Zeitenwende 2008

2008 erscheint zunächst bisher als Jahr der schlechten Nachrichten für den Aids-Bereich. Und doch, es könnte sich als eine ähnlich bedeutende Zeitenwende wie zuletzt 1996 erweisen.

Gut sieht es nicht aus auf den ersten Blick. Bedeutende Impfstoff-Studien sind spektakulär gescheitert, viele sprechen von der ‚Vakzine-Depression‘, wenn sie die Situation der Rat- und oftmals Hoffnunglosigkeit beschreiben wollen, noch einen gegen HIV wirksamen Impfstoff entwickeln zu können. Fragen werden gestellt, ob es an der Zeit sei, die HIV-Impfstoffforschung aufzugeben oder zumindest zu Grundlagenforschung zurück zu kehren.
Zudem erleidet die Forschung zu Mikrobiziden -einem besonders für den Selbstschutz von Frauen sehr wichtigen, hier wenig beachteten Forschungsbereich- Rückschläge.

Doch die Nachricht des Jahres dürfte bisher das Statement der Eidgenössischen Aids-Komission EKAF keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs“ sein.
Die Botschaft: unter den von den Schweizern genannten Bedingungen (erfolgreiche HAART, Viruslast seit mind. 6 Monaten unter der Nachweisgrenze, keine Infektionen mit sexuell übertragbaren Erregern) ist eine HIV-infizierte Person „sexuell nicht infektiös„.

Nie zuvor ist diese Botschaft in der Öffentlichkeit von Gesundheitsexperten geäußert worden, war bisher nur Hinterzimmern und privaten Gesprächen vorbehalten.
Und selten hat ein Aids-Statement in jüngerer Zeit mehr aufgeregte Reaktionen hervorgerufen.

Mit dieser Botschaft wird zunächst von vielen Positiven eine große Last genommen. Sie eröffnet neue Chancen auf positives Selbstbewußtsein, auf angstfreier gelebte Sexualität.
Welch wunderbar befreiende Botschaft, unter bestimmten Umständen nicht mehr infektiös zu sein!

Insbesondere (aber nicht nur) für serodiskordante Paare (ein Partner HIV-negativ, ein Partner HIV-Positiv) stellt diese Botschaft eine potenziell sehr befreiende Nachricht dar. Zudem ermöglicht sie zukünftig unter bestimmten Bedingungen, leichter einen Kinderwunsch zu realisieren.

Auch in der Prävention wird die Botschaft gravierende Auswirkungen haben. Dabei scheint die Angst vieler ‚Präventionisten‘ manchmal schwer nachvollziehbar. ‚Kein Risiko‘, diese Konstellation existiert in Sachen Sex nicht. Dass Sex ohne Risiko kaum denkbar ist (nur ‚kein Sex‘ ist risikofreier Sex), dieser Gedanke scheint sich noch nicht überall herum gesprochen zu haben.
Gerade angesichts der derzeitigen Probleme bei einigen bedeutenden präventiven Ansätzen (Impfstoffe, Mikrobizide) sollten doch auch die Chance nicht außer Acht gelassen werden, die in Therapien unter präventiven Aspekten liegen können.

Zudem wird die Schweizer Botschaft auch die Debatten um PEP (post- Expositions- Prophylaxe) neu beleben – ist bei einem erfolgreich therapierten Sexpartner wirklich immer eine PEP erforderlich, angesichts potenzieller Nebenwirkungen verantwortbar?

Was ist „safer Sex“? Oder genauer, „wann ist Sex ’safer‘?„, diese Frage dürfte zukünftig neu zu stellen sein. Sicher gehört dazu die Verwendung von Kondomen. Jedoch – es mag sich erweisen, dass auch eine erfolgreiche Therapie unter bestimmten Bedingungen zu Konstellationen führen kann, in denen kondomloser Sex „safer“ ist.

Das Jahr 2008 könnte sich mit der Schweizer Botschaft – später, im Nachhinein betrachtet – als ähnliche Zeitenwende für Menschen mit HIV und Aids erweisen wie das Jahr 1996.

