Phantom negativ

„Du bist wohl HIV-negativ?“ Ich sitze neulich mit einen lieb gewonnenen Mann in einem Café, wir sprechen über HIV, über die Nachrichten aus der Schweiz und deren mögliche Konsequenzen.
„Zumindest weiß ich von keinem positiven Testergebnis“, antwortet er spontan. Ich merke auf. Freue mich.

Worüber? Nun, Tobias (nennen wir ihn hier einmal so) hätte auch sagen können „ja, ich bin HIV-negativ“.
Ist doch das gleiche? Nein, eben nicht.

Tobias hat scheinbar verstanden, dass ein negatives Testergebnis maximal etwas aussagt über seinen HIV-Status einige Wochen vor der Blutentnahme seines letzten Tests, nichts jedoch über seinen derzeitigen Serostatus. Hat die (potenziell riskant) schwarz-weiß-Malerei des ‚positiv – negativ‚ durchschaut.

„Der HIV-Negative ist sozusagen ein Phantom. Die meisten Menschen, die sich HIV-negativ wähnen, glauben dies aufgrund eines Tests, der je nach dem Monate bis Jahre zurückliegt. Oder sie glauben es sogar ohne jeden Test. Das ist psychologisch zwar verständlich, von der Sache her aber völlig unberechtigt.“ (Dr. Dr. Stefan Nagel, „Verantwortung und HIV-Prävention“, Rede zum Welt-Aids-Tag 2007 in der Frankfurter Paulskirche, in: posT März 2008)

Eine eher akademische Unterscheidung?
Keineswegs.

Stellen wir uns vor, eben jener Tobias lernt einen Paul kennen. Paul meint, er sei HIV-negativ. Nun, Pauls letzter HIV-Test liegt schon einige Jahre zurück, und in der Zwischenzeit hat er nicht gerade enthaltsam gelebt, durchaus das ein oder andere Abenteuer gehabt. ‚Aber meistens safe‘, denkt Paul bei sich, und geht davon aus, HIV-negativ zu sein.
Paul und Tobias finden Gefallen an einander, haben Sex zusammen (auch Sex, der potenziell ‚infektionsrelevant‘ ist) – ohne Kondom, denn beide sind ja -so glauben sie- HIV-negativ. Sie haben ihr jeweiliges Risiko, meinen sie, sorgsam geprüft, und schließlich, mit einem andere Negativen, was soll denn da passieren.

Tobias und Paul haben Serosorting betrieben – ein „Ausloten“ des HIV-Serostatus des jeweiligen Sex-Partners. Ein Ausloten, das nur zu oft eher ein ‚Seroguessing‘, ein Vermuten des Serostatus ist.

Was aber nun, wenn einer von beiden, egal ob Paul oder Tobias, sich seit seinem letzten Test mit HIV infiziert hat? Er sein eigenes Negativ-Sein nur vermutete, seinen positiven Serostatus nur nicht kennt?
Dann hatten beide Sex ohne Kondom mit einander, mit möglicherweise hohem Risiko einer HIV-Übertragung. Weil sie vermuteten …

Die oft gehörte Frage ‚Bist du gesund?‚ …
Serosorting ist eine Technik der Infektionsvermeidung, die in ihren unterschiedlichsten Facetten und Anwendungen zwar weit verbreitet ist, aber ihre riskanten Seiten hat – z.B. wenn man sich über den vermuteten Serostatus (den eigenen oder den des Partners) getäuscht hat.

Zwischen HIV-Positiven mag Serosorting eine mögliche Variante sein – wenn ein Positiver mit einem Positiven Sex ohne Kondom hat, dürfte dies (zumindest im Kontext HIV-Infektion) wenig relevant sein.
Zwischen (vermutet) HIV-Negativen hingegen wird die vermeintlich sicherheitsfördernde Strategie des Serosortings nur zu leicht zur Illusionswelt mit erhöhtem Risiko. Serosorting zwischen nicht-Positiven – eine gefährliche Strategie.

Und das Beispiel zeigt noch eines:
Gerade in Zeiten, in denen das HIV-Übertragungsrisiko bei erfolgreicher antiretroviraler Therapie gravierend sinken kann, gewinnt ein HIV-Test (wenn mit anschließender Therapie bei positivem Ergebnis) auch präventive Aspekte. Ein wissend HIV-Positiver, der eine erfolgreiche antiretrovirale Therapie durchführt, dürfte wohl deutlich weniger infektiös sein als ein vermeintlich HIV-Negativer, der realiter nur noch nicht von seinem positiven HIV-Status weiß und unbehandelt ist.

17 Gedanken zu „Phantom negativ“

  1. Eine sehr gute Argumentation für eine Analyse des eigenen Risikoverhaltens und die damit verbundene Eigenverantwortung. Serosorting baut blind darauf, dass der jeweils andere sich vorher richtig verhalten hat, und stiehlt sich damit aus der Verantwortung, hier und jetzt selbst safe zu handeln.

