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Frankfurt: Kommerz statt NS-Gedenken – “Frankfurter Engel” im Partyzelt (akt.)

20. Juli 2009 | Von ondamaris | Kategorie: Leitartikel

Strandkörbe, ein Partyzelt, Longe-Möbel – einen Gedenkort für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen erfuhr in Frankfurt am Main eine beschämende “Um-Nutzung”.

Frankfurt hat sein Jahren ein beeindruckendes Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Seit 1994 erinnert auf dem unbenannten Platz Schäfergasse / Alte Gasse in der Frankfurter Innenstadt ein bronzener Engel an die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus. Der von der Künstlerin Rosemarie Trockel gestaltete Engel war in Deutschland das erste vollplastische Mahnmal des Gedenkens an das Schicksal von Schwulen und Lesben in der Nazizeit.

Frankfurter Engel (Screenshot)

Frankfurter Engel (Screenshot)

CSD Frankfurt, am vergangenen Wochenende. Tausende Schwule und Lesben sind auf den Straßen, feiern. Zahlreiche Gastronomen beteiligen sich, auch mit Ständen. Eine besondere Idee hatte die Schwulen-Bar ‘Lucky’s’.

Das ‘Lucky’s’ liegt direkt an dem Platz, auf dem das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen steht, der ‘Frankfurter Engel’. Der Wirt des ‘Lucky’s’ hat selbst mit Spenden zum Denkmal beigetragen, pflegt bisher den Platz. Jetzt ist CSD, man möchte feiern und Geld verdienen, Umsatz machen. Was tun?

Nichts einfacher als das – ein großes blau-gelb-rotes Party-Zelt wird auf den Platz gebaut, gesponsert von einem großen Brause-Hersteller. Strandkörbe dazu, Lounge-Möbel, gesponsert von einer Zigaretten-Marke.

In dem Zelt, mitten in der Party-Atmosphäre, verschämt mit einem Strauß Rosen “geschmückt”, der ‘Frankfurter Engel’, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen.

Vielen Gästen schien die Party zu gefallen – anderen weniger. “Geschmacklos”, so lautete eines der leiseren Urteile, andere “dafür haben wir nicht gekämpft”.
Deutlicher wird einer der Initiatoren des Denkmals, der Buchhändler und Soziologe Dieter Schiefelbein, in der FR: “Es ist dreist und schamlos, diesen Platz für ein Reklame-Event zu nutzen.”

Der Wirt des ‘Lucky’s’ betont, er habe für das Party-Zelt eine erweiterte Genehmigung des CSD-Organisators gehabt, mit Einwilligung der Stadt.

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Kann mann achtloser, respektloser mit dem Gedenken an diejenigen Homosexuellen umgehen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden?
Und mit unserer eigenen Geschichte?

Dieser Wirt hat ein beschämendes Kapitel in der Geschichte der CSDs geschrieben – und auf bestürzende Weise deutlich gemacht, wie weit CSDs inzwischen vom Inhalt zum reinen Kommerz-Anlass verkommen sind.

Das Motto des Frankfurter CSDs lautete bezeichnenderweise “Schon angekommen?“ …

Anmerkung: Zwar trägt der Platzt, auf dem der ‘Frankfurter Engel’ steht, heute den Namen “Klaus Mann Platz”. Diese Benennung erfolgte allerdings nach Aufstellung des Denkmals, und eine Hausnummer Klaus Mann Platz gibt es nicht.

weitere Informationen:
Frankfurter Engel
FR 20.07.2009: Radikaler Kommerz
samstagisteingutertag 20.07.2009: “Kommerzieller Anschlag” – Partyzelt für Frankfurts Homo-Mahnmal
FR 20.07.2009: Streit ums Homo-Denkmal – Wirt bedauert Zelt-Aufbau
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· gelesen: 1882 · heute: 3 · zuletzt: 2. September 2010

sehr schwachschwachna geht sogutausgezeichnet (No Ratings Yet)
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10 Kommentare
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  1. Ich habe als Rollenmodell der “Ich weiss was ich tu” Kampagne in diesem Jahr an vielen CSD’s teilgenommen, so auch am letzten WE in Frankfurt. Auf keinem CSD ist mir der Kommerz so stark aufgefallen wie in Frankfurt. Über 2/3 der Fläche vor der Bühne war mit Fress- und Saufständen bestückt. DIe Freifläche vor der Bühne für Zuschauer und Interessierte war für eine Großstadt wie Frankfurt beschähmend klein. In der Nacht zum Sonntag saß ich mit meinem Männe auf der Terrasse des Lucky’s und uns ist das mit dem Denkmahl auch “sauer” aufgestoßen. Ein bisschen weniger Kommerz und mehr Inhalte würde einem CSD in der GELDstadt Frankfurt besser stehen.

