ein schweizer Meilenstein

Der „erste Salon Wilhelmstrasse“ stand unter dem Titel “Positiv und negativ : Wie leben HIV-diskordante Paare heute?”. Ein thematisch breit besetztes Podium diskutierte unter Moderation von Holger Wicht über Chancen und Risiken des Statements der Eidgenössischen Aids-Kommission “keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs“. Ein Bericht.

Roger Staub, BAG SchweizRoger Staub, Leiter der Sektion Aids im Schweizer Bundesamt für Gesundheit und Mitgründer der Aidshilfe Schweiz, skizzierte nochmals die wesentlichen Punkte des (im übrigen in der Kommission einstimmig zustande gekommenen) EKAF-Statements und betonte dabei, unter den dort genannten Bedingungen sei die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung „viel kleiner als 1 : 100.000“.
Staub betonte, der Fortschritt des Statements der EKAF liege vor allem auch darin, dieses Konzept jetzt auch zitier- und öffentlich verwendbar gemacht zu haben. Eine Zitierbarkeit, die wie später nochmals deutlich wurde, weit über den medizinischen Bereich hinaus ragt – gerade Gerichte und Verteidiger von HIV-Positiven benötigen zitierfähige Belege dafür, dass die Beurteilung der Infektiosität sich unter bestimmten Umständen verändert hat.
Der oft geäußerten Kritik, ob man das denn überhaupt und jetzt sagen dürfe, ob das Statement notwendig gewesen sei, entgegnete Staub „wenn es heute zu früh ist, wann ist es denn dann an der Zeit?“ Das Wissen um die Situation sei seit langer Zeit bekannt, werde von Ärzten verwendet, nun müsse man ehrlich an die Öffentlichkeit gehen. Es habe genügend Gelegenheit gegeben, dem Statement entgegen stehende Fälle zu publizieren.

Dr. Gute, FrankfurtDr. Gute ist ein HIV-Behandler aus Frankfurt. Er behandelt u.a. den Positiven, der gerade dabei ist als ‚Frankfurt patient‘ in die HIV-Diskussion einzugehen. Dieser lebt seit Jahren in einer sexuell monogamen Beziehung mit seinem HIV-infizierten und erfolgreich therapierten Partner. Dennoch hat eine HIV-Übertragung stattgefunden, wie mit phylogenetischen Untersuchungen gezeigt wurde zwischen den beiden Beteiligten (nicht mit einem etwaigen Dritten). Der Fall soll in den nächsten Wochen in einer virologischen Fachzeitschrift publiziert werden.
Dr. Gute betonte, auch er schätze das Risiko einer HIV-Übertragung durch einen erfolgreich therapierten HIV-Positiven (bei Abwesenheit von STDs) als „sehr sehr niedrig“ ein, aber es sei eben nicht ’null‘, wie gerade dieser Fall zeige.
Staub betonte in einer Replik, der Frankfurter Fall zeige nichts. Das EKAF-Statement gehe ja davon aus, dass genau solche Fälle nicht ausgeschlossen seien (wohl aber ihr Risiko drastisch reduziert sei). An der Gültigkeit des Statements der EKAF ändere dieser Fall nichts.

Prof. Martin DanneckerWarum sind die Reaktionen auf das Statement der EKAF und die potenziellen Folgen für die Situation der Positiven so heftig? Endlich sei in Fachkreisen schon länger bekanntes ‚Herrschaftswissen‘ veröffentlicht worden, betonte Prof. Martin Dannecker. Er wies darauf hin, dass die Menschen bisher gewohnt seien, HIV-Positive als Opfer wahrzunehmen. Und „aus dieser Rolle entlässt man eben niemanden gerne“.
In den vergangenen Jahren sei zudem nie thematisiert worden sei, dass es eben um „safer“ Sex (mit dem „r“) gehe – die auch bei Kondomen bestehende Unsicherheit sei ein tabuisiertes Thema, das nun jedoch wieder ans Tageslicht komme.