1996 brachte für Positive die Wende von der Aussicht auf absehbaren Tod hin zu einem Leben mit einer oftmals langfristig behandelbaren chronischen Infektion. HIV-infiziert, das heisst seit 1996 nicht mehr zwangsläufig ‚dem Tod geweiht‘ – 1996 brachte wie es Martin Dannecker formulierte die ‚Auflösung der Gleichsetzung von HIV und Tod‘.

2008 könnte sich als Wende erweisen im Bild von Positiven. Als Abkehr vom dämonisierten Aids. Als Wende in der Wahrnehmung von Positiven, von der potenziell gefährlichen Bedrohung zum attraktiven Sexpartner.

Und als weiterer Schritt in der Wende vom bedeutungsvollen Aids hin zu einer (unter vielen) bedeutungsvollen, aber behandelbaren Erkrankungen, die nicht mehr ganze Biographien über den Haufen wirft.

Vielleicht sogar eine Wende zu einer Situation, in der das vergessene Wort Heilung wieder auf die Agenda kommt. In der neue Ansätze (wie Stammzell-Therapie, Stichwort Berlin Patient) die Perspektive einer Heilung von HIV eröffnen …

Die Diskussionen um kondomfreien Sex bei stabil nicht nachweisbarer Viruslast und keinen STDs hat gerade erst begonnen. Zu gerne würden einige diese Diskussion verhindern (‚das darf man doch nicht laut sagen‚) – Positive sollten sich um ihrer selbst willen engagiert an den Debatten beteiligen, sie einfordern. Und darauf bestehen, dass die Frage, welches Risiko letztlich akzeptabel ist, eine persönliche Entscheidung ist, die von den beteiligten Partnern getroffen wird – nicht von Beamten oder Bürokraten.

15 Gedanken zu „Zeitenwende 2008“

  1. moin uli

    . . . . . auf angstfreier gelebte Sexualität . . . .

    das ist für mich der „Quantensprung“ überhaupt.Das Bedürfnis und Ausleben (von freiwilligem Verzicht abgesehen) von Sexualität gehört für mich zu den lebensnotwendigen – lebenserhaltenden essentiellen Funktionen wie Atmen, Essen, Trinken. Die Ketten aus Vorurteilen, Klisches, Tabus, die mit HIV von der Gesellschaft verbunden wurden und sich einen um den Hals und auf die Seele legten, einem die Luft zum Atmen nahmen – diese Kette ist am zerbrechen – kann endlich abgelegt werden. Dafür kann dem Team um Prof Vernazza nicht genug gedankt werden.

  2. hallo Uli,
    dem Artikel kann ich voll zustimmen, jedoch fehlt für meine Auffassung eine wichtige Aussage für die zielgruppenspezifische Prävention bei MSM der Hinweis, dass für sexuelle Kontakte mit einem HIV+ keine wissenschaftliche Erkenntnisse bei Analverkehr vorliegen.

    Außerdem wurden wir, mein Mann und ich, schon 2002 von dem behandelten Arzt meines Mannes auf die Erkennnisse die jetzt im EKAF- Papier veröffentlicht wurden hingewiesen. Also so neu sind diese Dinge alle nicht.

  3. @ Wolfgang Wermter:
    danke. der artikel ist ja auch eher als ‚meinung‘ und auffrischugn gedacht, ich hab ja schon einige male zur ekaf geschrieben – und bin da auch auf datenlage und zustandekommen der aussagen (auch zu analverkehr) eingegangen.

    dass die dinge nicht so neu sind – genau das ist ja einer der skandale, schon bisher wussten es – eingeweihte! was ekaf macht, ist nur dieses wissen zu demokratisieren, laut zu sagen …

  4. Pingback: Aids » Blog Archive » Zeitenwende 2008
  5. Nach meinem Dafürhalten hat das Jahr 2008 ganz besondere Bedeutung auch für die (mutmaßlich) HIV- Menschen, auch wenn das jetzt noch nicht so gesehen wird. Es wird fast immer nur gefragt, was die Meldungen aus der Schweiz für HIV+ Menschen bedeuten, aber was heißt das alles für einen schwulen Mann (außerhalb einer festen Beziehung)?

