Essen: Zahnarzt verweigert HIV-Positivem die Behandlung

Ein Zahnarzt in Essen verweigert einem HIV-Positiven nach dessen Aussage die Behandlung – er habe keine Lust, sich einer Gefahr auszusetzen.

Nicht nur in Rheinland-Pfalz kündigt eine Klinik einem HIV-Positiven eine Behandlungs-Verweigerung an, in Nordrhein-Westfalen ist ein neuer Fall bekannt geworden, in dem ein Zahnarzt einem HIV-Positiven nach dessen Aussage die Behandlung verweigerte.

Marcel D. besucht seinen Zahnarzt in Essen, zu einer Routine-Kontrolluntersuchung. Marcel weiß seit einigen Monaten von seinem positiven HIV-Status, von dem er seinem Zahnarzt berichtet:

„Ich bin ja immer sehr ehrlich, was die Infektion angeht, da ich finde, wenn jemand davon weiß, kann er besser damit umgehen, besonders im medizinischen Bereich!
Ich sitz also so im Wartezimmer rum, werde aufgerufen, setz mich auf den Stuhl, der übrigens voll bequem ist und warte auf den Arzt. Als er kommt, erkläre ich ihm, dass ich seit einigen Monaten HIV-Positiv bin …“

Ein Zahnarzt könnte jetzt souverän und informiert reagieren mit Worten wie „Danke dass Sie mir das mitteilen, ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen – das ändert aber nichts, ich schütze meine Patienten und mich eh“.

Nicht so dieser Essener Zahnarzt, wie Marcel D. berichtet:

„Er fand das leider nicht besonders toll, reagierte sogar sehr aggressiv und schnauzte mich an, warum ich ihm das nicht vorher gesagt hätte und das er keine Lust habe sich solch einer Gefahr auszusetzen. Im Endeffekt habe ich dann die Praxis Wortlos verlassen …“

Marcel verlässt fassungslos und unbehandelt die Zahnarzt-Praxis – während die Praxishelferin seinem Bericht zufolge zur Desinfektion herbeieilt.

Guido Schlimbach, Pressesprecher der Aidshilfe NRW, kommentierte gegenüber ‚ruhrbarone‘:

„Ein Kassenarzt hat nicht das Recht einen HIV-positiven Patienten abzulehnen. Das kann ihn seine Zulassung kosten. Jedem, dem so etwas passiert kann ich nur raten, sich bei der für den Arzt zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung zu beschweren.“

weitere Informationen:
marceldams-Blog 03.02.2010: Mein letzter Zahnarztbesuch
ruhrbarone.de 04.02.2010: Zahnarzt weist HIV positiven Patienten ab (Artikel nicht mehr online, aber noch im Google Cache)
lesenswert: die Kommentare auf den Link-Tipp zu diesem Artikel im law blog von Udo Vetter
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19 Gedanken zu „Essen: Zahnarzt verweigert HIV-Positivem die Behandlung“

  1. Zahnärzte sitzen auf einem „hohen Pferd“! So was ähnliches ist meinem Männe ebenfalls passiert. Wir haben uns aber bei der Zahnärztekammer beschwert. Der Zahnarzt bekam eine Abmahnung.
    Ein anderer Fall passierte uns zur „Nacht der Solidarität“ . In der Nachbarschaft der AH Koblenz ist eine Zahnarztpraxis. Wir wollten über den Balkon der Praxis an einen Fahnenmast des Hauses um dort die Fahne mit der AIDS-Schleife und dem Solgan „Leben ist ein Menschenrecht“ auf zu hängen. Genehmigung des Hausbesitzers hatten wir. Der Zahnarzt gestattete uns das nicht. Er würde Menschen die ein ausschweifendes Sexualleben hätten und Trogenabhängig wären, nicht unterstützen. Es gäbe auf der Welt wichtigeres. Auch hier setzten wir uns zur Wehr und erreichten, dass wir die Fahne doch aufhängen konnten. An der Einstellung dieses Deppen konnten wir leider nix ändern.

  2. Würde ich auch machen.

    Ganz im ernst. Warum, auch als Arzt soll ich für eine Routineuntersuchung mein Leben gefährden? Dafür gibt es keinen Grund.

    Anders sieht es aus bei Notfall-OPs.

