteller):

Laut Prozess-Unterlagen (‚exhibit #14‘) wurde als eine Alternative die Einstellung der Norvir®-Produktion überlegt. Es wurde diskutiert „den verbleibenden Vorrat nach Afrika zu geben und die Ritonavir-Produktionsanlage zu schließen“.

Eine weitere in den damaligen Diskussionen erwogene Variante war, Norvir®-Kapseln komplett vom Markt zu nehmen („Withdrawal of Norvir Capsules“, exhibit #18), und nur noch den Saft verfügbar zu halten. Dieser Saft zeichnet sich (neben seinem Wirkstoff) durch eine Eigenschaft aus – einen Geschmack, der fast nur als ekelhaft-faulig zu bezeichnen ist (oder mit den Worten eines Abbott-Mitarbeiters als ‚wie fremdes Erbrochenes‘ schlucken zu müssen, siehe ‚exhibit #5), und der fast nicht zu übertünchen ist. Eine Eigenschaft, die den Saft letztlich keine einnehmbare Alternative zu den Kapseln sein lässt. Selbst Firmenvertretern wurde es bei Geschmackstests übel …

Und dennoch wurde als einzige Schwachstelle bei diesem Plan gesehen, dass einem „von anderen Pharmaunternehmen befeuerten Aufschrei“ durch Hinweisen auf deren Motivation begegnet werden müsse (exhibit #18). Vorteile hingegen seien, so exhibt #18, u.a. dass das Risiko von Untersuchungen seitens der Regierung anlässlich einer Preiserhöhung reduziert werden könne, zudem „it will significantly level the competitive playing field regarding convenience“ – Wettbewerber werden geschwächt.
Zielrichtung war insbesondere der Proteasehemmer Atazanavir, Handelsname ‚Reyataz’® des Wettbewerbers BMS („Reyataz würde ohne Norvir®-Boosten kaum zusätzlichen Nutzen in der Behandlung von HIV-Patienten bringen“, exhibit #39).

Die über die Abbott-Planspiele Aufschluss gebenden und nun im Prozess behandelten Unterlagen und Diskussionen sind jetzt öffentlich geworden. PAL hat einige besonders ‚interessante‘ Dokumente auf einer Internetseite frei zugänglich gemacht. Der interessierte Leser findet hier spannende und aufschlussreiche Einblicke in die Denkweise eines Pharmakonzerns, wie weit hier Patienteninteressen eine Rolle spielen, und welche Bedeutung Marktanteile und Profite haben.

Vergangenen Monat ordnete das Gericht an, einige der im Prozess gegen Abbott verwendeten Dokumente öffentlich zu machen. Abbott hatte zuvor das zu verhindern versucht mit dem Hinweis, hier ginge es um „Geschäftsstrategien“.
Der Prozess selbst wird im August 2008 fortgesetzt.

Nachtrag 05.09.2008: wie PAL berichtet, haben sich die Prozessbeteiligten in einem weiteren Schritt auf einen Einigungsvorschlag verständigt, der u.a. Zahlungen von Abbott in Höhe von 10 bis 27,5 Mio. US-$ vorsieht. Die konkrete Höhe wird u.a. vom Urteilsspruch abhängen.

Warum mag Abbott diese ‚Denkmodelle‘ erwogen haben?
Norvir® ist nicht ‘irgendein’ Proteasehemmer. Das Medikament wird vielmehr auch benötigt, um den Wirkstoffspiegel anderer Medikamente anzuheben, so dass diese dadurch erst ihre optimale Wirksamkeit erreichen (sog. Boosten). Diese Medikamente werden jedoch von anderen Unternehmen hergestellt. Wäre Norvir® komplett oder auch nur als Kapsel vom Markt genommen worden, hätte dies drastische Auswirkungen darauf gehabt, ob und in welchen seltenen Fällen die anderen Medikamente überhaupt noch hätten angewendet werden können. Stattdessen hätten Ärzte und Patienten beinahe zwangsläufig auf ein anderes Produkt des Pharmakonzerns Abbott (in dem der Wirkstoff von Norvir® mit eingebaut ist) ausweichen müssen.

