Netzwerk plus: ‚lebensnahes Risikomanagement‘

Dokumentation einer Erklärung des Netzwerk plus zur Erklärung der Eidgenössichen Aids-Kommission (EKAF) in Sachen Infektiosität unter HIV-Therapie:

Netzwerk plus zum Thema Infektiosität von HIV-Positiven bei Viruslast unter der Nachweisgrenze

Beim Treffen von Netzwerk plus vom 29.02.-02.03.2008 im Waldschlößchen haben wir uns mit dem Thema „Strategien der Risikominderung“ und den aktuellen Veröffentlichungen der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen beschäftigt.

Die schweizerische Kommission unter Vorsitz ihres Präsidenten Prof. Dr. Pietro Vernazza hat u.a. festgestellt:

„Bei Menschen, die konsequent antiretrovirale Medikamente einnehmen, kann man im Blut kein aktives Virus mehr nachweisen.“ „Eine HIV-infizierte Person (…) ist sexuell nicht infektiös, d.h. sie gibt das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter, solange folgende Bedingungen erfüllt sind:
– die antiretrovirale Therapie (ART) wird durch den HIV-infizierten Menschen eingehalten und durch den behandelnden Arzt kontrolliert;
– die Viruslast liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze (d.h. die Viraemie ist supprimiert);
– es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD).“

Die Veröffentlichungen aus der Schweiz haben auch in Deutschland eine kontroverse Diskussion über das Thema Infektiosität von HIV-Positiven bei Viruslast unter der Nachweisgrenze ausgelöst.
Selbst wenn dennoch ein Restrisiko bleibt, wie auch ein dokumentierter Fall aus Frankfurt zeigt, so ist gesichert, dass unter den o.g. Bedingungen die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung äusserst gering ist und sich im Rahmen allgemeiner Lebensrisiken bewegt.
Wir begrüßen die Veröffentlichung aus der Schweiz. Für Menschen mit HIV und Aids ist diese Information eine Erleichterung und eine konkrete Verbesserung ihrer Lebenssituation und -perspektiven. Sie entlastet sero-diskordante Partnerschaften gleich welcher sexuellen Orientierung von Ängsten und Schuldgefühlen. Sie erleichtert in allen Zusammenhängen den Umgang mit HIV.
Erfreulich ist, dass längst bekannte, bislang aber nur hinter vorgehaltener Hand weitergegebene Tatsachen, nun auch von offizieller Seite benannt werden und damit ein Tabu durchbrochen wird.
Für die Zukunft wünschen wir uns, dass weitere Diskussionen in Deutschland zu diesem Thema ebenfalls evidenzbasiert, von sachlichen Argumenten getragen und auf der Grundlage eines humanistischen Menschenbildes geführt werden. Wir halten es nicht für legitim, dass diese Debatte unterdrückt wird, mit dem Argument angeblicher intellektueller Defizite von Teilen der Zielgruppen der Prävention.
Wir fordern daher, dass die Erkenntnisse ohne Vorbehalte breit kommuniziert werden,
– um irrationale Ängste vor HIV-positiven Menschen abzubauen;
– das leichtere Sprechen über HIV zu ermöglichen und die Isolation vieler HIV-Positiver aufzubrechen;
– weil die Wahrheit nicht unterdrückt werden kann;
– weil informierte Menschen eher rational handeln können.
Es muss dringend dafür gesorgt werden, dass – unter Beteiligung der Betroffenen – Standards für die Beratung durch Ärzte und psychosoziale Beratungsstellen formuliert werden, damit Ratsuchende individualisierte sachgerechte Informationen über das Thema Sexualität bei Viruslast unter der Nachweisgrenze erhalten.

Die bisherigen Präventionsbotschaften für flüchtige sexuelle Begegnungen behalten ihre Gueltigkeit. Damit Prävention in Zukunft glaubwürdig ist, müssen die Botschaften im Sinne eines lebensnahen Risikomanagements ergänzt und differenziert werden. Wenn Prävention HIV-positive Menschen als Partner behalten will, dann darf sie sie nicht wider besseres Wissen funktionalisieren, um Ängste hochzuhalten und zu schüren.
In den Fokus der Prävention geraten nun frisch infizierte Menschen, die ihre Infektion unwissentlich weitergeben können. Mythen von der Gefährlichkeit der Großstadt, von der Sicherheit ländlicher Räume und des eigenen Bettes müssen durch eine offene Kommunikation entzaubert werden. Ein sorgsamer, respektvoller Umgang miteinander muss befördert werden.

