Bare? Oder Back? Oder wohin?

Ist safer Sex out in Berlin? Wie weiter mit der HIV-Prävention? Zwei einfache Fragen – deren eingebauter Sprengstoff auf einer Veranstaltung im SchwuZ zu hitzigen Debatten und einem Anflug von Ratlosigkeit führten, sowie zu vielen Rollen rückwärts.

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Schon bei den Begriffen ging und geht es munter durcheinander. „Über welches Bareback redest du eigentlich?“ „Ich unterscheide Bareback lite und heavy Bareback!“ usw. Was einst Ende der 90er Jahre als eine Variante des Sex‘ unter Positiven begann, als „bewusste Entscheidung informierter Positiver“ oder (wie M. Dannecker es nennt) ‚Emanzipation vom Kondom‘, hat sich längst verselbständigt, ist zu einer pseudo-positiv besetzten Worthülse geworden, die jegliche Form von unsafem Sex zu umfassen scheint.

Nicht nur unter Teilnehmern der Diskussion, sondern weit bis in Aids-Hilfen hinein ist eine Art „Roll Back“ in der Präventionspolitik zu beobachten. Eine beunruhigende Entwicklung, bei der über „selbstverschuldete Infektionen“, „Schuld“ und „Drohen“ diskutiert und wild konzipiert wird. Eine Entwicklung, die Stefan Etgeton pointiert hinterfragt mit „wem schadet die Bareback-Debatte in der Prävention eigentlich?“ – und einen differenzierten Umgang mit dem Thema wünscht.
Warum statt Plattitüden à la „wir brauchen wieder mehr Abschreckung“ nicht abwägende, an Vernunft und informiertes persönliches Risiko-Management appellierende Botschaften wie „unter diesen Umständen [wie: 2 als Paar sexuell monogam lebende schwule Männer] ist Bareback okay, und in diesen Kontexten [z.B. der Quickie mal eben nebenbei, unüberlegt ohne Kondom] hast du ein hohes Risiko für …“ ?

Bareback 02 Doch diese Art überlegender Vernunft scheint derzeit auf dem Rückzug zu sein – diesen Eindruck konnte man zumindest zeitweise während der Veranstaltung gewinnen. „Back to the 80s“, das schien einigen Teilnehmern eher vorzuschweben.
Immer wieder kamen aus dem Publikum, vereinzelt unterschwellig auch vom Podium Rufe nach „schockierenden Plakaten“ [als gäbe es nicht längst Daten, dass auch Fotos von Raucherlungen die Anzahl der Raucher oder den Umfang des Tabakkonsums nicht senken], nach „wieder mehr Angst machen“, waren verquere Rufe nach drakonischen Maßnahmen spürbar. Woher diese Sehnsucht nach Repression, nach ‚law and order‘? Ist es die Hoffnung auf ein neues Glücksversprechen risikofreier Zeiten? Oder ein kruder Weg individueller ‚Verarbeitung‘ von Schuld- und Angstgefühlen?

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“, riefen die Besonneneren in die Runde, „Horror-Szenarien bringen nichts“. Rolf de Witt betonte, wie wichtig es ist, Respekt für den anderen zu zeigen, nicht auszugrenzen, nicht zu verurteilen. „Tacheles reden ja – aber nicht wild in der Gegend rum provozieren“.
Erwachsene Menschen in ihren Entscheidungen zu akzeptieren, ihnen dafür kompetent Informationen an die Hand zu geben, das scheint – statt mehr Angst, mehr Repression – ein Gebot der Stunde.
Das aber erfordert nicht zuletzt neben guten Ideen aber auch ausreichende finanzielle Mittel. Oder anders herum: wer in den letzten Jahren die Mittel für HIV-Prävention ständig gekürzt hat, wie kann der sich nun über steigende Zahlen bei Neu-Diagnosen wundern? Für Information und Prävention wird zu wenig getan – ja! Aber eben (auch), weil immer weniger finanzielle Mittel dafür zur Verfügung stehen.
Von „mehr miteinander reden“ über „mehr Achtsamkeit füreinander“ und „neue Räume schaffen“, „verschiedenen Strategien für verschiedene Räume“ bis zu „safer Sex einfacher machen“ [wie es z.B. einige Wirte mit ihrer safety 4 free – Kampagne versuchen] – Ideen sind zahlreich im Raum, warten darauf, aufgegriffen, zu ausgereiften Konzepten weiterentwickelt und umgesetzt zu werden.

Warum dann immer wieder diese Schreie nach „Angst machen“, nach Drohkulissen, oft von auffallend impertinenten Schwestern vorgebracht?