    Ulli, Du schreibst sehr zu recht, dass Safer Sex eben nicht bedeutet, dass keinerlei Ansteckungsrisiko besteht. Und genau dass ist etwas, was viele Menschen veranlasst, sich von HIV+ Menschen fern zu halten, schon gar nicht Sex mit ihnen zu haben. Nun ist Sex gewiss nicht alles. Aber ich habe schon seit langem keine Bedenken mehr, mit einem HIV+ Menschen Sex zu haben. Die Schweizer Erkenntnisse sind insofern beruhigend, als sie für den Fall, dass die allseits empfohlenen Safer Sex Maßnahmen versagen – oder, warum auch immer, nicht zum Einsatz gekommen sind -, das große Infektionsdamoklesschwert ein gutes Stück kleiner haben werden lassen. Und das, obgleich nun allseits heftigst darauf hingewiesen wird, dass die ’neuen‘ Erkenntnisse nicht auf MSM übertragbar seien. Mich ermutigt das alles jedenfalls, das Thema HIV offensiver anzusprechen und zB auch nach dem individuellen Stand der Therapie und der Viruslast zu fragen.

    Um es einmal ganz drastisch zu formulieren: Jemand der HIV+ mit seit langem nicht nachweisbarer Viruslast ist, ist für mich ein sicherer Sexpartner (wessen Blut wird sonst so regelmäßig und so gründlich auf alles Mögliche hin kontrolliert?), als jemand, der von sich behauptet, HIV- zu sein (und als ‚Beweis‘ mit einem Testergebnis herumfuchtelt). Oder, anders gewendet: In so einer Situation bin ich für meinen HIV+ Sexpartner sogar das größere Risiko, weil ich zwar, gestützt auf entsprechende Untersuchungen, mutmaßen kann, keine STIs zu haben. Ist meine Mutmaßung aber falsch, verfüge ich nicht einmal über den „Vorzug“ (die Anführungszeichen bitte ich auf keinen Fall zu überlesen) einer nicht nachweisbaren Virenlast.

  6. @ Stefan:
    lieber stefan, ja klar, die ekaf-aussagen haben auch gravierende auswirkungen für hiv-negative oder ungetestete menschen.

    die drastischste: wenn man schon ‚ohne‘ vögelt (was ja in der realität vorkommt), dann ist’s mit nem ‚gut therapierten‘ sicher risiko-ärmer als mit jemandem , der von seiner infektion nichts weiss, keine therapie macht … deswegen ja die etwas provozierende und überspitzte aussage von bernd aretz, die (erfolgreich therapierten) positiven würden bald zu begehrte(re)n sexpartnern werden … genau das, was du in anderen worten ja auch schreibst …

    zudem, klar, eine erfolgreiche therapie ist natürlich zusätzlich zum kondom auch eine stufe ‚zusätzlicher sicherheit‘

    dein umgang mit hiv+ menschen ist löblich, aber du weisst sicher selbst, dass dies auch in den schwulen szenen bei weiten nicht gängige realität ist … hiv mehr anzusprechen und auch therapie ist ne gute idee (solange es kein sex-killer wird 😉 ]

  7. . . . tja manchmal wünsch ich mir echt schwul zu sein . . . . 🙁

    in der gemeinen welt der heteros dürfte sich am umgang und insbesondere am sex mit einem gut therapierten unter „ärztlicher beobachtung“ stehenden hiv positiven nichts ändern. die gemeine hete ist ja schon mit hiv überfordert – diese thematik bzw erkenntnisse bzgl des „fast an 100 % grenzenden null risikos aus den genannten gründen“ zu verstehen geschweige denn sich auf ihn/sie sexuell einzulassen . . . . nun so viele sicherungen wie da in den köpfen durchbrennen würden gibts gar nicht zum nachkaufen . . . . . 🙂

  8. @ Dennis:
    nun – ich hab selbst bekannte die hetero und pos sind – und bekomme dort einiges an leidvollen geschichten (und verlogenheit) mit … aber auch ‚erfolgsmeldungen‘ 😉

  9. @ uli

    die angst sich mit hiv zu infizieren – egal ob mit schutz oder uner einer funktionierenden therapie ist bei den meisten vorhanden. egal ob schwul oder hetero – rational ist – mag es für viele nachvollziehbar sein das kein risiko besteht – aber emotional wenn man der partnerIn face to face gegenüberlegt . . .da sieht die sache dann ganz anders aus. was für mich im grunde genommen durchaus verständlich und nachvollziehbar ist. der kopf ist eine sache – aber die emotionen – gefühle lassen sich nicht mittels der ratio dirigieren – beherrschen oder ausschalten. etionen – gefühle machen in einer solchen situation etwas mit dir . . . . und damit klar zu kosmen – sich dem zu stellen . . . . dazu bedarf es viel mut und erz . . . .