  3. @ Johannes:
    bestürzend, dass Sie das „auch“ so machen würden.
    denn – bei wie vielen Ihrer Patientinnen und Patienten wissen Sie nicht, ob sie z.B. mit HIV, Hepatitis oder anderen Krankheitserregern infiziert sind?
    Ein Arzt, der umsichtig handelt -im Interesse seiner Patienten wie auch seines selbst- wird also immer, unabhängig von einer etwaigen Ankündigung, sich und seine Patient/innen schützen und sich entsprechend verhalten.

    Ärzte, die sich so umsichtig und vorbeugend nicht verhalten, wären sicherlich -unabhängig davon, ob und womit ich (oder nicht) infiziert wäre- sicherlich keine Ärzte, die ich wählen würde – schon um mich selbst zu schützen …

  4. @ Johannes: Die letzte Fortbildung liegt aber wohl schon lange zurück. Wieso „Leben riskieren“? HIV ist eine gut behandelbare chronische Erkrankung.
    @ alle
    Ein Arzt mit solchen Neurosen müsste sein Handwerk doch eigentlich an den Nagel hängen, oder?! Wie kann ich denn wissen ob ein zu behandelnder Patient HIV+ ist, oder nicht? Deshalb macht ja dieser Waschzettel, den man vor einer Zahnarzt-Behandlung – und jährlich wieder – ausfüllen soll, auch gar keinen Sinn. Pruust! :´))
    30% der HIVpositiven bei uns wissen doch gar nicht ob sie positiv sind. Also – wie beim Sex ohne Absprachen – sollte der Arzt doch immer davon ausgehen, dass der zu behandelnde Patient/die Patientin positiv ist! Und wenn der Herr Doktor mit „HIV+-Sein“ einen bestimmten Lebenswandel konnotiert, dann ist er doch selbst extrem gefährdet bei der Wahl seiner Sexpartner(innen). Seroguessing? Na ich würde mir jedenfalls einen Zahnarzt suchen, der mehr Verstand in der Birne hat als eine alte Zahnbürste! Und wird HIV nicht vornehmlich und bekanntlich beim Sex weitergereicht? Aus der Epidemiologie ist jedenfalls nirgendwo zu hören, dass Zahnärzte besonders von HIV betroffen sind.
    Also nee, diese Ärzte brauchen selber welche. Dringend.
    Noch eine Frage: Mein Zahnarzt ist schwul. Muss ich Angst haben, dass er mich bei der Behandlung infiziert? Sollte ich ihn nicht besser vor der Behandlung um ein aktuelles Gesundheitszeugnis bitten? Es gibt ja auch noch andere Krankheiten. Und was die alles am Tag so anfassen. Ist ja voll eklig.

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  6. Bin durch Wikipedia auf den Fall aufmerksam geworden und sehr empört. Ich bin zur zeit Lehramtsreferendar und werde den Fall in meine Unterrichtsstunde über HIV/AIDS bei den Zahnarzthelferinnen vorstellen.

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  8. @ Richie: Wenn Sie mit einem eingedämmten HIV Virus leben wollen: Be my guest.

    Ich kann verzichten.

  9. Tja, keine Kassen“zahn“ärztliche Vereinigung wird in wegen einem Fall rauswerfen, er hat keine negativen Folgen zu befürchten, also passt für ihn alles.

  10. @Johannes/Johanens
    Dann müssten Sie konsequent auch auf ihre Berufsausübung verzichten, zumindest was den Kontakt zu Patienten in der Praxis angeht. Und nicht nur darauf, leider. Klingt komisch, ist aber so.
    Fahren Sie Auto? Fliegen Sie mit Flugzeugen?

  11. @ DB:
    nun – es gibt neben dem „rauswruf“ auch andere sanktionsmöglichkeiten, die die kzv nutzen könnte … warten wir ab …

  12. nun ich kann auf zahnärzte verzuichten .
    somit beruht es auf gegenseitigkeit.
    aber alle zehn jahre wenn ich mich überwinde mich einem auszuliefern, bin ich heilfroh an einen menschen zu gelangen, der sich mehr um zähne und angst kümmert.

    es gibt unendlich viel zu tun im medizinischen umfeld, es ist haarsträubend.