Ich merke, wie diese Sehnsucht nach Repression mich erschreckt, schockiert, diese Sehnsucht nach drakonischen Maßnahmen [gern gemischt mit mangelhaften Wissen oder Inkompetenz (da wird schnell mal von der Aids-Hilfe gefordert, BZgA-Plakate zu ändern) und schnellem Delegieren an Andere („die Positiven müssen doch endlich einmal …“, „da muss die Aids-Hilfe aber doch dringend …“)]. Munter wird da Verantwortung zu-geschoben – den Positiven, der Aids-Hilfen, den Schwulen. Als sei man nicht selbst Teil davon. Als habe man nicht auch selbst Hirn und Hand, selbst aktiv zu werden, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Und mich frustriert, dass erneut Diskussionen geführt werden, die wir schon in den 80ern hatten. Das anscheinend viele nicht auf die Idee kommen, die Politik vergangener Jahre sei vielleicht doch ab und an überlegt gewesen, und die Zeiten heute anders. Ich bin froh, als Matthias das wunderbar auf den Punkt bringt: „das Leben mit Aids, mit HIV ist heute anders als vor 20 Jahren. Es ist schön, dass der Grund zur Angst weniger geworden ist – warum nur wollt ihr immer wieder Angst machen, Angst haben?“

Horror-Szenarien bringen nichts. Es gilt zu überlegen, wie wir heute realistisch und ohne Angst Informationen, auch über Risiken (zu denen neben HIV auch sexuell übertragbare Krankheiten, auch Hepatitis C gehören sollten) an den Mann bringen, die eigene Handlungskompetenz in verschiedensten Szenarien stärken können.
Nach vorne blicken, nicht Rollen rückwärts bringen uns weiter.

7 Gedanken zu „Bare? Oder Back? Oder wohin?“

  1. Hi Ulli,

    eine sehr interessante Diskussion, die in der Hauptstadt noch viel heftiger (extrem in beide Richtungen) diskutiert wird, als bei uns. Dabei bringst du es auf den Punkt, dass eigentlich keiner mehr Verantwortung übernehmen will – weder für sich, noch für andere (um es mit dem Motto des Welt-AIDS-Tages auszudrücken). Stattdessen wird ausgegrenzt und mit dem Finger auf die anderen gezeigt.

    Ich kenne die Rufe nach „schockierenden“ Plakaten oder Kampagnen, die im krassen Gegensatz zu den „Heile Welt“-Bildern der Pharmafirmen stehen, und will sie auch nicht unterstützen.

    Dennoch finde ich es falsch, die Toten zu verschweigen und sie aus dem Gedächtnis zu streichen, wie es manche gerne möchten, weil es ihnen ein ungutes Gefühl macht. Ich zitiere frei aus einem Forum einens bekannten Portals für Schwule: „Bei mir ist im Bekanntenkreis in den letzten zwei Jahren keiner mehr an AIDS gestorben“ oder „Ich kenne keinen Positiven persönlich und habe noch nie einen getroffen“. Damit hat sich für viele die Diskussion erledigt, und das Thema Prävention auch! Man weiss zwar, dass es auch noch weitere Krankheiten gibt, doch die kriegen nur die anderen…

    Leider sind wir fast wieder soweit wie in der 80ern – könnte man meinen….Damals gab es auch die „Null Bock-Generation“ – soweit ich mich erinnere -, eine ähnliche Haltung haben heute wieder viele…

    LG Kalle

  2. Schocken bringt in der Tat nichts. Das stumpft mit der Zeit ab. Ich denke schon das die DAH mit ihren zwar knappen (und auf jeden Fall zu geringen!)Mitteln aber vorhandenen, mehr auf die Gefahren des Bareback aufmerksam machen sollte. Das einfangen von Resistenzen die dazu führen das auch das stärkste Mittel irgendwann nicht mehr hilft und man am Ende der Fahnenstange angekommen ist, muss vielmehr in der Szene propagiert werden. Da geht es nicht um Angst machen sonder um das Aufzeigen von Grenzen.

  3. @ kalle:
    ja, eine der zentralen fragen ist sicherlich die verantwortung.
    ich habe selbst viele freunde, die in den letzten 20 jahren an den folgen von aids gestorben sind, und finde den umgang in unseren szenen mit dem komplex trauer und gedenken sehr einfältig – vielleicht gibt’s dazu gen welt-aids-tag einen text 😉
    na ja, in den achtzigern sind wir (wenn ich mich daran erinnere, wie z.B. damals gestorben wurde) goittseidank ja doch noch nicht wieder … die ’null-bock‘- oder ’null-verantwortung‘-haltung einiger (ich glaube allerdings eher weniger) ist wirklich eine schwierige, ernstzunehmende frage …
    lg ulli

  4. @ antiteilchen:
    das „auf die gefahren aufmerksam machen“, stimme ich dir zu, ist genau einer der wichtigen punkte, die ja auch diskutiert wurden: wie schaffen wir es, menschen so zu informieren, dass sie diese informationen auch erreicht, und so erreicht, dass sie sie situationsspezifisch in ihre handlungen einbauen können
    lg ulli

  5. Hi Ulli,

    ich beziehe die „Null Bock“- Haltung, auch nicht nur auf diesen Bereich, sondern als Haltung einer ganzen Generation/en oder Gesellschaft/en: Null Bock zu wählen, sich gegen zunehmde Kontrolle (Big Brother) zu wehren, Gewalt (gegenüber Schwulen, Ausländern, Kindern usw.) zu verhindern, die Klimakatastrophe abzuwenden, oder überhaupt noch eine eigene Meinung zu haben….

    Lg Kalle

  6. @ kalle:
    haste sicher recht mit, ich erlebe diese mentalität auch oft. auf der veranstaltung war ich allerdings überrascht wie viele vorschläge doch kamen, wie prävention zukünftig reagieren könnte – da war bei vielen teilnehmern erfrischend viel aktivität zu merken 🙂
    lg ulli

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