Norvir® Kapseln vom Markt nehmen – das würde im Ergebnis bedeuten ’sollen die Patienten doch ekelhaftest schmeckenden Saft trinken müssen, Hauptsache wir können unsere Wettbewerbsposition verbessern‘.
Beweggrund war dabei der Marktanteil, und „anxious investor calls“ (exhibit #29)- es ging um den Profit. Auch bei der schließlich in den USA realisierten Preiserhöhung auf das Fünffache- teureres Norvir® mache es für Wettbewerber unattraktiver, neu konkurrierende Medikamente auf den Markt zu bringen, so die Hoffnung (exhibit #49).

Der Pharmakonzern Abbott scheint eh nicht zimperlich im Durchsetzen eigener kommerzieller Interessen. So hatte Abbott angedroht, Thailand nicht mehr mit neuen Medikamenten zu beliefern, nachdem das Land (in dem eine hohe Zahl HIV-Positiver lebt), entsprechend geltenden Regelungen angekündigt hatte, eine günstigere generische Version eines Abbott-Aids-Medikaments herzustellen oder zu importieren. Abbott klagte gegen ACT UP, nachdem die Aids-Aktionsgruppe in diesem Zusammenhang zu einem Internet-Protest aufgerufen hatte.

Die neuen Dokumente aus dem Prozess gegen Abbott machen nun einmal mehr nachvollziehbar, warum einige sich die Frage stellen, ob es überhaupt noch vertretbar ist, mit dem ein oder anderen Unternehmen Kontakt zu pflegen, gar Geld anzunehmen.
„Auch mal deutlich nein sagen …“, dass dies eine Alternative sein kann, zeigte jüngst die Münchner Aids-Hilfe.

Hinweis: Norvir® ist eine eigetragene Marke von Abbott, Reyataz® eine eingetragene Marke von BMS

15 Gedanken zu „‚wie fremdes Erbrochenes‘ – Abbotts Norvir-Planspiele (akt.)“

  1. ich bin mir nicht ganz sicher ob ich es verstanden habe.
    Abbott wollte die preise für norvir – ein hochwirksamen mittel wegen seiner boosterfähigkeit im zusammenhang mit medis anderer hersteller i.e. bessere wirksamkeit der entsprechenden kombi und somit besserer schutz des einzelnen – erhöhen mit dem ziel – . . . . . .ab hier verstehs ich s nicht mehr. wenn man dann auf ein anderes von abbott hergestelltes medikament in dem der gleiche wirkstoff enthaten wär hätte zrückgreifen müssen – dann würde die boosterwirkung mit medis anderer herstellung ja dennoch vorhanden gewesen sein.

    was ich aber verstehe ist

    beweggrund war dabei der Marktanteil, und “anxious investor calls” (exhibit #29)- es ging um den Profit. Auch bei der schließlich in den USA realisierten Preiserhöhung auf das Fünffache- teureres Norvir mache es für Wettbewerber unattraktiver, neu konkurrierende Medikamente auf den Markt zu bringen, so die Hoffnung

    und was ich auch verstehe ist was hier zum ausdruck kommt

    Information oder Des-Information?

    Die Pharmaindustrie bemüht sich bereits jetzt intensiv um Ärzte, und startet immer neue Initiativen, um auch den Zugang zu Patienten zu erhalten. Findet hier Information statt, oder Desinformation? Wie weit reicht der Einfluss der Pharmaindustrie?

    oder um es auf den punkt zu bringen: abbott ist es egal was mit den kranken menschen betrifft aber nicht auf seinen profit.

    hier ist der staat – die politiker gefordert. aber nicht wie dieser „schwachkopf Mansfield es fordert “

    Als wichtige Konsequenz wies Mansfield darauf hin, dass es darauf ankomme, statt ‘interessen-geleitetem Geld’ der Pharmaindustrie ‘neutrales Geld’ zur Verfügung zu stellen für Forschung, Patienten-Information etc. Hier sei der Staat mehr als bisher gefordert.

    sondern in dem sinn das der staat dirigistisch eingreift – und wenn s mit ner drohung einer verstaatlichung sei. es kann nicht angehen das konzerne – vorstände bzw großaktionäre oder inhaber sich auf dem rücken kranker menschen – wie auch der menschen im algemeinen – gemeinhin auch als gesellschaft bezeichnet – persönlich bereichern. profit auf kosten von krankheiten von menschen zu machen – wie krank ist das denn . . . . . 🙁

    hier zeigt sich wieder einmal wie notwendig gruppen wie act up sind – wie notwendig ein engagement ist um diesen legalen mafiösen strukturen – denn um nichts anderes handelt es sich – entgegenzutreten.