  13. 1. Ein Arzt, der die Grundlagen der klinischen Hygiene beachtet, ist vor einer (beruflich erworbenen) HIV-Infektion sehr sicher. Die Grundlagen der klinischen Hygiene zu ignorieren und stattdessen die Behandlung infektiöser Patienten zu verweigern ist keine Option, weil nur ein Bruchteil dieser Gruppe von ihrer Infektiosität weiß. Von der rechtlichen Situation mal abgesehen.

    2. Ein Arzt, der die Grundlagen der klinischen Hygiene erst auf Zuruf seiner Patienten beachtet, stellt eine größere Gefahr für seine Patienten dar als die für ihn. Das gilt ganz besonders für seine immungeschwächten Patienten. Ein Arzt, der eine Gefahr für seine Patienten darstellt, gehört aus dem Verkehr gezogen.

    3. Die Zahl der Hepatitis C Infizierten in Deutschland liegt bei mehr als dem 10fachen der Zahl der HIV-Positiven. Und das ist nur _ein_ weiteres Beispiel für eine potenziell lebensbedrohende Infektion. Diese Verengung des Blicks auf HIV ist einfach nur dämlich. Wer möchte sich schon von dämlichen Ärzten behandeln lassen? Eigentlich muss man so einem Mediziner als Patient dankbar für die frühzeitige Warnung vor seiner Inkompetenz sein. (Achtung! Ironie!)

    4. HIV-Positive, die von ihrer Infektion wissen, sind in der Regel behandelt und haben eine entsprechend niedrige Viruslast. Je niedriger die Viruslast, desto geringer das Infektionsrisiko. Die höchste „Gefährdung“ für so einen gemeingefährlichen Arzt, der die Grundlagen der klinischen Hygiene erst auf Zuruf seiner Patienten beachtet, geht also gerade von den Patienten aus, die nichts von ihrer Infektion wissen.

    Ich setze Gefährdung in Anführungszeichen, weil die Gefahr für Arzt und Patient hier tatsächlich von der Inkompetenz und der aggressiven Dämlichkeit des Arztes ausgeht, nicht von der Infektion des Patienten.

    5. Je mehr solcher gemeingefährlichen Ärzte praktizieren, desto höher ist der Anreiz, sich nicht auf HIV testen zu lassen, desto mehr Leute sind unterwegs, die nichts von ihrer HIV-Infektion wissen. Konsequenz: siehe Punkt 4.

    Fazit: So eine ärztliche Reaktion ist keine Petitesse. Sie ist nicht nur für HIV-positive Patienten eine unerträgliche Zumutung, sondern auch aus dem Public Health Blickwinkel eine Katastrophe. Zur Eindämmung der Pandemie ist es mindestens so wichtig, solche Ärzte aus dem Verkehr zu ziehen, wie das Propagieren von Safer Sex und Safer Use. Ich weiß, Handwerk hat goldenen Boden. Aber: Es wäre ganz wunderbar, wenn solches Grundlagenwissen demnächst auch mal die Ärztekammern erreichte.

  14. bitte aufwachen!
    erst gestern wurde ich telefonisch bei terminanfrage von einem berliner zahnarzt abgewiesen mit der begründung, das er nur einen stuhl zur verfügung habe.

  15. Was ist denn mit den Zahnärzten los? Hat ihnen Stich Angst gemacht?
    @ shaveskin
    Also echt? Nur einen Stuhl zur Verfügung? Zum Glück gibts noch mehr Zahnärzte in Berlin.

  16. Hatte das selbe Problem nach bekanntwerden meiner HIV-Infektion. Die Ärztin in meiner Nähe sah mutwillig dabei zu wie ich eine Tamponade in den Hals bekam und half mir nicht, wäre fast erstickt, bin ganz schön blau im gesicht gewesen. Musste die ausgewürgte Tamponade in ein mit Desinfektionsmittel gefüllten Plastikbecher geben, durfte nichts anfassen, sie gaben mir ein desinfektionstuch. Wollte mir die 10 Euro nicht zurückerstatten. Ich beschwerte mich bei der Zahnärztlichen Kammer und es kam raus das sie angeblich von meiner Infektion nichts wusste, dabei habe ich es auf den Fragebogen geschrieben. Die örtliche Tageszeitung wurde auch Informiert und ich weiß nicht was bei raus kam. DENNOCH mut zur offenheit grad wenn man jahrelang bei dem selben Arzt in Behandlung ist.

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