  2. . . . . . und ohne den begriff „serosorting“ zu kennen gehen die meisten menschen – insbesondere die immer wieder in foren um rat und hilfe suchenden von der annahme aus das sie hiv negativ sein müßten. was mich immer wieder befremdet ist dabei die tatsache das fast all diejenigen (der größte teil der ratsuchenden sind heterosexuelle die die dienste einer prostituierten in anspruch genommen haben) die um rat fragen davon ausgehen das der/die andere person hiv positiv sein könnte.

    auch hier zeigt sich für mich jedesmal auf s neu wie weit die gegenwärtige prävention an der realität – den menschen vorbeigeht bzw nicht ankommt.

  3. @ Clamix:
    danke für das kompli 🙂
    mir geht es ja gerade darum deutlich (und für laien verständlich) zu machen, dass negatives serosorting eine höchst riskante strategie sein kann …

  4. @ Dennis:
    genau das ist eines der probleme – anzunehmen man (oder der partner) sei (irgend etwas, hier: hiv-negativ). diese annahme kann halt enorme konsequenzen haben, ist ein riskantes ‚vabanque-spiel‘
    solange allerdings die annahme getroffen wird, der sexpartner/die sexpartnerin sei hiv-positiv, und daraus die entsprechende konsequenz gezogen wird (wenn selbst negativ z.B.: kondom verwenden), würde ich kaum von serosorting sprechen sondern von einem schutzverhalten nach dem motto „lieber auf der sicheren seite sein“ (und ein kondom benutzen)
    serosorting ist eher der versuch, aufgrund wissen/ annahme / projektion einen sexpartner/ eine sexpartnerin mit dem (vermuteten) gleichen serostatus wie man selbst zu finden. zum risiko s.o.

  5. Die oft gehörte Frage ‘Bist du gesund?‘ bzw „Du ist doch gesund“ . . ist einer der fragen die gerade unter heteros oft gestellt wird. es ist auch hier so wie du es sagst. man vermutet es weil man selbst negativ ist oder auf grund des äußeren erscheinungsbildes des anderen. (wobei hier oftmals ein bild von hiv + herrscht wie vor 25 jahren. einem hiv + sieht man es an . . . .

    p.s. das du jetzt ne editier funktion hast finde ich sehr gut. meine mac tastatur hat nämlich ein eigenleben . . . 🙂

  6. @ Michèle:
    bitte um ein wenig geduld … werde morgen früh versuchen über die ersten wichtigen sessions zu posten … aber nur wenig zeit, da ja morgen früh direkt das prorgamm weiter geht …
    immerhin … zaghaft und langsam scheint sich die anstalt zu bewegen
    … und es gibt vielleicht ein neues traumpaar zu vermelden … ;-))

  7. @ Dennis:
    also – auf die frage ‚bist du gesund‘ antworte ich immer „danke,. ich hab gerad keine erkältrung, und du?“ und warte dann ,wie mit dem dummen gesicht umzugehen ist 😉

    ja … die edierfunktion gab’s als bonus für verdiente kommentatoren ;-.))

  8. Ein (wieder einmal) wirklich interessantes Thema, das Du dort ansprichst – und eine grosse Gefahr, auf die Du aufmerksam machst.

    Nach meinen Erfahrungen wird unter Homosexuellen wenigstens (wennauch eher vorsichtig) gefragt. In „meinem früheren Leben“ beantwortete ich mir die Frage gleich selbst. Es wird quasi davon ausgegangen, dass der Partner „ok“ ist. Wenn ich zurückblicke, wie oft ich als „junger Kerl“ unter der Annahme, meine Partnerin sei „HIV-negativ“, Sex hatte, sträuben sich mir jetzt die Nackenhaare…

  9. @ quicke:
    danke 🙂
    die risiken, die im negativen serosorting liegen, hängen in ihrer höhe natürlich auch damit zusammen, wie hoch die „durchseuchung“ (furchtbares wort) der jeweiligen gruppe ist, in der mann/frau sich bewegt.
    und die dürfte bei schwulen männern doch um einiges höher sein als bei jungen mädchen.
    insofern bist du zwar damals ein gewisses risiko eingegangen, das aber bedeutend geringer gewesen sein dürfte, als wenn jemand heute negatives serosorting im bereich schwuler männer in einer großstadt-szene betreibt.
    also … nackenhaare wieder entsträuben.
    und … ‚junger kerl‘, das biste doch jetzt gerade 😉

  10. Pingback: HIV negativ? | quickes wohnzimmer
  11. @ quicke:
    na … ich verfalle manchmal bei sympathischen menschen gerne in das ironische ‚Sie‘ 😉
    werd’s mir mal abgewöhnen müssen, scheint ja des öfteren irritationen auszulösen …

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