  2. @ Dennis:
    zu einer zeit, als norvir überwiegend nicht mehr als selbständiger pi eingesetzt wurde sondern zum boostern anderer pis, einer zeit in der wettbewerber mit ihren produkten marktanteile gewannen, überlegte abbott verschiedene denkmodelle, was man denn machen könne, um den norvir-umsatz zu ’schützen‘. eines der denkmodelle hierbei war, die norvir-produktion ganz oder teilweise (kapseln) einzustellen. – jetzt klarer?

    noch deutlicher: hätte es überhaupt kein norvir mehr gegeben, wäre selbiges nur noch in Kxxxxra (ebenfalls ein abbott-produkt, und DAS sollte sehr wohl inkl. ritonavir weiter hergestellt werden) enthalten gewesen – das wäre damit wohl der einzige geboostete pi auf dem markt gewesen

    dein resüme „abbott ist es egal was mit den kranken menschen betrifft aber nicht auf seinen profit“ – nun, wenn du diesen eindruck gewinnst …

    ob verstaatlichungen heutzutage eine realistische politik-alternative darstellen? ich wage das doch zu bezweifeln …

    dass act up -oder andere vergleichbare aktionsformen- allerdings eine sinnvolle bereicherung wären, ja den eindruck kann man wieder einmal bekommen …

  3. Hi Ulli,

    als ehemaliger Safttrinker kann ich dem ekelerregenden Geschmack nur zustimmen. Nutella oder Nougatschokolade direkt danach linderte einwenig das unvergleichliche Gusto auf der Zunge…Allerdings musste man sich im Lokal immer sehr bedeckt halten, wollte man nicht die skeptischen Blicke der anderen Gäste auf sich ziehen, wenn man nach z. B. einem Saltimbocca alla Romana, eine grell orangene Flüssigkeit zu sich nahm, und danach auch noch einen Riegel Schokolade verspeiste *fg.

    Ich kann mich noch an diesen Erpressungsversuch von Abbott erinnern, und weiss, dass sich damals viel Unmut und Protest bildete. Aktuell kann man gegen diese Profitgier der Pharmaunternehmen angehen, beispielsweise bei der „5. Nacht der Solidarität“ am 7. Juni 2008 vom Aktionsbündnis gegen AIDS, welches eine Unterschriftenaktion „Leben vor Pharmaprofit – Patente können tödlich sein“ gestartet hat: http://www.aids-kampagne.de/aktiv/solidaritaet.html,

    lg Kalle

  4. @ Kalle:
    ja, so mancher kann sich noch an die zeiten der “leckeren“ saft-erfahrungen erinnern … nur abbott-mitrarbeiter anscheinend nicht …
    danke für den link auf ‚leben vor profit‘ !
    lg ulli

  5. Pingback: Bittere Medizin - Oder : Die Profitgier der pharmazeutischen Industrie « The Gay Dissenter
  6. @ MithrasX:
    ad 1) na mann könnte ja spekulieren. vielleicht hätte so der ein oder andere pharmakonzern an heilung wenig interesse, oder nur wenn er damit SEHR viel geld verdienen könnte – denn an der behandlung chronishc kranker verdient sich’s auf dauer zuverlässig und gut 😉

    ad 2) es gibt m.w. auch kleine innovative biotech-unternehmen, die an ansätzen für heilung forschen.
    generell weist dies aber darauf hin, dass wir dringend auch wieder mehr pharma-unabhängige forschung benötigen – nicht nur bei aids, auch bei anderen krankheiten wie krebs …

  7. Also bei solchen Nachrichten frage ich mich immer wieder:
    1. Wenn es um reinen Profit geht, was würde passieren wenn einer dieser Konzerne ein AIDS-Heilmittel in die Finger bekäme? Heilmittel kann man genau einmal verkaufen. Die Behandlung von chronisch kranken Menschen ist da doch viel lukrativer.
    2. Vor diesem Hintergrund: Wird von den Pharmakonzernen überhaupt an so einem Mittel geforscht? Oder gehen die Gelder nur in weitere Langzeit-Medis?

    Nur mal so als erschreckendes Gedankenspiel….