  2. [...] Frankfurt: Kommerz statt NS-Gedenken – “Frankfurter Engel” im Partyzelt [...]

  3. Da hat jemand falsch verstanden, was mit “Tanzen auch auf Gräbern” gemeint ist …

  4. In der Tat geschmacklos. Dennoch glaube ich, es wird mindestens 99 Prozent der Leute, die auf dem CSD waren, nicht die Bohne interessiert haben.

    In einem Gespräch, welches ich vor einiger Zeit mit Martin Tannert führte, stellte sich sich die Situation übrigens weitaus anders dar: Es gab “Gäste”, welche auf den Steinbänken um den Engel herum bedient werden wollten – er weigerte sich, mit dem Hinweis, es sei ein Denkmal.

    Ich habe Martin stets als einen vorbildlichen Menschen erlebt, welcher sich für die Rechte von LGBT stark macht. Ich würde ihm persönlich nicht unbedingt eine ausschließlich kommerzielle Absicht unterstellen, sondern denke, dass es sich hier um einen ekelhaften Fauxpas handelt.

    Es ist davon auszugehen, dass Anita Pilger als einheimische Organisatorin des CSD den Platz vor dem Lucky’s kennt wie jeder andere Frankfurter, deshalb mache ich den Veranstalter des CSD Frankfurt mindestens genauso dafür verantwortlich wie den Wirt – denn es gibt vor dem Lucky’s nicht wirklich viel Platz für einen “ausgedehnten Außenbereich”. Ich finde es erschreckend, wie sie sich im FR-Interview aus der Affäre zieht.

    Noch eins: Wolfgang, den letzten Satz deines Kommentares unterschreibe ich Dir prompt.

  5. @ rene:
    danke für die ortskundigen ergänzungen :-)

    ich hoffe in den frankfurter szene und bei den verantwortlichen wird diskutiert, wer diesen bockmist zu verantworten hat … denn, kommerz ist ja als wirt ein zulässiges anliegen, allein – ein solches denkmal benötigt sicher einen respektvollen umgang, und respektvoll war das sicherlich nicht

  6. @Ulli: Da stimme ich dir uneingeschränkt zu.

  7. Wenn ich vor Ort gewesen wäre, hätte ich zumindest den Besitzer des Lokals gebeten, seine Stände zu verschieben. Erst höflich und wenn es nicht fruchtet, mit lautem Protest. Und wenn das alle gemacht hätten, denen das Geschehen zu nah am Mahnmal war, wer weiß? Ich bin für mehr Aktionismus wenn es um solche Dinge geht.

  8. Manche Leute haben offenbar immer etwas zu meckern. Seit doch froh, das der Wirt das Zelt überhaupt aufbauen durfte, bzw. ein CSD erlaubt war. Ferner schicken sich Limonaden- und Zigarettenkonzerne nicht an, was mit “Homos” zu tun/in Verbindung gebracht zu werden. Bei der gewünschten Normalisierung, gehört so ein sowas nun mal dazu. Ferner: Durch das Zelt haben ein paar Leute bestimmt auch mal die Figur angeguckt, welche es sonst nicht gemacht hätten…

  9. @ mike:
    nein – über dieses zelt bin ich nicht froh.
    ich wünsche mir, dass mit den denkmalen für opfern des nationalsozialismus’, ob homosexuell oder nicht, würdig umgegangen wird, respektvoll.
    dies ist kein ort für profitmaximierung, grelle werbung oder csd-partys – sondern ein ort des gedenkens

  10. [...] Im Anschluss an die Berichterstattung der Frankfurter Rundschau haben sich ondamaris [...]

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