Weiterhin wird es zukünftig um Therapietreue und die überzogenen Ängste vor den Nebenwirkungen der Therapien sowie um Fragen der sexuellen Gesundheit insgesamt gehen. Testermutigung erhält eine neue Bedeutung, weil eine erfolgreich therapierte HIV-Infektion neue Perspektiven ermöglicht.

Die TeilnehmerInnen des Netzwerktreffens.

Göttingen, 02.03.2008

7 Gedanken zu „Netzwerk plus: ‚lebensnahes Risikomanagement‘“

  1. persönliche begrüsse ich diese stellungnahme des netzwerkplus sehr. es gibt sicherlich das eine oder andere noch anzumerken, ergänzen oder auch nochmals grundsätzlich zu debattieren. wie zum beispiel die ermutigung zum test.

    die organisation lhive wird nach ostern, spätestens ende april, nach einer internen vernehmlassung, eine stellungnahme mit weiterführenden forderungen nach forschung und umsetzungen auf gesetzes eben aber auch im beratungskontext verabschieden und veröffentlichen können.

  2. nachtrag:
    mich interessiert die quellenangabe zum “ dokumentierten fall in frankfurt“- wie komme ich dazu? danke michèle

  3. @ Michèle:
    der ‚frankfurter fall‘ ist noch in keiner wiss. zeitschrift publiziert, folgt demnächst. dr. guthe hat darüber im interview in der märz-ausgabe der posT gesprochen, geht dir per m,ail zu

  4. @michèle + ulli

    es wurde von ihm in frankfurt im Rahmen der Vortragsreihe der AHF “Neues zu HIV und AIDS” am 12. Februar 2008 in Ffm – Referent: Siegfried Schwarze, Projekt Information, München” von ihm thematisiert.

    man muß sich aber vor Augen halten das dies der bislang einzigste bekannte fall seit jahren ist. insofern darf man es weder dramatisieren noch überbewerten geschweige denn als maßstab für eine mögliche in frage stellung bzw generelle ablehnung daraus basteln betreffs des berichtes von prof. vernazza. ich würde es mit dem jackpot von über 200 mio us $ den ein älteres ehepaar vor zwei wochen in den usa gewonnen hat vergleichen

  5. @ TheGayDissenter & @Dennis:
    ja … der frankfurter fall, der sicher in der nächsten zeit einigen staub („staub“ ist wieder so ein insider …) aufwirbeln wird.
    dabei ist eines zu bedenken: niemand sagt, dass in der konstellation „hiv-positiver mit erfolgreicher therapie und ohne stds“ KEINE transmissioin (übertragung) erfolgen kann. auch die schweizer nicht. sondern die aussage ist, dass das übertragungsrisiko auf ein außerordentlich niedriges maß REDUZIERT ist. (stichwort alltagsrisiken, flugzeug-vergleich)
    insofern zeigt ein etwaiger „frankfurter fall“ nur, dass das übertragungsrisiko nicht null ist. und ist, zustimmung dennis, derzeit ein (der dann bisher einzige dokumentierte) Einzelfall
    viel wichtiger wäre es, genau und gut dokumentierte fälle zu haben, mit deren hilfe sich etwas zur häufigkeit / wahrscheinlichkeit von transmission unter diesen bedingungen sagen ließe
    an den aussagen aus der schweiz zur senkung des übertragungsrisikos ändert ein „frankfurter fall“ m.e. nichts …

  6. @ TheGayDissenter:
    „staub“, um auch diesen insider aufzuklären: roger staub ist in der schweiz leiter der sektion aids im bag (bundesamt für gesundheit). mitgründer der aidshilfe schweiz. gelegentlich pointierter vertreter von kontroversen gedanken, die einigen sehr sauer aufstoßen

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