Geschichten und Geschichte – Vergessen macht sich breit …

„Keine Atempause – Geschichte wird gemacht – es geht voran“, sangen ‚Fehlfarben‘ (auf ‚Monarchie und Alltag‚) im Jahr 1980. Ein Jahr später werden erste Fälle einer Erkrankung festgestellt, die später als Aids bezeichnet wird.

„Keine Atempause – Geschichte wird gemacht.“
Und wie weiter?
„Spacelabs falln auf Inseln, Vergessen macht sich breit, es geht voran.“

Zwar fielen bisher meines Wissens keine Spacelabs auf Inseln. Aber Vergessen macht sich tatsächlich breit, allenthalben. Es geht voran, scheinbar, indem wir über unsere eigene Geschichte hinweg gehen, vergessen. Vergessen unserer Aids-Geschichten. Vergessen unserer Geschichte.

Inzwischen sprechen wir munter von „altes Aids“ im Unterschied zu „neues Aids“ – doch was das hieß, „altes Aids“, das gerät abseits einiger immer wieder gern präsentierter Klischees und Mythen zunehmend in Vergessenheit.

Warum?
Wie gehen wir mit unserer eigenen Geschichte um?
Wann wird Erlebtes zu Geschichte?
Sind diese, unsere  Geschichten überhaupt erzählbar?
Ist diese Geschichte überhaupt vermittelbar?

Sind diese Fragen bedeutend?

Wer wenn nicht wir soll diese Geschichte(n) erzählen? schreiben?
Und wer aufarbeiten?

Wer, wenn nicht wir?

Wenn wir nicht unsere eigenen Geschichten aufschreiben, unsere eigene Geschichte schreiben, werden andere es irgendwann tun. Auf ihre Weise. Werden dabei ihre eigenen Bilder (die nicht unsere sind) transportieren, auch ihre pejorativen Bilder.

Doch – es ist unsere Geschichte!
Erzählen wir sie aus unseren Blickwinkeln!

Denn sonst …

Hegel konstatiert in seinen ‚Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte‘, dass Geschichte immer zweimal stattfinde. Und sein Schüler Karl Marx verfeinert im ‚Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte‘, Geschichte wiederhole sich “ das eine Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce“.

Dann lasst uns vorher unsere Geschichte(n) erzählen, all die Tragödien, all die schönen, schmerzvollen, erfolgreichen, vorzeitig abgebrochenen … Geschichten …

Den  Anfang im „unsere Geschichte(n) erzählen“ macht ein positiver Mann aus Berlin, Nikolaus Michael, der in den nächsten Wochen hier in vier Texten einen Teil seiner Geschichte(n) erzählt …

1. Die ‚Totenbank‘
2. Stress im Krankenhaus
3. Schmunzeln, Quengeln, Hilferufe
4. Drei Engel

Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Leser dies zum Anlass nehmen, selbst ihre HIV-positiven Geschichte(n) zu erzählen – und bei Interesse auch andere lesen lassen. Ich biete dafür auf ondamaris gerne Zeit und Raum [und bei genügend Interesse auch gerne eine eigene Rubrik „unsere Geschichte(n)} – wer mag, sende mir eine Mail mit seinen Texten, ich melde mich baldmöglich …

8 Gedanken zu „Geschichten und Geschichte – Vergessen macht sich breit …“

  1. Moin Uli

    Auf meinem Blog findest Du einiges bzgl „meiner Geschichte“ im Kontext zu HIV. Damals im Dez 1985 bzw Jan-Feb 1986 nachdem ich erfahren habe das ich HIV + bin und was es heißt, hab ich ne Menge geschrieben. Teils in Form von Geschichten, teils in Gedichtform, über das was mir durch den Kopf gegangen ist, über meine Ängste, Hoffnungen und darüber in den Medien damals so geschrieben wurde etc. Alles gespeichert und ausgedruckt.

    Irgendwann hatte ich die Idee dies als Vorlage zu nem Buch zu verwenden. Vielleicht ist es ja möglich solch ein Projekt – Geschichten von Positiven Menschen – „Diagnose Positiv“ oder so . . . auf den Weg zu bringen . . . .

    Im übrigen gibt s ne Reihe von Horst Herkommer aus Frankfurt „Im Puls“. Bis jetzt sind 4 kleine Bände erschienen. Der erste Band kam 1997 raus, der letzte ist 2000 erschienen. Soweit ich weiß in nem Selbstverlag wie auch das Buch von Markus Commercon. Leider sind die meisten solcher Verlage pleite gegangen.

    Bzgl der Finanzierung eines solchen Projektes, da denke ich schon das es heute wieder möglich wäre. Is ne Frage wie man wen approached . . . . 😉

  2. Pingback: Brighton AIDS Memorial « Steven Milverton

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