Für wen und in welchen Situationen könnte das EKAF-Statement anwendbar sein? Diese Frage beschäftigt derzeit viele. Dannecker kritisierte hierzu die „Engführung der Diskussion auf Paare“. Die Folgen des EKAF-Statements seien verhandelbar zwischen halbwegs vernunftbegabten Menschen – und nicht nur in sexuell monogamen Partnerschaften.
Dannecker monierte eine aus dem Statement der EKAF sprechende Einmischung der Medizin. Dass ein Kondomverzicht erst nach intensiver Beratung Beider durch den Arzt erwogen werden könne, bringe ein Mißtrauen des Arztes dem Patienten gegenüber zum Ausdruck, zudem sei dies ein unzulässiger Eingriff in das Binnenverhältnis des Paares.
Zukünftig, so Dannecker, könne es zu einem „paradoxen Sexualisieren“ kommen – im Vergleich zu einem vermeintlich HIV-Negativen mit all den Risiken negativen Serosortings könnte der HIV-Positive, der erfolgreich therapiert ist, zu einem attraktiven Sex-Partner werden.

Die Deutsche Aids-Hilfe hat bisher in den Diskussionen um das Statement der EKAF noch nicht Position bezogen, bemüht sich um eine noch in Erarbeitung befindliche gemeinsame Stellungnahme mit Robert-Koch-Institut (RKI) und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
Bernd Aretz Er sei erstaunt und erzürnt über den Umgang der Aidshilfe mit der aktuellen Situation, stieg Bernd Aretz in die Beleuchtung der Reaktion der Aidshilfen ein. Es scheine „verloren gegangen [zu sein], dass wir nicht die Regierung sind“. Die Aidshilfe sei ein politischer Verband, doch wo vertrete er derzeit die Interessen der HIV-Positiven?
Auch Martin Dannecker kritisierte, dass die Deutsche Aids-Hilfe immer noch nicht Position bezogen habe. Stehe dahinter die Angst um die staatlichen Mittel, an deren Tropf man zu hängen glaube?

Die Podiumsdiskussion sowie die anschließenden Fragen und Beiträge aus dem Publikum machte deutlich, das das EKAF-Statement sich als ein Meilenstein in der Geschichte von Aids erweisen könnte – ein Meilenstein, der Hoffnungen, aber auch Ängste auslöst.

Die Diskussion zeigte die Bruchlinien, um die herum sich die Diskussionen derzeit bewegen. Bruchlinien, die auch in Symposien und Veranstaltungen der folgenden Tage diskutiert wurden und die Diskussionen der kommenden Wochen bestimmen werden. Bruchlinien, die Etiketten tragen wie ‚Null Risiko oder Risiko-Minimierung?‘, ‚Frankfurt patient‘ oder ’neue Wege in der Prävention‘.

Im Verlauf der Diskussionen konnte man den Eindruck gewinnen, die DAH sei ein wenig gefangen – und verliere hierüber vielleicht ihre Fähigkeit, eine eigenständige Position zu finden und auch nach außen zu vertreten. Gefangen nicht nur in ihrem Gefühl, es ihren Auftrag- und Geldgebern ‚recht machen‘ zu wollen, sondern auch in ihrem Bemühen, mit allen Beteiligten (RKI, BZgA) zu einem Konsens-Paper zu kommen. Vielleicht hätte man mehr Mut zu eigener Position gefunden, wäre bereits bekannt gewesen, dass die BZgA diesen Konsens zu dem Zeitpunkt schon aufgekündigt, eine eigene BZgA-Presseerklärung vorbereitet hatte, die am nächsten Tag herausgegeben wurde.

8 Gedanken zu „ein schweizer Meilenstein“

  1. martin dannecker spricht/sparch wichtige punkte an.
    gerade zum beispiel beratung: liest mann und frau das letzte swiss-aids-news dann springt es einem förmlich ins auge: beraten ,beraten, beraten….nun sollen wir aufgeklärt werden über alle möglichen rechtlichen folgen sollten wir wirklich monogam leben und den safer-sex ohne gummi praktizieren wollen….zudem partnerInnen müssen immer dabei sein, bei artzt und aids-hilfe beratung, und sie sind angeblich die entscheidenenden…
    melde mich später zu diesem thema
    m

  2. Auch von mir Dank an Martin Dannecker, seine Unbefangenheit, das anzusprechen und auszusprechen, was ist und was viele wahrnehmen – und vor allem, was viele bereits leben, ist ein wertvoller Beitrag in der Debatte. Bei ihm sehe ich meine Interessen als HIV-Positiver viel entschiedener vertreten als von Aids-Hilfen incl. der DAH.