  8. @ MithrasX, Ondamaris:

    Wenn es so ein Mittel gibt, wird es auch auf den Markt gebracht. Da lässt sich auf einen Schlag so viel Geld verdienen, da kann kein Vorstand nein sagen.

  9. @ Stefan:
    ich bin mir nicht sicher, in wie weit du da zu optimistisch (oder marktgläubig) bist. ich hab selbst schon situationen mit erlebt, in denen (auf damaligem niveau) erfolgversprechende impftsoff-ansätze aus sachfremden erwägungen im safe verschwanden, statt weiter untersucht zu werden.
    ähnliches ist von neuen medikamenten bekannt, die nicht (!) weiter entwickelt werden durften, weil zunächst der vorläufer sein geld verdienen musste …
    also … ich wär mir da nicht so sicher …

  10. @ Ondamaris:

    Vor ein paar Jahren hätte ich Dir zugestimmt. Aber heutzutage bestimmt der Blick bis zum nächsten Quartalsabschluss das geschäftliche Handeln. Ein Szenario könnte so aussehen (dabei den üblichen Fall angenommen, dass die Vorstände, bzw vergleichbare Funktionsinhaber im angelsächsischen Raum) am Unternehmen beteiligt sind bzw Anrechte auf Anteile haben.

    1. Es wird angekündigt, dass das Unternehmen kurz vor dem Abschluss der Entwicklung eines solchen Medikaments steht. Der Aktienkurs geht nach oben.

    2. Der erfolgsreiche Abschluss irgendwelcher Tests wird verkündet. Der Aktienkurs geht in die Höhe.

    3. Die Markteinführung wird angekündigt. Der Aktienkurs steigt weiter. Die Verträge der Vorstände werden wegen ihrer grandiosen Geschäftspolitik vorzeitig verlängert.

    4. Die Markteinführung findet statt. Der Aktienkurs erreicht die Höchstmarke. Die Vorstände verkaufen ihre Anteile/Anrechte.

    5. Der Aktienkurs bricht zusammen, weil ein Konkurrent ein preiswerteres Produkt auf den Markt bringt. Die Vorstände werden wegen verfehlter Geschäftspolitik unter Zahlung von Abfindungen in dreistelliger Millionenhöhe entlassen.

    Will sagen: Für die Patienten kann die gegenwärtige Ausprägung von Marktwirtschaft vorteilhaft sein.

  11. @ Stefan:
    das mag ein (defätistisches) szenario sein.

    allein, mit hiv-medikamenten lässt sich prima geld verdienen, es geht halt um hochpreisige pillen http://www.ondamaris.de/?p=962

    da kommen schnell mal einige zehntausend euro jahres-therapiekosten zusammen.
    wenn ein patient diese pillen zehn oder zwanzig jahre nimmt (so seine leber etc das mitmachen), lässt sich überschlägig ausrechnen, was eine „heilung“ kosten müsste, um den entgangenen gewinn durch medikamentenverkauf wettzumachen …

  12. Wieviele HIV+ Menschen gibt es? Rechne die Zahl einfach mal 100 € (griffweise Schätzung des Medikamentenpreises, nur um eine Rechengröße zu haben). Bei dem Wert, da dabei heraus kommt, fragt niemand mehr, welche Gewinne sich über Jahrzehnte erzielen lassen.

  13. @ Stefan:
    in d werden ca. 25.000 bis 30.000 positive in therapie geschätzt. durchschnittlich vielleicht 15.000€ jahrestherapiekosten = gesamtumsatz von ?
    und das mal zahn, zwanzig oder mehr jahre therapie?
    da müsste ein ‚heilungs-medikament‘ schon einiges kosten …
    geschweige denn, dass das dann ein ‚luxus-medikament‘ für positive in industriestaaten wäre … und über 90% der positiven der welt ‚in die röhre gucken‘ würden …

    sind nur so ‚worst-case‘-spekulationen … die aberbekannterweise auch in der pharmaindustrie gemacht werden

  14. Nun Ulli,

    ich könnte jetzt noch ein paar Szenarien bilden, die meine These stützen, aber es führt uns nicht weiter. Letztlich bleibt nur zu hoffen, dass die Forschung nicht nur im industriellen Bereich in alle Richtungen mit Nachdruck weitergeführt wird und hoffentlich weitere Erfolge zeitigt.

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