  10. @ Dennis:
    also – bei mir klappt die edier-möglichkeit (auf ‚bearbeiten‘ klicken …)

    eine gewisse angst sich zu infizieren mag ja zunächst auch ghanz ‚gesund‘ sien. wenn dann folgt, sich damit auseinander zu setzen, informieren und dann entsprechend zu verhalten. letzteres fehlt leider ab und an oder ist nur teilweise umgestezt …
    die folge sind dann zb falsche annahmen (‚kondome geben100% Sicherheit‘ – nee, stiommt ja nicht) oder verhaltensweisen …

  11. @uli

    normalerweise funktioniert das editieren auch – leider dann nicht wenn ich die eingabeaufforderung einen 4 stellegine zahlen/buchstabencode zur „verifizierung meiner ernsten absichten das der text kein spam ist“ erfolgt. dann ist die editierfunkion nach dem absetzen eines textes außer kraft gesetzt.

    ich habe es schon erlebt das – solange distanz vorhanden war es kein problem mit der hiv – partnerin gab. doch kurz vor dem date gabs dann immer absagen mit der begründung das sie doch nicht über ihren schatten springen könne – die angst im hinterkopf präsent wäre und sie so den sex nicht genießen könne. das ist es was ich mit dem unterschied zwischen „verstand (ratio) und herz (emotion)“ meine . den zwischen dem kopf und dem herz steht die angst die menschen abhält das zu tun was sie machen wollen . . . . .in diesem fall sexeln . . . . 😉

    und klar – das angst auch eine schutzfunktion inne wohnt steht außer rage – das ist aber hier nicht das thema.

  12. @ ondamaris:

    Deshalb schrieb ich ja, dass viele HIV- noch gar nicht erkannt haben, was die News aus der Schweiz bedeuten.

    @ Dennis:

    Das, was Du beschreibst, würdest Du auch bei gar nicht so wenigen schwulen Männern erleben. Ich werde bei gayromeo (hast Du sicher schon von gehört) hin und wieder gefragt (insbesondere von Jungs die über meinen Blog auf mein gr-Profil kommen, weil ich ja hin und wieder HIV/AIDS als Thema habe, und wo Rauch ist, muss auch Feuer sein) ob ich HIV+ bin. Ich antworte dann gerne mit ‚Kann sein‘. Das endet dann, na vielleicht einem Drittel der Fälle, entweder mit Schweigen oder blöden Bemerkungen/Beschimpfungen oder der Aufforderung, endlich mal einen Test zu machen; keinesfalls aber im Bett.

    Meine entspannte Haltung zu dem Thema ist mir auch nicht in den Schoß gefallen, da musste ich schon eine Weile dran arbeiten. Meine größte Angst war es allerdings nie, mich selbst vielleicht einmal zu infizieren, sondern das Thema HIV vor dem Sex anzusprechen. Nicht wenige Jungs und Männer betrachten eine solche Frage als ungeheuliche Beleidigung. Heute weiß ich, dass die Frage, bzw die Reaktion auf die Frage eine sehr gutes Sortierkriterium ist.

  13. @ Stefan:
    danke für deinen sehr offenen erfahrungsbericht!

    du kannst dir sicher vorstellen, dass der schwule, und erst recht der heterosexuelle mann oder die heterosexuelle frau mit HIV da oft ebenfalls drastische erfahrungen berichten könnte – und schamvoll für sich behalten. wenn sie nicht irgendwann aus gesammelten erfahrungen ihr verhalten ändern … so führen die szenen dann selbst (mit) zu dem verhalten, das sie hinterher verurteilen.

    die erkenntnis, dass der umgang mit hiv und sexualität bzw die reaktion auf ein thematisieren ein gutes sortierkriterium ist: ja – klasse — wenn nur mehr den mut zu dieser erkenntnis aufbrächten!

    (nicht nur) insofern hoffe ich, dass deine gedanken aufmerksame leser finden … und zu nachdenken anregen …

    und – willkommen mit gravatar 🙂

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