    Vom Anfang der Debatte um die EKAF-Stellungnahme frage ich mich, welches Menschenbild bei den vielen „Bedenkenträgern“ vorherrscht? Und hier meine ich ausdrücklich auch die BZgA!

    Der subtile Generalverdacht dieser „Bedenkenträger“, HIV-Positive würden jetzt alle wie blöde kondomfrei durch die Gegend vögeln und könnten nur unter ärztlicher Aufsicht Informationen verstehen, ist entwürdigend. Wenn sie allerdings eher die Nichtgetesteten und selbst-vermutend noch HIV-Negativen im Blick haben, dann sollen sie diese Unterscheidung auch in Worten benennen!!

    Zu Beginn der AIDS-Krise hat die Bundesrepublik auf die Lernfähigkeit der Menschen gesetzt, es ging um Information und Aufklärung in einer Zeit großer Versunsicherung. Die BZgA in ihrer jüngsten Pressemitteilung betont ein weiteres Mal, wie erfolgreich dieser Weg in der HIV-Prävention war, aber jetzt, wo es um das Aufklärung und Aufdecken dessen geht, dass über Ungetestete oder nur selbst-vermutend HIV-Negative die Mehrzahl der HIV-Übertragungen geschieht, glaubt sie offenbar nicht mehr an das offensive Informieren und Aufklären.

    Und da die DAH ihre Fördergelder des Bundesgesundheitsministeriums über Projektanträge an die BZgA erhält, kommt dem vorhandenen oder fehlenden Mut zum öffentlichen Wort in BMG und BZgA große Bedeutung zu.

  3. die pressemitteilung der bzga bringt eindeutig die haltung der politik zum ausdruck. hiv positive sind eine gefahr und alleine verantwortlich für die verbreitung des hivirus bzw dem anstieg von hiv neuinfektionen. der einzigste weg dem entgegen zu wirken sei sich an die safer sex regel zu halten. unbedeutend daruf hinzuweisen das weder kondome einen 100% schutz bieten geschweige denn das hiv + menschen sind die in der lage sind zu verstehen – zu differenzieren bzw abzuwägen. „wer den virus hat ist selbst dran schuld – wer den virus hat hat vernatwortung zu zeiegn so wie wir sie definieren – zeigt das er nicht dem bild des menschen entspricht das wir – die politik verantwortlichen – haben. wer nicht für uns ist ist gegen uns und wird ggf mit unseren folgen – konsequenzen zu rechen haben – bzw leben müssen.

    politischer fundamentalismus in seiner extremsten form.

    Fundamentalismus ist allgemein gesehen eine Überzeugung, die sich zu ihrer Rechtfertigung auf eine Grundlage beruft, die auf einer Letztbegründung beruhe und absolut wahr sei. Nicht nur Religionen, sondern auch Philosophien, Weltanschauungen oder politische Theorien vertreten so nicht selten den Anspruch auf den Besitz der absoluten Wahrheit, was praktisch einhergeht mit einer Aufspaltung der Mitmenschen in Rechtgläubige und Falschgläubige bzw. im Konfliktfall in Freund und Feind

  4. @ Michael:
    für mich stellt sich die situation immer mehr als eine dar, in der mangelnder mut auf fehlende selbstvertretung einerseits und politische einflussnahme andererseits trifft.
    woraus es konsequenzen zu ziehen gilt …

  5. @ Dennis:
    vor allem habe (nicht nur) ich die pressemitteilung der bzga auch als affront gegenüber der dah empfundne, die ja gerade auch deswegen unter beschuss geriet, weil sie sich so ausgeprägt um eine gemeinsame stellungnahme bemühte. da dann plötzlich und unabgesprochen vorzupreschen ist …

  6. BMG -> BzgA -> RKI . . . . .das ist geballter politischer Druck der da auf die DAH ausgeübt wird. Und unter diesen Vorzeichen eine eigene Meinung – Stellung zu beziehen . . . nun wie du sagst . . .dazu bedarf es u.a auch persönlichen Mutes. Dies würde evtl. funktionieren wenn innerhalb der DAH Geschlossenheit bestünde . . . . wenn man sich bewußt werden würde für wenn man (die DAH) sich engagiert – wessen Interessen man sich zu vertreten auf die Fahnen geschrieben hat.

Kommentare sind geschlossen.